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Andreas Hampe-Grosser, Britta Haye u.a.: Systemisches Case-Management

Cover Andreas Hampe-Grosser, Britta Haye, Heiko Klewe, Matthias Müller: Systemisches Case-Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. 3., überarbeitete Auflage. 192 Seiten. ISBN 978-3-89670-617-1. 21,95 EUR.

Reihe: Systemische soziale Arbeit.
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Thema

Das Buch stellt die „fallbezogene, ressourcenorientierte Gestaltung von komplexen Hilfeprozessen in der Sozialen Arbeit, insbesondere in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe“1 ins Zentrum und fokussiert damit auf die operative Ebene des Case Managements. Unter Case Management wird verstanden „… als eine Methode der Sozialen Arbeit verstanden, die Menschen, die (wieder) in einem eigenen Haushalt leben, dabei hilft, formelle (professionelle) und informelle (privat-lebensweltliche) Hilfen zu initiieren und zu koordinieren. Im Case Management geht es darum, die Menschen dabei zu unterstützen, die eigenen Ressourcen und lebensweltlichen Netzwerke so gut wie möglich zu nutzen und Defizite, die nicht selbständig oder durch andere privat-lebensweltliche Möglichkeiten kompensiert werden können, durch differenziert und planvoll eingesetzte professionelle Hilfen zu kompensieren.“ 2 Dabei werden Fragen der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit aufgegriffen und mit dem Ansatz der Lebensweltorientierung in Verbindung gebracht.

Autoren und Autorin

Andreas Hampe-Grosser, Britta Haye, Heiko Kleve und Matthias Müller stammen alle aus der Sozialen Arbeit und bringen Erfahrung aus Familientherapie oder systemischer Beratung mit. Alle sind als Hochschullehrer/in tätig. Sie sind seit mehreren Jahren mit einander im Gespräch über Möglichkeiten, wie Soziale Arbeit die sich wandelnden Anforderungen methodisch bewältigen kann. Das Ergebnis dieser gemeinsamen Auseinandersetzung ist das vorliegende Buch.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die dritte und überarbeitete Auflage, was Ausdruck anhaltenden Interesses ist.

Aufbau

Das Buch umfasst verschiedene Beiträge der AutorInnen zur Thematik des systemischen Case Managements mit Multiproblemfamilien. Die ersten drei sind von Heiko Kleve verfasst:

  • Soziale Arbeit in der Postmoderen
  • Methodische Grundlagen Sozialer Arbeit
  • Case Management – Eine methodische Perspektive zwischen Lebensweltorientierung und Ökonomisierung Sozialer Arbeit

Der nächste Beitrag stammt von Matthias Müller

  • Verfahren (Techniken) und Struktur im Case-Management-Prozess. Theorie – Praxis – Handreichungen

Dann folgt von Britta Haye und Heiko Kleve

  • Systemische Schritte helfender Kommunikation. Sechs-Phasen-Modell für die Falleinschätzung und Hilfeplanung

Zuletzt fokussiert Andreas Hampe Grosser in einem theoretischen und in einem praktischen Teil die Anwendung von Case Management im Zwangskontext unter dem Titel

  • Systemisches Case Management mit Multiproblemfamilien

Inhalt

Die AutorInnen haben im Handlungsansatz des Case Managements eine mögliche Antwort auf die ökonomischen Anforderungen an die Sozialarbeit, auf die veränderten Lebenswelten und auf gesellschaftliche Veränderungen gefunden, ohne einen Abbau sozialarbeiterischen Standards hinnehmen zu müssen. Dazu soll Case Management mit systemischem Denken und Handeln durchdrungen werden. Folgende postmoderne Prämissen sind dabei leitend:

  • Das Primat von Kommunikation, Diskurs und Verhandlung,
  • das Akzeptieren von Differenz zwischen möglichen subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen von SozialarbeiterInnen einerseits und KlientInnen andererseits,
  • die Reflexion der Grenzen sozialarbeiterischen Handelns, insbesondere der Unmöglichkeit instruktiver Interaktion, d. h. des direktiven Vorgehens,
  • die Notwendigkeit reflexiven Vorgehens.

1. In der Einleitung mit dem Titel „Soziale Arbeit in der Postmoderne“ skizziert Heiko Kleve den Ausgangspunkt für dieses Buch. Dabei geht es um Modernisierungsprozesse, die Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaates, Effektivität und Effizienz sozialer Dienstleistungen, die Veränderung der Lebenswelten, etc. Folgende Thesen werden vertreten:

  • Das Soziale muss von den Sozialtätigen alltäglich neu hergestellt werden.
  • Der Klientenbezug soll radikal zentraler Bezugspunkt bleiben.
  • In konkreten Hilfeprozessen wissen die Klienten Sozialer Arbeit selbst (und nicht die Helfer) am ehesten, was für sie gut ist.
  • Mittels einer systemisch-konstruktivistischen Orientierung und des Verfahrens des Case Managements können Lebensweltorientierung und Ökonomisierung integriert werden.

2. Heiko Kleve bietet im nächsten Beitrag einen Überblick über methodische Grundlagen der Sozialen Arbeit. Er verortet Case Management auf diesem Hintergrund und vergleicht Case Management mit den klassischen Arbeitsform Sozialer Arbeit: Soziale Einzelhilfe mit ihren methodischen Grundlagen aus der Psychoanalyse/Tiefenpsychologie, der humanistischen Psychotherapie, der systemische Familien-/Kommunikationstherapie, der Sozialen Gruppenarbeit und der Gemeinwesenarbeit. Hier werden die wichtigsten Grundannahmen der Ansätze respektive Arbeitsformen zusammengefasst charakterisiert. Case Management wird in diesen historischen Kontext gestellt.

3. In einem weiteren Beitrag desselben Autors wird die These vertreten, dass Case Management den Spannungsbogen von Ökonomisierung und Lebensweltorientierung integrierend auffängt, d. h. dass Lebensweltorientierung und Ökonomisierung nicht als unversöhnliche Gegensätze zu betrachten sind. Begründet wird die These mit den Grundsätzen des Case Managements, nämlich

  • dem Primat der allokativen Effizienz, im Sinne von möglichst wirksamem Einsatz von Mitteln und gleichzeitig möglichst bescheidenem Eingreifen,
  • der Entwicklung von Synergien durch die hilfreiche Verknüpfung von Ressourcen aus verschiedenen Netzwerken,
  • der Förderung von Selbsthilfekräften und -fähigkeiten der Zielorientierung, die die Effektivität und Effizienz steigern.

Zudem wird aufgezeigt, wie sich diese Grundsätze mit der Methode des Case Managements umsetzen lassen. Die einzelnen Phasen des Case Managements (Falleinschätzung – Hilfeplanung – Durchführung der Hilfe – Begleitung du Überprüfung der Hilfen – Klientenfürsprache – Beendigung und Evaluation der Ergebnisse/Dokumentation) werden beschrieben. Hier finden sich auch ganz konkrete Leitfragen, die die Case Manager durch diese Phasen führen.

4. Der Beitrag von Matthisas Müller zu Verfahren (Techniken) und Struktur im Case Management-Prozess beginnt mit einem historischen Teil, der sich auch auf die Entwicklung von Case Management in den USA bezieht. Case Management wird in seinen Kernpunkten definiert. Auf die Beschreibung des methodischen Vorgehens folgt die Darstellung verschiedener Arbeitsinstrumente, die helfen, die einzelnen Phasen so zu gestalten, dass die praktische Arbeit den bisher im Buch beschriebenen Ansprüchen gerecht werden kann. Die beschriebenen Instrumente dienen der Strukturierung des Denkens, des Handelns und der Dokumentation. Es handelt sich um Instrumente zur Erfassung der Situation, des Umfeldes der Klienten/Klientinnen, der Ziel- und Handlungsplanung sowie der Organisation der Zusammenarbeit mit verschiedenen Diensten.

5. Unter dem Titel „Systemische Kontextklärung“ konkretisiert Heiko Kleve eine Vorgehensweise für die Phase der Falleinschätzung. Anhand von acht Schritten werden mittels zirkulärer Fragen Informationen zu folgenden Kontextbedingungen generiert: Institutioneller Kontext, Überweisungs-Kontext, Hilfesystem-Kontext, historischer Kontext, zeitlicher Kontext, Anspruchs-Kontext (Erwartungen), Ziel-Kontext und SozialarbeitIn-Kontext. Er vertritt die These, dass sich die Zeit, die für die Kontextklärung eingesetzt wird, im weiteren Verlauf der Unterstützung mehrfach lohnt. Er begründet, weshalb eine systemische Kontextklärung im Case Management noch wichtiger ist als in der systemischen Therapie.

6. Im Beitrag „Systemische Schritte helfender Kommunikation“ erweitern Britta Haye und Heiko Kleve den klassischen Dreischritt (Anamnese, Diagnose, Behandlung) zu einem 6-Schritte Rhythmus (Falleinschätzung mit den ersten drei Schritten: Kontextualisierung, Beschreibung der Probleme und Analyse der Ressourcen, Bildung von Hypothesen – Hilfeplanung mit den nächsten drei Schritten: Zielfindung und Auftragsklärung, Handlung/Intervention, Evaluation). Die einzelnen Schritte werden in einer Art und Weise beschrieben, die Anhaltspunkte für die praktische Arbeit vermitteln. Besondere Bedeutung wird dem Schritt der Bildung von Hypothesen beigemessen.

7. Im letzten Beitrag stellt Andreas Hampe-Grosser dar, wie systemisches Case Management im Allgemeinen sozialpädagogischen Dienst realisiert werden kann. Er berücksichtigt hier insbesondere den Zwangskontext und die damit verbundenen Triangulationen (Mehrfachmandate). Zudem fasst er wichtige Erkenntnisse für die Arbeit mit vulnerablen Familien zusammen, womit beispielhaft deutlich wird, dass es für ein qualitativ hochstehendes Case Management nicht allein entsprechende Methodenkompetenz sondern ebenso arbeitsfeldspezifische Fachkompetenz braucht. Auch in diesem Beitrag wird anhand von Klientsituationen Einblick in die Anwendung von Arbeitsinstrumenten geboten.

Diskussion

Das Buch ist sehr gut durchdrungen von systemischem Denken und Anleitungen für entsprechendes Handeln. Somit wird es seinem Anspruch gerecht. Es bietet einen Schatz an Bezügen zu systemischer Intervention. Wer schon über solche Grundlagenkenntnisse verfügt, wird sie bei der Lektüre gut reaktivieren können. Wer erst durch dieses Buch zu einer systemischen Betrachtung- und Interventionsweise kommen will, erhält dank der klaren Darstellung zentraler Elemente systemisch orientierter Arbeit eine erste Orientierung. Um allerdings tatsächlich zu einer solchen Praxis gelangen zu können, braucht es eine vertiefte Auseinandersetzung, wie sie allein mit der Lektüre dieses Buches nicht erreicht werden kann.

Der Titel „Systemisches Case Management“ setzt den Anspruch, die systematischen Aspekte des Case Managements, beispielsweise die Systematik des Regelkreises, mit systemischem Denken und Handeln zu verbinden. Dies stellt eine besondere Herausforderung dar, denn die systematischen Aspekte des Case Managements werden in der Praxis häufig als direkte Handlungsanweisungen (miss)verstanden, wie wenn es allein darum gehen würde, die einzelnen Phasen des Case Managements eine um die andere abzuwickeln. Aber Handeln in komplexen Situationen, für die sich Case Management ja besonders anbietet, entzieht sich oft einem linearen Vorgehen. Das Buch trägt der Zirkularität Rechnung, indem Phasen zirkulär und nicht linear verstanden werden.

Systemisches Case Management verabschiedet sich vom Mythos der Machbarkeit. Es unterstützt reflektiertes, auf den Kontext bezogenes Denken und Handeln, das den Case Managern systematisches Arbeiten nach den Phasen und Standards des Case Management-Prozesses ebenso abverlangt wie kürzere Schlaufen von Beobachten, Erfassen der jeweiligen einzigartigen Situation in ihrem Kontext, Bilden von Hypothesen, geplantem Handeln und Beobachten der Effekte. Das kann etwas verwirren wirken, wenn beispielsweise die beiden Phasen der Falleinschätzung und der Hilfeplanung mit Schritten wie „Intervention“ und „Evaluation“ weiter ausdifferenziert werden. Es taucht dann die Frage auf, ob es sich nun um die Evaluation dieser beiden Phasen handelt oder um die Evaluation des gesamten Handlungsprozesses. Doch damit wird gerade deutlich, dass mit Evaluation nicht erst am Schluss des Handlungsprozesses begonnen werden kann.

Die im Buch ausgeführte Abkehr von der Idee der direkt eingreifenden Intervention hin zu einem Handeln, das Blockaden löst, Veränderung im Kontext ermöglicht und mit nur beschränkten Vorhersehbarkeit und Beeinflussbarkeit der Eigendynamik rechnet, verlangt da und dort ein Umdenken und ein Erweitern der Kompetenzen von Case ManagerInnen. Nicht allein Fachkompetenz und Fähigkeit zum zielorientierten Steuern des Case Management Prozesses sind gefragt, sondern die Fähigkeit, mit einer systemischen Betrachtungs- und Handlungsweise an die Situationen heran zu gehen und trotz Standardablauf die Kommunikation und das Vorgehen jedes Mal als etwas Einzigartiges situationsgerecht zu gestalten.

Als Leserin finde ich allerdings zu den in der Praxis häufig beobachtbaren Simplifizierungen und Hürden bei der Umsetzung dieses Ansatzes wenig Kommentare und Hilfestellungen. Es fehlt ja meist nicht allein an der Haltung und an den methodischen Kompetenzen der Case ManagerInnen, sondern ebenso sehr auch an der konzeptuellen, institutionellen und interinstitutionellen Verankerung eines Case Managements, das den Ansprüchen dieses Buches gerecht werden kann. Nicht nur die Idee der „Machbarkeit“ im Einzelfall ist zu kritisieren, sondern es stellen sich auch Fragen der „Machbarkeit“ der postulierten Ansprüche; denn diese setzen Rahmenbedingungen voraus, die mancherorts erst noch zu schaffen sind.

Fazit

Das Buch ist ausgesprochen lesenswert und vermittelt ein Bild des Case Managements, das hohen Ansprüchen gerecht wird und sich vom Bild eines technokratisch zu verstehenden Verfahrens verabschiedet. Es verknüpft Relevantes und Hilfreiches aus der Welt systemischen Denkens und Handelns sowie aus dem Lebenswelt-Ansatz mit dem Handlungsansatz des Case Managements. Damit trägt es zur methodischen Weiterentwicklung von Case Management bei.

1 Andreas Hampe-Grosser, Britta Haye, Heiko Klewe, Matthias Müller. 2011. Systemisches Case Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit. Heidelberg, Carl-Auer Verlag GmbH

2 a.a.O., S. 46


Rezension von
Prof. Yvonne Hofstetter Rogger
Dozentin BFH Mediatorin SDM Mitherausgeberin und Redaktionskoordinatorin "Perspektive Mediation"
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Zitiervorschlag
Yvonne Hofstetter Rogger. Rezension vom 01.11.2011 zu: Andreas Hampe-Grosser, Britta Haye, Heiko Klewe, Matthias Müller: Systemisches Case-Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-89670-617-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11301.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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