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Anja Bargfrede: Patienten auf der Suche

Cover Anja Bargfrede: Patienten auf der Suche. Orientierungsarbeit im Gesundheitswesen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 266 Seiten. ISBN 978-3-531-17795-3. 39,95 EUR.
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Autorin

Frau Dr. Anja Bargfrede ist Gesundheitswissenschaftlerin. Die vorliegende Arbeit ist ihre Dissertation an der Universität Bremen bei Prof. Dr. Rainer Müller am Zentrum für Sozialpolitik.

Thema

Chronisch Erkrankte sind darauf angewiesen in einem Prozess der Auseinandersetzung mit der Krankheit und der Suche nach Unterstützung im gesundheitlichen Versorgungssystem Orientierungsarbeit zu leisten. Je nach Vorhandensein und Ausprägung verschiedener Einflussfaktoren dimensionalisiert sich die Orientierungsarbeit zwischen den Polen einer gelungenen Orientierung im Versorgungssystem und der Ausprägung einer Versorgungskarriere. Den methodologischen Rahmen für die von der Autorin entwickelte Theorie bildet die Grounded Theory.

Entstehungshintergrund

Die zentrale Forschungsmotivation für Frau Bargfrede war zu ergründen, wieso Patienten in Deutschland bei Gesundheitsstörungen wenig Steuerung vorfinden. Anstatt das die Patienten im Gesundheitssystem dorthin geleitet werden, wo Ihr Problem behoben werden kann, erleben sie sich als „Suchende“. Dies gilt umso mehr für chronisch erkrankte und für Menschen mit umweltbezogene Gesundheitsstörungen, da es für diese Patientengruppe kein etabliertes und allgemein anerkanntes Versorgungssystem gäbe.

Aufbau und Inhalte

Insgesamt wird das Buch in 6 Kapitel mit einer unterschiedlichen Anzahl von Unterkapiteln untergliedert.

In Kapitel 1 werden die Fragestellung und der Aufbau des Buches dargestellt. Ihre zentrale Fragestellung ist „Welche Einflussfaktoren führen bei Patienten mit umweltbezogenen Gesundheitsstörungen zur Ausprägung einer Versorgungskarriere?“.

Kapitel 2 nähert die Autorin sich dem Thema theoretisch, sie zeigt den theoretischen Rahmen auf in dem sie sich bewegt. Die Strukturen des bundesdeutschen Gesundheitssystems und was im Gesundheitssystem eine gute Qualität sein muss werden kurz darstellt. Darauf Bezug nehmend untersucht sie die Einflussfaktoren auf die Entstehung von Versorgungkarrieren. Sie nimmt als Beispiel einer fehlerhaften Gesundheitsversorgung diese von Menschen mit umweltbezogenen Gesundheitsstörungen. Hierzu stellt sie fest, dass es keine anerkannte Definition von umweltbezogenen Erkrankungen gibt, allerdings eine Kategorisierung (S. 58f). Auf dieser aufbauend entwickelt Bargfrede eine eigene Definition, nach der umweltbezogene Gesundheitsstörungen vorliegen, wenn gesundheitliche Beschwerden vom Betroffenen selbst oder von einem professionelle Akteur mit Umweltfaktoren in Verbindung gebracht werden. Da die Störungen meist unspezifisch und multifaktoriell sind, haben diese Patienten ein erhöhtes Risiko eine Patientenkarriere auszubilden (S. 61).

Das Kapitel 3 widmet sich der zugrunde liegenden Methodologie und Methodik. Auf Grundlage der Grounded Theory nach Strauss und Corbin entwickelt Bargfrede ein Forschungsdesign um ihre Forschungsfrage zu beantworten. Sie arbeitet hier mittels 17 qualitativen Interviews, wovon 7 narrative-biographische Interviews mit Patienten, während 10 problemzentrierte Interviews mit Versorgungseinrichtungen, Versicherungsträgern und Hotlines geführt wurden. Diese inkl. der dazugehörenden Methodik wird in dem Kapitel umfänglich dargestellt.

Kapitel 4 widmet sich dem umweltmedizinischen Versorgungsprozess, indem die Ergebnisse dargestellt und interpretiert werden. Die Krankheitsbiographien und was es mit den Patienten macht, hunderte Arztkontakte zu haben, ohne das jemand ihnen helfen kann, wird ausführlich im Unterkapitel 4.2 beschrieben. Nachdem die unterschiedlichen Patienten klassifiziert wurden (Abwehr, Passiv, Opfer, somatisieren, aktiv sein, etc.) zeigt sie anhand der Interviewinhalte auf, woran die Patienten im Gesundheitssystem gescheitert sind. Sie werden als zumindest in der Anfangszeit Ihrer Erkrankungen als aktiv suchende Patienten beschrieben, doch die meisten wurden durch Schwierigkeiten ausgebremst (S. 139). Aus den Interviews geht hervor, dass die Patienten am meisten darunter leiden, dass ihre Erkrankung namenlos ist und sie nicht ernst genommen werden (S. 141). Somit stellt sich heraus, dass ein zentraler Aspekt aller Interviews der psychische Anteil aller Erkrankungen ist (S. 148ff). Gerade bei unklarer Symptomatik und namenloser Erkrankungen unklarer Genese werden die Patienten von anderen Menschen als hypochondrisch und übermäßig leidend dargestellt und sie selbst lehnen auch eine neurologisch-psychiatrische Diagnose ab. Hier ist eine hohe Abwehr feststellbar.
Die Leistungsanbieter und Versicherungen sehen im Gegensatz zu den Patienten die Umweltbelastungen sinken und damit auch die Bedarfe – wobei die Leistungsanbieter und Versicherungen nicht wissen, ob es weniger Bedarfe durch sinkende Umweltbelastungen gibt oder ob sich das Problembewusstsein der Menschen durch steigende soziale Unsicherheiten verschiebt (S. 160ff). Trotz der sinkenden Bedarfe gibt es ihrer Meinung nach aber trotzdem Versorgungsprobleme in Form von Unter- oder Fehlversorgung (S. 168) und sie fordern eine verstärkte Kooperation (S. 171), eine Aufgabe des isolierten und fragmentierten therapeutischen Handels (S. 197), eine disziplinäre Verankerung der Umweltmedizin in ärztliches Handeln und eine gesellschaftliche Wahrnehmung. Die Interviewpartner aus den Versicherungen verweisen darüber hinaus noch explizit auf vernetztes Arbeiten in Form von integrierter Versorgung und Disease Management Programmen (S. 205f). Auf Grundlage der Interviews entwickelt Bargfrede die These, dass für die Betroffenen eine niederschwellige und partizipativen Anlaufstelle errichtet werden muss, wo eine professionell tätige Person als Lotse fungiert, die die betroffenen Patienten an die jeweils richtigen Punkte im Gesundheitssystem verweist (S. 222f).

In Kapitel 5 werden die Ergebnisse zusammengefasst und inhaltlich diskutiert. So stellt sich für Bargfrede die Frage, ob alle als umweltbezogen erkrankt diagnostizierte Personen dies wirklich sind. So konnte sie feststellen, dass ein zentrales Problem für die betroffenen Menschen die Unklarheit der Symptome sei. (S 228) Die Bezugnahme auf eine Umweltbezogene Ursache entsteht somit häufig aus einen ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis und wenig Vertrauen in sich und die Institutionen (ebd.). Auch wenn ihr Leiden keinen Namen hat, so gibt der Bezug auf eine Umweltbezogene Schädigung und die Suche nach der Ursprung ihnen Halt. Als Problem wird festgestellt, dass es wenige valide Daten zu umweltbezogenen Erkrankungen gibt, da es keine eigene Abrechnungsnummern im ärztlichen KV System gibt und somit die Erkrankungen im Gesamtfeld verschwinden (S. 232). Ein weiteres Problem wird im Selbstverständnis der Mediziner gesehen: diese wollen meist eine klar definierbare Erkrankung vorfinden, die sich therapieren lässt. Bei allen unspezifischen Erkrankungen, wo auch keine eindeutige Diagnose feststellbar ist, entsteht so ein Erklärungsproblem. Auch die Patienten versuchen – da sie subjektiv leiden – eine Diagnose zu bekommen, damit sie ihr Leiden auch von den Mitmenschen anerkannt bekommen. Dies könnte nach Bargfrede zumindest teilweise mittels einer Anerkennung umweltbezogener Erkrankungen im Abrechnungssystem der niedergelassenen Ärzte und Krankenhäuser und eine damit verbundene Diagnose behoben werden. Darüber hinaus müsste die Bedeutung der psychosozialen Aspekte in der Versorgung gesteigert werden (S. 236). Besonders wichtig sind nach Bargfrede die Erhöhung der Übersichtlichkeit der Angebote und eine Orientierung im Gesundheitssystem (S. 242). Dies könnte das Entstehen von sogenannten Versorgungskarrieren verringern.

Im Kapitel 6 nimmt Bargfrede einen Ausblick vor, indem sie meint, das mittels einer vernetzten Arbeit in integrierten Versorgungssystemen oder in Medizinischen Versorgungszentren Fehler in der Transparenz und der Kommunikation verringert werden könnten. Doch muss sie auch feststellen, dass aktuell eher eine Reduktion von professioneller Umweltmedizin geschieht. Auch ist eine finanzielle Darstellung und Vergütung nicht in Sicht, so dass sich immer mehr professionelle Akteure zurückziehen. Somit rückt ein systemischer Ansatz der Betreuung in weiter Ferne.

Im Anschluss folgt das Literaturverzeichnis.

Diskussion

Die Autorin behandelt systematisch und fundiert eine Leerstelle in der Versorgungsforschung. Bislang gibt es wenige Studien zu umweltbezogenen Erkrankungen und wie sich die Patienten im Gesundheitssystem zu Recht finden (oder nicht). Auch ist festzustellen, dass bislang wenig Material vorliegt, in dem die Berichte der „Leidenden“ mit denen der professionellen „Helfer“ verknüpft werden. Somit stellt dieses Buch eine erste Erhebung hier zu diesem Themenbereich dar. Sie stellt das Leiden der Patienten deutlich dar, wobei sie nicht verschweigt, dass gerade bei multifaktoriellen Ursachen von Erkrankungen oder Erkrankungen unklarer Genese der psychosoziale Anteil bedeutend ist. Nach Bargfrede ist das deutsche Gesundheitssystem zu wenig auf chronische Erkrankungen (wozu umweltbezogene Erkrankungen zu zählen sind) ausgerichtet und die hier Erkrankten häufig allein gelassen. Sie müssen sich selbst auf die Suche machen; steuernde Angebote gibt es wenig. Somit legt sie einen Finger in die Schwachstelle unseres Gesundheitssystems, welches zu stark fragmentiert und zu wenig systemisch arbeitet. Es ist zu wünschen, dass in der Versorgungsforschung die Datenlage zu chronischen und umweltbezogenen Erkrankungen sich verbessert und sich daraufhin der politische Wille verändert die Versorgungssituation zu verbessern.

Fazit

Das Buch ist trotz der sehr speziellen Thematik gut lesbar und flüssig geschrieben. Durch die Übertragbarkeit auf alle chronischen Erkrankungen ist es für alle empfehlenswert, welche sich mit chronischen Erkrankungen und mit Versorgungsproblemen im deutschen Gesundheitssystem beschäftigen.


Rezension von
Dr. p.h. Arnold Rekittke
Arbeitet im Bereich Gesundheit und Soziales bei ver.di. Forschungsschwerpunkt: Integrierte Versorgung und neue Versorgungsformen.
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Zitiervorschlag
Arnold Rekittke. Rezension vom 25.03.2011 zu: Anja Bargfrede: Patienten auf der Suche. Orientierungsarbeit im Gesundheitswesen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17795-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11303.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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