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Arbeitskreis ‚Jugendhilfe im Wandel‘ (Hrsg.): Jugendhilfeforschung

Cover Arbeitskreis ‚Jugendhilfe im Wandel‘ (Hrsg.): Jugendhilfeforschung. Kontroversen. Transformationen ; Adressierungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 341 Seiten. ISBN 978-3-531-17114-2. 39,95 EUR.
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Thema

Die Jugendhilfeforschung deckt einen sehr großen Einsatzbereich der Sozialen Arbeit ab, zu ihr gibt es zahlreiche Publikationen. Ein einschlägiges Promotionskolleg an den Universitäten Bielefeld und Dortmund eröffnete die Möglichkeit, sich dem Thema aus vielfältigen Perspektiven grundlegend zu nähern.

Entstehungshintergrund

Von 1999 bis 2008 wurde das Promotionskolleg „Jugendhilfe im Wandel“, eine Kooperation der Universitäten Bielfeld und Dortmund, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Forschungsarbeiten zum Thema. Der Band dokumentiert die Arbeit dieses Kollegs. Das Kolleg war das erste mit einer explizit sozialpädagogischen Themenstellung. Prof. Dr. Hans-Uwe Otto und Prof. Dr. Thomas Rauschenbach waren die Sprecher in der ersten Phase, dann übernahm Prof.in Dr.in Gaby Flösser anstelle von Rauschenbach die Sprecherinnenfunktion an der Universität Dortmund.

Aufbau

Der Band enthält in den drei Abschnitten „Rahmungen“, „Erbringungskontexte“ und „Erbringungsberhältnisse“ insgesamt 21 Forschungsberichte.

1. Rahmungen

Im Abschnitt „Rahmungen“ geht es einleitend bei Georg Cleppien & Fabian Kessl um die Frage der Orientierung durch Wissenschaft. Heiko Kleves bekanntes Diktum von der (bei ihm positiv konnotierten) „Eigenschaftslosigkeit“ der Sozialen Arbeit wird mit der literarischen Vorlage, Robert Musils Roman „Mann ohne Eigenschaften“ konfrontiert. Dabei verliert die Metapher ein wenig an Glanz. In der Folge diskutieren die Autoren kurz normativ-ethische Orientierungsangebote für die Soziale Arbeit. Nicht überraschend steht dabei der Capability Approach im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber auch ähnlich gelagerte Versuche der Anbindung der Sozialen Arbeit an zentrale universelle Normen/Werte wie z.B. die Menschenrechte (Staub-Bernasconi) oder Gerechtigkeit (Mark Schrödter). Schließlich werden auch dekonstruktivistische Ansätze einer Kritik unterzogen. In Summe plädiert der Beitrag dafür, der „vordergründigen Attraktivität gegenwärtiger Versprechen von Handlungssicherheit zu widerstehen, wie sie den Konzepten wirkungs- und sozialraumorientierter Steuerungsprogramme und sogenannter konfrontativer Pädagogiken unterliegen“.

Auf Basis statistischer Daten versuchen Sandra Fendrich, Jens Lange und Jens Pothmann den Stand der Entwicklung der Jugendhilfe einzuschätzen.

Andreas Polutta betont in seinem Beitrag, dass empirisch nicht Standardisierung von Diagnostik und Entscheidungen zu Hilfezielen und Maßnahmen als Wirkfaktoren identifiziert werden können. Vielmehr seien es Arbeitsbündnis, Vertrauen und Beteiligungsmöglichkeiten, die einen erkennbaren Beitrag zur Wirksamkeit leisten.

Kim-Patrick Sabla beschäftigt sich mit Erziehungszielen und Erziehungsmitteln von Vätern und konstatiert, dass die Jugendhilfe sich mit dem für Väter wichtigen Thema der Strafe wenig beschäftigt und abgesehen von der Ablehnung körperlicher Züchtigung keine Alternativen anbietet.

Melanie Oechler untersucht die Rede von Dienstleistungs- und AdressatInnenorientierung im Kontext der Qualitätsdiskussion und konfrontiert den rhetorisch erhobenen Anspruch mit der empirisch erfassbaren Wirklichkeit der nur in Ausnahmefällen praktizierten „partnerschaftlichen Aushandlung bzw.tatsächlichen Beteiligung“ der Kinder und Jugendlichen in der Hilfeplanung.

2. Erbringungskontexte

Unbestritten ist, dass sozialpädagogisches Handeln immer in institutionelle und organisatorische Kontexte eingebettet, von ihnen wesentlich bestimmt ist. Nicole Rosenbauer weist darauf hin, dass eine organisationsanalytische Perspektive in der Jugendhilfeforschung trotzdem selten zu finden ist. Sie fokussiert in ihrer Forschungsarbeit darauf, wie in Organisationen „gemeinsam geteilte Fachlichkeit“ hergestellt wird.

In einem englischsprachigen Beitrag beschäftigt sich Yafang Wang mit dem informellem Lernen jugendlicher MigrantInnen in Online-Netzwerken.

Jörg Fischer verweist in seiner Untersuchung von politischer Steuerung und Jugendhilfe auf das Beharrungsvermögen innerhalb der Strukturen der Jugendhilfe, das auch massive Veränderungen in den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen abfedert. Es gibt mehr Kontinuität, als die Rede von „Fordern und Fördern“ und das Versprechen von „Aktivierung“ vermuten ließen.

Die Wirklichkeit von Jugendverbänden als „Werkstätten der Demokratie“ interessiert Wibke Riekmann. Sie thematisiert den Zusammenhang von Bildung und und Politik und stellt fest, dass Verbandsprinzipien in den Hintergrund treten und durch Prozesse der Familialisierung, der Zurückdrängung des Ehrenamts und durch Zentralisierung überlagert werden.

Entscheidungen im Sozialraumteam sind der Untersuchungsgegenstand für Diana Düring. Die Idee der Multiperspektivität sieht sie hier abgebildet. Im Hintergrund wirken jedoch organisatorisch-institutionell begründete Sprecherpositionen, und die Kooperation der Profis kann tendenziell die Mitwirkungsmöglichkeiten der AdressatInnen beschneiden.

Letztlich ein Plädoyer für „Auslandspädagogik“ liefert Matthias D. Witte. Unter Verwendung des Begriffsinventars von Alfred Schütz, Peter Berger und Thomas Luckmann erläutert er die Wirkung von Intensivpädagogik im Ausland und wendet sich dagegen, die Nutzung des Auslands als Lernort auf Erasmus-StudentInnen zu beschränken.

Einer der längeren, aber auch einer der gehaltvolleren Beiträge des Bandes beschäftigt sich mit der Aneignung von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Sozialen Arbeit. Nadia Kutscher, Thomas Ley und Udo Seelmeyer entwickeln eine Matrix der IKT-Nutzung als theoretisches Modell und setzen sich dafür mit dem Technik-Begriff auseinander. Sie formulieren ein Forschungsprogramm, das die Verbreitung von IKT empirisch und theoretisch zu fassen im Stande ist.

Der Präventiuonsbegriff ist schillernd, und seine Affinität zu vorwiegend kontrollierenden und moralisierendenden Konzeptualisierungen Sozialer Arbeit wird von Katja Wohlgemuth herausgestellt. Die sozialpolitische Indienstnahme des Begriffs führe zu einer Fremdbestimmung der Profession. Die Argumentation ist prägnant und reizt zu einem differenzierteren Diskurs.

3. Erbringungsverhältnisse

Ironie als Ermächtigungstaktik der NutzerInnen von sozialpädagogischer Familienhilfe interessiert Nadine Günnewig in ihrer interaktionistischen Untersuchung. Ironie ermöglicht den NutzerInnen ein zeitweiliges Gefühl von Überlegenheit.

Ohne Kategorisierungen ist die Handlungsfähigkeit von Professionellen nicht denkbar. Nina Thieme konstatiert in ihrem theoretisch anspruchsvollen Beitrag einen Unterschied zwischen einem nicht-reflexiven und einem professionell angemesseneren reflexiven Modus des adressatenbezogenen Kategorisierens.

Ethnographische Forschungsstrategien ermöglichen, die tatsächliche Handlungspraxis in den Blick zu nehmen. Peter Cloos untersucht anhand einer Jugendwerkstatt und eines Kindertreffs, wie AdressatInnenrollen gemeinsam konstruiert werden.

Mit Emphase wird mitunter die (unterstellt positive) Bedeutung sozialer Netzwerke betont. Sylwia Koziel untersucht die AdressatInnensicht am Beispiel von Familienbildung unter der Bedingung medial inszenierter Krisenszenarien und gewinnt ein differenzierteres Bild. Familiennetzwerke sind nicht nur unterstützend, die Angebote professioneller Hilfe können auch autonomiefördernd sein und funktionale Abgrenzungsstrategien unterstützen.

Veronika Magyar-Haas widmet sich in ihrem Beitrag der Scham. Sie untersucht exemplarisch eine schamgenerierende Situation in einem sozialpädagogischen Setting. Durch die zurechtweisende Konstruktion eines „wir“ durch die (professionelle) Sprecherin wird einer Jugendlichen die Möglichkeit genommen, ihre Würde in der Situation zu bewahren. Magyar-Haas verweist in ihrem Fazit auf Takt als Gegenpol. Die Minimierung von „beschämungsträchtigen Strukturen“ sei ein wesentliches Qualitätsmerkmal helfender Beziehungen.

Am Beispiel von Jugendwohnungslosigkeit expliziert Frank Mücher den Wandel staatlicher Politik von Integration zu „Sicherheit“, wobei unter den bedingungen des „aktivierenden Sozialstaats“ jene nicht mehr in den Genuss von Hilfe kommen, die sich ihrer als „nicht würdig“ erweisen. Die Soziale Arbeit wandle sich zu Exklusionsmanagement.

Mit einem ethnomethodologischen Ansatz untersucht Martina Richter Gespräche in der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Neben dem „Troubles-Telling“ spielt dabei offensichtlich „Small Talk“ eine wichtige Rolle. Richter reflektiert dieses Changieren der Gespräche zwischen scheinbar belanglosen und veränderungszentrierten Gesprächsformen und fordert ein stärkeres Augenmerk auf gesprächsanalytische Forschung in der Sozialen Arbeit.

In der Lernumwelt Kindergärten findet Anke König wenige Elemente einer interaktionistisch-konstruktivistischen Interaktion. Sie analysierte mit Video aufgezeichnete Interaktionen von Erzieherinnen mit Kindern.

Diskussion

Der Band präsentiert die Forschungsarbeiten, die in dem nahezu 10 Jahre laufenden Promotionskolleg zur Jugendhilfeforschung entstanden. Naturgemäß sind Qualität und Erkenntnisgewinn der meist recht knappen Beiträge recht unterschiedlich. Auf anregende Perspektiven folgen immer wieder Artikel, die Bekanntem und bekannten Positionen wenig Neues hinzufügen. Dass die Beiträge notwendigerweise sehr kompakt sind, mag bei manchen genügen, bei anderen hätte ich mir gewünscht, dass die AutorInnen ihre Argumentationen bzw. die Ergebnisse der Empirie auf mehr Platz entfalten hätten können.

Der Titel des Bandes führt insofern in die Irre, als das Buch keines über Jugendhilfeforschung ist, sondern eines, das Ergebnisse von Jugendhilfeforschungsprojekten aneinanderreiht. Eine Verortung des Kollegs in der Landschaft der Jugendhilfeforschung sucht man vergeblich.

Ich konnte einigen Beiträgen wertvolle Anregungen entnehmen, und ich nehme doch an, dass das auch anderen LeserInnen gelingen wird. Der (methodisch variantenreiche) Empirie-Fokus und die Vielfalt der Ansätze lassen dies wahrscheinlich erscheinen.

Fazit

Wer sich mit Jugendhilfeforschung oder mit theoretischen Zugängen zur Jugendhilfe beschäftigt, wird hier Anregungen finden. Die Vielfalt der Zugänge der AutorInnen verweist vor allem auf eines: auf die Vielfalt der möglichen Perspektiven und darauf, dass es sich um ein faszinierend komplexes Handlungs- und Forschungsfeld handelt. Wie es sich für große Forschungsanstrengungen gehört, ist am Ende die Menge des bekannten/erahnten Nichtwissens größer geworden.


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 12.03.2012 zu: Arbeitskreis ‚Jugendhilfe im Wandel‘ (Hrsg.): Jugendhilfeforschung. Kontroversen. Transformationen ; Adressierungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17114-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11307.php, Datum des Zugriffs 17.01.2021.


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