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Ellen Kuhlmann, Sigrid Betzelt (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse im Dienstleistungssektor [...]

Rezensiert von Ute Wellner, 24.02.2004

Cover Ellen Kuhlmann, Sigrid Betzelt (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse im Dienstleistungssektor [...] ISBN 978-3-8329-0219-3

Ellen Kuhlmann, Sigrid Betzelt (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse im Dienstleistungssektor : Dynamiken, Differenzierungen und neue Horizonte. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. 219 Seiten. ISBN 978-3-8329-0219-3. 24,00 EUR.
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Einführung und Überblick

Dienstleistungsarbeit und gesellschaftlicher Wandel bedingen einanander. Frauen bestimmen durch ihre veränderten Erwerbsmuster, Zeitstrukturen und Karriereerwartungen diese Bewegung mit. Frauen gestalten die Wandlungsprozesse mit. Die genutzten Erklärungsmodelle für diese Veränderungen orientieren sich jedoch weiterhin an den männlichen Akteuren. Verknüpfungen zwischen Erwerbsarbeit- und Lebenssphäre sind bekannt, werden aber nicht ausreichend berücksichtigt und erfasst. Unter den drei traditionellen Kategorien: Organisation, Profession und Arbeitskraft soll Dienstleistungsarbeit in bezug auf das Geschlechterverhältnis abgebildet und analysiert werden. Achtung: Immer noch ist Geschlecht selbst eine Kategorie und wird überprüft oder ist zumindest immer wieder erklärungsbedürftig.

Die einzelnen (14) Beiträge gruppieren sich um die genannten drei Kategorien der Dienstleistungsarbeit. Sie greifen auf soziologische, politik- und bildungswissenschaftliche Zugänge zurück. Erkenntnisse aus der eigenen Forschungs- und Projektarbeit der Autorinnen fliessen unmittelbar und erklärend ein. Alle 15 Autorinnen sind Fachfrauen aus dem Bereich Frauen- und Geschlechterforschung.

Inhalte

Die Herausgeberinnen Ellen Kuhlmann und Sigrid Betzelt führen in ihrem Beitrag: "Dienstleistungsarbeit und Geschlecht - Synthesen zwischen professions-, organisations- und erwerbsbezogenen Perspektiven" in das Thema ein. In vielen Forschungsarbeiten findet sich eine traditionslastige Orientierung an männlichen Akteuren und industriezeitlichen Arbeitsstrukturen und - routinen. Dies ist nicht zeitgerecht, so die Autorinnen.

Um sich einen Überblick über die Inhalte der folgenden Beiträge zu verschaffen, sollte frau/man die folgenden sieben Seiten lesen. Die Herausgeberinnen stellen Ansatz und Inhalt kurz vor. Entsprechend der Zusammenstellung versehen mit Überschriften entsteht ein Zusammenhang zu den drei Kategorien: Organisation, Profession, Arbeitskraft.

Die Beiträge mit Autorin im einzelnen:

1. Geschlechterregime in der Erwerbsarbeit - Konturen der Gegenwart (Iris Peinl)

2. Gesellschaftllche Transformation und betriebliche Reorganisation - Erwerbsorientierungen ostdeutscher Frauen als praktische Stellungnahmen (Susanne Völker)

3. Modernisierung der Professionen - Begegnungen zwischen Idealtypen und Hybriden am Beispiel Medizin (Ellen Kuhlmann)

4. Neue Balancen in der Zugangskontrolle zwischen Staat, Markt und Familie - Unternehmensberatung und Altenpflege in Deutschland (Hildegard Theobald)

5. Kompetenzentwicklung im personenbezogenen Dienstleistungsbereich - Aufwertung und Entgendering-Prozesse (Marianne Friese und Barbara Thiessen)

6. Veränderte Konstellationen von Wissen, Macht und Markt - die Kulturberufe in der Perspektive der neueren Professionssoziologie (Christiane Schnell)

7. Professionalisierungsstrategien und Geschlechterarrangements in liberalisierten Dienstleistungsmärkten - Befunde aus der Kulturindustrie (Sigrid Betzelt)

8. Der Arbeitskraftunternehmer und seine Frau(en) - eine geschlechterkritische Revision des Analysekonzepts (Annette Henninger)

9. Arbeits- und Lebensarrangements in der Multimediabranche unter Vermarktlichungsdruck - Rationalisierungspotenzial für den Markterfolg? (Alexandra Manske)

10. Geschlechtergrenzen in der Dienstleistungsarbeit - aufgelöst und neu gezogen. Das Beispiel Callcenter (Ursula Holtgrewe)

11. Arbeitsbeziehungen in Call Centern - Irritationen der Geschlechterordnung (Edelgard Kutzner)

12. Vom "Ernährer" zum "Entrepreneur" - Human Relations in Zeiten der New Economy (Brigitte Liebig)

13. Geschlechterkonstruktionen und Organisationswandel (Birgit Riegraf)

14. Zwischen schöpferischer Zerstörung und organisationalem Lernen - Dienstleistungsorganisationen und die Gleichheit der Geschlechter (Birgit Blättel-Mink).

In 1. plädiert Peinl für einen empirsch fundierten Ansatz und eine stärkere Hinwendung zu Einzelfallanalysen.

In 2. fragt Völker nach den Motiven für die veränderten Erwerbsorientierungen und die Lebensarrangements am Beispiel ostdeutscher Frauen.

In den Beiträgen 3. bis 7. geht es um Professionen und Professionalisierung. Berücksichtigt werden traditionelle Professionen ebenso wie um Professionalität ringende neue Berufsfelder.

Die "Ware Arbeitskraft" ist Thema in Nr. 8. bis 11. Mit dem provokativen Arbeitstitel "Der Arbeitskraftunternehmer und seine Frau(en)" startet dieser Abschnitt mit dem Beitrag von A. Henninger. Die Autorinnen loten die bisher erfolgten Erklärungsmodelle in arbeits- und erwerbssoziologischen Konzepten der neuen Dienstleistungsfelder aus. Es geht um die neue "Webworkerin" und um Beschäftigung in Call Centern. Interessant sind die z.T. paradoxen Effekte die sichtbar werden zwischen Zwängen des Marktes, Rationalisierungsdruck und Privatsphäre. Manskes Ergebnisse bestätigen den Wunsch der Frauen von einer Verbindung ihrer Arbeits- mit ihrer Lebenssphäre. Vermischung statt traditioneller Trennung. Sie beobachtet aber auch individuelle Überforderung und beschreibt die individuellen Strategien wie die Frauen diesem Arbeitssog begegnen. Dem Thema Arbeitsteilung und Beschäftigungsverhältnis in dem speziellen Arbeitsfeld Callcenter widmet sich Kutzner. Brüche in den Normen des bestehenden Geschlechterverhältnisse zeigen sich, aber auch was wirkt auf diese neue Organisationsform ein und was könnte Veränderungen auslösen.

In den letzten drei Beiträgen geht es um die Organisation. Handlungs- und Gestaltungsoptionen für strukturbildende Veränderungen werden beleuchtet. Organisationen können als relevante Akteure oder Schaltstellen bei Veränderungen der Geschlechterverhältnisse betrachtet werden. So beschreibt Blättel-Mink in ihrem Ausblick ihre Beobachtung, dass Frauen nicht die Leitungsstellen einnehmen, sich aber zunehmend auf innovativen Funktionsstellen finden lassen. Diese sind von der Positionsinhaberin im gesetzten Rahmen selbst zu definieren.

In allen Beiträgen finden sich umfangreiche Querverweise, die das Werk auch zu einem Lehrbuch u.a. über die genutzten Erklärungsmodelle werden lassen.

Zielgruppe

In der Frauen-und Geschlechterforschung tätige Personen unter dem Aspekt des erklärten gender mainstreaming. Gewerkschaftlerinnen, Organisations- und Personalentwicklerinnen - auch in männlicher Form - werden hier Dynamiken erkennen, Differenzen bewusst werden und neue Horizonte (vielleicht, hoffentlich) entdecken.

Fazit

Das Buch beinhaltet vielschichtigste Darstellungen und Erkenntnisse um weiter über das Thema Geschlechterverhältnisse im Dienstleistungssektor nachzudenken, umzusetzen wäre besser. Wer sich durch das Buch durchgearbeit hat (nicht notwendigerweise von vorn nach hinten, m.E. sollte die Bearbeitung nach Bedarf entsprechend dem anfangs genannten Überblick geschehen) erfährt Bekanntes und Neues, aber eben anders. Dynamik, Differenz und neue Horizonte ist der richtige Untertitel.

Neben der Forschungsarbeit kann das Buch hilfreich sein bei der Umsetzung von Gleichstellungsrecht u.a. in der gewerkschaftllichen Arbeit sowie im Rahmen von institutioneller Organissationsentwicklung. Sicherlich ein Beitrag auch auf der Suche nach dem erklärten Ziel des Gender mainstreaming. Das Buch wendet sich weniger an die Praktikerin / den Praktiker vor Ort.

In allen Beiträgen finden sich umfangreiche Quer- und Literaturverweise, die das Werk auch zu einem Lehrbuch werden lassen.

Schade, dass nicht jeder Beitrag ein Resümee oder einen Ausblick am Ende hat.

Rezension von
Ute Wellner
Juristin und Mediatiorin,freiberuflich tätig in Personaltraining, Fortbildung und Mediation. Arbeitsschwerpunkte: Arbeits- und Gleichstellungsrecht, Diskriminierung am Arbeitsplatz (sexuelle Belästigung, Mobbing, AGG)

Es gibt 21 Rezensionen von Ute Wellner.

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Zitiervorschlag
Ute Wellner. Rezension vom 24.02.2004 zu: Ellen Kuhlmann, Sigrid Betzelt (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse im Dienstleistungssektor : Dynamiken, Differenzierungen und neue Horizonte. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. ISBN 978-3-8329-0219-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1131.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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