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Regina Remsperger: Sensitive Responsivität

Rezensiert von Andrea Fuß, 05.10.2011

Cover Regina Remsperger: Sensitive Responsivität ISBN 978-3-531-17875-2

Regina Remsperger: Sensitive Responsivität. Zur Qualität pädagogischen Handelns im Kindergarten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 320 Seiten. ISBN 978-3-531-17875-2. 39,95 EUR.

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Thema

In diesem Buch stellt die Autorin Regina Remsperger die Bedeutung eines feinfühligen pädagogischen Verhaltens für die Lern- und Entwicklungsprozesse von Kindern in den Mittelpunkt. Mit Hilfe von Videostudien untersucht sie die „Sensitive Responsivität“ pädagogischer Fachkräfte in ihren täglichen Interaktionen mit Kindergartenkindern. Die Autorin zeigt in diesem Werk auf, wie sich der Grad der pädagogischen Feinfühligkeit im Verlauf einzelner Interaktionen zwischen Erzieherinnen und Kindern verändert, wie das Verhalten der Fachkräfte durch die Kinder beeinflusst werden kann und wie Interaktionssituationen im Alltag von Kindertagesstätten verbessert werden können.

Autorin

Regina Remsperger arbeitet als wissenschaftliche Referentin zu den Themen Bildung in der frühen Kindheit, Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte, Beobachtung und Dokumentation im Elementarbereich.

Entstehungshintergrund

Von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen wird herausgearbeitet, dass die erfolgreiche Gestaltung von Bildungsprozessen von Kindern, ganz entscheidend von einem feinfühligen Verhalten der pädagogischen Fachkräfte abhängt. Eine bedeutsame Rolle spielen Faktoren wie z.B. die Ausprägung der Erzieherinnen-Kind-Bindung und ein autoritativer und demokratischer Erziehungsstil. Verschiedene Studien belegen allerdings, dass es für Erzieherinnen im Elementarbereich schwierig ist, dem Anspruch an eine hohe Prozessqualität in Bezug auf Interaktion mit dem Kind, gerecht zu werden. Zwar wurden aus diesem Grund Verfahren der Beobachtung und Dokumentation kindlicher Lernprozesse in die Bildungspläne der Länder implementiert, doch finden pädagogische Fachkräfte nach wie vor wenige Anregungen wie sie den Umgang und die Gespräche mit den Kindern auf sensitive und responsive Weise gestalten könnten.

Mit Hilfe einer qualitativen Untersuchung wird das Ziel verfolgt, die zentrale Funktion, die einem feinfühligen Verhalten für die Bildungs-, Lern- und Entwicklungsprozesse der Kinder zukommt, näher zu betrachten. Die Ergebnisse der Studie sollen Hinweise darauf geben können, wie ein sensitiv-responsiver Umgang mit Kindern in der pädagogischen Praxis umgesetzt werden kann.

Aufbau

In der Einleitung erfolgt eine Eingrenzung des Themas, der „Sensitiven Responsivität“. Gleichzeitig wird die Intention der Studie dargelegt. Dabei geht es explizit darum, „die zentrale Funktion, die einem feinfühligen Verhalten für die Bildungs-, Lern- und Entwicklungsprozesse der Kinder zukommt, näher zu betrachten“.

Inhalt

In Kapitel 1 stellt die Autorin verschiedene theoretische Ansätze dar, die dem zu entwickelnden Konzept der „Sensitiven Responsivität“ zu Grunde gelegt werden. Zunächst werden die Grundzüge des Konstruktivismus beschrieben. Aus konstruktivistischer Sichtweise betrachtet, erwerben Kinder in Interaktion mit Anderen, Inhalte die verhandelt werden und Methoden die sie sich aneignen. Beschrieben wird die Lerntheorie Jean Piagets, der das Lernen als dynamischen und intra-personellen Konstruktionsprozess eines selbsttätigen Individuums sieht, für den keine Anleitung nötig ist. Die Umwelt dient hier nur als Anregung. Weiterführend werden die Begriffe der Ko-Konstruktion und des Sozialkonstruktivismus konstatiert. Mit Hilfe von Ergebnissen aus der Hirnforschung wird durch Stern untermauert, dass Lernprozesse von Kindern auf Ko-Konstruktion basieren. Hirnforscher wie Spitzer, Hüther, Haug-Schnabel und Benser verweisen darauf, dass die Hirnentwicklung von Kindern, in besonders hohem Ausmaß von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz ihrer Erwachsenen Bezugspersonen abhängig ist. Im Weiteren werden die Bindungstheorien dargestellt.

In Kapitel 2 erfolgt die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Zuerst wird ein Einblick in die Umsetzung der konstruktivistischen Lerntheorien im Ausland gegeben. Schweden und Neuseeland als Beispiel, stellen dabei Motivation, Interesse und die Lerndispositionen der Kinder in den Vordergrund. Beschrieben werden das neuseeländische Konzept „Te Whariki“ sowie die „Learning Stories“ nach M. Carr. Im Gegensatz zu Neuseeland gibt es in Deutschland keinen einheitlichen Bildungsplan der zu Grunde gelegt werden kann. Mit dem Thema Interaktion und Beziehungsgestaltung mit dem einzelnen Kind wird hier sehr unterschiedlich umgegangen.

Im folgenden Kapitel 3 stellt Remsperger Studien vor, die unter der Perspektive Erzieher-Kind-Interaktion erstellt wurden. Erste Studien in den 1960er und 1970er Jahren können Nickel zufolge, als Erkundungsstudien beschrieben werden. Aussagen über ein Interaktionsklima sowie Kennzeichnungen des Erzieherverhaltens konnten erst in späteren Untersuchungen festgestellt werden.

In Kapitel 4 arbeitet die Autorin, innerhalb einer Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen, Forschungslücken heraus. Sie dienen als Ausgangssituation für die darauffolgende Studie. Nach König (2006) weist Deutschland im Elementarbereich erhebliche Defizite in der Interaktionskultur zwischen Erzieherinnen und Kindern auf. Das Verständnis von Ko-Konstruktion sowie der sozial-konstruktivistische Ansatz sind mehr als theoretisches Leitbild anzusehen, als dass es konkrete Implikationen gibt, auf die Fachkräfte zugreifen können.

R. Remsperger zeigt in Kapitel 5 die Erkenntnisinteressen auf und beschreibt das Forschungsdesign inklusive der Methode, der Datenerhebung und der Datenanalyse mit abschließender Reflexion. Untersuchungsgegenstand stellt die „Sensitive Responsivität“ pädagogischer Fachkräfte in ihren alltäglichen Interaktionen mit Kindergartenkindern dar. Eine Grundlage der Studie bildet das Konzept der Feinfühligkeit, das von Ainsworth in den 1970ern entwickelt wurde und bislang hauptsächlich auf die Mutter-Kind-Bindung Anwendung fand. Innerhalb dieser Arbeit betrachtet Remsperger den Ansatz im professionellen Kontext der Erzieherinnen-Kind-Interaktion. Feinfühliges pädagogisches Verhalten wird unter Einbeziehung der differierenden Begrifflichkeiten systematisiert und eine neue Definition für „Sensitive Responsivität“ gefunden, durch die qualitative Strukturen der Erzieherinnen-Kind-Interaktion erfasst werden sollen und Nuancen „Sensitiver Responsivität“ detailliert beschrieben werden können.

Bei der Definition des Begriffs der Feinfühligkeit in Kapitel 6 weist die Autorin zunächst auf die damit verbundenen Schwierigkeiten hin. Mit Hilfe einer vergleichenden Textanalyse verdeutlicht sie, welche zahlreichen, unterschiedlichen und teilweise doch ähnlich, überlappende Begrifflichkeiten zu finden sind, bevor sie „Sensitive Responsivität“ bezugnehmend auf Ainsworth, definiert. Nachfolgend operationalisiert sie den Begriff indem sie Merkmale und deren Ausprägung festlegt.

In Kapitel 7 wird das Interaktionsverhalten von Kindern und Pädagogen unter Einbeziehung der operationalisierten kindlichen Verhaltensweisen und der „Sensitiven Responsivität“ der Fachkräfte beschrieben. Nach einer weiteren Differenzierung erfolgt eine Codierung der Signale der Kinder und der Erwachsenen.

Im 8. Kapitel soll durch die Analyse der Videosequenzen die Frage beantwortet werden, inwieweit ein sensitiv responsives Antwortverhalten der Pädagogen, die Qualität und Quantität der kindlichen Interaktionsbeiträge beeinflusst. Dabei werden Ausschnitte des codierten Antwortverhaltens aufgeführt. Auch geht die Autorin der Frage nach, wie und ob sich Feinfühligkeit während des Interaktionsverlaufs verändert. Gleichzeitig wird mit Hilfe codierter Ausschnitte aus den Videosequenzen untersucht wie die Kinder auf das pädagogische Interaktionsverhalten reagieren und die Wechselwirkung zwischen Fachkräften und Kindern untersucht.

In Kapitel 9 erfolgt eine Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse der Studie. Remsperger teilt diese in zwei Kategorien ein. Zum einen gibt es Ergebnisse die sehr klar getroffen wurden. Dazu gehört unter anderem, dass eine klare Definition „Sensitiver Responsivität“ für die Interaktion „Fachkraft-Kind“ gefunden wird. Zur zweiten Kategorie gehören Ergebnisse der Studie die Fragen offen lassen. Die Autorin nutzt die Ergebnisse beider Kategorien um in Kapitel 10 einen Ausblick zu geben und Empfehlungen für die Praxis auszusprechen.

Fazit

Das Buch von Regina Remsperger ist für all diejenigen Fachkräfte ideal geeignet, die sich mit dem Thema Interaktion zwischen Erzieher und Kind auseinandersetzen und ihr eigenes Interaktionsverhalten kontinuierlich reflektieren. Das Werk kann sehr gut für die Selbstreflexion genutzt werden um die Beziehungsgestaltung und Interaktion, der Fachkraft mit dem einzelnen Kind, kritisch zu überprüfen. Remsperger macht, bedingt durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „Sensitive Responsivität“, auf die Bedeutung der Qualität von Interaktionsprozessen zwischen Erzieher-Kind aufmerksam. Gleichzeitig werden in diesem Buch viele aktuelle Themen, die Institutionen der frühen Kindheit betreffen, angesprochen (Bindung, Lernprozesse, Lerntheorien, Beobachtung und Dokumentation etc.).

Stringent und strukturiert ist das Werk von Remsperger ein optimales Beispiel für die Vorgehensweise innerhalb der qualitativen Forschung. Es kann Hilfestellung bei der Erarbeitung einer Forschungsarbeit bieten und ist somit eine unterstützende Literatur für Studierende, die sich mit dem Bereich der Sozialforschung befassen.

Ich schätze ihr Werk als sehr bedeutend für pädagogische Fachkräfte und solche, die sich auf dem Weg dazu befinden, ein.

Rezension von
Andrea Fuß
M.A., Klinische Sozialarbeiterin sowie Bildungs- und Sozialmanagerin. Leiterin einer Konsultationskita in Rheinland-Pfalz, Mentorin in der Erzieherinnenausbildung sowie Dozentin in der Fort- und Weiterbildung für Erzieherinnen

Es gibt 13 Rezensionen von Andrea Fuß.

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Zitiervorschlag
Andrea Fuß. Rezension vom 05.10.2011 zu: Regina Remsperger: Sensitive Responsivität. Zur Qualität pädagogischen Handelns im Kindergarten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17875-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11310.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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