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Traudel Simon: Klinische Heilpädagogik

Cover Traudel Simon: Klinische Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 121 Seiten. ISBN 978-3-17-021484-2. 19,80 EUR.

Reihe: Praxis Heilpädagogik - Handlungsfelder.
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Autorin

Prof. Dr. Traudel Simon ist Diplompsychologin und Psychoanalytikerin jungscher Ausrichtung und lehrt an der Katholischen Hochschule Freiburg mit den Schwerpunkten Klinische Psychologie und Heilpädagogik.

Thema

Klinisch-heilpädagogische Interventionen finden vor allem in institutionalisierten Bereichen des Gesundheitssystems statt, wobei Aspekte der primären, der sekundären, wie der tertiären Prävention für Menschen mit biopsychosozialen Beeinträchtigungen und Störungen zu ihrem Aufgabengebiet zählen. Der vorliegende Band stellt Handlungsfelder und Interventionsmöglichkeiten dieser in Deutschland noch wenig als eigenständig etablierter Teildisziplin der Heilpädagogik vor. Somit bietet er Studierenden der Heilpädagogik und der Sozialen Arbeit ebenso, wie in verschiedenen Arbeitsfeldern tätigen Pädagogen grundlegende Informationen, wie auch Denkanstöße für ihre Tätigkeit.

Aufbau

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert. Kapitel 1 und 2 beschreiben Konzept und Bedeutung der Klinischen Heilpädagogik. Kapitel 3 nimmt den größten Teil des Bandes ein. Hier wird die „Klinische Heilpädagogik im Kontext menschlicher Lebensphasen“ vorgestellt und die besonderen Problemlagen der Adressaten auf unterschiedlichen Altersstufen besprochen. Kapitel 4 bildet die Schlussbemerkung und greift die Bedeutung der Klinischen Heilpädagogik gerade auch vor dem Hintergrund der Diskussion um die Inklusion auf und erläutert die Notwendigkeit einer weiteren Spezifizierung dieses Teilbereichs.

Den einzelnen Kapiteln und Unterkapiteln ist eine Art Organigramm vorangestellt, das über den Inhalt informiert, und am Ende werden in Stichworten die zentralen Aspekte zusammengefasst.

Inhalt

Anstelle einer Einleitung stehen fünf Fallbeispiele aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern klinischer HeilpädagogInnen.

Kapitel eins und zwei sind der Klärung des Begriffs der Klinischen Heilpädagogik, der Beschreibung ihres Konzepts, ihrer Arbeitsfelder und ihrer Referenzdisziplinen gewidmet. Dies erscheint umso bedeutsamer als dieser Begriff in Deutschland, wie auch der der Klinischen Sozialarbeit, noch relativ neu ist. In Abgrenzung von dem, was gemeinhin unter Heilpädagogik verstanden wird, geht es „Unter der Perspektive einer Klinischen Heilpädagogik […] nicht vorwiegend um Alltagshandeln im Sinne von Lebensbewältigung und Lebensgestaltung, sondern es werden spezifische personale und soziale Risikofaktoren bei Menschen mit einer Schädigung oder Behinderung in den Blick genommen, um psychischen oder körperlichen Störungen vorzubeugen bzw. [sie] zu behandeln“ (Simon 2011, 13f.). Entsprechend dem Terminus „klinisch“ verortet Simon in Kapitel zwei die Klinische Heilpädagogik im „professionellen System der Gesundheitsversorgung“ und in der Rehabilitation (ebd. S. 19). Hier werden Begriffe wie „Gesundheitsförderung“ und „Prävention“, „Förderung“ und „Therapie“ differenziert erläutert und voneinander abgegrenzt. Auch werden die Anforderungen an die in diesem Bereich Tätigen benannt.

Das dritte Kapitel ist in insgesamt neun Unterkapitel gegliedert, die sich an der Lebensspanne orientieren. Teil 3.1 beschäftigt sich mit der prä- und perinatalen Entwicklung und den damit möglicherweise verbundenen biopsychosozialen Risiken und deren Vermeidung. Simon spricht aus medizinischer Sicht potenziell schädigende Einflüsse auf die betroffenen Kinder kurz an, legt den Schwerpunkt aber auf psychologische und soziale Aspekte. Die Autorin argumentiert hier, wie auch in den folgenden Kapiteln, konsequent aus einer bindungstheoretischen Perspektive. Entsprechend stellt sie insbesondere methodische Handlungsansätze vor, die die Entwicklung sicherer Bindungen fördern sollen bzw. können.
In Teil 3.2 geht die Autorin auf „Frühe Hilfen für frühgeborene Kinder“ (S. 42) ein. Auf eine knappe Erläuterung des Begriffs folgen Angaben zu den Auswirkungen auf die Kinder und insbesondere die, möglicherweise durch das Erlebnis traumatisierten, Eltern und die Beziehung zwischen beiden. Der Schwerpunkt liegt in diesem Kapitel auf Hilfen für betroffene Familien, gerade auch in Hinblick auf Tätigkeitsfelder von Heilpädagogen.
Teilkapitel 3.3 ist der frühen Kindheit und dem Kleinkindalter gewidmet, insbesondere der Krippenbetreuung. Darauf folgt die Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Kindern mit Lernproblemen außerhalb der Schule, Teil 3.4. Hier erscheint die Problembeschreibung Simons deutlich klinisch ausgerichtet, so bezieht sie sich bei ihrer Definition von Lernstörungen auf das ICD 10 und auch die Informationen zur Diagnostik, überschreiten teilweise die Grenze zur psychologischen Diagnostik, so wenn sie die Verwendung projektiver Testverfahren nahelegt. Den Abschluss bilden Angaben zum methodischen Vorgehen im Rahmen heilpädagogischer Spieltherapien zur Behandlung assoziierter Verhaltensauffälligkeiten.
Unterkapitel 3.5 schließt die Beschreibung der der Bedeutung der Klinischen Heilpädagogik für Kindheit und Jugend mit der „Traumapädagogik in der stationären Jugend- und Behindertenhilfe“ (S. 65) ab. Die Darstellung der möglichen Interventionen orientiert sich auch hier an der Bindungstheorie.
Die Unterkapitel zum Erwachsenenalter beziehen sich auf Personen mit geistiger Behinderung. Teil 3.6 führt ein in grundlegende Aspekte, wie den Personenkreis, das Konzept des Verhaltensphänotyps und die Diagnostik und gibt eine Übersicht über „(heil)pädagogisch-therapeutische Hilfen“ (S. 82ff.). Exemplarisch wird das Szenische Verstehen, eine psychoanalytische Methode, genauer beschrieben.
Teil 3.7 ist der Trauerarbeit und -begleitung, einem Aspekt, der in der Behindertenhilfe nicht selten vernachlässigt wird, gewidmet. Der Begriff der Trauer bezieht hier explizit auch Verlusterfahrungen, die nicht durch den Tod bedingt sind, mit ein. Abschließend folgen einige Hinweise zur Trauerbegleitung bei Personen mit geistiger Behinderung.
Der achte Abschnitt des dritten Kapitelsschließt den Komplex des Erwachsenenalters ab und beschäftigt sich mit heilpädagogischen Unterstützungsmöglichkeiten von Menschen im Wachkoma und deren Angehörigen. Simon legt den Schwerpunkt auf psychosoziale Interventionsmöglichkeiten, die „beziehungsmedizinische Perspektive“ (S. 96) in der Arbeit mit den Patienten und die heilpädagogische Arbeit mit Angehörigen.
Der Lebensabschnitt des „Alters“, Kapitel 3.9, ist dem Umgang mit dementiellen Erkrankungen bei Personen mit geistiger Behinderung gewidmet. Nach Angaben zu Prävalenz und Diagnostik der Demenz bei Personen mit geistiger Behinderung nennt die Autorin mögliche Ansätze zur Unterstützung der Betroffenen, die denen für Menschen ohne Doppeldiagnose entsprechen.

Im abschließenden vierten Kapitel, den „Schlussbemerkungen“, die leider nur zwei Seiten umfassen, geht Simon nochmals auf die Bedeutung der Klinischen Heilpädagogik gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Inklusion ein. Sie macht deutlich, dass hier eben kein Widerspruch vorliegt, wenn genau die „Störungen“ in den Fokus gerückt werden, da auch Personen mit geistiger Behinderung das Recht auf Gleichstellung somatischer und psychischer Erkrankungen haben wie Nichtbehinderte, was entsprechende Kompetenzen seitens der Heilpädagogen voraussetzt, ein gesellschaftliches Miteinander aber keineswegs ausschließt. Außerdem erfordere die zunehmende wissenschaftliche Entwicklung und Akademisierung der Heilpädagogik, wie auch die Forderung nach mehr Interventionsforschung eine zunehmende Spezifizierung der Profession.

Diskussion

Simon führt ein in ein in Deutschland noch relativ neues, und als spezielles Teilgebiet noch wenig etabliertes, im Grunde aber seit langem bekanntes, Teilgebiet der Heilpädagogik. Ganz im Sinne der Reihe liegt der Schwerpunkt auf den verschiedenen Handlungsfeldern Klinischer Heilpädagogen und vermittelt einen Einblick in die verschiedenen Arbeitsbereiche. Alle Aspekte, insbesondere die theoretischen Hintergründe, werden zwar eher knapp abgehandelt, sind aber anhand der umfangreichen Literaturliste für weiter an der Thematik interessierte Leser zu vertiefen.

Studierende der Heilpädagogik, die zunächst einen Überblick über die verschiedenen Tätigkeitsfelder der Profession gewinnen möchten, werden zahlreiche hilfreiche Informationen finden. Bereits im Beruf stehenden Lesern bietet Simon vielfältige Denkanstöße und Hinweise, auf möglicherweise vernachlässigte Aspekte in ihrer täglichen Arbeit, wie die Bedeutung der Trauerarbeit oder die zunehmende Bedeutung der Betreuung zusätzlich zu ihrer Behinderung an Demenz erkrankter Personen mit geistiger Behinderung.

Fazit

Ein für Studierende wie bereits seit längerem in der Früh- und Gesundheitsförderung und/oder Behindertenhilfe informatives und in vielfacher Hinsicht anregendes Buch.


Rezension von
Dr. Inge Brachet
Gastprofessorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Diagnostik und Psychologie im Förderschwerpunkt Lernen
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Zitiervorschlag
Inge Brachet. Rezension vom 16.05.2011 zu: Traudel Simon: Klinische Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021484-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11312.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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