Alfons Aichinger: Resilienzförderung mit Kindern
Rezensiert von Dipl.-Psych. Thomas Niedermaier, 11.08.2011
Alfons Aichinger: Kinderpsychodrama, Band 2 Resilienzförderung mit Kindern.
VS Verlag für Sozialwissenschaften
(Wiesbaden) 2011.
199 Seiten.
ISBN 978-3-531-17468-6.
24,95 EUR.
Kinderpsychodrama.
Thema
Was brauchen Kinder für eine gesunde psychische Entwicklung? Warum gibt es selbst unter hoch belasteten Kindern immer wieder einen Teil, der gesund und kompetent aufwächst? Alfons Aichinger nimmt die aktuellen Fragestellungen und Forschungsergebnisse der Resilienzforschung zum Anlass, um aufzuzeigen wie gut das Kinderpsychodrama geeignet ist, um Kinder bereits ab dem Kindergartenalter zu stärken und ihnen konkrete Hilfestellungen zu bieten für ihre psychische und soziale Entwicklung.
Schon lange bevor sich Pädagogen und Therapeuten Gedanken darüber gemacht haben, wie man belastete Kinder unterstützen und Entwicklungsgefährdungen abwenden kann, hat J.L. Moreno, der Begründer des Psychodrama, seine Theorie von psychischer Gesundheit formuliert und der krankheitsorientierten Theorie der klassischen Psychotherapierichtungen ein salutogenetisches Modell hinzugefügt.
Aktuelle Forschungsergebnisse der Resilienzforschung bestätigen nun die in der täglichen Beratungsstellenpraxis entwickelten Methoden und Konzepte des Kinderpsychodramas.
Autor
Alfons Aichinger, Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und langjähriger Leiter einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle, ist der ausgewiesene Experte für Kinderpsychodrama im deutschsprachigen Raum. Er gehört zur ersten Generation der in Deutschland ausgebildeten Psychodramatiker und hat gemeinsam mit seinem Kollegen Walter Holl aus der Praxis heraus das Kinderpsychodrama konzipiert und über Jahrzehnte weiterentwickelt.
Hierzu hat er zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt und ist vielfältig in der Fort- und Weiterbildung und Supervision tätig.
Entstehungshintergrund
„Resilienzförderung mit Kindern“ ist Aichingers aktuelles Werk nach einer Serie von Veröffentlichungen zum Kinderpsychodrama, die größtenteils gemeinsam mit Walter Holl entstanden sind. Aichinger ist ein Autor, der selbst immer praktisch und in vorderster Reihe arbeitet. In seinen Büchern schildert er diese Erfahrungen und verknüpft sie mit Theorie und dem aktuellen Forschungsstand.
Aufbau
Das Buch besteht aus sechs Teilen.
Nach dem einleitenden ersten Teil gibt der Autor im zweiten Teil einen Überblick über die sich verändernden strukturellen Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen und erläutert die Begrifflichkeit von Prävention und Resilienz.
Der dritte und vierte Teil des Buches stellt eine erweiterte und überarbeitete Fassung zweier Artikel aus Aichinger & Holl (2002) „Kinder Psychodrama in der Familien- und Einzeltherapie, im Kindergarten und in der Schule“ dar. Hier beschreibt Aichinger praktische Beispiele von Resilienzförderung im Kindergarten und in der Schule.
Im fünften Teil schildert der Autor die kinderpsychodramatische Arbeit mit Risikogruppen, wie zum Beispiel mit Kindern aus suchtbelasteten Familien, aus Trennungs- und Scheidungsfamilien oder mit Gewalterfahrungen.
Das Buch endet mit einem Ausblick.
Inhalt
In der Einleitung skizziert Aichinger Morenos Vorstellung von psychischer Gesundheit und die sich daraus ergebenden Ziele für die psychodramatische Arbeit. Er führt ein in das Thema des Kinderpsychodrama und gibt einen Überblick über die Gliederung seines Buches.
Im zweiten Kapitel erfährt der
Leser die strukturellen Bedingungen, unter denen Kinder heutzutage
in der BRD aufwachsen. Wenig vorgegebene Strukturen und Werte,
Unübersichtlichkeit und ein hohes Veränderungstempo stehen einer
generellen Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und
Jugendlichen gegenüber.
„Zu keiner Zeit ging es der
Mehrzahl von Kindern in diesem Land so gut wie heute“ (Spiewak
2008) ist die eine Wirklichkeit, es gilt aber auch, dass “es erschreckend ist, wie sich schon in Deutschland eine
Vier-Fünftel-Kindergesellschaft herausbildet“ (Hurrelmann,
2010) Dieses eine Fünftel ist in besonderem Maße ausgeschlossen von
gesellschaftlicher Teilhabe, Bildung und Berufschancen. Die soziale
Schere öffnet sich zunehmend in unserem Land. Aichinger sieht
darin eine besondere Herausforderung für Pädagogen und Therapeuten
und einen besonderen Bedarf für präventive Angebote. Er gibt einen
Überblick über die Begriffe Prävention, Gesundheitsförderung,
Resilienz und Salutogenese und schildert hierzu kurz den aktuellen
Forschungsstand.
Mit dem dritten Kapitel beginnt die Darstellung der praktischen kinderpsychodramatischen Arbeit. Aichinger beschreibt zunächst ein mehrstufiges Fortbildungskonzept für Erzieherinnen in Kindertagesstätten. Die Erzieherinnen lernen dabei kindliche Konflikte besser zu verstehen und bekommen Ideen vermittelt, wie sie unterstützend eingreifen können. Daraufhin beschreibt der Autor die kinderpsychodramatische Gruppenarbeit mit vier ausgewählten Kindern im Kindergarten eines sozialen Brennpunktes. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Förderung der personalen und sozialen Kompetenzen der Kinder. Beide Projekte werden sowohl in ihrer theoretischen Konzeption als auch an Hand von vielen praktischen Beispielen geschildert. Dabei erfährt der Leser zudem, durch welche Interventionen bestimmte Eigenschaften von Kindern (z.B. Beziehungsfähigkeit) gestärkt werden können.
Im vierten Kapitel geht es um Resilienzförderung an Schulen. Aichinger sieht in dem Lebensraum Schule die Chance, gerade Kindern mit hohen psychosozialen Risikofaktoren, wie Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnder Bildung der Eltern, eine ausgleichende und stärkende Lernerfahrung zu vermitteln. Hier setzt sein Präventionsprojekt an, das er in 5. Hauptschulklassen in sozialen Brennpunkten durchgeführt hat und hier ausführlich beschreibt. Mit Hilfe von thematischen Gruppenspielen wie z.B. „Mutige Kinderkrankenschwester rettet Kinder aus brennendem Bus“ werden Konflikte aufgegriffen, den Kindern aber auch lebendige und neue Erfahrungen ermöglicht. In dieser Geschichte kann ein schüchternes und gehemmtes Mädchen entgegen seiner Alltagserfahrung hilfreich sein, im Mittelpunkt stehen und am Ende glänzen und viel Bewunderung ernten. Aichinger beschreibt in diesem Kapitel außerdem kinderpsychodramtische Methoden für die Arbeit mit Grundschulklassen, Möglichkeiten Lehrer zu unterstützen und liefert Ideen für den Umgang mit bestimmten Konfliktthemen in Schulklassen wie z. B. Rivalität.
Im fünften Kapitel zeigt der Autor, wie seine Methode sich bei bestimmten Risikogruppen anwenden lässt. Er fasst zusammen welchen besonderen Belastungen Kinder aus Suchtfamilien bzw. Trennungs- und Scheidungsfamilien ausgesetzt sind, worin sie gefördert werden sollten und bringt daraufhin Fallbeispiele aus dem Kinderpsychodrama. Weitere Anwendungsmöglichkeiten runden das Kapitel ab, so z.B. die Arbeit mit Kindern, die Gewalt erlebt haben oder mit Krankheit in der Familie konfrontiert sind.
Diskussion
Alfons Aichinger ist es wieder einmal gelungen ein profundes Fachbuch vorzulegen, das sich leicht verständlich lesen lässt. Dabei liegt der Verdienst dieses Buches weniger in der Darstellung des Kinderpsychodramas; das hat Aichinger in früheren Veröffentlichungen vielfach getan. Hier stellt er die Verbindung zu aktuellen Forschungsthemen wie Resilienz und Gesundheitsförderung her und zeigt, dass die Methode des Psychodrama brauchbarer denn je ist. Aichinger gewährt ehrlichen Einblick in seine praktische Arbeit. Man ist fasziniert von seiner unerschöpflichen Kreativität aber auch angenehm berührt, weil die Fallbeispiele nicht geschönt wirken und er ebenso seine Ratlosigkeit und Erschöpfung in manchen Situationen zeigt. Er verbindet auf kongeniale Weise die Akribie des Wissenschaftlers mit Kreativität und kindlicher Spielfreude und schafft es, beides dem Leser zu vermitteln.
Fazit
Das Buch liefert dem praktizierenden Kinderpsychodramatiker aktuelles Forschungswissen und eine Vielzahl von kreativen Ideen und Inspiration für seine Arbeit.
Allen im weitesten Sinne präventiv, pädagogisch Tätigen zeigt es Wege, ergänzend zum Medium der Sprache, psychodramatisches Symbolspiel einzusetzen. Ohne Vorkenntnisse und Übung lässt sich die vorgestellte Methode nur schwer anwenden. Kinderpsychodrama benötigt die Kreativität und Spontaneität des Leiters in besonderem Maße. Daran kann auch dieses Buch nichts ändern. Alfons Aichinger schreibt aber durchwegs leserorientiert, zielt nicht auf Bewunderung ab, sondern will sein Wissen zur Verfügung stellen. Diese persönliche Haltung macht das Buch besonders empfehlenswert.
Rezension von
Dipl.-Psych. Thomas Niedermaier
Psychologischer Psychotherapeut, Psychodramatherapeut (DFP/DAGG), Leiter einer Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in München
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