socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ralf Twenhöfel: Die Altenpflege in Deutschland am Scheideweg

Cover Ralf Twenhöfel: Die Altenpflege in Deutschland am Scheideweg. Medizinalisierung oder Neuordnung der Pflegeberufe? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 176 Seiten. ISBN 978-3-8329-6031-5. 29,00 EUR, CH: 41,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Klappentext des Buches fasst den Inhalt komprimiert zusammen: „Die Untersuchung plädiert für eine umfassende Professionalisierung des Altenpflegeberufs. Sie erörtert und wendet sich kritisch gegen eine Entwicklung, die Professionalität einseitig an den medizinisch-pflegerischen Fähigkeiten von Pflegekräften bemisst. Die Arbeit zeigt die bedenklichen Folgen dieser Medizinalisierung in der Pflegepraxis auf und legt aus Sicht der Systemtheorie Erfordernisse und Möglichkeiten eines „ganzheitlichen“ Berufsverständnisses dar. Nur eine „Nursing“ und „Caring“ umfassende professionelle Pflege würde, so die These, ihren Beitrag zur Lebensqualität von Pflegebedürftigen im Alter leisten können.“

Wer sich für die „Umsetzung“ systemtheoretischer Positionen auf ein konkretes Feld, nämlich die Altenpflege interessiert, dem sei dieses Buch dringend empfohlen. Es ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man Kritik begründet formulieren kann, und zwar vor dem Hintergrund eines theoretischen Rahmens. Dies ist deswegen zu erwähnen, weil in der fachlichen Diskussion zu Themen der Altenpflege häufig ein Aktionismus dominiert – ohne dass eine substantielle theoretische Erklärung für die dargelegten Phänomene erfolgt. Hintergrund des Buches ist damit einerseits ein Theoriedefizit der Fachdebatte und des Wissenschaftsdiskurses, zum anderen das Vorhandensein eklatanter Probleme im Praxisfeld. Diese werden jedoch nicht den üblicherweise identifizierten „Schuldigen“ zugeschrieben, sondern auf eine grundlegende Fehlsteuerung des Altenpflegesystems zurückgeführt. Die Rede ist von der Medizinalisierung der Altenpflege, d.h. der „Formgebung des beruflichen Handelns (kursiv im Original – H.B.) von Nichtmedizinern nach dem Vorbild von Ärzten“ (S. 12).

Autor

Der Autor, seit 1991 Professor für Soziologie an der Universität Regensburg und seit 2007 für einen Einrichtungsträger der Altenhilfe verantwortlich tätig, ist bereits mit einigen kritischen Arbeiten hervorgetreten. Zu nennen ist beispielsweise die 2007 in der Zeitschrift „Pflege & Gesellschaft“ publizierte Arbeit mit dem Titel: „Die Pflege im Zugriff der Disziplinen. Paradoxien und Perspektiven“. Bereits in dieser Schrift wendet sich Twenhöfel gegen eine aus seiner Sicht beobachtbare zunehmende Umklammerung der Altenpflege. Er hat vor allem die Medizin und die Psychologie im Blick, welche die Leitwissenschaften der Kontrolle und Überwachung bilden - im Bündnis mit dem MDK, dem Gesundheitsamt und der Heimaufsicht.

Aufbau und zentrale Inhaltsbereiche

Die nun vorgelegte Studie umfasst acht Kapitel, in denen die These entfaltet, eine Diagnose der Ist-Situation vorgenommen und eine Perspektive eröffnet wird nämlich der Weg vom ärztlichen Monolog zum pflegerischen Dialog.

Kapitel 1 beschreibt die Perspektiven der Pflegeberufe in alternden Gesellschaften und führt aus, dass die Grenzen der Medizin in der alternden Gesellschaft eine Chance für die Pflegeberufe darstellen.

Kapitel 2 erläutert die Funktionsweise der Medizin als gesellschaftliches Funktionssystem und ist vor allem interessant für diejenigen, welche die „Rücksichtslosigkeit“ und „Unersättlichkeit“ des modernen akutmedizinischen Mainstream verstehen wollen.

Kapitel 3 geht auf den „medical turn“ in der Altenpflege ein und zeigt schonungslos, welche Folgen die Unterwerfung der Pflegepraxis (auch der Pflegewissenschaft?) unter den empirisch-analytischen Mainstream hat. Ein reduziertes Wissenschaftsverständnis begünstigt Exklusionseffekte, denn das Aufgabengebiet der Pflege wird auf einen engen medizinisch-pflegerischen Korridor begrenzt.

Kapitel 4 zeigt noch einmal sehr deutlich, welche Folgen dies in der Praxis hat: „Faktisch sind die Heime zu einem Experimentierfeld geworden, in denen eine Gesellschaft ihre medizinisch, pflegewissenschaftlich, hygienisch, ernährungswissenschaftlich etc. begründbaren besseren Möglichkeiten des Lebens und Sterbens im Alter demonstrativ zu verwirklichen sucht – und dessen Wirklichkeit nur umso stärker noch verdrängt“ (S. 66).

Kapitel 5 stellt die Altenpflege als „soziales Hybridsystem“ vor. Sie umfasst „Nursing“ (im Sinne einer technischen und objektbezogenen Pflege) und „Caring“ (im Sinne einer bedürfnisbezogenen Verständigung und subjektbezogenen Pflege). Professionalisierung meint eben nicht die Engführung auf den zuerst genannten Bereich – das ist die vom Autor immer wieder betonte Gefahr! Vielmehr geht es darum, den Aspekt der „Sorge“, der „sozialen Hilfe“ bzw. der „Nicht-Hilfe“ stärker zu akzentuieren und in der Professionalisierungsdebatte adäquat zu würdigen. Im Unterschied zum Krankenhaus kann die Altenhilfe eben nicht von den Folgen chronischer Krankheit, Multimorbidität abstrahieren – im Gegenteil: Sie hat Teilhabe und gesellschaftliche Inklusion in ihrem Programm.

Kapitel 6 kritisiert die häufig unreflektierte Gleichsetzung von Altenpflege und Familie. Signifikante Unterschiede zwischen diesen beiden Bereichen werden benannt (Kontinuität versus Diskontinuität). Nach Einschätzung des Autors ist „Familie“ durch professionelle Pflegearbeit nicht kopierbar. Und es stellt sich die Frage, ob dies überhaupt erstrebenswert wäre.

Kapitel 7 legt dar, worin die „Rückständigkeit“ begründet ist. Ein Grund liegt in der mangelnden „Technisierbarkeit“ im Unterschied zur Krankenpflege, die an eine naturwissenschaftliche Medizin- und Pharmaforschung gekoppelt ist. Darüber hinaus sind Behandlungsverfahren der Krankenpflege in der Regel „Kausaltechniken“ unterworfen, welche die Pflege verrichtungsgenau (nach Maßgabe von Standards) organisieren (kann). Genau dies setzt das Bild vom Menschen als einer „Trivialmaschine“ voraus – und muss angesichts der Komplexität in der Altenpflege scheitern.

Kapitel 8 zeigt einige Alternativen auf – und soll ausführlicher gewürdigt werden. Zunächst muss es nach Twenhöfel darum gehen, die mit der „Dominanz der akutmedizinischen Versorgung“ verbundene Vernachlässigung von sozialen, psychischen, biographischen Bezügen der Patienten und Angehörigen in den Blick zu nehmen. Darüber hinaus ist ein tragfähiges Bild für ein aktives Alter erforderlich. Wichtig ist es, nicht nur das erfolgreiche, kompetente und leistungsorientierte Alter zu sehen, sondern die mit dem Altern verbundenen Einschränkungen und Grenzen. Pflegerische Aspekte sind in ihrer Bedeutung massiv aufzuwerten, die Delegation von medizinischen Kompetenzen nur in eine Richtung abzulehnen. Handlungsbedarf ergibt sich dahingehend, dass sich der Pflegeprozess stärker vom „Monolog“ zum „Dialog“ entwickeln muss. Das aber bedeutet: Alternde Gesellschaften benötigen nicht nur eine Altenpflege (als soziales Hybridsystem), „sondern auch eine Weichenstellung innerhalb des Selbstverständnisses der Medizin, die mit der Zunahme alter und gebrechlicher Patienten ihre Grenzen immer weniger erst in den Grenzfällen (Sterbevorgängen) zu Gesicht bekommt. … Interne „Stopps“, z.B. der Verzicht auf eine medizinische Maßnahme oder ein Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen, können ihr nur von außen auferlegt werden“ (S. 167). Notwendigerweise muss Dialogfähigkeit und eine kritische Offenheit für „externe“ Einreden oder Empfehlungen, insbesondere seitens der Pflegeberufe, eine Schlüsselqualifikation für Ärzte werden. Und für die Pflegeberufe heißt dies, dass sie die Nebenschauplätze, wie das Ringen um die Übertragbarkeit ärztlicher Kompetenzen, nicht zu ihren Hauptschauplätzen machen sollte. Speziell der Altenpflegeberuf darf sich von der Medizin nicht vereinnahmen lassen und muss ein eigenes Profil, d.h. auch einen eigenen Begriff des Alterns entwickeln.

Zielgruppen

Praktiker vor Ort, Verantwortungsträger in den Wohlfahrtsverbänden, Studierende der Pflege- und Gesundheitswissenschaft, Wissenschaftler aus verschiedenen gesundheitsbezogenen Disziplinen – vor allem jene, die an Reformperspektiven für den Langzeitpflegesektor interessiert sind.

Fazit

Ein sehr wichtiges, interessantes und nachdenklich machendes Buch. Der Autor, geschult durch den kritischen Blick von Foucault und Luhmann, legt den Finger in die Wunde und weist zu Recht auf problematische Folgen einer Medizinalisierung der Altenpflege hin. Es ist überfällig, dass die Grenzen der Medizin deutlich aufgezeigt werden, das Leben im Alter dem medizinischen Blick entrissen wird und dagegen opponiert wird. So wertvoll und konstruktiv diese Kritik auch ist – es gibt einen blinden Fleck, den ich nicht verschweigen möchte. Die Professionalisierung der Altenpflege wird nicht nur durch den externen Zugriff gefährdet (bzw. in die falsche Richtung gedrängt) – es geht nicht nur um die Regulierung „von außen“. Es geht auch um die eigenen Pflegewelten. Gemeint sind die Bilder und Konstruktionen vom Alter (und von der Pflege), die häufig defizitär geprägt sind. Bekannt ist, dass die Praxis im Alltag häufig nicht der Förderung einer selbständigen Lebensführung oder der Selbstbestimmung des alten Menschen dient. Und dies ist nicht ausschließlich durch einen reduzierten Pflegebegriff und die Verwandlung der Pflege in eine ökonomische Dienstleistung erklärbar. Beobachten lassen sich mehr oder weniger abgeschlossene - und auch gegen Kritik weitgehend immune - Pflegewelten. Es geht um das Wissen, die Einstellung, die Haltung – kurz gesagt den Habitus der Pflegenden selbst. Damit verbunden ist eine enorme Bildungsaufgabe. Und zwar nicht im technischen Sinne, sondern im Sinne einer kritischen Distanz „nicht so regiert zu werden“ (Foucault). Dies ist mein einziger Kritikpunkt an einer hervorragenden Studie, die als Standardlektüre in meinen Veranstaltungen eingesetzt wird.


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Hermann Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 26.04.2011 zu: Ralf Twenhöfel: Die Altenpflege in Deutschland am Scheideweg. Medizinalisierung oder Neuordnung der Pflegeberufe? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-6031-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11321.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung