Timm Albers: Mittendrin statt nur dabei
Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Platte, 18.01.2012
Timm Albers: Mittendrin statt nur dabei. Inklusion in Krippe und Kindergarten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2011. 130 Seiten. ISBN 978-3-497-02211-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 33,50 sFr.
Thema
Das Buch präsentiert sich als „Leitfaden für die frühpädagogische Praxis im Umgang mit Vielfalt“ (S.8) mit dem Anliegen, Fachkräfte in einer am Leitbild der Inklusion orientierten Bildung, Betreuung und Erziehung in Krippen und Kindergärten zu unterstützen.
AutorIn oder HerausgeberIn
Prof. Dr. Timm Albers ist Juniorprofessor an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und dort Leiter der Studiengänge Pädagogik der Kindheit (BA) und Sprache und Bewegungserziehung (BA).
Entstehungshintergrund
Der Begriff der Inklusion wird aktuell bildungspolitisch breit diskutiert. Für Kindertageseinrichtungen kommen dabei zwei neue Anforderungen zusammen: der Anspruch auf Bildung von Anfang an und der Anspruch, diese für alle Kinder gemeinsam zu gestalten. Das Buch bündelt die für diese Diskussion wichtigen Informationen aus Theorie und Praxis mit dem Ziel einer Unterstützung für pädagogisches Handeln und konzeptionelle Weiterentwicklung in Einrichtungen frühkindlicher Bildung.
Aufbau und Inhalt
Das Buch umfasst sechs Kapitel.
Das erste Kapitel führt in den theoretischen Zusammenhang ein, beschreibt die Begriffsentwicklungen Integration und Inklusion und in diesem Kontext entwickelte pädagogische Prinzipien im Umgang mit Vielfalt.
Das zweite Kapitel informiert über die rechtlichen Grundlagen: Ausgehend von der UN-Kinderrechtskonvention und der UN-Behindertenkonvention werden die gesetzlichen Grundlagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgestellt.
Im dritten Kapitel „Dimensionen der Vielfalt in der Frühpädagogik“ werden differenziert sieben Faktoren vorgestellt, die spezielle individuelle Bedürfnisse zur Folge haben und damit besondere Herausforderungen für eine gemeinsame Bildung von Anfang an bedeuten können. Dabei geht es um
- Entwicklungsgefährdungen
- Verhaltensstörungen
- Familien in Armutslagen
- Beeinträchtigungen der Sprache und des Sprechens
- Mehrsprachigkeit
- Sinnesbeeinträchtigungen und Körperbehinderungen (unterschieden werden hier Hörminderung, Sehstörungen und Körperbehinderung)
- Geistige Behinderung
Das vierte Kapitel macht Vorschläge zur Gestaltung pädagogischer Prozesse und stellt dazu die Unterstützung von Peeraktionen (4.1), die Individuelle Entwicklungsplanung (4.2) sowie Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren (4.3) vor.
Die Notwendigkeit der Kooperation mit Familien wird im fünften Kapitel deutlich.
Abschließend und richtungweisend werden im sechsten Kapitel Empfehlungen für die Weiterentwicklung von Einrichtungen im Sinne Inklusiver Qualität und Standards entwickelt. Der Aufbau des Buches wird begleitet durch inhaltlich orientierende Hervorhebungen am Rand, durch ergänzende Literaturempfehlungen und durch Beispiele aus der Praxis (grau unterlegt).
Diskussion
Das Buch liefert einen grundlegenden und umfassenden Einblick in den Kontext der Begriffsdiskussion um Inklusive Bildung und deren Bedeutung für Entwicklung und Gestaltung von Kindertageseinrichtungen. Die Bedeutsamkeit einer „Bildung von Anfang an“ in der Hoffnung, dass „herkunftsbedingte Benachteiligungen durch eine Betreuung außerhalb der Familien kompensiert werden können“ (S.7) wird zusammengeführt mit dem Anspruch an eine gemeinsame Erziehung, Bildung und Betreuung aller Kinder. Eine solche inklusive Gestaltung von Bildungseinrichtungen stellt, das wird deutlich, hohe Anforderungen an die fachliche Qualität und damit an die Professionalität der beteiligten Fachkräfte. Es steht zu erwarten, dass das Anliegen, hierfür einen „Leitfaden“ anzubieten, in der Fachöffentlichkeit dankbar angenommen wird, zumal das Buch zum einen mit grundlegenden Informationen ein breit diskutiertes Themenfeld ‚verortet‘ und zum anderen mit Hinweisen zur pädagogischen Gestaltung die tägliche Praxis zu unterstützen vermag. Mit eingefügten Literaturempfehlungen (dies vor allem zu den Dimensionen der Vielfalt, Kapitel 3) wird eine weiterführende Unterstützung für konkrete Interessensgebiete angeboten. Die eingefügten Beispiele aus der pädagogischen Praxis, teilweise Situationsbeschreibungen, teilweise Berichte von Fachkräften oder auch Gespräche mit Eltern zeigen, dass bereits auf Erfahrungen zurück gegriffen werden kann. Das Buch beschreibt Inklusion als „die Realisierung des Rechts aller Kinder auf gemeinsame Bildung, Betreuung und Erziehung, die nur durch einen umfassenden Reformprozess zu realisieren ist“ (S.113) und leistet einen Beitrag zu diesem. Es macht Standards deutlich, an denen sich inklusive Einrichtungen messen müssen und es zeigt, „dass eine qualitativ hochwertige Einrichtung eine gute Einrichtung für alle Kinder ist“ (S.116).
Fazit
Der nachvollziehbare Aufbau, ausgehend von Entwicklung und Kontext der Begrifflichkeiten, über gesetzliche Bedingungen, Erscheinungsformen von Vielfalt hin zu Gestaltungsempfehlungen und Perspektiven für die Weiterentwicklung inklusiver frühkindlicher Bildung, nimmt die Leserin/ den Leser mit wenig Vorerfahrungen oder -wissen im Themenfeld mit. Dem fachlichen Diskurs leistet es einen wertvollen Beitrag als Zusammenführung wesentlicher Informationen unter Einbezug vielfacher Perspektiven und aktueller Literatur. Es ist empfehlenswert sowohl für Fachkräfte und Leitungspersonen in Einrichtungen als auch für Studierende im Feld der Frühpädagogik. Dabei ist vorstellbar, dass es gerade in der Verbindung theoretischer und praktischer Erfahrungswerte zur Umsetzung inklusiver Bildung motivieren wird.
Rezension von
Prof. Dr. Andrea Platte
Professorin für Bildungdidaktik an der TH Köln
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