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Cornelia Muth: Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik

Rezensiert von Dr. phil. Mandana Kerschbaumer, 28.11.2011

Cover Cornelia Muth: Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik ISBN 978-3-89974-544-3

Cornelia Muth: Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. 2. Auflage. 238 Seiten. ISBN 978-3-89974-544-3. 21,50 EUR.
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Was zum Menschen führt

„(…) weil der Mensch nur mit Anderen seine Identität und sein Selbst entwickeln kann.“ (Unterste1994 in Muth 2011:136). Cornelia Muth geht der transkulturellen Komplexität sozialer, gesellschaftlicher, professionsbezogener und politischer Interaktions- und Verständigungsprozesse nach. Ihre Untersuchung zielt auf die bildungspolitisch einflussreiche Profession der Erwachsenen-bildung ab, die in modernen Gesellschaften hinsichtlich ihrer eigenen professionsbezogenen Verantwortung ebenso die „intersubjektive und globale Verantwortungsübernahme“ (Muth) ihrer Adressantinnen und Adressaten anstrebt. Auf Basis Martin Bubers Dialogphilosophie fordert Muthdie Erwachsenenbildung zu unerlässlich transkultureller Orientierung, zu transkulturellem Handeln und zu kritischer Selbstreflexion auf: Die Erwachsenenbildung braucht eine „Haltung“ zu Ihrem Handeln, die über alleiniges Verstehen hinausgeht, und durch „direkte Interaktion“ (sozialer Dialog) bis in die „Lebenspraxis“ wirkt, die sich pluralistisch-transkulturell ausdrückt (vgl. Muth S.19 ff). Diese Ausrichtung vermag das Subjekt in dialogisches Beziehungshandeln zu führen. Muth widmet sich zunächst einer profunden Begriffsdifferenzierung von ‚Interkulturalität? und ‚Transkulturalität? sowie ihren gesellschaftlichen, pädagogischen und (sozial)politischen Verständnissen und Auswirkungen. Sie untermauert ihre Analyse zur Profession der Erwachsenenbildung, unter Einbezug der Dynamiken moderner Risikobedingungen, mit gesellschaftspolitischen, (religions-)soziologischen und sozialphilosophischen Ausführungen zu Gegenwartsanalysen wie beispielsweise jene eines Giddens, Berger, Beck, Habermas und Oevermann. Daraus erschließen sich die zentralen Fragen: Welchen bildungspädagogischen und gesellschaftlichen Beitrag kann Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik (Muth) leisten, was soll darunter verstanden werden und welche Haltung sowie inhaltliche Ausrichtung bilden ihr gedachtes Fundament?

Autorin

Prof. Dr. Cornelia Muth, 1961, ist als Professorin für Erziehungswissenschaft und Sozial-philosophie/Ethik an der Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Soziale Arbeit, tätig. Frau Muth promovierte über Martin Bubers Dialogphilosophie.

Entstehungshintergrund

Cornelia Muth entwarf ihre Konzeption zu ‚transkulturellen Verständigungsprozessen? bereits in den 1990er Jahren. Im Zuge der seit den 1980er Jahren nachhaltig drängenden Globalisierungsthemen beispielsweise in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Fragen zur Risikogesellschaft, zu Ökologie, Ökonomie und transnationaler Migration, gewinnt Muths Analyse zur Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik höchste Gegenwartsbezogenheit.

Aufbau und Inhalt

In ihrem Buch durchleuchtet Cornelia Muth den Begriff Transkulturelle Dialogik, in Abgrenzung und gleichsam ontologischer „Verbundenheit“ zu vielfältigen Auffassungen über Interkulturelle Bildung. Dies führt zu einem vertieften Verständnis von Transkultureller Dialogik. Theoretischer Referenzpunkt ist Martin Bubers Dialogphilosophie zum Verhältnis zur „Andersheit der Anderen“ (Martin Buber) sich im „Antzlitz des Anderen“ (Emmanuel Lévinas) befinden. Der Professions- und damit praxisorientierte Fokus konzentriert sich auf die Erwachsenenbildung im Zusammenhang mit ihren Herausforderungen als transkulturelle Dialogik (Muth). Korrespondierend mit Bubers Überlegungen, bezeichnet Transkulturalität die Lebenspraxis als „Subjekt-Subjekt“ Begegnung (Muth) und das Handeln mit authentischer Hingabe für ein „Ich-Du„-Geschehen (vgl. Buber in Muth). Muth wirft folglich einen kritischen Blick auf die gängige Auffassung von Interkulturalität, die eine dialogisch-orientierte Kommunikationsform vernachlässigt und deshalb eine „Ich-Es-Haltung“ - als „Subjekt-Objekt-Erfahrung“ des Menschen (Muth) – auszudrücken scheint. Interkulturalität, so Muth, zeichnet das „politische Prinzip“, das Kulturen zueinander abgrenzend und eingefasst definiert haben möchten. Die Dynamik der Interkulturalität operiert tendenziell mit „scheinbaren Sicherheitsangeboten“ (Muth), da das politische „Versprechen“, mittels scheinbar klaren Identitäten sowie gerechtfertigten gesellschaftlichen Selektionsprozessen, eine „vorgestellte Gemeinschaft“ („imagined community“ nach Benedict Anderson, 1983) phantasieren lässt (obgleich die Realgesellschaft eine pluralistische ist). Dialog meint das Ontologische, nicht das Normative, welches Andersheit (bei Buber) oder Anderheit (bei Levinas) zu kontrollierende und als zu begrenzende Anderheit diagnostiziert. In diesem Zusammenhang eröffnet Muth unterschiedliche Zugänge zur Debatte um Transformationsprozesse in dieser Welt (Globalisierungsdynamiken), die mit gewohnten und unbekannten Risiken und Krisen verbunden sind. Zur existentiellen Bewältigung der jeweiligen Risikoumwelt, so Muth, benötigen Menschen die Fähigkeit für ein Übergangshandeln. Transkulturalität präsentiert sich damit als lebenspraktische Fähigkeit (vgl. auch Welsch 1996 in Muth). Transkulturelle Erwachsenenbildung benötigt allerdings selbst die Ausbildung zur Übergangsfähigkeit (Muth) und die zusammenhängende Entwicklung von globaler Verantwortung sowie einer dadurch verwobenen pluralistischen, dialogorientierten Haltung, um diese ihren Adressatinnen und Adressaten in einem konstruktiv-kritischen Dialog zu vermitteln. Wie diese Wahrnehmungs- und Handlungs-Kompetenzen zu gewinnen sind, dem geht Muthin vielschichtiger Weise in ihrem Werk nach. Das Thema dieser Arbeit zeigt auf (sozial-)philosophische, pädagogische, (religions-)soziologische und (bildungs-)politische Provenienzen der Erwachsenenbildung als Profession.

Cornelia Muths Werk behandelt sechs aufeinander aufbauende Kapitel.

Im Anschluss an die thematische Heranführung folgt Kapitel 2: Erwachsenenbildung als Teil transkultureller Lebenspraxis führt in Ansatzpunkte der Erwachsenenbildung auf Basis gesell-schaftlicher Modernitätsanalysen ein. In diesem Zusammenhang wird der moderne Mensch, in (oft unbewusster) ontologischer Unsicherheit, im Kontext gesellschaftlich transkultureller Lebenspraxis diskutiert.
Des Weiteren werden die „Dialogphilosophie“ Martin Bubers sowie Buber-Rezeptionen in synergetischer Weise mit pädagogischen Interaktionstheorien über interkulturelles Handeln in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen beleuchtet. Dialog wird als Haltung verstanden, „die in die Lebenspraxis führt“ (Muth S. 42 ff). Muth stellt verwandte wie gleichermaßen differente theoretische Standpunkte von Levinas und von Habermas den Auslegungen Bubers gegenüber.

Kapitel 3: Dialogik als Struktur von Interkulturalität und Dynamik von Transkulturalität untersucht die Dialogphilosophie Bubers als „pädagogische Interaktionstheorie“. Der Begriff „Kultur“ wird im Sinne des Konzepts „Transkulturalität“ nicht nur nach Buber als Diversität von Lebensweisen verstanden (vgl. auch Welsch, Schmitz in Muth). Die Profession Erwachsenenbildung benötigt ein Handlungskonzept, das transkulturelle Lebenspraxen in dialogischem Verständnis wahrnimmt und die Erwachsenenbildung zu Selbstreflexion führt.
Darüber hinaus bespricht Muth in kritischer Absicht das Menschenbild der geschlechterspezifischen Ausführungen in der Dialogphilosophie nach Buber. In diesem Zusammenhang weist Muth kritisch auf augenfällige Widersprüche in Bubers traditionell-bürgerlichen Darlegungen zum Geschlechterverhältnis hin.

Kapitel 4: Monologische und dialogische Aspekte in der interkulturellen Bildung diskutiert gegenwärtige Forschungserkenntnisse der interkulturellen Bildung. Die Teilabschnitte dieses Kapitels fokussierten das pädagogische Handeln in Verknüpfung mit Auffassungen zu interkulturellem Lernen als Identitäts- und soziales Lernen. PädagogInnen mögen, so Muth, in ihrer Rolle als transkulturelle Sozialisationsinstanz, über die Wirkung ihres pädagogischen Handelns „Bewusstsein über das eigene Ich“ gewinnen: „Der Mensch kann sich erleben, und indem er sich den Anderen zeigt, kann er selbst sein“ (in Muth S. 153).

Kapitel 5: Zur Verknüpfung von Dialogik mit interkultureller Bildung fokussiert Erwachsenen-bildnerInnen als soziale AkteurInnen, die in ihrer auf Dialog ausgerichteten Praxis, eine trans-kulturelle Ich-Du Begegnung erreichen sollen, die, auf Vertrauen basierend, eine intersubjektive wie auch gesellschaftliche Verantwortung anstrebt. In der interkulturellen Bildung, so Muth, wird diese Perspektive nicht behandelt. Sie wird meist aus religionspädagogischer Sicht dargelegt, die ihr Denken allerdings kaum auf säkulare, moderne Prozesse in demokratischen, pluralen Gesellschaften bezieht. Aufschlussreich zeigt sich einerseits der Diskurs zur Dialogik von Buber und den gegenwärtigen Überlegungen zur Pluralitätstheorie des zeitgenössischen Soziologen Berger – andererseits die Dialogik, eingebettet in der Wahrnehmungsvielfalt unterschiedlicher Zeitmodi, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (vgl. Trompenaars 1993, internationale Studie zur Wahrnehmung von Zeitmodi; in Muth 2011:169f).

Kapitel 6: Dialog-pädagogisches Handeln als transkulturelles Handeln diskutiert Praxis-Transfer-Überlegungen für eine dialogische Erwachsenenbildung, die sich mit transkulturellem Lernen als Identitätslernen und mit (auch den eigenen) transkulturellen Biografien auseinandersetzen: „Dialog-orientierte PädagogInnen tragen Verantwortung für den Begegnungsrahmen“ (Muth ebd.:192).

Fazit

Mit geschliffener Sprache rückt Cornelia Muth an die Quelle des „Dialogs“ des Zwischen-menschlichen, des „Ich-Du-Es„-Verhältnisses. Muths Werk leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis und zur unbedingten Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Dialog-Orientierung in modernen demokratischen Gesellschaften. Am Beispiel der Erwachsenenbildung fordert Muth die Profession zu einem menschenrechtssensiblen, transkulturellen Selbstverständnis hinsichtlich ihrer Haltung und ihres Handels auf. Die Prinzipien der Dialogik nach Buber transferiert Muth in die Profession der Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik - ohne kritische Punkte, Themen oder Positionen zu vernachlässigen.

Der Gesamttext präsentiert sich höchst komplex und als dichte Beschreibung. Dieses Werk ist akademisch aufschlussreich und für die Bildungspraxis beachtlich. Die schlussfolgernde Frage könnte lauten: Was vermag die Erwachsenbildung als transkulturelle Dialogik zu vermitteln und inwiefern kann dieses Selbstverständnis eine bedeutende Herausforderung für die Professionsentwicklung der Erwachsenenbildung sein?

Rezension von
Dr. phil. Mandana Kerschbaumer
Soziologin, Akad. Supervisorin, Dipl. Erwachsenenbildnerin Schwerpunktthemen: Migration, Transmigration, Diversität, „Integration“ Lebt und arbeitet seit 1987 in der Schweiz Berufstätigkeit als Dozentin und Ausbildungssupervisorin FH und HF

Es gibt 2 Rezensionen von Mandana Kerschbaumer.

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Zitiervorschlag
Mandana Kerschbaumer. Rezension vom 28.11.2011 zu: Cornelia Muth: Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. 2. Auflage. ISBN 978-3-89974-544-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11332.php, Datum des Zugriffs 23.05.2022.


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