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Michael Galuske: Methoden der sozialen Arbeit

Cover Michael Galuske: Methoden der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 9., ergänzte Auflage. 407 Seiten. ISBN 978-3-7799-1441-9. 15,50 EUR.

Reihe: Grundlagentexte Sozialpädagogik, Sozialarbeit.

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Thema

Schon in seiner Einleitung macht Galuske deutlich, dass es ihm bei seinem Werk nicht nur um Methoden als Techniken beruflichen Handelns geht, sondern um eine wissenschaftsbasierte und praktisch orientierte Darstellung und Diskussion der wichtigsten Methoden, die der Profession Sozialer Arbeit zur Verfügung stehen. Die Frage nach den Methoden will kein Rezeptwissen zusammentragen, sondern versteht sich als ein „Kernbereich der sozialpädagogischen Theorie“(S. 18).

Autor

Dr. phil. Michael Galuske war bis zu seinem Tod im Februar 2011 Professor für Sozialpädagogik an der Universität Kassel mit den Arbeitsschwerpunkten: Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit, Jugendsozialarbeit, Modernisierungsfolgen und Jugendsozialarbeit.

Entstehungshintergrund und Änderungen seit der Erstauflage

Das Buch erscheint nun nach der Erstauflage 1998 bereits in der 9. Auflage in der von Thomas Rauschenbach herausgegebenen Reihe „Grundlagentexte der Sozialpädagogik/Sozialarbeit“ (vgl. auch die Rezension zur 7. Auflage). Dies zeigt, dass die Diskussion um Methoden der Profession Sozialer Arbeit nichts an wissenschaftlicher Aktualität verloren hat und ein Handbuch der Methoden immer wieder neu aktualisiert werden muss. So sind auch in diesem Band wieder aktualisierende Veränderungen vorgenommen worden. Das Buch ist um einen grundsätzlichen neuen Beitrag zum Thema sozialpädagogischer Diagnostik erweitert worden. Dafür ist der Beitrag zur rekonstruktiven Sozialpädagogik herausgenommen worden, da es sich bei diesem Ansatz um einen wesentlichen „Bestandteil hermeneutisch-rekonstruktiver Diagnoseverfahren“(S. 7) handelt. Zum anderen ist der Beitrag zum Empowerment entfallen, da dies keine Methode im engeren Sinn, sondern „eine konzeptionelle, normative Orientierung“(S. 7) der sozialen Arbeit darstellt. Hinzugekommen ist zudem ein Kapitel zur Konfrontativen Pädagogik, die in der Praxis Sozialer Arbeit in verschiedenen Ausformungen eine immer größere Bedeutung gewinnt. Die Überarbeitung und Aktualisierung vieler Beiträge zu einzelnen Methoden fehlt leider, so dass der Anspruch des Buches im Hinblick auf wissenschaftliche Aktualität nur begrenzt umgesetzt ist.

Aufbau

Der Aufbau des Buches mit seinen drei grundlegenden Teilen ist geblieben. So werden in einem ersten Teil zunächst Fragen zu den Rahmenbedingungen methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit geklärt, in einem zweiten großen Teil die methodischen Ansätze der grundlegenden Arbeitsformen der Sozialen Arbeit wie Einzelhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit in ihrer geschichtlichen und aktuellen Bedeutung besprochen und als dritter großer Teil schließen sich die einzelnen Beiträge zu verschiedenen Methoden selbst an.

1. Rahmenbedingungen methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit

Zunächst stellt Galuske im ersten Teil des Buches die „Rahmenbedingungen methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit“ (S. 21-72) vor. Dabei wird der Methodenbegriff im Rückgriff auf den klassischen Ansatz von Heinz Geißler und Marianne Hege entwickelt, in den Rahmen institutioneller und gesellschaftlicher Kontexte eingebunden, in die jeweilige theoretisch fundierte Konzeption des professionellen Handelns eingeordnet und zu dem untergeordneten Begriff der beruflichen Techniken abgegrenzt.

Die besonderen Herausforderungen der Annäherung an den Methodenbegriff ergeben sich aufgrund der spezifischen Merkmale der Profession. So ist z.B. eine Soziale Dienstleistung immer als gemeinsamer Aushandlungsprozess zwischen Klient und professioneller Fachkraft zu verstehen, so dass die Kommunikationsform der Beziehungsgestaltung die jeweilige Methode elementar prägt. Auch die Allzuständigkeit, die fehlende Monopolisierung von Tätigkeitsfeldern im Vergleich zu anderen Professionen, die Schwierigkeit der Durchsetzungsfähigkeit von Kompetenzansprüchen und die Abhängigkeit der Profession von staatlicher Steuerung prägen die jeweiligen sozialpädagogischen Handlungssituationen, in denen die Methoden zum Tragen kommen (vgl. S. 38f).

Neben den spezifischen Strukturbedingungen führt auch die Diskussion der Grenzen und Probleme der Methodendiskussion selbst zum Ergebnis, dass „ein naturwissenschaftlich-technologisches Methodenverständnis“ (S.71) für die Profession Sozialer Arbeit unangemessen ist. Methoden können nicht als Instrumente gezielter Verhaltens – und Persönlichkeitsveränderung der Klientel verstanden werden, da es jeweils um Konstruktionen von Beziehungen, Situationen und Lebensräumen geht, die „ein hohes Maß an biographischer Sensibilität und situativer Intelligenz“ (S. 71) bedürfen.

2. Stationen in der Methodendiskussion

Im zweiten Teil des Buches „Stationen in der Methodendiskussion“ (S. 73-160) werden zunächst die klassischen Methoden der Einzelhilfe, Sozialen Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit in ihrer geschichtlichen Entwicklung bis zur Phase der grundsätzlichen Methodenkritik in den 70er und 80er Jahren im Überblick dargestellt. Die Ergebnisse der kritischen Diskussion werden für die Weiterentwicklung der Methodendiskussion nutzbar gemacht und in der Darstellung der Professionalisierungsdebatte, der Welle therapeutischer Konzepte in der Sozialen Arbeit, den neueren Ansätzen der Lebensweltorientierung und Neuen Steuerung weiterverarbeitet. Ein kurzes und prägnantes Kapitel mit aktuellen Thesen zur Methodenfrage stellt eine gute Zusammenfassung des zweiten Kapitels dar. Hier werden Kriterien und Elemente benannt, die notwendige Bestandteile einer Methode in der Sozialen Arbeit sein sollen. Methoden müssen „Hilfen zur Informationsgewinnung“, „zur Gestaltung von Kommunikation und Interaktion“ , zur Gestaltung von flexiblen institutionellen Settings“, zur „Phasierung des Hilfeprozesses“, „zur Sicherung der Partizipation“ und „zur prozessbegleitenden Kontrolle“ (S. 160) bereitstellen.

3. Methoden in der Sozialen Arbeit. Überblick und Steckbriefe

Der dritte Teil des Buches „Methoden in der Sozialen Arbeit. Überblick und Steckbriefe“ (S. 161 – 380) bietet eine Einführung in die Vielfalt der aktuellen Methodenlandschaft der Sozialen Arbeit. Auf jeweils sieben bis zehn Seiten werden 19 methodische Ansätze in ihrer geschichtlichen Entwicklung zusammenfassend dargestellt sowie an Hand spezifischer fachlicher Standards diskutiert und kritisiert. Ein inneres Ordnungsmuster dieser Vielfalt entwickelt Galuske durch die Differenzierung der direkt und indirekt interventionsbezogenen Methoden von den sogenannten struktur- und organisationsbezogenen Methoden. So werden als direkt interventionsbezogene Methoden im Hinblick auf den Einzelfall bzw. die Primärgruppe die Sozialpädagogische Beratung, die Klientenzentrierte Gesprächsführung, die multiperspektivische Fallarbeit und das Case Management, Mediation, Sozialpädagogische Diagnose, Familientherapie, Familie im Mittelpunkt (FiM) dargestellt. Als direkt interventionsbezogene Methoden im Hinblick auf Gruppenarbeit und Sozialraum werden Erlebnispädagogik, Themenzentrierte Interaktion, Konfrontative Pädagogik, Streetwork, Sozialraumorientierung, Prävention und Soziale Netzwerkarbeit bearbeitet. Supervision und Selbstevaluation werden als indirekt interventionsbezogene und Sozialmanagement sowie Jugendhilfeplanung als struktur- und organisationsbezogene Methoden behandelt. Im dem neuen 18. Kapitel zur sozialpädagogischen Diagnostik (S. 215-230) werden die Traditionsstränge einer hermeneutisch orientierten rekonstruktiven Diagnostik von den verschiedenen Ansätzen einer oftmals sozialtechnologisch ausgerichteten klassifikatorischen Diagnostik unterschieden. In der Diskussion der umfassend dargestellten Modelle wird auf die Bedeutung des kommunikativen Prozesses zwischen Klienten und Fachkräften hingewiesen und ein „kritisch-hermeneutisches Professionsverständnis“ (S. 229) angemahnt. Die Einbeziehung der Selbstdeutungen der Lebenswirklichkeit durch die Klienten ist für Galuske ein wesentliches Qualitätsmerkmal sozialpädagogischer Diagnostik. Erstaunlich ist an dieser Stelle, dass wichtige neuere Ansätze wie die von P. Pantucek (2009) noch nicht aufgegriffen werden. Das andere neue Kapitel der konfrontativen Pädagogik (S. 271-289) liefert einen sehr guten Überblick über das Anti-Agressivitäts-Training und Coolness-Trainingsprogramm. Da diese Methoden oft in Zwangskontexten Sozialer Arbeit zum Tragen kommen, ist die inhaltliche Diskussion und fundierte Kritik an diesen Ansätzen für die Praxis Sozialer Arbeit sehr wertvoll und ermöglicht einen reflektierten und kritischen Umgang mit diesen Ansätzen.

Diskussion

Michael Galuske ist es in seinem Werk gelungen, die Methodenfrage in der Theoriediskussion Sozialer Arbeit zu verankern und gleichzeitig ein sehr brauchbares, übersichtliches und verständliches Praxishandbuch zu schreiben. In den Kapiteln finden sich als grau unterlegte Texte zusammenfassende Definitionen als Lerntexte, Empfehlungen von weiterer Literatur und als Veranschaulichung auch praktische Beispiele aus Geschichte und Gegenwart der Praxis Sozialer Arbeit. Die Aktualität einzelner Fragestellungen wird besonders immer dann deutlich, wenn Verbindungen zu den gesellschaftspolitischen und disziplinbezogenen Themen hergestellt werden. Einzelne Beiträge, die wiederum unbearbeitet in die neue Auflage übernommen worden sind, bedürfen aber dringend einer aktualisierenden Neubearbeitung. So wird im Beitrag zur Familientherapie (S. 231-239) eine Definition von M. Textor aus den 80er Jahren verwendet und auf die Einbindung aktueller Literatur verzichtet. So sind auch die kritischen Anmerkungen von Galuske zur Diskussion dieses Ansatzes auf dem Hintergrund neuerer konstruktivistischer Ansätze der Familientherapie und deren Einbindung in die nun als wissenschaftliches Verfahren anerkannte Systemische Therapie längst überholt. Der Beitrag zur sozialpädagogischen Beratung (S. 170-177) braucht dringend der Ergänzung um die neuen Standards der Deutschen Gesellschaft für Beratung, in dem sich 31 Verbände zusammengeschlossen haben (vgl.: http://www.dachverband-beratung.de). Auch bei diesem Beitrag hört die Fachdiskussion mit dem Hinweis auf die Arbeiten von U. Sickendiek; F. Engel und F. Nestmann 1999 auf. Aufgrund der fehlenden Aktualisierung vieler Beiträge kommen auch fachlich fragwürdige Interpretationen zustande, die junge Leserinnen und Leser, die mit der Tradition und aktuellen Diskussion der Methode nicht vertraut sind, in die Irre führen, da die Bewertungen auf dem Hintergrund von überholten Tatsachen beruhen. So schreibt Galuske zum Beispiel in dem Beitrag zur Supervision (S. 338-345), dass Supervision „trotz der Öffnung hin zu Fragen der Organisationsentwicklung bis heute noch weitgehend psychotherapeutisch orientiert ist“ (S. 345) und sich in Anlehnung an die Kritik von Pfaffenberger aus den 70er Jahren „auf die Bearbeitung individueller Deutungsmuster und Beziehungsdynamiken“ (S. 345) beschränke. Wer das Selbstverständnis der großen Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) und anderer Supervisionsverbände kennt, wird diese Position von Galuske nicht stehen lassen können.

Hilfreich wären bei diesem Handbuch auch Hinweise zu den jeweiligen bundesweit organisierten Berufs- und Fachverbänden, die die jeweiligen methodischen Ansätze vorantreiben und die Qualität in entsprechenden Fort- und Weiterbildungen sichern. Nur so würde deutlich, dass es sich bei dem Werk von Galuske um ein Einführungsbuch handelt, das nicht dazu befähigt, einzelne Methoden auch anzuwenden, da für die Umsetzung der jeweiligen Methoden oftmals eine qualifizierte Weiterbildung sinnvoll und teilweise notwendig ist.

Den Herausgebern der Reihe ist bei einer weiteren eventuellen Neuauflage dieses Buches zu empfehlen, die einzelnen Beiträge des dritten Teils zu den Methoden von verschiedenen Autorinnen und Autoren schreiben zu lassen, die in der aktuellen Diskussion des jeweiligen Ansatzes verankert sind.

Fazit

Die nun schon neunte, erweiterte Auflage zeigt, wie sehr ein solches Kompendium in der Fachwelt der Theorie und Praxis Sozialer Arbeit gebraucht wird. Da die Aktualität der Überarbeitung bei einigen Beiträgen fehlt, ist dieses Buches für Lehre, Studium und Praxis als grundlegendes Werk nur bedingt zu empfehlen. Einige Beiträge des dritten Teils bedürfen aktueller Ergänzungen. Es ist Thomas Rauschenbach zuzustimmen, wenn er im Hinblick auf die neuere Professionsdebatte der Wissenschaft Sozialer Arbeit schreibt: „Insofern bietet der vorliegende Band von Michael Galuske eine gute Möglichkeit, sich in die Grundlagen sozialpädagogischen Handelns und in die traditionellen wie neuen Methoden einzuarbeiten.“(S. 6). Diese Einarbeitung bedarf jedoch im Hinblick auf einzelne Methoden der Vertiefung durch die jeweils aktuelle Fachdiskussion.


Rezensent
Dr. Georg Singe
Dipl.-Sozialarbeiter, Dipl.-Theologe Systemischer Familientherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut (DGSF)
Dozent an der Fakultät I für Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften, Fachbereich Soziale Arbeit der Universität Vechta
Homepage www.uni-vechta.de/soziale-arbeit/mitglieder/georg-s ...
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Zitiervorschlag
Georg Singe. Rezension vom 14.07.2011 zu: Michael Galuske: Methoden der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 9., ergänzte Auflage. ISBN 978-3-7799-1441-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11343.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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