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Frans de Waal: Das Prinzip Empathie

Rezensiert von Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke, 21.07.2011

Cover Frans  de Waal: Das Prinzip Empathie ISBN 978-3-446-23657-8

Frans de Waal: Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können. Hanser Verlag (München) 2011. 351 Seiten. ISBN 978-3-446-23657-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema und Zielsetzung

„Gier ist out, Empathie ist in“, so beginnt Frans de Waal sein Buch über „Das Prinzip Empathie“, in dem er dem weithin postulierten Dogma des rigorosen und gewaltsamen Recht des Stärkeren im Tierreich widerspricht und dafür zahlreiche gesammelte Befunde vorstellt. Anhand dieser Befunde macht er deutlich, dass das Tierreich durchaus durch Einfühlung, Sympathie und strategisches Miteinander gekennzeichnet ist. Kooperation gehöre zu unserer genetischen Grundausstattung, so Frans de Waal.

Autor

Prof. Frans de Waal, Ph.D. wurde 1948 in Den Bosch (Niederlande) geboren, studierte in den Niederlanden Biologie und Ethnologie und promovierte 1977 in Biologie. Nach mehreren internationalen Forschungsaufenthalten wanderte in die USA aus und ist dort als renommierter Primatenforscher seit 1991 Direktor des Living Links Center der Psychologischen Fakultät an der Emory Universität sowie Lehrstuhlinhaber am Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta (USA). Er veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Artikel und einige Monographien.

Entstehungshintergrund

Der Autor gehört zu den renommiertesten Primatenforschern, begann allerdings erst kurz vor seiner Auswanderung in die USA (1980) sich für Konfliktlösung und Kooperation bei Primaten zu interessieren. Er schildert in seinem Buch eine Anekdote über den „Tod [s] meines Lieblingsschimpansen“ durch einen Übergriff anderer Schimpansen, wobei er in diesem Zuge ausgeprägtes konfliktlösendes/-schlichtendes und friedensstiftendes Verhalten bei den Mitgliedern der Gruppe beobachtet hatte.

Aufbau und Inhalt

Frans de Waal skizziert “Das Prinzip Empathie“ nach einem kurzen Vorwort über die Finanzkrise, amerikanische Politik und die zitierten Worte Barack Obamas über das Vorliegen eines “Empathie-Defizit[s]“ in sieben Kapiteln.

Das erste Kapitel über „Biologie von links und rechts“ beginnt de Waal mit einem kurzen Abriss über die Wirtschaftstheorie und das damit verbundene Menschenbild (nach Hobbes bzw. Smith) und schließt damit, dass eine blühende Wirtschaft mit einer humanen Gesellschaft in Einklang zu bringen sein solle. Rechtfertigung und Folge eines negativistischen Menschenbildes und (neo-) liberaler Wirtschaftsordnung sei allerdings vermeintlich evolutionär und (damit) genetisch bedingtes egoistisches Handeln. Zudem äußert der Autor seine Sorge, dass die Menschheit sich einer unsolidarischen Gesellschaftsordnung immer weiter annähere, wobei das Tierreich bei genauerem Hinsehen für Altruismus und Fairness Modell stehe. Daher bedürfe es aus phylogenetischer Sicht einer „Generalüberholung unserer Annahmen über die menschliche Natur.“ De Waal weist auf das intrinsische Bindungsverhalten verschiedener Tierarten hin, illustriert implizite Verbindungen unter Menschen (vgl. „Soziale Resonanz“) und referiert die Utopie des Behaviourismus von „Babyfarmen“, die dem rationalen Menschen die Notwendigkeit sozialer Bindungen abspreche. Zur Verstärkung des intrinsisch Sozialen im Tier führt er Schwarmverhalten und Lebensweisen in (Klein-) Gruppen bei fehlender biologischer Notwendigkeit dieser Lebensweise an.

„Der andere Darwinismus“, das zweite Kapitel, widmet sich zunächst dem naturalistischen Fehlschluss des Sozialdarwinismus, woran sich Überlegungen über die Genese der Lesart des Darwinismus anschließen (Zeit der industriellen Revolution, Frage nach der Teilung des eigenständig erwirtschafteten Reichtums). Auch hier greift Frans de Waal immer wieder aus Verhaltensbeobachtungen aus dem Tierreich (v.a. Primaten) zurück. Im Verlauf weist er auf die Fehlerhaftigkeit der Interpretation des egoistischen Gens von Richard Dawkins hin, dass durchaus solidarisches Verhalten impliziere.

Das dritte Kapitel über „Gespräche von Körper zu Körper“ beginnt de Waal mit dem Ansteckungscharakter des Humors, Lachens und Gähnens und weist damit auf eine artenübergreifende „Synchronisierung“ von Körpern hin. Darüber hinaus führt er den Herdeninstinkt an, um schließlich mehrere Versuche für den Hinweis „neuronaler Resonanz“ und ihrem neurobiologischen Korrelat der Spiegelneurone darzustellen. Darauf folgend legt der Autor die existentielle Relevanz von Imitationsverhalten im Tierreich dar und weist auf menschliche Korrelate hin (Popkonzerte, frühkindliche Imitation). Im darauf folgenden Unterkapitel klärt de Waal zunächst den Begriff der Empathie, der sozialisationsunabhängig und unbewusst sei und weist auf den Automatismus bei Tier und Mensch hin, sich in andere Menschen und deren Situationen hinein zu versetzen (Schmerzen, taumelnder Hochseilartist). Er sucht daher keineswegs Befunde für den Ursprung und die Funktionsweise der Empathie, sondern vice versa für die Möglichkeit, Empathie abzuwenden.

Im vierten Kapitel stellt Frans de Waal Sympathie in Abgrenzung zur Empathie zunächst als proaktives „gesteigertes Bewusstsein für die Gefühle des anderen [...] und den Drang alles zu tun, was erforderlich ist, um die Not des anderen zu lindern.“ In diesem Kontext wird das Phänomen des Tröstens im Tierreich und im frühkindlichen Verhalten illustriert, wobei de Waal auf die Voraussetzung des Erkennens des Seelenlebens anderer Individuen hinweist. Schließlich kommt der Autor auf Altruismus bei Tieren zu sprechen und untermalt diese mit Beobachtungen an wildlebenden Tieren und artifiziellen Tierversuchen.

Das fünfte Kapitel stellt zunächst Versuche zum Selbstbewusstsein (Selbsterkennung im Spiegel) bei verschiedenen Arten (Elephanten, Delphinen) und zu verschiedenen Zeitpunkten der Individualentwicklung dar und führt die Ko-Emergenz-Hypothese (Entwicklung qualitativ neuer Fähigkeiten parallel in Onto- und Phylogenese) ein. Allerdings gesteht de Waal auch Limitationen (Un-/ Eindeutigkeit von Versuchsergebnisse) ein. Im Folgenden weist der Autor auf protodeklarative Gesten (z.B. Fingerzeigen) in der menschlichen Ontogenese und phylogenetischer Korrelate hin.

Der hobbes’sche Utilitarismus dient de Waal zum Auftakt des sechsten Kapitels („Denn von jedem Menschen nimmt man an, dass er das für ihn Gute von Natur, das Rechte aber nur des Friedens wegen und zufällig anstrebt“) und steht zur Aberkennung seiner Gültigkeit Modell. Zunächst werden menschliche und schließlich tierliche Beispiele für Schadenfreude illustriert, wobei sich diverse Schilderungen über - auch artenübergreifendes - vertrauenswürdiges (kommensales und symbiotisches) Verhalten im Tierreich direkt anschließen und durch Schilderungen über das Gedächtnis und Hilfsbereitschaft ergänzt werden. Es schließen sich Ausarbeitungen über die Merkfähigkeit von Tieren über Gefälligkeiten und deren spätere Reaktionen darauf an, die detailliert ausgearbeitet werden. Daraufhin weist de Waal auf den Gerechtigkeitssinn bei Tieren und Menschen hin und zeigt Reaktionen auf Ungerechtigkeit auf.

Das letzte Kapitel weist Frans de Waal auf ungerechtfertigte, reflexartige Zuordnung böser Eigenschaften zu Tieren im Vergleich zu Menschen hin und bemüht sich, dies ad absurdum zu führen. Hier referiert der Autor erneut auf Empathie als Identifikation, die es uns schwer mache, anderen Böses zu tun, hin.

„Sich auf diese angeborenen Fähigkeiten zu besinnen kann jeder Gesellschaft nur zum Vorteil gereichen“, so schließt Frans de Waal „Das Prinzip Empathie.“

Zielgruppen

Der Autor selbst macht keine Angaben über eine bestimmte Zielgruppe. Das Buch ist allerdings für Jedermann ohne Vorkenntnisse verständlich geschrieben und bei Interesse an Verhaltensbeobachtungen und deren kundiger Interpretation dem Leser sehr willkommen. Vor allem eine philanthrope Grundhaltung begünstigt die Einsicht in die von Frans de Waal skizzierten Aspekte.

Diskussion

Frans de Waal vertritt in seinem Buch ein durch und durch positivistisches Menschenbild, welches er auf das Tierreich recht energisch ausweitet. Dazu illustriert er zahlreiche Beispiele aus dem Tierreich. Die lebhaften Schilderungen von (Verhaltens-) Beobachtungen mitsamt der beständigen unilateralen Betonung positivistischer Aspekte dürften den einen oder anderen Leser zum Schmunzeln bringen. Neben einigen Angriffen auf das hobbes’sche Menschenbild bieten sie aber keine systematische Auseinandersetzung damit, sondern bleiben (Einzel-) Fallschilderungen, die allerdings zugegebenermaßen wissenschaftlich fundiert und zahlreich sind.

Fazit

„Das Prinzip Empathie“ von Frans de Waal ist ein durchaus lesenswertes Buch, das auch einen Leser ohne Vorwissen auf dem Gebiet der Verhaltensforschung und Neurobiologie problemlos „mitnimmt“. Dabei ist der Inhalt von einem durch und durch positivistischen Menschenbild geprägt.

Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 21.07.2011 zu: Frans de Waal: Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können. Hanser Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-446-23657-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11350.php, Datum des Zugriffs 06.10.2022.


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