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Bettina Jansen-Schulz, Kathrin van Riesen (Hrsg.): Vielfalt und Geschlecht

Cover Bettina Jansen-Schulz, Kathrin van Riesen (Hrsg.): Vielfalt und Geschlecht - relevante Kategorien in der Wissenschaft. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 211 Seiten. ISBN 978-3-940755-82-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

Intersektionalität, als Erklärungskonzept von Differenz und sozialer Ungleichheit, sowie Diversity, als Antidiskriminierungs- bzw. Kompetenzansatz mit dem Schwerpunkt Vielfalt, sind in aller Munde. Diese Ansätze insbesondere mit dem besonderen Fokus auf Geschlecht zusammenzudenken und für die Praxis fruchtbar zu machen, ist das Anliegen des Sammelbandes. Die Publikation von Bettina Jansen-Schulz und Kathrin van Riesen gibt einen Überblick über relevante Diskussionsschwerpunkte in der Diversity- sowie der Genderforschung und stellt mit diesem besonderen Fokus das Konzept „Integratives Gendering“ für universitäre Lehre exemplarisch vor.

Herausgeberinnen

Bettina Jansen-Schulz, Diplom-Pädagogin, ist wissenschaftliche Referentin für Gender-Diversity und Hochschuldidaktik an der Leuphana Universität Lüneburg und selbstständige Wissenschafts- und Unternehmensberaterin (Tranferconsult). Kathrin van Riesen, Diplom-Pädagogin, arbeitet als wissenschaftliche Referentin im Frauen- und Gleichstellungsbüro ebenfalls an der Leuphana Universität Lüneburg.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist das Produkt einer gleichnamigen Ringvorlesung an der Leuphana Universität Lüneburg, welche Grundlagen der Gender-, Diversity- und Intersektionalitätsforschung vermittelte. Neben einem theoretischen Fokus, d.h. der Vermittlung der relevanten Diskussionsstränge in Wissenschaft und Forschung, wurde die Bedeutung der Kategorien Gender und Diversity für die berufliche Praxis in Pädagogik und Didaktik diskutiert. Die Durchführung der Ringvorlesung selbst stand für das theoretische Konzept der Autorinnen Pate, denn die teilnehmenden Studieren wurden in die Organisation sowie inhaltliche Bearbeitung der Themen konsequent einbezogen.

Aufbau und Inhalt

Aufschluss über Ziel sowie die theoretisch fundierten Grundlagen des Bandes gibt die Einleitung der beiden Herausgeberinnen. Diversityforschung bezieht sich auf die Hauptdimensionen Geschlecht, Alter, Ethnie, Religion/ Weltanschauung, sexuelle Orientierungen, körperliche und seelische Beeinträchtigungen (S. 9). Insbesondere im deutschen Raum ist sie aber als anwendungsorientierter Forschungsansatz noch unterentwickelt. Ganz anders der Intersektionalitätsansatz, der hier zu Lande vorwiegend in den Gender Studies eingehend diskutiert wird. Er liefert ein analytisches Instrumentarium zur Darstellung komplexer Ungleichheitskategorien und -verhältnisse, verharrt jedoch zumeist auf einer reinen Erklärungsebene und bietet daher nur bedingt einen Ansatzpunkt für praxisorientierte Arbeit. Gemeinsam mit der Diversity-Forschung sind ihm dieselben Forschungsdimensionen, nämlich Race, Class, Gender, Disability, Age, Nationality, Religion, Sexuality. Eine Verbindung des anwendungsorientierten Diversity-Ansatzes und dem „analytischen Forschungs- und Denkkonzept der Intersektionalität“ (S. 11) erscheint also eine logische Konsequenz.

Einen fundierten und sehr gut strukturierten Einblick in die „Grundfragen der Geschlechterforschung“ bietet der Beitrag von Günther Burkart. Der Autor verortet die Frauen- und Geschlechterforschung zunächst sozialhistorisch in gesellschaftspolitische sowie wissenschaftliche Rahmenbedingungen und zeichnet dann die wesentlichen Diskussionsstränge und Zäsuren, insbesondere in der soziologischen Debatte, nach.

Der spezifischen Strukturkategorie „Alter“ und der Altersvielfalt nähert sich Tanja Müller in ihrem Beitrag zu „Vielfalt des Alterns - Differenz oder Integration“ an (S. 51ff). Ihr gelingt es, die Kategorien Geschlecht und Alter als relevante Kategorien darzustellen, die in ihrer sozialen Ausprägung, soziale Exklusion- bzw. Inklusionsmechanismen prägen. Alter führt sie als relationale Kategorie in einer lebenslauftheoretischen Perspektive ein, da unterschiedliche Lebensphasen ebenso mit differenten gesellschaftlichen Erwartungen und Normen verbunden sind. Genau wie Geschlecht etabliert Alter „soziale Ordnungsstrukturen“ (S. 52), die es mit zu reflektieren gilt.

Einen spezifischen und empirisch fundierten Einblick in das Thema „Frauen mit Behinderungen“ bietet der Artikel von Angelika Henschel. Ihr Beitrag umfasst ausschließlich relevante Erkenntnisse über Lebens- und Problemlagen von Mädchen und Frauen mit Behinderung (S. 68). Ihre Befunde stellen dar, dass „Behinderung“ die dominante Ungleichheitskategorie darstellt, durch vergeschlechtlichte Zuweisungsprozesse jedoch zusätzliche Exklusionen für die benannte Gruppe resultieren. Henschel insistiert auf eine Perspektive, die soziale Interaktionsprozesse (doing gender und doing disabily) in den Blick nimmt und verweist damit auf gesellschaftliche Konstruktionsprozesse, die spezifische Ausschlüsse produzieren und plädiert für eine „Auflösung der binären Logiken“: nämlich behindert/ nicht behindert - weiblich/männlich (S. 80).

Martin Hailer befasst sich in „‚Gott schuf sie als Mann und Frau‘ - Gender und Geschlecht in der Theologie“ einerseits mit der Entstehungsgeschichte und Relevanz der feministischen Theologie. Neben einer systematischen Nachzeichnung der Entwicklung dieses Forschungsstranges und deren konkurrierenden Ansätze, nämlich der ethisch und der ästhetischen Richtung der feministischen Theologie, zeigt er eindrucksvoll am Beispiel der biblischen Schöpfungsgeschichten geschlechtersensible Interpretationsformen bzw. Lesarten, die eine Neujustierung bezüglich der Geschlechterfragen in der Theologie ermöglichen.

Die Debatten um Performativität und die Kritik Judith Butlers an der sex-gender Unterscheidung bewirkte eine Zäsur in der Frauen- und Geschlechterforschung. Steffi Hobuß erläutert in „Performativität und Diskurs“ die theoretisch-sprachphilosophisch orientierte Argumentation Butlers. Ihr gelingt es in verständlicher Art und Weise, die Performativitätsthese erkenntnistheoretisch herzuleiten, die einerseits postuliert, dass Normen sich zwar stets stabilisieren, jedoch wandelbar sind und dass darin auch befreiende Momente der Entnaturalisierung und der Dekonstruktion liegen.

Sinnvoll thematisch angeschlossen gibt der Beitrag von Hanno Balz einen Überblick zum herrschaftskritischen Theorem der „Hegemonialen Männlichkeit“ Rawyn Connells. Dieser erweitert den Blick aus der binären Logik Mann/Frau heraus auf eine Perspektive, durch die verschiedene Konstruktionen von Männlichkeit erkennbar werden, die sich aber einer gesellschaftlich dominanten Konstruktion von Männlichkeit unterordnen. Balz diskutiert die Ansätze der Männlichkeitsforschung auf der Folie der medial und politisch forcierten Debatte um die sogenannte „Krise der Männlichkeit“ und konstatiert stattdessen eine „Krise der traditionellen Geschlechterordnung“ (S. 119). Die spezifische Stilisierung ‚der Männer‘ als Opfer ist dem Autor zufolge eher als eine Strategie „männlicher Resouveränisierung“ zu werten, welche die „bedrohte Hegemonie“ innerhalb des hierarchischen Geschlechterverhältnisses aufrechtzuerhalten (S. 120).

Der Einblick „Heteronormativität oder Vielfalt und Differenz“ von Jan Pinseler untermauert queertheoretische Ansätze mit empirischen Befunden einer Medienanalyse prominenter Fernsehformate. Der Autor stellt dabei Heteronormativität in Zusammenhang mit Identitätskonstruktionen.

Die beiden letzten Artikel des Bandes versuchen Gender als Kategorie für zwei weitere Forschungsbereiche fruchtbar zu machen. Dagmar Bussiek erläutert dies für die Geschichte und Kulturgeschichte. Exemplarisch leitet sie die Relevanz der Kategorie Geschlecht am Beispiel der Rolle von Frauen im NS-Regime ein (S. l41ff) und erläutert dann die Anfänge der historischen Frauenforschung und die Entwicklung von der Perspektive der Frauengeschichte hin zu einer Geschlechtergeschichte (S. 145f). Inwieweit geschlechtsspezifische Zuschreibungen nun spezifische Produkte von „Kultur, Geschichte und Gesellschaft“ (S. 146) sind, weist sie kurz am Beispiel der differenten Geschlechternormierung in der BRD und DDR nach. Sie konstatiert folgerichtig, dass das Geschlechterverhältnis sich auch immer auf „alle Bereiche von Geschichte und Gesellschaft“ (S. 148) auswirkt.

Für eine dezidierter Beachtung der „Kategorie Geschlecht in der Nachhaltigkeitsforschung“ macht sich Sabine Hofmeister stark. Eine besondere Leistung ihrer Darstellung besteht darin, dass sie kritisch dekonstruktiv die binäre Logik der Sphären Produktion und Reproduktion und die damit einhergehende Vorrangigkeit ersterer in der Nachhaltigkeitsdebatte diskutiert. Sie fordert ein, die Produktivität des ‚Reproduktiven‘ anzuerkennen (S. 154). Die drei Dimensionen für Nachhaltige Entwicklung, nämlich Ökonomie, Soziales und Ökologie, müssen darüber hinaus, so Hofmeister, zusammengedacht werden. Nur durch diesen integrativen Ansatz gelinge auch den Fokus der Nachhaltigkeitspolitik auf „integrativ auf sozial-ökologische Transformationen“ (S. 167) zu legen, statt ‚(re-)produktive Ressourcen‘ als ‚naturgegeben Ressourcen‘ zu sehen.

Abgerundet und thematisch vertiefend folgen den Sammelbandbeiträgen vier Essays, die von Studierenden verfasst wurden. Rebecca Ardner befasst sich noch einmal im Besonderen mit dem Begriff der Resignifikanz von Butler. Ann-Kristin Glöckner dokumentiert medienanalytisch den Umgang der Presse mit NS-Täterinnen und die spezifischen Irritationen in Bezug auf die Geschlechterrollen in der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft. Der Beitrag von Katja Tank befasst sich mit geschlechtsspezifischen Differenzen in Bezug auf Bildung. Und Victoria Wittich beleuchtet ‚den‘ biblischen Sündenfall noch einmal aus einer Genderperspektive.

Diskussion

Der schlüssigen Einleitung und dem guten Gesamtüberblick Burkarts folgen äußerst differente Beiträge aus dem Feld der Gender Studies und Diversity-Forschung. Auch wenn anfangs die Spanne aller Ungleichheit generierenden Kategorien aufgezeigt wird, beschränkt sich der Sammelband auf die Dimensionen Age, Disability, Religion (christlich-westlich), Männlichkeit und sexuelle Orientierung (in Bezug auf Heteronormativität). Wie der Titel verrät, beziehen sich alle Autor_innen auf die interdependente bzw. omnirelevante Strukturkategorie Geschlecht in Bezug auf ihre Ausführungen und erweitern diese Perspektiven für komplexe Forschungsgebiete der Theologie, der Geschichte bzw. Kulturgeschichte und der Nachhaltigkeitsforschung etc.

Verwirrend wirkten an mancher Stelle die differenten Zugänge der Autor_innen zur Unterscheidung von sex und gender, was möglicherweise mit deren spezifischen Verortung in ihren Disziplinen zu erklären ist. So wirkt es sehr abrupt, besonders im Hinblick auf die vorhergehenden Beiträge von Hobuß, Balz und Pinseler, dass Bussiek auf die absolut biologische und körperliche Differenz zwischen den Geschlechtern offen besteht (S. 147). Sie benutzt zwar den Begriff gender in ihren Ausführungen, verharrt dann aber genau in der von Butler kritisierten Normierung von Zweigeschlechtlichkeit, obwohl sie sich auf den dekonstruktivistischen Ansatz für die Geschichtswissenschaften von Joan W. Scott bezieht.

Die Beiträge von Henschel und Hofmeister wiederum zeigen ebenso deutlich die Grenzen dekonstruktivistischer und postmoderner Ansätze in der Praxis, da sich die Autorinnen sich mit dem ‚Ist-Zustand‘ in der Gesellschaft befassen. Hierfür ist die, wenn auch teilweise problematische Benennung von Differenzen erst einmal nötig, um spezifische Ausschlüsse und soziale Ungleichheiten erst einmal sichtbar zu machen, was jedoch nicht von einer kritischen Reflexion der Kategorisierungen entbindet. Die Beiträge von Hobuß, Balz und Pinseler bieten vor allem die Möglichkeit, über den Tellerrand gängiger Normierungen, wie Heteronormativität, Zweigeschlechtlichkeit, hegemoniale Männlichkeit, hinaus zu blicken.

Hilfreich wäre noch einmal ein zusammenfassender Beitrag am Ende gewesen, der die verschiedenen Perspektiven und Ansätze im Hinblick auf das einleitend vorgestellte Konzept „Integratives Gendering“ verbindet. Auch wären Hotspots auf die Ungleichheitskategorien Klasse und Ethnizität/ Migration sicherlich noch interessant gewesen, um dem Anspruch gerecht zu werden, eine hochschuldidaktische Reflexion im Felde „Gender-Diversity“ (S. 12) anzuregen. Allerdings ist den Herausgeberinnen sowie den Autor_innen zu Gute zu halten, dass, um es etwas plakativ auszudrücken, „Geschlecht und Vielfalt“ eben auch ein facettenreiches Thema ist.

Fazit

Der Band bildet unterschiedliche Diskussionen in den Gender Studies, der Intersektionalitäts- und Diversity-Forschung ab und beleuchtet die Kategorie Geschlecht interdisziplinär in ausgewählten Wissenschaftsbereichen. Die genauen Erklärungen und Erkenntnisse werden in einer sehr verständlichen und leser_innenfreundlichen Art und Weise dargelegt, so dass der Band als Einstiegsbuch für Lernende und Interessierte in jedem Fall geeignet ist. Interessant und neu ist die Überlegung Konzepte des Diversityansatzes und der Intersektionalitätsdebatte sinnvoll zu verbinden und insbesondere für Praxisfelder der Hochschullehre und der Pädagogik zu etablieren. Hier spricht die Publikation besonders Leser_innen an, die sich noch nicht explizit mit diesen Themen auseinandergesetzt haben und bietet einen guten Einstieg in die differenten Debatten.


Rezension von
Dipl. Soz. Jana Günther
(Berlin)
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Zitiervorschlag
Jana Günther. Rezension vom 19.08.2011 zu: Bettina Jansen-Schulz, Kathrin van Riesen (Hrsg.): Vielfalt und Geschlecht - relevante Kategorien in der Wissenschaft. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-940755-82-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11352.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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