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Birgit Henze: 366 Tage - Aktivierungsarbeit mit älteren Menschen

Cover Birgit Henze: 366 Tage - Aktivierungsarbeit mit älteren Menschen. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2011. 184 Seiten. ISBN 978-3-89993-275-1. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Pflege.
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Thema

Geistige Aktivierung für Menschen in Pflegesituationen gehört zu den Grunderfordernissen qualifizierter Pflege und bedarf entsprechender Materialien zur Unterstützung dieser Arbeit. Dem trägt das Buch von Birgit Henze Rechnung, das für jeden Tag des Jahres Anregungen und Ideen für die praktische Arbeit mit älteren Menschen bereithält. Dabei geht es - ausgehend von der Erinnerung an bestimmte Personen, Ereignisse und wissenschaftliche Errungenschaften zum jeweiligen Kalendertag - um entsprechende Impulse für Gesprächsrunden, Spiele, Raumgestaltungen, Besuche von Veranstaltungen u.ä. - ein Praxisbuch also mit konkreten Hilfen für die tägliche Arbeit.

Autorin

Birgit Henze ist Krankenschwester und Ergotherapeutin. Sie arbeitet im Bereich „Soziale Betreuung“ in einer Berliner Pflegeresidenz.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort (S. 7) werden für jeden Monat des Jahres, eingeleitet mit einer Illustration zu den entsprechenden Tierkreiszeichen, zu jedem einzelnen Tag Ereignisse aus der Geschichte benannt. Davon ausgehend entwickelt die Autorin Anregungen zur Eigenaktivität der beteiligten Personen. (S. 9-176)

Beispiel 20. Mai:

  • „1851: Emil Berliner wird geboren - 1908: James Stewart wird geboren - 1873: Levi Strauss lässt die Jeans patentieren
  • Emil Berliner erfand die Schallplatte und das Grammophon. Vielleicht können Sie ein Grammophon und Schallplatten besorgen.
  • Rahmen Sie ein Foto des Hollywoodschauspielers James Stewart und hängen Sie es in der Fernsehecke auf.
  • Vielleicht können Sie einen Film mit James Stuart (sic!) besorgen und ihn mit den Teilnehmern gemeinsam ansehen.
  • Die Jeans von Levi Strauss wurden ursprünglich für Farmarbeiter entwickelt, die besonderen Bedarf an strapazierfähigen Hosen hatten. Wie wäre es mit einer kleinen Englischrunde und dem Lied 'Old McDonald had a Farm'?
  • Welche Arbeitskleidung kennen Ihre Teilnehmer? Gab es früher Diskussionen in der Familie, wenn Kinder unbedingt Jeans anziehen wollten? Kennt noch jemand den Begriff 'Nietenhosen'?“

Im Anschluss an den kalendarischen Teil folgen noch „Tipps und Anleitungen“ (S. 177-182). Sie enthalten folgendes: „Ein Prominentenrätsel erstellen“ (mit den Beispielen von Rudi Carrell und Mireille Matthieu), „Ein Buchstabenquadrat erstellen“, „Ein Kreuzworträtsel erstellen“, „Basteln mit den Teilnehmern“ (bestehend allerdings nur aus einem Hinweis auf das Internet).

Ein Nachwort (S. 183) und ein kurzes Literaturverzeichnis (S. 184) schließen das Buch ab.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Personen, die in der Praxis der Altenpflege und der Sozialen Betreuung alter Menschen tätig sind. Es kann aber auch ebenso gut auch von Menschen, die als Familienmitglieder in der häuslichen Pflege älterer Angehöriger tätig sind, benutzt werden.

Diskussion

An sich sind Praxishandreichungen für die Aktivierungsarbeit mit älteren Menschen begrüßenswert. Das Buch von Birgit Henze erfüllt seinen Zweck allerdings nur bedingt. Die konkreten auf jeden Tag des Jahres bezogenen Ereignishinweise und die daraus erschlossenen Aufgabenstellungen sind durchaus eine gute Hilfe für die tägliche Arbeit mit den Klientinnen und Klienten. Das Problem liegt allerdings darin, dass die Generation der alten Menschen von sehr unterschiedlichen Milieus geprägt ist, denen das Buch so nicht wirklich gerecht wird. Die Zielgruppe, wie sie sich aus den Inhalten des Buches ergibt, ist - bezogen auf die Sinus-Milieustudie 2011 - ausschließlich die Bürgerliche Mitte, das konservativ-etablierte Milieu und das bürgerlich-traditionelle Milieu. Das ist aber nur ein Ausschnitt der betroffenen Gruppe. Gerade im Blick auf die neueren Erkenntnisse über den Zusammenhang von Generationen und Milieus (vgl. A.v.Hippel, J.Reich-Claassen: Generationen und Milieus - Überlegungen zur Zusammenführung zweier Diskurse im Kontext der Ungleichheitsforschung, 2011) wäre hier ein differenzierendes Vorgehen der Autorin dringend notwendig gewesen. In der jetzigen Form entsteht der Eindruck als wäre das seinerzeit von G.Schulze apostrophierte „Trivialmilieu“ für die Gestaltung des Buches maßgeblich gewesen.

Dazu kommen häufige - gelinde gesagt - Vereinfachungen, die den aufgeführten geschichtlichen Personen einfach nicht gerecht werden und überdies eine harmonische Geschichtsidylle vorgaukeln, in der mögliche kritische Potenziale der Teilnehmer/-innen erst gar nicht in den Blick kommen.

Einige Beispiele:

  • „Lessing hat schöne Gedichte und Fabeln geschrieben“ (S. 18) - Seine Bedeutung als Aufklärer, seine Dramen, sein hellsichtiger Blick auf das Judentum bleiben unerwähnt.
  • „Zu Ehren Mozarts wird gemeinsam seine Musik gehört. Schaffen Sie eine entspannte Atmosphäre, vielleicht spendieren Sie sogar Mozartkugeln?“ (S. 19) - Ein Praliné als Quintessenz des großen Komponisten?
  • „Franz Schubert war Österreicher. Organisieren Sie einen österreichischen Abend mit seiner Musik.“ (S. 21) - Also eine Schubertiade im Trachtenlook?
  • Albrecht Dürer (S. 71) wird auf die „Betenden Hände“ und den „Hasen“ reduziert.
  • „Organisieren Sie eine gemütliche Runde mit musikalischer Untermalung von Gustav Mahler“ (S. 95) - Gustav Mahler hat aber keine zu gemütlichen Runden passende Musik geschrieben - nicht eine Note!
  • „Napoleon wurde auf Korsika geboren. Typisch für Korsika ist Ziegenkäse. Bereiten Sie heute mit Ihren Teilnehmern einen Salat mit Ziegenkäse zu.“ (S. 111) - Vielleicht sollte man dazu noch Bismarckhering reichen?
  • „Der Film 'Die Drei von der Tankstelle' ist ein Muss und die DVD können Sie ausleihen.“ (S. 125) - Da würde ein Hinweis auf die Karriere von Heinz Rühmann einerseits und andererseits auf die Geschichte von Kurt Gerron in Theresienstadt und ihr Ende in Auschwitz die Begeisterung etwas dämpfen und das Lied „Ein Freund, ein guter Freund?“ erschiene wohl in etwas anderem Licht.
  • „Die bekannteste Rolle der Romy Schneider war die der Kaiserin Sissi. Kaiser und Könige lebten und leben in Schlössern und Burgen. Machen sie dies zum Thema.“ (S. 129) - Sollte man nicht eher zum Thema machen, dass Romy Schneider gerade nicht auf Rollen à la Sissi reduziert werden kann? Die wirkliche Bedeutung dieser Schauspielerin darf doch nicht in dieser Weise unterschlagen werden! - Gerade hier wird die Fokussierung der Autorin auf das sog. Triavialmilieu besonders deutlich.

Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Sie zeigen die Problematik des an sich gut gemeinten Buches auf, die darin besteht, dass hier eine wissenschaftliche Analyse der Zielgruppe „Ältere Menschen“, ihrer Bedürfnisse und Potenziale nicht vorangegangen ist. Das Ergebnis ist dann ein Altersbild, das den weithin geläufigen Pauschalvorstellungen geistiger Anspruchslosigkeit im Alter entspricht.

Fazit

Das Buch kann nur sehr bedingt empfohlen werden. Es ist allenfalls da nützlich, wo ein gewisser Unterhaltungseffekt beabsichtigt ist. Wirkliche Aktivierung älterer Menschen, die über reproduktive und assoziative Potenziale hinausgeht, ist damit eher nicht möglich.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 27.07.2011 zu: Birgit Henze: 366 Tage - Aktivierungsarbeit mit älteren Menschen. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2011. ISBN 978-3-89993-275-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11367.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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