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Hans Thiersch, Rainer Treptow (Hrsg.): Zur Identität der sozialen Arbeit

Hans Thiersch, Rainer Treptow (Hrsg.): Zur Identität der sozialen Arbeit. Positionen und Differenzen in Theorie und Praxis. Verlag neue praxis (Lahnstein) 2011. 191 Seiten. ISBN 978-3-9810815-3-4. 22,00 EUR.

Reihe: Neue Praxis - Sonderheft - 10.
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Entstehungshintergrund und Thema

Aus Anlass des 75. Geburtstages von Hans Thiersch fand vom 11.-12.06.2010 ein Symposium „Zur Identität der Sozialen Arbeit“ in Tübingen statt. Der vorliegende Reader dokumentiert die Vorträge und Diskussionen der Tagung.

Herausgeber

Prof. em. Dr. Dres. h.c. Hans Thiersch lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Tübingen. Prof. Dr. Rainer Treptow lehrt an der Universität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft.

Aufbau und Inhalt

Das Sonderheft gliedert sich nach Vorwort und Einleitung in 10 Abteilungen sowie einem Nachwort der Herausgeber. Das kurze Vorwort skizziert die Entstehungsgeschichte des Symposiums. In ihrer Einleitung stellen Thiersch und Treptow kurz vor, weshalb dieses Symposium die Aufgabe gestellt hat, nach der Identität der Sozialen Arbeit zu fragen, obwohl doch die Thematik schon so oft und immer wieder bearbeitet wird. Die einfache Antwort lautet: Weil es sinnvoll - und mit Hinweis auf die aktuelle gesellschaftliche Situation - notwendig ist.

Die Überschriften der 10 Abteilungen lauten:

  • Vorspann - Zum Stand der Sozialen Arbeit
  • A Zur Kritik der Frage nach einer Identität der Sozialen Arbeit
  • B Konzepte einer Identität der Sozialen Arbeit, Teil 1
  • C Konzepte einer Identität der Sozialen Arbeit, Teil 2
  • D Identität der Sozialen Arbeit in gesellschaftlichen und öffentlichen
    Diskursen, Teil 1
  • E Identität der Sozialen Arbeit in gesellschaftlichen und öffentlichen
    Diskursen, Teil 2
  • F Identitätspolitik
  • G Identität, Interkulturalität, Transnationalität
  • H Identität in Kooperationsverhältnissen, Teil 1
  • I Identität in Kooperationsverhältnissen, Teil 2

Das Sonderheft umfasst 55 Beiträge. Sie alle hier - wenn auch nur kursorisch - aufzuführen, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen. Alternativ werden einige grundlegende Diskussionsstränge aufgezeigt, die anregen können, selbst weiterzulesen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Liste der Teilnehmenden sich wie ein „Who is Who“ der Sozialpädagogik liest.

Im Inhaltsverzeichnis springt gleich ein Gender-Aspekt ins Auge. Obgleich die Soziale Arbeit historisch betrachtet als „weibliche Profession“ (Beitrag Kessl, S. 18) gesehen wird, drückt sich diese Tatsache nicht in einer angemessenen Beteiligung von Kolleginnen im Symposium aus. Gerade einmal 12 der 55 Vortragenden sind Frauen. Die Beiträge selbst sind allesamt bewusst sehr kurz zwischen einer und fünf Seiten gehalten, um möglichst viele Positionen und Aspekte aufnehmen zu können. Neben der großen Vielfalt, dem „vielschichtigen, gleichsam bunten Bild“ (Thiersch/Treptow, S. I), werden gleichermaßen auch die Unübersichtlichkeit, Widersprüchlichkeit und das Fehlen einer verbindenden Grundeinstellung deutlich. Wenn Hans-Uwe Otto die These vertritt, dass „es sich im Fall der Sozialen Arbeit um eine verwaschene bzw. unklare Identität handelt“ (S. 33), wird damit eine zentrale Schwäche der Profession gestreift: Wer ist dann die Soziale Arbeit!?

Wie so oft auch in anderen Veröffentlichungen haben verschiedene Autor/innen aus dem heterogenen Feld der Sozialen Arbeit kein Problem damit, Soziale Arbeit letztlich als ein Synonym für Sozialpädagogik zu verstehen. Exemplarisch kann dies an drei Beispielen verdeutlicht werden.

  1. Werner Thole stellt fest, dass „PraktikerInnen (...) der Sozialen Arbeit (...) an der disziplinären und professionellen Verfassung der Sozialpädagogik (sic!) leiden“ (S. 8). An der Verfassung der Sozialarbeit leidet scheinbar niemand.
  2. Franz Hamburger wiederum sieht die „Soziale Arbeit als Praxis und Sozialpädagogik als Disziplin“ (S. 59).
  3. Marie-Eleonora Karsten spricht über „Bildungs- und Sozial-, Familien-, Kinder- und Jugendhilfe(politik), mithin der Sozialpädagogik“ (S. 126).

Das Verbindende dieser und anderer ähnlicher Positionen in diesem Band scheint die feste Überzeugung zu sein, dass der von allen genutzte Begriff der Sozialen Arbeit letztendlich durch die (universitäre) Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft zu bestimmen ist. So nimmt es nicht wunder, dass Verweise auf eine „Sozialarbeitswissenschaft“ eher marginal ausfallen. Den vielleicht radikalsten Standpunkt nimmt Manfred Kappeler ein, der bestreitet, dass es jemals eine Identität der Sozialen Arbeit gegeben hat. Er versteht Soziale Arbeit nur als „die Gesamtheit ihrer sehr unterschiedlichen Arbeitsfelder und als die Summe der in ihnen professionell und bürgerschaftlich-engagiert Arbeitenden“ (S. 14).

Insgesamt decken die einzelnen Beiträge ein breites Spektrum von Positionen und Meinungen ab. Dabei sind viele kritische Stimmen zu hören. So konstatiert beispielsweise Maria Bitzau, dass die Soziale Arbeit „professionspolitisch (...) trotz ihrer großen Expansion mit dem Rücken zur Wand (steht)“ (S. 84). Im Hinblick auf die neuen Bachelor-Studiengänge und die zunehmende Spezialisierung von Studiengängen wird die Gefahr gesehen, dass sich keine klaren Berufsidentitäten, sondern nur noch Teilidentitäten herausbilden können. So befürchtet Karin Böllert, dass sich die Anzeichen mehren, dass auch “ der erreichte Professionalisierungsstand aufgegeben wird: Quer- und Seiteneinsteiger mit Schmalspurqualifikation scheint nicht wenigen Arbeitgebern eine befriedigende und preiswerte Lösung angesichts des Fachkräftemangels zu sein“ (S. 113).

In vielen Beiträgen aus dem Hochschulbereich wird deutlich, dass eine Zersplitterung des Feldes und der Verlust professioneller Identität als Gefahr gesehen werden. Die jeweiligen Beiträge werden gerahmt durch eine kurze Wiedergabe der anschließenden Diskussion, in der kritisch nachgefragt und eigene Positionen nochmals pointiert verdeutlicht werden.

Zielgruppen

Das Buch kann einerseits Personen, die innerhalb der Sozialen Arbeit tätig sind, wertvolle Anregungen für eine eigene Reflexion bieten. Andererseits ist es hilfreich für den Einsatz in den einschlägigen Studiengängen, um dort die Diskussion über Fragen professioneller Identität anzureichern.

Fazit

Es ist ein lesenswertes Buch, welches aber durch die immense Verdichtung der Beiträge von den Lesenden einiges abverlangt bzw. grundlegende Vorkenntnisse voraussetzt. Es ist ein Buch, an dem mehrheitlich Theoretiker/innen mitgewirkt haben. Zu wünschen wäre, dass dieses Buch von vielen erfahrenen Praktiker/innen gelesen und diskutiert würde, damit die Professionalisierungsdebatte nicht nur eine Angelegenheit ist, die in Hochschulkontexten stattfindet.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 15.08.2011 zu: Hans Thiersch, Rainer Treptow (Hrsg.): Zur Identität der sozialen Arbeit. Positionen und Differenzen in Theorie und Praxis. Verlag neue praxis (Lahnstein) 2011. ISBN 978-3-9810815-3-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11370.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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