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Julia Haberstroh, Johannes Pantel (Hrsg.): Demenz psychosozial behandeln

Cover Julia Haberstroh, Johannes Pantel (Hrsg.): Demenz psychosozial behandeln. Psychosoziale Interventionen bei Demenz in Praxis und Forschung. Akademische Verlagsgesellschaft AKA (Heidelberg) 2011. 411 Seiten. ISBN 978-3-89838-638-8. 48,00 EUR.
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Thema

Demenzen sind in den letzten Jahrzehnten ein zentrales Thema in allen Bereichen der Gesellschaft geworden. Eine unheilbare Erkrankung, sieht man von den wenigen Fällen sekundärer Demenzen einmal ab, hat zur Folge, dass der Schwerpunkt zunehmend auf Linderung und Unterstützung des oft langen Leidens- und Abbauprozesses gelegt wird. Nicht mehr Medikamente mit oft erheblichen Nebenwirkungen stehen im Mittelpunkt, sondern die Pflege und Betreuung der Betroffenen und deren soziales Umfeld im häuslichen Bereich und auch in den Heimen. Erhöhung des Wohlbefindens und Verminderung der psychischen Belastungen sind die entscheidenden Parameter geworden, die in der Praxis und auch der Forschung Gegenstand der Bemühungen geworden sind. Die vorliegende Veröffentlichung ist Ausdruck dieser neuen Orientierung.

Herausgeber und Autoren

Als Herausgeber dieser Publikation fungieren zwei Mitarbeiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychiatrie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main: Dr. rer. nat. Julia Haberstroh und Prof. Dr. med. Johannes Pantel. Ungefähr 50 Autoren überwiegend aus den Bereichen der Human- und Sozialwissenschaften verschiedener Universitäten und Fachhochschulen haben an dieser Veröffentlichung mitgewirkt.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in insgesamt acht Kapitel mit jeweils einer kurzen Einführung der Herausgeber und insgesamt 32 Fachbeiträgen untergliedert.

Im ersten Kapitel steht die Frage nach der Grenzziehung zwischen gesundem und krankhaftem Altern im Mittelpunkt, wobei u. a. auch das Konstrukt der flüssigen und kristallinen Intelligenz thematisiert wird. Die Diagnostik hinsichtlich der Unterscheidung zwischen den leichten kognitiven Beeinträchtigungen und der Demenz und der normalen Hirnalterung wird in diesem Kontext erörtert.

Das zweite Kapitel ist den psychosozialen Interventionen zur Prävention demenzieller Erkrankungen gewidmet. Es werden zwei Aktivierungsprogramme für ältere Menschen aus Berlin („Berlin bleibt fit“) und Frankfurt am Main (AKTIVA – aktive kognitive Stimulation – Vorbeugung im Alter) u. a. im Zusammenhang mit dem so genannten „erfolgreichen Altern“ und der These einer „erhöhten Kognitiven Reserve“ vorgestellt.

Das dritte Kapitel thematisiert psychosoziale Interventionen bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen. Im ersten Beitrag wird der Forschungsstand hinsichtlich kognitionsbezogener Interventionen bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen dargestellt, während im zweiten Beitrag das Interventionsprogramm PAKT (Psychoedukatives- und Trainingsprogramm zur Alltags- und Krankheitsbewältigung für Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung) aus Frankfurt am Main kurz beschrieben wird.

Im vierten Kapitel stehen psychosoziale Interventionen für Demenzkranke im Fokus. Vorgestellt werden so genannte „kreative Therapieansätze“ wie Kunst-, Theater-, Tanz- und Musiktherapie und zusätzlich die so genannte „Selbsterhaltungstherapie“ (SET) und die Ergotherapie.

Kapitel fünf thematisiert die Einbeziehung der Pflegepersonen als eine psychosoziale Intervention. Zu Beginn wird ein Schulungsprogramm für pflegende Angehörigen von Demenzkranken („Hilfe beim Helfen“) der Deutschen Alzheimergesellschaft vorgestellt. Es folgt ein Kommunikationstrainingsprogramm für Angehörige aus Frankfurt am Main. Ebenfalls aus Frankfurt stammen die folgenden Programme: Ein Förderprogramm zur Kooperation von Angehörigen, Pflegenden und ehrenamtlich Helfenden („Quadem: Qualifizierungsmaßnahmen zur Steigerung der Lebensqualität demenzkranker Menschen über eine Förderung der Kommunikation und Kooperation in der ambulanten Altenpflege“), ein Kommunikationstraining für Pflegende in Pflegeheimen („TANDEM“ im Pflegeheim) und eine Studie über die Wirksamkeit von Fallbesprechungen in der Demenzpflege im Heimbereich. Anschließend wird über die Bedeutung von Selbsthilfegruppe pflegender Angehöriger berichtet. Des Weiteren werden kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen für pflegende Angehörigen von Demenzkranken beschrieben und zum Schluss des Kapitels wird eine so genannte „Daseinsthematische Begleitung durch ehrenamtlich engagierte Menschen“ aus Heidelberg vorgestellt.

Das sechste Kapitel befasst sich mit Zielgrößen psychosozialer Interventionen. Es besteht Konsens, dass die Lebensqualität das vorrangige Kriterium für alle psychosozialen Interventionen bei Demenzkranken darstellt. So wird ein Instrumentarium zur Erfassung der Lebensqualität – H.I.L.D.E. – aus Heidelberg vorgestellt, es folgt ein „kombiniertes Kommunikationsmodell“ aus Frankfurt am Main, das u. a. auf der Unterteilung von Beziehungs- und Inhaltsdimension nach Watzlawick basiert. Die Begrifflichkeit des so genannten „herausfordernden Verhaltens Demenzkranker“ wird u. a. im Kontext der Cohen-Mansfield-Skalen und des Neuropsychiatrischen Inventars (NPI) expliziert. Das Berliner Inventar zur Angehörigenbelastung (BIZA-D), das im Rahmen einer Längsschnittstudie zur Belastung pflegender Angehöriger demenziell Erkrankter (LEANDER) entwickelt wurde, schließt sich an. Des Weiteren werden Daten über die Belastungen, Ressourcen und die Beanspruchung in der Altenpflege und Programme zur Stressbewältigung vorgestellt. Der letzte Beitrag befasst sich mit verschiedenen theoretischen Konzepten des Sinnerlebens im Alter.

Kapitel 7 hat die Evaluation psychosozialer Interventionen zum Gegenstand. In den vier Beiträgen werden die Evaluationsforschung, die Trainingsevaluation, das Instrumentarium der Tagebücher in Praxis und Forschung und die Metaanalyse zur Evaluation psycho-sozialer Interventionen thematisiert.

Im letzten Kapitel stehen die ethischen Aspekte psychosozialer Interventionen bei Demenzkranken im Mittelpunkt. Ein Beitrag beschäftigt sich mit pharmakologischen im Gegensatz zu psychosozialen Interventionen aus ethischer Sicht. Der zweite Beitrag thematisiert die Problematik des „natürlichen Willens“ bei Demenzkranken im Kontext der Pflege und Betreuung.

Diskussion

Der Stand der Forschung bezüglich der degenerativen Demenzen befindet sich mehr oder weniger noch in einem Explorationsstadium. Der Wissensstand ist immer noch gering, wie die vielen und fast schon unzähligen Annahmen und Hypothesen über Ursachen und zugleich auch Behandlung respektive Prävention belegen. Es darf angenommen werden, dass ohne grundlegendes Wissen über die Komplexität der Hirnfunktionen keine validen Erkenntnisse über die Hirnerkrankungen wie Schizophrenie, Depression und Demenz zu erzielen sein werden. In vielen Beiträgen dieser Publikation kommt diese Sichtweise einer kritischen Einschätzung über den äußerst begrenzten Erkenntnisstand jedoch nicht zur Geltung. Es muss also vielen Autoren der Vorwurf eines begrenzten Fachwissens gemacht werden, wie an folgenden Beispielen exemplarisch dargelegt wird:

  • Es fehlen Ausführungen über die neurobiologischen und neuropathologischen Erkenntnisse im Rahmen der Demenzforschung zur Fundierung und als Erklärungshintergrund. Fehlt jedoch ein empirisch fundierter Bezugsrahmen, dann können die vielen psychosozialen Interventionsstrategien nicht angemessen eingeschätzt werden. Es kann somit nicht die Spreu vom Weizen unterschieden werden, wie es in einigen Beiträgen deutlich zum Ausdruck kommt.
  • Es fehlen des Weiteren Ausführungen über die vielen in der Praxis von Angehörigen und Pflegenden intuitiv angewendeten Umgangsformen der Beruhigung und Ablenkung, die u. a. bei Realitätsverlusten und Realitätsverzerrungen äußerst wirksam sind.
  • Im Bereich Prävention wird die Position der so genannten „kognitiven Reserve“ mittels kognitiver Trainingsprogramme propagiert, ohne jedoch darauf hinzuweisen, dass in der Forschung kontrovers ebenso eine genetisch fundierte Reservekapazität diskutiert wird. Diese genetische Hypothese konnte u. a. anhand der Nonnenstudie aus Kentucky und der neuen „Taxifahrer-Studie“ aus London empirisch fundiert werden. In diesem Kontext können dann ständiges Gehirnjogging und ähnliche Aktivitäten eher als ein zusätzliches Stresselement im Alltag und weniger als eine wirksame Schutzmaßnahme aufgefasst werden.
  • Für die vielen „kreativen Therapieansätze“ wie Musik-, Tanz- und Maltherapie liegen bisher keine Wirksamkeitsnachweise vor. Sie schaden zwar nicht, aber es sind letztlich bloße unspezifische psychosoziale Maßnahmen. In diesem Kontext haben es die Autoren versäumt, sich eingehend mit der Umweltresistenz des Abbauprozesses als neuropathologischen Bezugsrahmen auseinanderzusetzen.
  • Es werden Modelle und Programme vorgestellt, die weder fachlich fundiert noch praxistauglich sind wie z. B. das Instrument zur Erfassung der Lebensqualität H.I.L.D.E. aus Heidelberg und das TANDEM-Konzept für Pflegende im Heim aus Frankfurt am Main.

Fazit

Die vorliegende Publikation vermag nicht zu überzeugen. Wenn das Grundlagenwissen über Demenzen fehlt, dann können auch keine praxistauglichen Modelle und Strategien für die Pflege und Betreuung entwickelt werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 02.07.2012 zu: Julia Haberstroh, Johannes Pantel (Hrsg.): Demenz psychosozial behandeln. Psychosoziale Interventionen bei Demenz in Praxis und Forschung. Akademische Verlagsgesellschaft AKA (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-89838-638-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11371.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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