Karin Dellermann, Gabriele Engemann: Aktivierungskarten für die Seniorenarbeit
Rezensiert von Prof. Dr. Michael Brömse, 11.08.2011
Karin Dellermann, Gabriele Engemann: Aktivierungskarten für die Seniorenarbeit. 365 Ideen für den täglichen Einsatz. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2011. 2. Auflage. ISBN 978-3-437-28041-2. 78,95 EUR.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-437-28042-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
Für die tägliche Arbeit mit Menschen in Pflegesituationen sind geragogische Arbeitshilfen nicht nur eine Entlastung für pflegende und in der Sozialbetreuung tätige Personen. Sie sind im günstigen Fall auch ein Mittel der Qualitätssicherung, weil sie didaktisch ausgearbeitete Einheiten bereitstellen, die so von den im Pflegebereich professionell Handelnden aus Zeitdruck oft nicht entwickelt werden können. Dem tragen die von Karin Dellermann und Gabriele Engemann unter Mitarbeit von Silvia Rößler ausgearbeiteten „Aktivierungskarten für die Seniorenarbeit“ Rechnung, und zwar in dem Sinne, dass hier durchaus konkrete Anregungen detailliert eingebracht werden, dass diese aber in einem vorbereitenden Aneignungsprozess auf den eigentlichen Aktivierungsvorgang hin bezogen werden müssen. Es geht also nicht um billige Rezepte.
Autorinnen
Karin Dellermann ist im Altenpflegebereich tätig und hat sich - neben leitenden Funktionen - insbesondere im gerontopsychiatrischen Bereich und in der geriatrischen Rehabilitation als Altentherapeutin qualifiziert.
Gabriele Engemann ist als Sozialpädagogin im Altenpflegebereich tätig. Sie organisiert dort - in Einzel- und Gruppenarbeit - die psychosoziale Betreuung und die Gestaltung besonderer Veranstaltungen. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Beschäftigung und Aktivierung alter Menschen.
Aufbau und Inhalt
Es handelt sich um 365 Karteikarten im DIN-A 5 Format in einem festen Schuber, die zu je 52 Stück nach Wochentagen gegliedert sind. Jeder Wochentag ist einem bestimmten Aktivierungsbereich zugeordnet:
- Montag: Gedächtnistraining
- Dienstag: Bewegung
- Mittwoch: Spiel und Spaß
- Donnerstag: Erinnerungen wecken
- Freitag: Kreatives Gestalten
- Samstag: Sinneswahrnehmung
- Sonntag: Literatur und Musik
Links oben ist das jeweilige Thema angegeben (z.B. Silvester, Postkartenpuzzle, Weingeruch usw.), eine rechte Spalte gibt den Tag an (z.B. Montag der 52. Woche) und nennt in einem Kasten das Ziel (z.B. „Training des Kurz- und Langzeitgedächtnisses, Förderung der Wahrnehmung, Kognitive Ressourcen erhalten).
Auf der Karte selbst stehen die Empfehlungen für die ‚Anwendungsanleiter‘ und zwar in der Folge von: Vorbereitung - Durchführung - Einstieg in das Thema - Fragen zum Thema - Nachbereitung.
Die Rückseite der Karte enthält ein zum Thema passendes Bild, das als Einstiegs- oder Anregungsmedium benutzt werden kann.
Auf einer gesonderten Karte („Allgemeine Regelungen“) werden die Punkte „Vorbereitung“ und „Nachbereitung“ noch einmal gesondert erläutert, wobei bei der Nachbereitung auch auf den Aspekt der Dokumentationseinträge für die jeweilige Institution eingegangen wird.
Auf weiteren Sonderkarten befinden sich ein Vorwort sowie Hinweise für Anwendung und Gebrauch der Aktivierungskarten.
Am Ende enthält der Schuber noch eine „Übersicht“, die - registerartig - die einzelnen Themen mit Angabe der jeweiligen Kartennummer auflistet.
Die Autorinnen weisen darauf hin, dass die Aktivierungskarten insbesondere für die Einzelarbeit gedacht sind, dass sie jedoch auch in kleinen Gruppen verwendet werden können.
Zielgruppe
Die Aktivierungskarten sind insbesondere für pflegerisch oder sozialpädagogisch in der sozialen Betreuung tätige Personen als Arbeitshilfe geeignet. Es ist jedoch durchaus denkbar, sie auch im familiären Rahmen in der Betreuung von hochaltrigen Angehörigen einzusetzen.
Diskussion
Für die tägliche aktivierende Betreuungsarbeit mit hochaltrigen und teilweise von Einschränkungen betroffenen Menschen in pflegenden Institutionen stellen die „Aktivierungskarten“ einen wirklich brauchbaren und sinnvoll durchdachten Werkzeugkasten dar. Es gelingt den Autorinnen vor allem, eine klassische Schwierigkeit von Arbeitshilfen zu lösen: Sie besteht in der Gefahr einer curricularen Festlegung, durch welche die Anwender zwar einerseits entlastet aber andererseits auch entmündigt werden. Die „Aktivierungskarten“ stellen sowohl insgesamt als auch jede einzelne für sich klug durchdachte Bausteine zur Verfügung, die aber den Gestaltungsspielraum der Anwender nicht wirklich einschränken. Auf diese Weise werden kreative Prozesse in Gang gebracht, welche die fachliche Kompetenz der Anwender durchaus herausfordern. Und so etwas spüren letztlich auch die Klientinnen und Klienten.
Dazu kommt, dass die einzelnen Themen wohlüberlegt sind und der vordergründig jeweils einfach wirkende thematische Einstieg auf Vertiefung angelegt ist. (Beispiel ‚Kochen damals‘ (Karte 176): Die einfache Frage „Hatten Sie immer so richtige Hausmannskost oder musste es eher schnell gehen?“ setzt viele Aspekte der sozialen Situation der damaligen Familie und der Rolle der ‚Hausfrau‘ frei. Dabei lassen sich ggf. auch problematische Aspekte ansprechen. - Ein weiteres Beispiel: ‚Tageszeitung‘ (Karte 344): Die 3. und 4. Frage lautet: „Glauben Sie, dass alles stimmt, was in der Tageszeitung steht?“ - „Hätten sie auch selbst gerne einmal einen Artikel für die Zeitung geschrieben?“ - Hier werden Klientinnen und Klienten wirklich ernst genommen!)
Fazit
Bei den „Aktivierungskarten“ von Karin Dellermann und Gabriele Engemann handelt es sich um eine in jeder Hinsicht gelungene Arbeitshilfe für die Betreuungstätigkeit von hochaltrigen Menschen. Sie stellen sowohl für die Vorbereitungsarbeit von Anwendern und Anwenderinnen als auch für die Klientinnen und Klienten selbst einen wirklich Gewinn dar. - Unbedingt empfehlenswert.
Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)
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