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Hans Günther Homfeldt, Jörgen Schulze-Krüdener (Hrsg.): Handlungsfelder der sozialen Arbeit

Cover Hans Günther Homfeldt, Jörgen Schulze-Krüdener (Hrsg.): Handlungsfelder der sozialen Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2003. 348 Seiten. ISBN 978-3-89676-706-6. 18,00 EUR, CH: 31,30 sFr.

Reihe: Basiswissen Pädagogik, Pädagogische Arbeitsfelder, Band 3.
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Die Autoren und das Fachbuch

Der Sammelband "Handlungsfelder der Sozialen Arbeit" ist erschienen als 3. Band in der Reihe Basiswissen Pädagogik, herausgegeben von Rolf Arnold und Hanns Petillon. Rolf Arnold ist Lehrstuhlinhaber für Pädagogik der TU Kaiserslautern. Schwerpunkte seiner Wissenschaftlichen Arbeit sind Deutungslernen in der Erwachsenenbildung, Lernkulturwandel, Systementwicklung in der beruflichen Bildung und E-Learning wie ausgewählte Kapitel der Pädagogik mit Humanistischer Pädagogik oder Emotionales Lernen. Hanns Petillon ist Professor für Grundschulpädagogik an der Universität Koblenz-Landau, Abt. Landau. Das zu rezensierende Buch wird verantwortet von Hans Günther Homfeldt und Jörgen Schulze-Krüder. Hans Günther Homfeldt ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Trier mit folgenden Schwerpunkte: Gesundheit(sförderung) und Prävention in Erziehungswissenschaft und Sozialer Arbeit; Forschung, Lehre und Ausbildung in der Sozialen Arbeit; Altenhilfe/Altenbildung und Soziale Arbeit; Wiss. Weiterbildung in der Sozialen Arbeit; Internationale Soziale Arbeit. Jörgen Schulze-Krüder ist Geschäftsführer für das Zentrum für sozialpädagogische Forschung; angesiedelt in der Abteilung von Hans Günther Homfeldt. Neben den Herausgebern haben 12 Autoren an dem Sammelband mitgewirkt: Katrin Brandhorst, Michael-Sebastian, Gerhard Fieseler, Hans Gängler, Wolfgang Schröer, Michael Galuske, Helmut Richter, Andreas Schaarschuch, Albert Scherr, Roland Schmidt, Rainer Treptow und Ernst von. Kardorff.

Ziele, Zielgruppe und die Einordnung in Literatur zum Thema

Geschrieben ist der Sammelband für Studierende der Sozialen Arbeit an Universitäten und Fachhochschulen. Erreicht werden sollen auch berufstätige Pädagogen, Sozialarbeiter, Sozialgerontologen und Gesundheitsfachkräfte, die in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit tätig sind. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit im Zuge der Moderne stark ausdifferenziert haben. Diese Ausdifferenzierung, so Homfeldt und Schulze-Krüdener, belastet andererseits die berufliche Identität. Der Begriff "Handlungsfeld" ist nun ein Schlüsselbegriff. Erstens zielt Handlungsfeld ab auf die Adressaten sozialer Strukturen wie Familie, Schule, Stadtteil und die Altenhilfe. Zweitens zielt Handlungsfeld auf das Handlungsgefüge (sprich: Rahmenbedingungen) der Sozialen Arbeit wie der Staat, die Sozialpolitik, das Rechtswesen über die Kommune bis zu den Akteuren mit ihren Handlungsorientierungen. Drittens ist der Band veröffentlicht worden, mit dem Ziel, die Professionalisierung der Sozialen Arbeit nachhaltig zu stützen.

Aufbau

Nach der Einführung ist das Werk mit seinen 14 Beiträgen in 3 Schwerpunkte gegliedert. Wichtige Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit werden reflektiert, Dimensionen der Sozialen Arbeit werden erörtert und ausgewählte Handlungsfelder der Sozialen Arbeit werden vorgestellt.

1. Inhaltsschwerpunkt: Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit

Unter dem Aspekt der Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit haben die Herausgeber fünf Aufsätze ausgewählt (S. 14-141).

Rainer Treptow, Professor für Sozialpädagogik an der Universität Tübingen, bespricht im 1. Beitrag den öffentlichen und nicht-öffentlichen Charakter sozial-pädagogisch relevanter Handlungsfelder. Der Autor untersucht mit Blick auf die bürgerliche Gesellschaft die Frage nach der Abgrenzung des privaten und öffentlichen Handlungsfeldes. Ausgehend von Rousseau (1755) wird betont, dass die Entdeckung des Eigentums ausschlaggebend war für die Etablierung einer bürgerlichen Gesellschaft. Dieser Befund führt zu der Frage, wo beginnt bzw. endet der Einzugsbereich des privaten Handlungsfeldes. Im Kontext von 6 Kapiteln wird dieser Frage nachgegangen. Hervorzuheben ist die Frage nach der Sozialisation in privaten und öffentlichen Handlungsfeldern. Ferner werden aktuelle Sozialisationsfelder vorgestellt wie die Experten- und Laienöffentlichkeit, Medienöffentlichkeit sowie die Aufgaben sozialpädagogischer Öffentlichkeitsarbeit. Sozialarbeit wird in dem Beitrag auch in einen übergreifenden sozialhistorischen Zusammenhang gebracht.

Andreas Schaarschuch, Professor für Sozialpädagogik an der Bergische Universität Wuppertal, bespricht als 2. Beitrag (S. 36-65) im Kontext der Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit den Formwandel des Staates, staatstheoretische Grundlagen und die soziale Arbeit im entwickelten Kapitalismus. Der Autor definiert den Staat nicht als Subjekt oder Instrument, vielmehr als ein gesellschaftliches Verhältnis. Hier tragen die verschiedenen Akteure und Akteursgruppen ihre Kämpfe aus. Das Ziel ist die vorteilhafte Gestaltung des Staates im Übergang vom keynesianischen Wohlfahrtstaat zum wettbewerbsorientierten System (S. 60). Auf dem Hintergrund materialistischer Machtkonstellationen und gesellschaftlicher Widersprüche muss die Soziale Arbeit ihren analytischen Blick schärfen um handlungsfähig zu bleiben.

Im 3. Beitrag der Rahmenbedingungen untersucht Wolfgang Schröer, Professor für Organisations- und Sozialpädagogik an der Universität Hildesheim, die Entgrenzungsprozesse, biographisierte Ungleichheitsverhältnisse und Umbrüche in der Postmoderne; sie untergraben die Möglichkeiten professioneller Sozialarbeit. Sozialarbeit und Sozialpolitik sind auf diesem Hintergrund gefordert neue Gestaltungs- und Kooperationsformen zu finden. Schröer betont ihre Doppelfunktion, die Ökonomie zu stützen wie soziale Integrationsfunktionen zu sichern.

Im 4. Beitrag bespricht Helmut Richter, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg, Soziale Arbeit im Kontext der Gemeinde und Kommune (S. 85-118); sie sind auf dem Hintergrund aktueller Finanzprobleme als Akteure Sozialer Arbeit herausgefordert. Nach dem Stand vom 31. Dezember 2000 gliedert sich die Bundesrepublik in 13837 Gemeinden, 117 kreisfreie Städte und 323 Landkreise. Kommunale Soziale Arbeit ist definiert als Erbringung von Leistungen der Sozialpolitik auf lokaler Ebene (vgl. Art. 20 und 28 GG). Dieser Verfassungsauftrag wird im § 1 Abs. 1 SGB I konkretisiert. Es handelt sich um folgende Leistungen: Ausbildungs- und Arbeitslosenförderung; Kranken-, Pflege-, Unfall- und Rentenversicherung; Kinder- und Jugendhilfe; Sozialhilfe; Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen. Weiter werden abgehandelt das Sozial- und Jugendamt und die freigemeinnützigen und privatgewerblichen Träger. Abschließend erörtert der Autor die Perspektiven kommunaler Sozialer Arbeit in politischer und sozialpädagogischer Hinsicht. Gefordert ist die Soziale Arbeit insbesondere, soziale Ungleichheit nicht noch zu vergrößern; sie ist nicht alleine "von oben" plan- und steuerbar; sie bedarf demokratisch-dezentraler Akzeptanz wie der Konflikt- und Lösungskompetenzen.

Im 5. Beitrag beschließt Gerhard Fieseler, Professor für Recht und Soziale Arbeit an der Universität Kassel (S. 109-141), die Untersuchungen über die Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit. Im Mittelpunkt steht die Dialektik, indem das Recht einerseits Spielräume schafft, andererseits aber auch Grenzen setzt. Nach Fieseler ist Soziale Arbeit keinesfalls auf Recht zu reduzieren. "Vielmehr gilt es - in möglichst interdisziplinären Veranstaltungen - anhand komplexer, "aus dem Leben gegriffener Fälle zu erkennen lernen, wo sich überhaupt - welche - Rechtsfragen stellen; was man wissen muss, um sie "lösen" zu können" (S. 129). Konkret schreibt der Autor über die Technik der Rechtsanwendung, die Bedeutung eines rechtlichen Grund- und Basiswissens für soziale Berufe, eines selbstbewussten und offensiven Umgang mit dem Recht und über das Leistungsrecht in Zeiten knapper Haushaltsmittel. Insgesamt ist die Integration von Recht und Sozialer Arbeit, so Fieseler, erst in einer eigenständigen Sozialarbeitswissenschaft zu leisten (S. 138).

2. Inhaltsschwerpunkt: Dimensionen der Sozialen Arbeit

Im Blickwinkel der Dimensionen der Sozialen Arbeit werden von den Herausgebern vier weitere Aufsätze vorgestellt (S. 144-240).

Als 1. Dimension sozialer Arbeit bespricht Jörgen Schulze-Krüdener, Mitherausgeber des vorliegenden Buches, Aspekte der Professionalität Sozialer Arbeit (S. 144-172). Sie ist im 20. Jahrhundert gekennzeichnet durch personalbezogene Expansion mit steigenden Fachlichkeitsansprüchen auf dem Hintergrund eines ausdifferenzierten Handlungsfeldes. Der Autor gelangt zu der These, dass die "Bedeutung der subjektiven Aneignung von Wissen und Können für den Professionalisierungsprozess" steigt (S. 7). Ein Überblick über wichtige Professionalisierungskriterien wird vorgestellt (S. 162):

  • Fachautorität und systematisches Wissen
  • Reflektieren der Handlungslogik, zum wissenschaftlichen Wissensangebot und des unmittelbaren lebenspraktischen Interesses von AdressatInnen
  • Kontinuierliches und systematisches Reflektieren dieses Allgemeinwissens und Wissen um den Einzelfall auf der konkreten Interaktionsebene
  • Kollegiale Überprüfung der eigenen professionellen Rolle
  • Vorhandensein von instrumenteller, reflexiver und sozialer Kompetenz
  • Situatives und fallbezogenes Aushandeln von integrierenden Basiskompetenzen

Schulze-Krüdener schließt mit dem Fazit (S. 166): "Wie die Hochschulausbildung auch kann die Weiterbildung für die Soziale Arbeit eine zentrale Sinnprovinz sein, wenn die teilnehmenden Akteure ihren Qualifizierungsprozess reflexiv im Zusammenhang von Praxis und Theorie und Handlungsfeldperspektive verarbeiten und strukturieren lernen. In dieser Perspektive geht es darum, das "lebenslange" Lernen als Bildungsprozess zu begreifen und zu gestalten. Durch periodisch eingeschobene Weiterbildungen allein kann das Ausmaß an stetig steigenden beruflich-fachlichen An- und Heerausforderungen im komplexen Handlungsfeld Soziale Arbeit immer weniger kompensiert werden. Angesichts der derzeitigen Entwicklungen wird das Thema Weiterbildung für die Soziale Arbeit im Kontext der Professionalitätsdebatte eine stetig wachsende Bedeutung und Aktualität erfahren".

Als 2. Dimension Sozialer Arbeit untersucht Albert Scheer, Professor für Soziologie und Jugendarbeit an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit in der Wissens- und Informationsgesellschaft (S. 173-195). Scherr rückt den Erwerb von Bildung als eine Form des Helfens in das Zentrum seines Beitrags. Das Ziel sozialer Arbeit ist im Sinne einer kritischen Bildungstheorie ist (S. 7/190):

  • Menschen zur Teilhabe an organisierten Bildungsprozessen zu befähigen
  • soziale Bedingungen der Bildungsprozesse zu reflektieren
  • Menschen zu unterstützen, selbstbestimmte Subjekte mit Blick auf Subjekt-Werdung, Selbstachtung, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung zu werden.

Als 3. Dimension Sozialer Arbeit untersucht Michael Galuske, Hochschuldozent an der Universität Dortmund und Autor eines aktuell erschienen Buches über die Methoden der Sozialen Arbeit (Juventa), sozialpädagogische Methoden zwischen Klient und Organisation (S. 196-224). Der Autor arbeitet Merkmale als Handlungsbedingungen heraus. Das erste Merkmal ist das der "Allzuständigkeit", d.h. potentiell alles, was das (Alltags-) Leben an Problemen hergibt, kann zum Gegenstand sozialpädagogischer Intervention werden. Das zweite Merkmal sind die Schwierigkeiten der Durchsetzung von Kompetenzansprüchen in bezug auf Probleme des alltäglichen Lebens. Das 3. Merkmal ist die Abhängigkeit von staatlicher Steuerung und ihre direkte Einbindung in bürokratische Organisationen. Dabei hat Soziale Arbeit es mit einer Vielzahl von Lebenslagen, Arbeitsfeldern und Problemen zu tun, wobei sie geprägt ist durch die Nähe zum Klienten und ihren Alltagsproblemen (S. 206). Zusammengefasst thematisieren (Handlungs-) Methoden der Sozialen Arbeit eine planvolle, nachvollziehbare, überprüfbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen mit Einzelnen, Gruppen oder sozialen Räumen (S. 207). Dabei müssen sozialpädagogische Methoden zur Bewältigung praktischer Handlungssituationen verschiedene Elemente umfassen (S. 207):

  • Hilfen zur Informationsgewinnung über und Analyse und Reflexion von Klienten (biographien), Situationen, institutionellen Settings, sozialräumlichen Strukturen und Netzwerken
  • Hilfen zur Gestaltung von Kommunikation und Interaktion mit Klienten, Klientengruppen und Akteuren in sozialen Netzwerken
  • Hilfen zur Gestaltung von flexiblen instiutionellen Sttings, je nach den Erfordernissen des Einzelfalls
  • Hilfen zur Phasierung des Hilfeprozesses in einzelne Handlungsschritte
  • Hilfen zur Sicherung der Partizipation von Klienten, Klientengruppen und sozialen Netzwerke im Hilfeprozess
  • Hilfen zur prozessbegleitenden Kontrolle der folgen der Intervention

Schließlich zeigt der Autor zukunftsweisende Trends in der Methodenentwicklung auf:

  • Trend 1: niedrigschwellige, alltags- und lebensweltnahe Ansätze unter dem Stichwort der Alltags- und Lebensweltorientierung
  • Trend 2: Integration gemeinwesenorientierter Arbeitsprinzipien in einzel- und gruppenbezogener Interventionsformen. Beispiele für dies "Erweiterung des Blickwinkels" sind die Einzelfallarbeit des Casemanagement; es zielt auf die effektive Nutzung regionaler Hilferessourcen; gleichermaßen die Sozialraumorientierung
  • Trend 3: systemische bzw. sozial-ökologische Handlungskonzepte; sie gründen weniger in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann, sondern in Handlungsmodellen mit Ganzheitlichkeit, Verknüpfung und Vernetzung. Beispiele sind die systemische Familientherapie im Kontext des Kommunikationssystems Familie, systemische Einzelhilfe, Supervision, Organisationsberatung und Organisationsentwicklung
  • Trend 4: theoriebasierte Weiterenwicklung einer aufgeklärten sozialpädagogischen Fallarbeit und Diagnostik. Beispiele sind das Modell einer multiperspektivischen Fallarbeit, das in besonderem Maße die Lebensweltsensibilität von SozialpädagogInnen zu fördern beabsichtigt
  • Trend 5: zunehmende Bedeutung von planungs- und organisationsbezogenen Methoden; es handelt sich unter dem Stichwort Sozialmanagement zusammengefasste Methoden der Personalentwicklung, Personalführung, Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement

Abgeschlossen wird der Aufsatz mit der Steuerungsdebatte sozialpädagogischer Methoden zwischen der Lebensweltorientierung und der Ökonomisierung. Mit anderen Worten geht es um das Spannungsverhältnis zwischen ganzheitlicher kommunikativer Kompetenz und den Anforderungen effektivitätsorientierter Handlungssystemen. Um bei diesem sozialen Wandel, professionelle Wissensstandards nicht den Evaluierungsrastern der Qualitäts- und Kontrollverfahren zu opfern, plädiert Galuske für eine "reflexive Wachsamkeit".

Den Diskurs über die Dimensionen sozialer Arbeit beschließt Hans Gängler, Professor für Sozialpädagogik an der TU Dresden (S. 225-240), im Rahmen dreier Abschnitte (4. Dimension). Die Frage der Didaktik, so im 1. Abschnitt, orientiert sich an Überlegungen zu einem methodisch-geplanten Handeln wie um die Klärung des Verhältnisses von Lern- und Hilfeprozessen (S. 8). Zunächst ist festzuhalten, so der Autor, dass die sozialpädagogische Fachdiskussion mit Blick auf ihre Didaktik einen eher bescheidenen Raum einnimmt. Bezugnehmend auf Thiesen, definiert Gängler Didaktik als eine Theorie des Unterrichts (S. 228); sie beschreibt und analysiert alle Bedingungen und Erscheinungen im Unterricht wie komplexe Abhängigkeiten, Strukturelemente, Voraussetzungen und Folgen des Unterrichts. Gorges, zitiert nach Gängler spricht von angeleiteten Lernprozessen. Im 2. Abschnitt geht es um Wege und Umwege zu einer Didaktik der Sozialpädagogik. Das Lernen der Adressatinnen und Adressaten wird ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Gängler betont die folgenden Frage (S. 233):

  • In welchem Verhältnis stehen Lern- und Hilfeprozesse in der Sozialpädagogik?
  • Gehorchen sie unterschiedlichen oder ähnlichen Logiken?
  • Orientieren sie sich an ähnlichen und unterschiedlichen Zielen?

Eine sozialpädagogische Didaktik müsste sich mit der Verschränkung von Lern-, Bildungs-, Erziehungs- und Hilfeprozessen auseinandersetzen. Auch unterschiedliche Handlungsebenen sind zu berücksichtigen; so die Interaktions-, Organisations- und Gesellschaftsebene (S. 234): im Kontext der Soziologie und Public-Health-Sciences wird von Mikro-, Meso- und Makroebene gesprochen. Im 3. Abschnitt formuliert der Autor Perspektiven für eine Didaktik der Sozialpädagogik. Die letztgenannten Prozesse, Verschränkungen und Handlungsebenen bedürfen einer ausgiebigen Reflexion, wobei, so der Autor, eine Didaktik der Sozialpädagogik darüber hinaus unterschiedliche Bildungsinstitutionen wie Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten berücksichtigen muss (S. 238).

3. Inhaltsschwerpunkt: Ausgewählte Handlungsfelder

Im dritten Schwerpunkt über ausgewählte Handlungsfeder haben die Herausgeber 5 Aufsätze zusammengefasst (S. 243-348). Der 1. Beitrag, verfasst von Katrin Brandhorst, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für pädagogische Forschung der Universität Trier, befasst sich mit Hilfen zur Erziehung - Ausdifferenzierung der traditionellen Settings (S. 243-261). In einem systematisierten Beitrag werden die Ausdifferenzierungsprozesse dargelegt:

  • Aufgaben und Ziele der Hilfen zur Erziehung
  • Öffentliche, freie und private Anbieter der Hilfen zur Erziehung
  • Zielgruppe/Adressat/Innen der Hilfen zur Erziehung
  • Die Hilfen zur Erziehung in unterschiedlichen Settings
  • Ambulante Formen
  • Stationäre Formen
  • Verbundsysteme/Jugendhilfestationen

Abschließend werden, mit Verweis auf den 8. und 9. Jugendbericht, Strukturempfehlungen besprochen "von einer segmentierten, angebotsorientierten Hilfestruktur zu einer integrierten, nachfrageorientierten" (S. 258). Eine solcher Wandel, so Brandhorst, ist jedoch noch nicht bemerkbar.

In einem 2. Beitrag referiert Hans Günther Homfeldt, über die Schule im sozialpädagogischen Blick (S. 262-287). Schulen befinden sich, so der Autor, in der ständigen Spannung zwischen innerschulischen Entwicklungserfordernissen und gesellschaftlichen Ansprüchen (S. 266). Einleitend rezipiert der Autor folgendes Zitat: "Etwas weniger Hysterie (bezogen auf Leistung als Prinzip der Gerechtigkeit, d.Verf.) wäre angebracht, betrachtet man den Zusammenhang zwischen Schulbildung und Lebensleistung. Der Erfinder des Rades hatte sicher kein Topgymnasium besucht. Das Cleverle hatte vielleicht Glück mit seiner elterlichen Höhle. Ob das verkabelte Elternhaus, Doppelgarage und nicht selten Scheidungsprozess inclusive, in Kombination mit runderneuertem Gymnasium, reihenweise Cleverles produzieren wird, muss sich erst zeigen" (Sö. 263). In 5 Kapiteln entfaltet Homfeldt die sozialpädagogischen Folgen für die Schulentwicklung, die sich durch dieses Spannungsverhältnis ergeben. Im Zuge eines zu konstatierenden Schulnotstandes, so vor allem an der Hauptschule, wird von dem Erfordernis einer lernenden Schule gesprochen mit dem Ziel Synergieeffekte für die Schulorganisation zu erzielen. Im 1. Kapitel zeigt der Autor auf, wie die Schule unter einem Modernisierungsdruck steht: die Sozialstruktur ist nach wie vor maßgebend für den Schulerfolg. Dabei entpuppt sich die Hauptschule als "Sammelstelle" für fast alle an den anderen Schulen gescheiterten Schüler. Die allgemeine Stigmatisierung der Hauptschule als Schule für den (letzten) Rest haftet den Schülern dieses Schultyps selbst an (S. 266). Fehlt der Hauptschule eine "Basic Education"[1], so von Mahatma Gandhi für Indien experimentiert, oder ein "Alphabetisierungsprozess", wie von Paulo Freire für Lateinamerika praktiziert, um eine bessere Integration der Arbeitswelt in die Schule zu ermöglichen? Ist das Arbeitsverbot für Kinder in der Moderne noch zeitgemäß, so der Autor, falls solche Arbeit Partizipation ermöglicht und ein Abdrängen in Ghettos verhindert (vgl. S. 268)? Sollte Arbeit keine integraler Bestand der Schule werden, um Stigmatisierungsprozesse, Schulabsentismus und Schulverdrossenheit abzuwenden? Im 2. Kapitel geht Homfeldt der Frage nach, inwiefern die Schule ein Ort der sozialen Bewältigung ist, zumal die Schule den Tagesablauf der Kinder und Jugendlichen maßgeblich strukturiert. Zugespitzt ist die soziale Lage an der Schule noch dadurch, dass soziale Ungleichheit kaum ausgeglichen wird, vielmehr mittels Selektion soziale Ungleichheit reproduziert (S. 270). Verfügt die Schule über Ansätze, die Schwere zwischen Schule und Jugend zu schließen. Herausgefordert ist die Schule, eine wichtige "Sinnprovinz" für alle Schüler zu sein (vgl. S. 273). Insofern plädiert der Autor im 6. Kapitel für eine kooperative Verantwortung zwischen Lehrer und Sozialpädagogen (S. 281-283). Über den Begriff des Lernens, Schule und Soziale Arbeit als Kooperationspartner und die Bedeutung einer qualifizierten Ganztagsbildung wird im 3. bis 5. Kapitel referiert.

In einem 3. Beitrag untersucht Ernst von Kardorff, Professor für Soziologie der Rehabilitation, Berufliche Rehabilitation und Rehabilitationsrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin, sozialpädagogisches Handeln in Sozial- und Gemeindepsychiatrie (S. 287-309). Der Aufsatz ist in 6 Kapiteln gegliedert. Einleitend betont v. Kardorff, dass die Betreuung, Begleitung, Förderung, Nachsorge und Wiedereingliederung psychisch kranker und behinderter Menschen ein traditioneller Aufgabenbereich der Sozialarbeit/Sozialpädagogik ist. Leitgedanken orientieren sich an der Förderung von Selbstbestimmung, weitgehend selbständige Lebensführung, abgestufte Betreuungsangebote, gesellschaftliche Integration durch die Sicherung von Partizipation am gesellschaftlichen Leben, Abbau von Diskriminierung, Verhinderung von Armutslagen, modulare Angebote zur beruflichen Wiedereingliederung und zur Schaffung von Dauerarbeitsplätzen z.B. in Integrationsfirmen. Dabei hat sich die Sozialpsychiatrie vom einseitigen Defizitblick verabschiedet; sie richtet ihr Augenmerk salutogenetisch auf vorhandene Kompetenzen und Ressourcen (S. 288). Im 2. Kapitel wird der Frage nachgegangen, wie das Spektrum der Sozialpsychiatrie definiert und beschrieben werden kann. Bestimmungsfaktoren psychischer Krankheit werden erörtert, Prinzipien der Versorgung und neue Arbeitsansätze vorgestellt (S. 290-293). In den weiteren Kapiteln untersucht der Autor Symptome der Patienten, Arbeitsfelder und Tätigkeitsbereiche wie die ambulante Akutversorgung, Nachsorge, stationäre und teilstationäre Akutbehandlung und Nachsorge, komplementäre Bereiche wie Übergangsheime und Wohngemeinschaften schließlich das Spektrum der beruflichen Rehabilitation wie Rehabilitationseinrichtungen, Integrationsfirmen, Werkstätten für Behinderte oder die betriebliche Eingliederung für Schwerbehinderte. Im 5. Kapitel wird eine Auswahl der Methoden in der Sozialpsychiatrie vorgestellt: Case-Management und personenzentrierte Hilfen; Biographiearbeit; Ressourcen-orientiertes Handeln; Soziale Netzwerkarbeit und Selbsthilfeförderung; Angehörigenarbeit. Abschließend wir im 6. Kapitel die Sozialpsychiatrie im Kontext des gesellschaftlichen Wandels diskutiert. Der Autor weist darauf hin, dass trotz einer Vielzahl von Verbesserungen, die soziale Situation psychisch kranker Menschen in vielen Bereichen immer noch defizitär ist und nicht nur in Einzelfällen skandalös ist (vgl. S. 303). Gleichwohl existieren eine Vielzahl "sozialpsychiatrischer Reforminseln". Insgesamt gibt es für die Sozialarbeit in der Psychiatrie noch viel zu tun, so Ernst von Kardorff (S. 304).

In einem 4. Beitrag referiert Roland Schmidt, Professor für Gerontologie an der Fachhochschule Erfurt, in 5 Kapiteln über den Wandel der Altenhilfe zum sich ausdifferenzierenden Pflegewesen: Bruchstellen und Dimensionen der Neuordnung (S. 310-326). Im 1. Kapitel beschreibt Schmidt das Handlungsfeld Altenhilfe in der Transformation und vertritt die These, dass sich das Pflegewesen auf das Gesundheitswesen zubewegt (S. 312). Anhaltspunkte sind die Einführung eines Fallpauschalensystems im Akutkrankenhaus, die Option der Integrierten Versorgung und die Entwicklung von Disease Management Programme für bestimmte chronische Krankheiten. Traditionen und Perspektiven der Altenhilfe werden im Blickwinkel einer Gerontologisierung und Spezialisierung besprochen, Spezifizierungsanforderungen und Entwicklungsoptionen aus gerontologischer und versorgungsstrukturller Sicht dargestellt. Hervorgehoben wird die Überwindung von einer generalisierenden Sichtweise des Alters hin zur Variabilität und Plastizität des Alters mit der Herausbildung neuer und spezialisierter Funktionen Sozialer Arbeit mit alten Menschen. Hierbei, so der Autor, Ziller zitierend, bestünde für Deutschland, ein "eklatanter Verrechtlichungsbedarf" (S. 319). Nach der Darbringung der Konzeption der Pflegeversicherung werden 3 Perspektiven der Sozialen Arbeit vorgetragen (S. 322): Soziale Arbeit wird disponibel, flexibel und rational.

In einem abschließenden 5. Beitrag bespricht Michael-Sebastian Honig, Professor für Pädagogik an der Universität Trier, die Instituetik der Familienhilfe. Ein Ansatz zur Beschreibung der Rationalität Sozialer Arbeit (S. 327-346). Der Aufsatz untersucht im Kern die Frage, wie Hilfe möglicht ist. Dabei bezieht sich der Autor auf den Feldbegiff, d.h. Familie als Feld Sozialer Arbeit. Zunächst wird der Setting-Begriff für die Familienhilfe kritisiert. Setting grenzt ab, "was hier hingehört" und "was nicht", setting beinhaltet einen programmatischen Charakter. Hingegen stammt der Feldbegriff aus der Gestaltpsychologie und gehört zu den traditionellen Theoriebeständen der Sozialwissenschaften (S. 331). Hierbei beinhaltet Instiuetik die psychischen und sozialen Grenzen einer Erziehung, beschreibt die Dualität von Struktur, ein Dualität von Strukturierung und Normierung. Insofern ist die Familie verknüpft mit einer politisch-rechtlichen Ebene und einer interaktionalen Ebene. Diese quasi-familiale Funktion kann die Soziale Arbeit, so der Autor, nur erfüllen, falls sie mehr als einen funktionalen Bezug zur Person herstellt. Familien und Soziale Arbeit erzeugen ein pädagogisches Feld, eine "Familie zweiter Ordnung": Handeln ist "verflüssigte Struktur" und Struktur "geronnenes" Handeln. Insofern, so die These von Honig, kann wissenschaftliche Sozialpädagogik aufklären helfen, wie Soziale bewirkt, was sie leistet (S. 343). In dem Feldkonzept wird Soziale Arbeit in einen übergreifenden Zusammenhang gestellt.

Fazit

Das vorliegende Buch gibt einen wertvollen und vertieften Einblick in die Handlungsfelder sozialer Arbeit mit Blick auf die Strukturen, Systeme, Dimensionen und ausgewählten Anwendungsfelder. Hinsichtlich der Darstellungsart, dem Schwierigkeitsgrad und der bibliographischen Kriterien ist das Buch nur zu empfehlen. Erfreulich wäre gewesen, falls die Herausgeber auch internationale Beiträge berücksichtigt hätten. Ein Blick über den Gartenzaun ist eine spannende Ergänzung für weitere Auflagen.


[1] Vgl. Mann, Bernhard, Die pädagogisch-politischen Konzeptionen Mahatma Gandhis u. Paulo Freires. In: Claußen, B. (Hg.) Studien zur Politikdidaktik Bd. 9. Frankfurt/M. 1979; Mann, Bernhard, The Pedagogical and Political Concepts of Mahatma Gandhi and Paulo Freire. In: Claußen, B. (Ed.) International Studies in Political Socialization and Education. Bd. 8. Hamburg 1996


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 12.04.2005 zu: Hans Günther Homfeldt, Jörgen Schulze-Krüdener (Hrsg.): Handlungsfelder der sozialen Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2003. ISBN 978-3-89676-706-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1138.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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