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Julia Just: Tiergestützte Pädagogik und Hortwesen

Rezensiert von Dorothea Dohms, 22.11.2011

Cover Julia Just: Tiergestützte Pädagogik und Hortwesen ISBN 978-3-8288-2568-0

Julia Just: Tiergestützte Pädagogik und Hortwesen. Ganzheitlich-präventive und integrative Konzeption („DogSupportsChild“) in Sachsen. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. 206 Seiten. ISBN 978-3-8288-2568-0. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Autorin

Julia Just ist Dipl.-Berufspädagogin für die Fachrichtung Sozialpädagogik und Mitglied im Verein Tiere helfen Menschen e. V. Von 2006 bis 2009 entwickelte, koordinierte und evaluierte sie ein hundgestütztes Projektmodell im Hort und in der heil- sowie sozialpädagogischen Tagesgruppe des Verbundes Sozialpädagogischer Projekte e. V. Dresden. Ihre Helfer in dieser Zeit waren ihre Hündin Lena und – in deren Vertretung bei Krankheit – der Hund Flax.

Aufbau und Inhalt

Einem einführenden, kurzen geschichtlichen Abriss über die „Historie der Haustierwerdung“, die Hand in Hand ging mit einer sich verändernden Mensch-Tier-Beziehung – vom „vernunftlosen Wesen“ in der Antike über Franz von Assisi („Tiere als unsere Brüder“) und Descartes, der die Tiere wiederum mit Maschinen gleichsetzte – werden die Tiere im Zeitalter der Industrialisierung durch die Trennung von Land- und Stadtleben nur noch als Nahrungsquelle und Arbeitshilfe gesehen und verkommen so zur bloßen Sache. Erst im 20. Jahrhundert wird der Aufwertung der Tiere als Gefährten und „Tröster“ der Menschen durch die ersten Tierschutzgesetze Rechnung getragen. Von da bis zu der Erkenntnis des Kinderpsychotherapeuten und „Vater der tiergestützten Therapie“, B. M. Levinson, dass Tiere eine therapeutische Wirkung im Zusammenspiel mit dem Menschen entwickeln können, war es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Drei Formen der tiergestützten Intervention unterscheidet die Autorin: zum einen tiergestützte Aktivitäten (der Tierbesuchsdienst etwa in Altenheimen oder der Tierstreichelzoo), zum anderen die tiergestützte Pädagogik (Tiere als soziale und emotionale Stützen, als „Co-Pädagogen“ im Unterricht, Hort oder Kindergarten, in der Heilpädagogik oder bei der forensischen Sozialisation). Als drittes Standbein gilt ihr die tiergestützte Therapie, bei der auf vielen Arbeitsfeldern die Mechanismen der Interaktion zwischen Mensch und Tier als therapeutische Hilfestellung genutzt werden können, der Einsatz des Tieres also dem eines „Co-Therapeuten“ ähnelt.

Die sogenannte Social-Support Theorie unterscheidet ebenfalls drei verschiedene Arten von sozialer Hilfe: die emotionale, die soziale und die Netzwerk-Unterstützung, bei denen Tiere als informelle Helfer ihre Funktion einnehmen können. Der Körperkontakt und die Begleitung von Haustieren wirken sich gesundheitsfördernd auf das Herz-Kreislauf- und Immunsystem des Menschen aus und fördern eine schnellere Genesung bei Erkrankungen. Im Umgang mit Tieren wird das emotionale Befinden gestärkt, Angstzustände gemindert, Aggressionen und Depressionen abgebaut und mentale Fähigkeiten angeregt. Durch die oft „bedingungslose Akzeptanz“ des Menschen durch das Tier fördert dieses die Kontaktfähigkeit, Toleranz und Empathie des Menschen, vertieft es soziale Bindungen. Auf dem Gebiet praktischer oder technischer Hilfestellungen sind uns die sogenannten Servicehunde bereits vertraut als Blinden-, Melde-, Jagd- oder Hirtenhunde.

Diese verschiedenen Einsatzmöglichkeiten von Tieren führt die Autorin zu der Frage, wie sich die nonverbale Kommunikation zwischen Tier und Mensch etwa auf Hortkinder (zwischen 6 und 12 Jahren), auf ihre kognitive, körperliche, emotionale und psychosoziale Entwicklung auswirken kann. In den sächsischen Bildungsplan für Kindertageseinrichtungen ist die Förderung von Hortkindern durch eine tiergeschützte pädagogische Praxisumsetzung in Ansätzen bereits eingeflossen. Dabei sind für den somatischen Bereich die Zielvorgaben einfach: Sensomotorik, Reaktionsvermögen und Gleichgewichtssinn, Entspannung, Hygiene und gesunde Ernährung kann durch den Umgang mit einem Tier – vorzugsweise Hund – erlernt und geübt werden (Beispiel „Hundejogging“ oder „Hundesafari“). In der sozialen Bildung hilft das Tier bei Konfliktbewältigung und Toleranz-Einübung, beim Erfahren eigener Grenzen, sozialer Regeln und des sozialen Miteinanders, bei gegenseitiger Rücksichtnahme, Hilfestellung und bei der Übernahme von Verantwortung (Rollenspiel „Verletzter Hund“, „Blindenhund“). Im Bereich der kommunikativen Bildung lässt sich z. B. über das Thema „Lieblingsbeschäftigung mit einem Hund“ vor allem die Verbalisierung von Erlebnissen, Wahrnehmungen und Gefühlen unterstützen (Beispiel „Stadtausflug mit einem Hund“). Auf dem Gebiet ästhetischer Bildung können Wahrnehmungs- und Gestaltungsprozesse, kreative Ideen und Fertigkeiten unter Mithilfe des Tieres angeregt und gefördert werden (Wandzeitung „Wir stellen unseren Horthund X vor“ oder das „Herstellen von gesundem Hundegebäck“). Darüber hinaus kann auch die naturwissenschaftliche Bildung von Hortkindern, die hier ihre Impulse erhält durch die Beschäftigung mit den natürlichen Elementen, der Umwelterforschung, durch Experimente und die Schulung des ökologischen Bewusstseins, beim Umgang mit einem Tier unterstützt und vertieft werden (Beispiel „Tierspuren im Schnee“ oder „Hunderassenkunde auf einem Hundeplatz“). Um mathematische Vorstellungsfähigkeiten weiterzuentwickeln und praktische Ordnungssysteme, Zahlen-, Raum- und Mengenverständnis zu trainieren, kann ebenfalls das Eingehen auf die Bedürfnisse eines Tieres sich als hilfreich erweisen (Beispiel „Wochenplanerstellung mit integrierter Verantwortlichkeit für das Tier“ oder „Gewichtsermittlung eines Hundes und Abmessung von Futtermengen“).

Im Folgenden beschäftigt sich die Autorin mit der Praxisarbeit innerhalb eines Projektmodells tiergestützter Pädagogik im Hort oder auch in anderen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen. Im Fokus stehen bei den hierzu notwendigen „Hundearbeitsgemeinschaften“ neben dem artgerechten Umgang mit dem Tier vor allem die Integration und Förderung von Kindern mit einer ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)-Symptomatik, deren Erziehungs- und Förderbedarf erfahrungsgemäß sehr hoch angesetzt werden muss. Hierbei sind die „speziellen Erziehungs- und Bildungsbedürfnisse“ in der hundgestützten Förderung ebenso wichtig, wie die gleichzeitig ganzheitlichen als auch präventiv wirksamen Bildungsziele. Darüber hinaus finden die qualitativen Anforderungen bei der Umsetzung tiergestützter Pädagogik ebenso Beachtung, als auch vor allem die für den Erfolg entscheidende konkrete Organisation der „Hunde-Arbeitsgemeinschaften“. Eine Kurzsammlung von Inhalten dieser Arbeitsgemeinschaften, die sich orientieren an den pädagogischen Zielen des Sächsischen Bildungsplanes für Kindertageseinrichtungen beginnt mit dem Kennenlernen des Hundes, der Regeln im Umgang mit ihm, der Körperpflege, der Spiele (1. Monat). Später könnten kreatives Zeichnen und Schreibaktionen folgen sowie ein Tierarztbesuch (2. Monat). Eine „Hunde-Safari“ und das Backen von Hundekeksen, das Herstellen einer Wandzeitung mit Fotocollagen oder eines eigenen Hundekalenders könnten einhergehen mit der Pflege und Säuberung von Hundefell und Hundekorb (3. Monat). Dem „Ideenreichtum der Erzieher“ sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Nicht vergessen sind auch die praktischen qualitativen Anforderungen als Voraussetzung für eine erfolgreiche tiergestützte Pädagogik. Neben den zu erarbeitenden speziellen Kenntnissen der Erzieher/Sozialpädagogen und den „Anforderungen an das pädagogisch eingesetzte Tier“ sind unverzichtbar ein Hygieneplan, der Versicherungsschutz, die Beachtung des Tierschutzgesetzes und – nicht zuletzt – die Zustimmung der Eltern und die Absprache im Kollegium. Den hohen Anforderungen sollte der eingesetzte Hund (vornehmlich Retriever, Labrador, aber auch einige Mischlingshundearten) gewachsen sein, er sollte ausgeglichen, freundlich, geduldig und belastbar sein, an die Nähe von Menschen gewöhnt und „von gutem Gehorsam“ sein.

Soll die tiergestützte Pädagogik in Kinder- und Jugendeinrichtungen auf breitere Basis Fuß fassen, bedarf es, neben mit entsprechender Sachkenntnis über Hunde ausgestatteten Fachkräften/Mitarbeitern, vor allem einer differenzierten Planungs- und Organisationsarbeit. Die Konzeption der Arbeitsgemeinschaften ist zu formulieren, Arbeits- und Durchführungserlaubnisse sind einzuholen, Gesundheitsamt, Tierarzt und Versicherungsschutz sind einzubeziehen. Wichtig ist auch die rechtzeitige Information der Eltern (Plakate/Elternbrief) und nicht zuletzt, wenn diese Finanzierung vom Träger der Einrichtung nicht übernommen werden kann, die Suche nach einem Sponsor, der wenigstens die Kosten für die notwendigen Utensilien (etwa Hundesgeschirr und -korb) übernehmen kann.

Der spätere Ablauf einer tiergestützten Maßnahme lässt sich in der Regel in fünf Phasen einteilen: „Individuelle Planung und Vorbereitung“ (Utensilien bereithalten, für einen ausgeruhten Hund sorgen), daran schließt sich an die „Beginn- und Einstiegsphase“ (Begrüßungsrituale, Belehrung über die Regeln beim Umgang mit dem Hund, wettergerechte Kleidung). Es folgt die „gezielte tiergestützte… Förderung“ mit Übungen, Spielen und Aktivitäten (möglichst nicht länger als sieben Minuten) und danach die „End- und Abschiedsphase“ (Aufräumarbeiten, Abschiedsritual, Händewaschen). Ganz wichtig ist dabei auch die „Dokumentations- und Evaluationsphase“, die der Qualitätssteuerung und -sicherung dient etwa mittels eines gezielt kindgerecht formulierten Fragebogens oder einer Liste mit selbst auferlegten Zielen.

In einem ausführlichen Stundenentwurf werden beispielhaft die Lernziele und Voraussetzungen bei der Unterrichtsplanung für die Fachausbildung des Erziehers (Sächsischer Lehrplan/Sozialpädagogik) aufgeführt. Mindestens acht Unterrichtsstunden im Lernfeld 4 („Planen, Gestalten, Begleiten… von Bildungs- und Erziehungsprozessen“) sollten eingeplant werden, von der Autorin im Anhang in einem „Stoffverteilungsplan“ gegliedert.

In ihrem Schlusswort weist Julia Just noch einmal hin auf die mögliche Ausweitung tiergestützter Pädagogik auf weitere Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe, lobt sie die breit gestreute, ehrenamtliche Hilfe in der Bundesrepublik, die es ermöglicht, dass vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien am Angebot einer tiergestützten Maßnahme teilhaben können, und wünscht sich den weiteren Ausbau der Angebotsformen tiergestützter Pädagogik auf den Gebieten sozialpädagogischer, pflegerischer und medizinischer Arbeitsfelder.

Im Anhang finden sich ein ausführliches Literaturverzeichnis, Beispiele für eine Mindmap („Regeln im Umgang mit einem Hund“), ein Anmelde- und Informationsbogen für Eltern, ein Unterrichtsplan mit Strukturskizzen, Beispielen und Arbeitsblättern sowie Texte zur Aufgabenstellung innerhalb einer Gruppenarbeit.

Fazit

Zweifellos eine fundierte, sorgfältige und eindringlich formulierte Schrift, was die menschliche Seite der tiergestützten Pädagogik betrifft, allerdings wenig erhellend, was deren tierische Seite anbelangt. Es ist viel die Rede von Didaktik, Methodik, Evaluation, von Voraussetzungen und Möglichkeiten der hier vorgestellten Aktivitäten und wenig die Rede von Erfolg oder Misserfolg und/oder Schwierigkeiten während des dreijährigen Modellversuchs. Dass der Umgang mit einem Hund Verpflichtungen mit sich bringt, denen Kinder oft nicht gewachsen sind oder die sie überfordern und denen sie sich, wenn andere Interessen sich in den Vordergrund schieben, rasch zu entziehen wissen aller pädagogischer Bemühungen zum Trotz, diese Erfahrung scheint ebenso zu kurz zu kommen, wie die Überlegung, dass ein Hund, der zur Unterstützung einer solchen pädagogischen Maßnahme eingesetzt werden soll, sicherlich ein ebenso differenziertes Trainingsprogramm vorab zu absolvieren hat, wie einer jener Service-Hunde, die im Text erwähnt werden.

Beim Lesen vor allem der letzten Kapitel des Buches, in denen die eher praktischen Seiten tiergestützter Pädagogik behandelt werden, drängte sich mir unwillkürlich folgende, dem vorliegenden wissenschaftlichen Werk sicherlich nicht angemessene „Vision“ auf: Acht Kinder, ob 6 oder 10 Jahre alt, ob mit oder ohne ADHS-Sympton, stürzen sich auf so einen knuddelig-weichen, freundlichen Retriever (für selbst den geduldigsten Hund bedeutet das erst einmal Stress pur) und liegen hernach ihren eh schon genervten Eltern – laut Autorin nicht unbedingt wohnhaft in den Einfamilienhäusern einer Vorstadt – quengelnd in den Ohren: „Ich will auch so einen Hund!“ …

Uneingeschränkt positiv ist zu bewerten, dass die Autorin, obwohl sie die Hürden, die bei der Einführung einer tierbegleiteten pädagogischen Unterstützung im Hortwesen zu überwinden sind (Geld, hygienische, juristische und versicherungstechnische Voraussetzungen), nicht verschweigt, dennoch vehement und mit Hinweis auf die Praxis im europäischen Ausland eintritt für eine Verankerung/Berücksichtigung dieser pädagogischen Maßnahme in den Lehrplänen der Bundesländer.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 22.11.2011 zu: Julia Just: Tiergestützte Pädagogik und Hortwesen. Ganzheitlich-präventive und integrative Konzeption („DogSupportsChild“) in Sachsen. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. ISBN 978-3-8288-2568-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11385.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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