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Eva Felka, Volker Harre (Hrsg.): Individualpädagogik in den Hilfen zur Erziehung

Cover Eva Felka, Volker Harre (Hrsg.): Individualpädagogik in den Hilfen zur Erziehung. Rechtliche Grundlagen, Adressaten, Settings und Methoden. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. 227 Seiten. ISBN 978-3-8340-0818-3. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Herausgeber

Die Diplom Sozialpädagogin Eva Felka ist zusammen mit dem Diplompädagogen Volker Harre Gesellschafterin und Leiterin des Projekt Husky. Zudem ist Eva Felka Vorstandsmitglied des Bundesverbandes für Individual- und Erlebnispädagogik e.V.

Das Projekt Husky betreut seit über 20 Jahren Jugendliche in individualpädagogischen Maßnahmen in Deutschland, Schweden und Polen.

Thema

Individualpädagogische Hilfen sind ein kleines, aber wichtiges Hilfeangebot im Katalog der Hilfen zur Erziehung und im SGB VIII im § 35 verortet.

In diesem Buch werden sie umfassend beschrieben und diskutiert.

Aufbau

Im ersten Kapitel führt Friedhelm Güntert in das Thema ein. Diese Einführung wird ergänzt durch zwei ausführliche Fallbeispiele.

Im nächsten Kapitel werden die gesetzlichen Grundlagen der Individualpädagogik und die Einbindung in das SGB VIII erläutert.

Willy Klawe charakterisiert die Jugendlichen, die individualpädagogische Hilfen erhalten (Adressaten). Er präsentiert die Daten verschiedener Untersuchungen hinsichtlich Aufnahmegründe, Vorhilfen und Belastungsfaktoren; er arbeitet aber auch die (wenigen) Ressourcen heraus, auf die die Hilfe aufbauen kann.

Die nächsten drei Kapitel wurden wiederum von Güntert verfasst. Zuerst arbeitet er klar unter dem Stichwort Methoden die Bedeutung der Beziehung als Grundvoraussetzung und Schlüsselfunktion heraus. Er bekräftigt das Primat der Beziehungsarbeit und des Vertrauensaufbaus, der Vorrang vor der Durchsetzung von Erziehungszielen hat. Qualität und Intensität des Umgangs sind wichtige Kriterien, um der Fachkraft die Möglichkeiten zu eröffnen, „Ersatz-Bindungsfigur“ zu werden, auf deren Grundlage dann weitere Variablen erst zum Gelingen des Hilfeprozesses beitragen können.

Im Folgenden thematisiert Güntert die Beteiligung der Jugendlichen, sowohl konkret (z.B. bei der Hilfeplanung) wie auch als Bestandteil des QM-Systems, als Anregungs- und Beschwerdemanagement.

Ein Schulabschluss hat einen hohen Stellenwert für die Teilhabechancen in unserer Gesellschaft; Schulverweigerung wird jedoch als häufiger Aufnahmegrund in die intensivpädagogische Maßnahme angegeben. Sowohl formale Bildung (etwa als Distanzbeschulung) als auch Bildung zur Lebenskompetenz werden diskutiert.

Anschließend arbeitet Eva Felka relevante Settings, Bausteine und Gestaltungsaspekte der individualpädagogischen Hilfe heraus und beschreibt die Phasen der intensivpädagogischen Betreuung.

Es folgt erneut Güntert mit zwei Kapiteln. Zuerst diskutiert er die Rolle der Professionalität, die Bedeutung formaler, wissenschaftlich orientierter Ausbildung und einer authentischen Betreuerpersönlichkeit, entwirft das Anforderungsprofil für eine individualpädagogische Fachkraft und unterscheidet dabei persönliche, soziale, Fach- und Methodenkompetenz.

Anschließend bespricht er die Notwendigkeit sinnvoll abgestimmter institutioneller Kooperation, zeigt gelungene Beispiele, aber auch bestehende Probleme auf. Thema ist auch die Zusammenarbeit in und mit Schweden und Polen.

Den Abschluss bilden die Beiträge von Klawe, der über Studien zur Evaluation erzieherischer Hilfen berichtet, diskutiert was Erfolg sein könnte und dabei die Perspektive der Adressaten betont. Er gibt einen Ausblick, in dem er auf zentrale Wirkfaktoren der individualpädagogischen Praxis sowie offene Fragen und künftige Entwicklungen eingeht.

Im Anhang findet sich ein Einschätzbogen zur selbständigen Lebensführung.

Diskussion

Vor einigen Jahren waren vor allem erlebnispädagogische Auslandsprojekte stark in die Kritik gekommen. Vielen medialen Angriffen zum Trotz hat sich die Individualpädagogik weiterentwickelt.

Das Buch spricht die relevanten Aspekte an, stellt sie umfassend, kritisch und sachkompetent dar. Es gibt einen profunden Überblick, so dass es als Handbuch der Individualpädagogik in den erzieherischen Hilfen bezeichnet werden kann.

Als wichtige Kompetenz der pädagogischen Fachkraft wird die Bindungsfähigkeit herausgestellt. Obwohl bindungstheoretisch argumentierend, wird zum Beispiel der Einfluss der Bindungsrepräsentation der Fachkraft auf den Hilfeprozess nicht thematisiert.

Die Kritik, dass die pädagogischen Fachkräfte an den entsprechenden Institutionen oft nicht nach den speziellen Bedürfnissen der Jugendhilfe ausgebildet werden, ist berechtigt, insbesondere der eigenen Bindungsfähigkeit wird zu wenig Aufmerksamkeit gegeben.

Der Einschätzbogen im Anhang gibt zwar viele Hinweise, was der Jugendliche für eine selbständige Lebensführung braucht. Die Bewertung erfolgt aus Sicht des Jugendlichen wie aus der Sicht der Fachkraft. Es erfolgt jeweils eine Einstufung auf einer 5-Punkte-Skala, die zu Summenwerten zusammengefasst werden. Es gibt aber keinen weiteren Hinweis, wie diese Punktwerte zu beurteilen sind, z.B. keine Angabe, wann das erreichte Niveau als ausreichend zu bewerten ist.

Zielgruppe

Verantwortungsträger der Jugendhilfe, Fachkräfte, Studierende der Sozialpädagogik.

Fazit

Ein Handbuch, das Licht in ein noch immer schillerndes und mit Vorurteilen behaftetes Arbeitsfeld wirft, ein wichtiger Beitrag zur weiteren Qualifizierung dieser Hilfeform, ein Beitrag zur Versachlichung der Debatte, so Wiesner in seinem Vorwort. Dem kann ich mich voll und ganz anschließen.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 20.12.2011 zu: Eva Felka, Volker Harre (Hrsg.): Individualpädagogik in den Hilfen zur Erziehung. Rechtliche Grundlagen, Adressaten, Settings und Methoden. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. ISBN 978-3-8340-0818-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11389.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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