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Berthold Meyer: Konfliktregelung und Friedensstrategien

Cover Berthold Meyer: Konfliktregelung und Friedensstrategien. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 610 Seiten. ISBN 978-3-531-17895-0. 34,95 EUR.

Reihe: Friedens- und Konfliktforschung.
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Autor

Berthold Meyer ist Honorarprofessor am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg.

Entstehungshintergrund

Das Lehrbuch ist die überarbeitete Neuauflage einer Erstausgabe vor 15 Jahren. In dieser Zeit sind viele neue Studiengänge im Bereich Konfliktforschung entstanden, sodass nun ein Werk vorgelegt wird, das als einführendes Kompendium von Studenten genutzt werden kann.

Aufbau

Das Buch ist in vier Teile mit eigenen Schwerpunkten gegliedert. Jeder Teil enthält ein ausführliches Einführungskapitel, das mit ergänzenden Texten versehen ist, die verschiedene Konfliktstrategien oder -fälle genauer beschreiben. Diese Texte sind von Co-Autoren geschrieben, die einzelne Fragen des Einführungskapitels aufgreifen, ergänzen, kontrastieren oder kritisieren.

  1. Teil I befasst sich mit den Grundlagen und geht der Frage nach, was einen Konflikt kennzeichnet.
  2. Teil II behandelt die Konfliktregelung im demokratischen Rechtsstaat. Hier geht es um rechtliche Verfahren zur Konfliktlösung und gerichtliche Verfahren und wie in ehemaligen Diktaturen durch Rechtsexport demokratische Strukturen geschaffen werden können.
  3. Teil III lenkt die Aufmerksamkeit auf Konflikte um ethische, kulturelle oder religiöse Differenzen. Im Mittelpunkt steht hier, wie Minderheiten spezielle Rechte erhalten können und vor Verfolgung geschützt werden.
  4. Mit der Konfliktregelung durch internationale Organisationen beschäftigt sich Teil IV vor allem am Beispiel der Vereinten Nationen. Was kann eine solche Organisation leisten, die vielfältigen Einflüssen unterliegt, hehre Zielsetzungen verfolgt und dabei im Alltag aber oft auf der Grundlage des kleinsten gemeinsamen Nenners arbeiten muss?

Teil I: Die Grundlagen

Dieses Kapitel setzt sich damit auseinander, was einen sozialen Konflikt kennzeichnet, wie er entsteht und verläuft, wann und warum Gewaltschwellen überschritten werden und es in manchen Fällen sinnvoller ist, einen Konflikt zu regeln, ohne ihn zu lösen.

Die Darstellung der verschiedenen Konfliktformen (Interessen-, Werte- und Machkonflikt) wird veranschaulicht mit Texten zum Augsburger Religionsfrieden und dem Kaskadenmodell der Konflikteskalation.
Als Modelle der Konfliktbearbeitung werden der Ost-West-Konflikt und Tarifverhandlungen genauer beschrieben.
Ein weiterer Unterabschnitt der Konfliktanalyse befasst sich mit der Bedeutung von Kommunikations- und Beziehungsstörungen. Daran anschließend geht es um die Einwirkung struktureller Faktoren auf Konflikte.
Den Abschluss bildet ein Text zur Vertrauensbildung, der wieder mit einer ergänzenden Ausführung zum prekären Gleichgewicht im Kalten Krieg versehen ist.

Die ergänzenden Texte zum ersten Abschnitt sind jeweils ein Beitrag:

  • zum Thema „Gewaltfreiheit als Dritter Weg zwischen Konfliktvermeidung und gewaltsamer Konfliktaustragung“,
  • zum Konfliktmanagement,
  • zur Konfliktlösung durch gesellschaftliche Akteure,
  • zu Friedensprozessen dargestellt am Beispiel von Nordirland.

Teil II: Konfliktregelung im demokratischen Rechtsstaat

Dieses Kapitel setzt sich damit auseinander, wie Konflikte in der Demokratie geregelt werden. Dabei weist der Autor darauf hin, dass „Demokratie nicht nur eine Form der Austragung gesellschaftlicher Konflikte, sondern zugleich die Organisationsform für deren Regelung“ (S. 187) ist.

Dargestellt wird dies u.a. mit dem zivilisatorischen Hexagon, das von Dieter Senghaas entwickelt wurde. Darin geht es um die Bedeutung von Recht und Gesetzen für die Steuerung und Normierung von Verhalten, das für Individuen, Gruppen und Institutionen gilt. Es umfasst die Kategorien Gewaltmonopol, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Partizipation, Konfliktkultur, soziale Gerechtigkeit und Interpendenz/Affektkontrolle.

Außerdem wird ausführlich die Mediation, als außergerichtliche Konfliktregelung vorgestellt.

Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit der Friedenserziehung, wobei zwischen Erziehung zur Friedfertigkeit und zur Friedensfertigkeit in Anlehnung an den Friedenspädagogen Wintersteiner unterschieden wird. Damit geht es um die Verbindung der individuellen Voraussetzungen und der politischen Gegebenheiten für den Frieden.

Die letzten beiden Abschnitte dieses Kapitels setzen sich mit der Korruptionsbekämpfung und der Frage des Exports von Rechtsstaatlichkeit auseinander.

Die ergänzenden Texte stellen ein Prioritätenspiel „Kampf gegen den Terrorismus“ vor. Prioritätenspiele dienen in der Erwachsenenbildung dazu, einzelne Themen ohne großen Aufwand zu vertiefen. Inhaltlich schließt sich ein Aufsatz zum Thema „Terrorismusbekämpfung und die Selbstgefährdung des freiheitlichen Rechtsstaates“ an.
Die anderen drei Ausätze befassen sich mit der Dauerkontroverse um die Allgemeine Wehrpflicht, um die Bündnisse für Arbeit zwischen Konfliktverlagerung und Konfliktverwaltung sowie um das Thema „Olympisches Fairplay – ein Ansatz zur Friedenserziehung?“ oder was kann vom Sport für die Friedenserziehung gelernt werden.

Teil III: Konfliktregelung im interethnischen und interkulturellen Bereich

Dieses Kapitel setzt sich mit ethnischen Konflikten auseinander. Die Autoren betonen gleich zu Beginn, dass Ethnizität keine genetischen Zuschreibungen zugrunde liegen, sondern dass es sich um ein sehr wirksames gesellschaftspolitisches Konstrukt handelt. Dabei wird vor allem im vierten Abschnitt deutlich, dass die Minderheitenproblematik kein Thema ist, das in weitentfernten Ländern aktuell ist. Vielmehr sind auch in der Bundesrepublik Anstrengungen nötig, um ein friedliches Miteinander und eine gelungene Integration zu gewährleisten.
Wie das geschehen kann, zeigen schon die Kapitelüberschriften. Es geht um die Sicherung von Minderheitenrechten, die auch die UN aufgrund der Fixierung auf zwischenstaatliche Konflikte lange vernachlässigt hat. Das Beispiel der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein und der deutschen in Süddänemark zeigt hier eine gelungene Beteiligung von Minderheiten. Allerdings wird auch auf andere Konflikte verwiesen, die nicht so ideal gelöst wurden (slowakisch-ungarisches Grenzgebiet). Außerdem wird die Frage der gesellschaftlichen und politischen Integration in Deutschland anhand der Mitsprache- und Mitentscheidungsrechten thematisiert und angeprangert, dass Nicht-EU Bürgern das kommunale Wahlrecht verweigert wird. Dabei sind die Fragen nach der politischen Beteiligung der ausländischen Mitbürger zugleich Fragen danach, „wie viel Demokratie in einem Land gewagt wird“ (S. 354).

Der siebte Abschnitt dreht sich um „Toleranz im Spannungsfeld von Macht und Moral“ und greift eine Studie von Rainer Forst (2003) auf. Er begründet vierfach, warum Toleranz ein Konfliktbegriff ist.

  1. Toleranz ist eine Haltung, die nur im Konfliktfall gezeigt wird.
  2. Toleranz ist immer Konfliktpartei, auch wenn sie sich nach außen als unparteilich zeigt.
  3. Toleranz ist selbst Gegenstand von Konflikten, womit deutlich wird, warum sogar umstritten ist, ob sie generell etwas Gutes hat.
  4. Es gibt zwar ein Konzept von Toleranz aber auch viele Interpretationen der Bestandteile des Toleranzbegriffs, die sich u.a. an ihrer Grenze gegenüber Nicht-Tolerierbarem zeigt. Dies führt zur Paradoxie der Grenzziehung, die lautet, dass „dass Toleranz stets in ihr Gegenteil, die Intoleranz umschlagen muss, wenn sie die unumgängliche Grenzbestimmung zwischen dem Tolerierbaren und Nicht-Tolerierbaren vornimmt.“ (S. 367) Auf diese Weise stellt Toleranz nicht nur eine moralische Abwägung, sondern auch ein machtpolitisches Kalkül dar.

Der letzte Abschnitt befasst sich mit dem Umgang mit Bürgerkriegen und ihrem Erbe. Thema ist hier, wie mit den Traumata des Krieges umgegangen werden kann. Häufig ist eine Entwaffnung der Kämpfer keine ausreichende Lösung, weil ihnen die Grundlagen für eine zivile Zukunft fehlen. Als Instrumente einer Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen in Bürgerkriegen werden der internationale Gerichtshof in Den Haag und die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika genannt. Gerade das letzte Beispiel wird anschließend noch genauer vorgestellt.

In den ergänzenden Texten finden sich folgende Abhandlungen:

  • Durch Demokratisierung zu stabilem Frieden. Bosnien und Herzegowina nach dem Krieg
  • Kollektivrecht vs. Individualrecht im europäischen Minderheitenschutz – Fallbeispiel Südtirol
  • Zur Früherkennung terroristischer Kampagnen
  • Frieden machen als Beruf? Qualifizierung für Zivile Konfliktbearbeitung in Deutschland

Teil IV: Konfliktregelung durch internationale Organisationen

Dieses Kapitel setzt sich damit auseinander, wie die hehren Ziele der Vereinten Nationen mit den unterschiedlichen Interessen der 193 Einzelstaaten im Falle einer Konfliktlösungsstrategie in Einklang zu bringen sind. Am Anfang wird dies am langwierigen Prozess der Klimaschutzkonferenzen dargestellt. Darauf folgt eine genaue Beschreibung der Aufgaben und Ziele der Vereinten Nationen. Im Anschluss werden einige Bereiche betrachtet, in denen die UNO und ihre Hauptorgane versuchen, internationale Konflikte zu lösen: Die Installation von Peace Keeping Missionen und die Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen. In diesem Zusammenhang wird im zweiten Abschnitt auf die Schwierigkeit eingegangen, den Sicherheitsrat zu reformieren, die Wirksamkeit von Embargomaßnahmen thematisiert und die zögerliche Haltung der Weltgemeinschaft im Konflikt um Darfur kritisiert.

Im dritten Abschnitt wird auf die Rüstungskontrolle und Abrüstung im Bereich der Nuklearwaffen eingegangen.

Der letzte Abschnitt setzt sich mit dem NATO-Einsatz in Afghanistan auseinander und der Frage, ob die NATO Teil der Lösung oder Teil des Problems ist. Außerdem enthält er einen Text zur Frage der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU.

Wie in den anderen Kapitel folgen ergänzende Texte, die sich mit folgenden Themen befasen

  • Make Law, Not War: Internationale und transnationale Verrechtlichung als Baustein für Global Governance
  • Die UN-Resolution 1820 zum Schutz von Frauen vor sexualisierter Gewalt in bewaffneten Konflikten.
  • „Humanitäre Intervention“ – eine riskante Rekonstruktion des „gerechten Krieges“?

Diskussion

Das vorliegende Werk hat sich eine Mammutaufgabe gestellt, indem es nicht nur theoretisch in die Konfliktforschung einführen will, sondern auch viele konkrete Felder der Ausgestaltung nachzeichnet. Damit muss es an einigen Punkten stichwortartig oder sogar lückenhaft bleiben. Das Buch besticht aber durch seine gründliche Detailarbeit, wenn es politische Prozesse der Konfliktbearbeitung historisch rekonstruiert. Hier eignet es sich gut als Nachschlagewerk.

Allerdings fehlen auch einige wichtige Themen fast vollständig: der israelisch-palästinensische Konflikt als einer der längsten, explosivsten und gewalttätigsten Konfliktherde der Welt und die an Bedeutung gewinnenden Ressourcenkonflikte, vor allem um Wasser.
Hier sind die eingefügten Prioritätenspiele zu diesen beiden Themen viel zu dürftig, als dass sie der tatsächlichen Bedeutung für das Thema des Lehrbuches gerecht werden. Eine ausführlichere Auseinandersetzung ist in einer Neuauflage dringend notwendig.

Nach Drucklegung des Buches zeigte die arabische Revolution mittlerweile auf, dass Gewalt zur Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen nicht mehr zielführend ist. Eine Lektion, die hoffentlich alle Diktatoren und Despoten dieser Welt verstanden haben bzw. irgendwann verstehen werden.

Fazit

Für Lehrende und Studierende ist das Lehrbuch sehr geeignet, die unterschiedlichen Facetten der Konflikt- und Friedensforschung aufzuzeigen und an einigen konkreten Beispielen anschaulich zu machen. Der Durchschnittsleser wird sich mit diesem Werk eher schwer tun, weil es an vielen Stellen doch sehr theoretisch strukturiert ist und argumentiert.

Deutlich wird in jedem Fall: Konfliktregelungen, vor allem im zwischenstaatlichem Bereich, sind häufig in komplexe und aufwändige Verfahren eingebunden, die Geduld, Verhandlungsgeschick und oft eine stille Diplomatie und verbindliche rechtliche Standards erfordern.

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch mit vielen Details und praktischen Beispielen.


Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 23.11.2011 zu: Berthold Meyer: Konfliktregelung und Friedensstrategien. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17895-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11391.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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