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Doris Bischof-Köhler: Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend

Cover Doris Bischof-Köhler: Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend. Bindung, Empathie, theory of mind. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 484 Seiten. ISBN 978-3-17-021553-5. 35,90 EUR.
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Autorin

Dr. Doris Bischof-Köhler ist Professorin für Psychologie an der Ludwig Maximilian Universität, München. Sie hält Vorlesungen zu Themen aus der Entwicklungspsychologie und betreut eine Projektgruppe zur Untersuchung kognitiver und motivationaler Veränderungen bei Drei- bis Sechsjährigen.

Thema

Dieses Lehrbuch zur sozialen Entwicklung von Kindern will kognitive, motivationale und emotionale Komponenten im Zusammenhang darstellen und betont die evolutionäre Perspektive.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält 18 Kapitel, die zwei Themenkreisen zugeordnet werden können, der motivationalen und emotionale Entwicklung (Kap. 1-9) und der Entwicklung sozialkognitiver Fähigkeiten, Empathie und Theory of Mind (Kap. 10-18).

Im 1. Kapitel (Phylogenese und Ontogenese) werden grundlegende Begriffe erörtert und systematisiert sowie der evolutionäre Bezugsrahmen und die Orientierung an der Adaptivität in der Darstellung verdeutlicht. Wichtig für das weitere Verständnis ist auch die Einführung der drei Niveaus der Verhaltensorganisation (prärational, protorational und rational) und ihrer Bedeutung in Phylogenese und Ontogenese.

Das 2. Kapitel (Prärationale Entwicklung) befasst sich mit den ersten 18 Monate der kindlichen Entwicklung und greift hauptsächlich die Piagetschen Konzepte auf.

Mit dem Ende der sensumotorischen Phase nach 18 Monaten endet auch die prärationale Phase; mentales Vorstellen und Probehandeln wird möglich, die Sprachentwicklung gewinnt an Bedeutung (3. Kapitel: Der Beginn rationalen Denkens).

Für die nachfolgenden Kapitel ist das Zürcher Modell der sozialen Motivation von zentraler Bedeutung. Die Grundbegriffe (z.B. Regelkreis, Soll-/Ist-Wert, Antrieb, Detektoren, Coping-Apparat) und die Rolle der Emotionen werden einleitend im 4. Kapitel besprochen. Anschließend wird die Geschichte der Theoriebildung zum Bindungsmotiv, die Funktion der Bindung, Bindung als Sicherheitssystem im Rahmen des Zürcher Modells und Theorien zur Erklärung des Lächelns dargestellt.

Das 5. Kapitel befasst sich mit dem Erregungssystem. Neugier und Furcht sind dabei zentrale Themen: Neuheit, Fremdenreaktion, die Interaktion von Sicherheit und Erregung, Arten der Neugier und die Funktion des spielerischen Raufens.

Ein drittes Motivsystem wird im 7. Kapitel angesprochen, das Autonomiesystem. Dieses interagiert wiederum mit dem Sicherheits- und Erregungssystem. Die Theorien der Entwicklung des Selbsterkennens und des Ichbewusstseins, Wiederannäherungskrise und Trotzverhalten werden dargestellt.

Aggression spielt bei den frühen Autonomiebestrebungen des Kindes eine Rolle; im 7. Kapitel wird sie ausführlicher besprochen. Problematisch wird aus evolutionsbiologischer Sicht die Definition über die Schädigungsabsicht gesehen. Ausführlich wird die ethologische Perspektive sowie die Entwicklung der Aggression in der Ontogenese erläutert.

Im 8. Kapitel wird das Autonomiesystem in drei Teile aufgeteilt: Macht-, Geltungs- und Kompetenzmotivation (mit Spezialfall Leistungsmotivation), besonders besprochen wird die Entwicklung von Rangordnungen und das Konzept der Aufmerksamkeitsstruktur („Ansehen“ als Zeichen eines hohen Ranges).

Nach der Besprechung der drei Motivsysteme befasst sich das 9. Kapitel mit individuellen Entwicklungsbesonderheiten der Motivationsregulation. Es werden die klassischen Themen der Bindungstheorie (Bindungsqualitäten, mütterlicher Stil, Langzeitfolgen und Fehlentwicklungen) erörtert.

Mit dem 10. Kapitel wendet sich die Autorin den sozial-kognitiven Kompetenzen zu. Sie erläutert den Unterschied zwischen Gefühlsansteckung und Empathie und beschäftigt sich mit den Spiegelneuronen und frühen Formen der sozialen Bezugnahme (Social Referencing, Joint Attention).

Soziale Kognition ist eine Erfindung auf dem protorationalen Niveau der Menschenaffen, so wird das 11. Kapitel eingeleitet. Es beschäftigt sich mit der Empathie, erläutert Theorieansätze zu deren Entwicklung und stellt den Zusammenhang mit der Selbstobjektivierung her (so ist das erste Auftreten in der Entwicklung mit dem Erkennen im Spiegel korreliert). Es bleibt bei der Empathie offen, ob es sich dabei bereits um ein Verständnis im Sinne einer „Theory of Mind“ handelt.

Im 12. Kapitel werden die motivationalen Folgen der Empathie behandelt, wobei prosoziale und sozial-negative Konsequenzen (z.B. Schadenfreude) unterschieden werden. Es werden Faktoren, die prosoziale Intervention beeinflussen, besprochen sowie Einflüsse auf die Empathieentwicklung (z.B. die Bindungsqualität) herausgestellt. Im zweiten Teil wird die Entwicklung der Nachahmung dargestellt und bei der eigentlichen Nachahmung zwischen einer prozess- und ergebnisorientierten Form unterschieden.

Weiter geht es im 13. Kapitel mit Theorien zum Fremdverständnis. Es werden historische Theorien (von der Rollenübernahme, von der Dezentrierung zur Perspektivenübernahme) sowie gegenwärtige Ansätze (Theorie-Theorie, Simulationstheorie) dargestellt.

Im 14. Kapitel beschäftigt sich die Autorin ausführlich mit der Theory of Mind. Mit diesem Konzept werden spezifisch menschliche Leistungen beschrieben, die als „Psychologie des gesunden Menschenverstandes“, als „naive Theorien über Ursachen des Verhaltens“ gelten. Die wichtigsten Komponenten sind „Desires“ und „Beliefs“. „Enthusiasten“ sehen schon frühe Kennzeichen einer Theory of Mind im ersten Lebensjahr (implizite Theory of Mind, z.B. bei Social Referencing), „Skeptiker“ zählen erst Mechanismen der sozialen Kognition ab den vierten Lebensjahr dazu mit dem wichtigen Kriterium des „False Belief“ (Verständnis, dass eine Person eine falsche Meinung bezüglich eines Sachverhalts haben kann). In diesem Kapitel wird auch die Entwicklung der Perspektivenübernahme und von Überzeugungen höherer Ordnung bis zur Adoleszenz beschrieben.

Der Selektionsvorteil, die Funktion der Theory of Mind ist nicht nur die Optimierung der sozialen Kognition sondern auch eigene motivierte Zustände zu vergegenwärtigen. Dies hat Auswirkungen auf die Handlungsorganisation und führt zu grundlegenden Veränderungen. Eine „mentale Zeitreise“ im Sinne der Vorwegnahme zukünftiger Motive oder des Wiederauflebens vergangener Motive (z.B. als Vergeltung) wird möglich; es entsteht ein „Raum des hypothetisch Möglichen“. Es werden in einem Gebiet, das weitgehend Neuland ist, Untersuchungen zur Entwicklung exekutiver Funktionen (Bedürfnisaufschub, Selbstkontrolle) und zur mentalen Zeitreise (Motivmanagement, Vorausplanung) erörtert.

Im 16. Kapitel wird die Brücke zur sozial-emotionalen Entwicklung und dem Beziehungsverhalten geschlagen, Aspekte der Entwicklung der Geschlechtsidentität und die Veränderung der Sicht der Familie (ausführlich mit eigenen Studien) beschrieben, in dem Alter, in dem die klassische Psychoanalyse den Ödipus-Komplex angesiedelt hatte.

Das 17. Kapitel befasst sich mit der naiven Persönlichkeitstheorie und dem Selbstbild, beschreibt die Fremd- und Selbstwahrnehmung bis ins Jugendalter und endet mit den Identitätszuständen nach Marcia.

Abschließend werden Aspekte der Moralentwicklung dargestellt. Die Autorin stellt fest, dass ein reziproker Altruismus viele der besprochenen mentalen Fertigkeiten voraussetzt (z.B. die Fähigkeit zur mentalen Zeitreise). Sie bespricht die Ansätze von Piaget und Kohlberg kritisch und erweitert diese kognitivistischen Ansätze um relevante emotionale Komponenten, die Kenntnis moralischer Gefühle und die Empathie.

Diskussion

Das Buch spannt den weiten Bogen von der Geburt bis zur Adoleszenz, wobei der Schwerpunkt auf der frühen Kindheit und dem Kindergartenalter liegt. In diesem Alter vollziehen sich aber auch die meisten Entwicklungen.

Das Lehrbuch ist grundlagenwissenschaftlich orientiert; der Anwendungsaspekt spielt keine Rolle. Die theoretische Basis der Autorin ist die evolutionäre Perspektive; Theorien werden unter diesem Blickwinkel diskutiert und bewertet. Wichtig ist es dabei, herauszuarbeiten, auf welchem Komplexitätsniveau die Erklärungen für Phänomene gesucht und diskutiert werden.

Eine bedeutende Rolle für das Verständnis spielt dabei das Zürcher Modell der sozialen Motivation von Norbert Bischof. In die Graphiken, in denen das Modell veranschaulicht wird, muss sich der Leser hineinarbeiten.

Die Darstellung folgt einem klaren Aufbau, sie ist gründlich und fundiert. Das Gesamte wird nicht aus den Augen verloren; immer wieder werden Bezüge hergestellt.

Fotos, Graphiken und Absetzungen im Text sowie eine Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels erleichtern die Arbeit mit dem Buch.

Fazit

In diesem Buch wird ein Teilbereich der kindlichen Entwicklung umfassend und tiefgründig dargestellt. Ein Lehrbuch, das - so wie es die Autorin wünscht - zum Weiterdenken anregt.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 11.08.2011 zu: Doris Bischof-Köhler: Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend. Bindung, Empathie, theory of mind. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021553-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11394.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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