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Michael Knoll: Dewey, Kilpatrick und "progressive" Erziehung

Cover Michael Knoll: Dewey, Kilpatrick und "progressive" Erziehung. Kritische Studien zur Projektpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 372 Seiten. ISBN 978-3-7815-1789-9. 21,90 EUR.
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Tun durch Tun lernen – Lernen durch Tun?

Es ist die Methode, die Wirklichkeit schafft – an dieser Prämisse orientiert sich die Wissensvermittlung, seit es Lernen gibt. Weil aber Lernen nicht nur die Aneignung von Informationen bedeutet, sondern im Wortsinn der pädagogischen Interpretation „Verhaltensänderung“ bewirken soll, kann es sich dabei nicht um einen einmaligen oder sich wiederholenden Akt des „Eintrichterns“ handeln, sondern es ist ein Prozess, der sich schließlich in der Erkenntnis vom „lebenslangen Lernen“ manifestiert. Soweit die pädagogische Lesart und das Verständnis, dem heute in der Zeit der Methodenbewusstheit und der neuronalen Zuständigkeiten kaum ein Pädagoge widersprechen wird. Die Kontroverse ergibt sich dabei allerdings, dass Wissensaneignung und Verhaltensänderung einmal vertikal und frontal, vom Zögling zum Lehrer, vom Unwissenden zum Wissenden, und andererseits horizontal, als Prozess des Gebens und Nehmens und des Werdens aufgefasst wird: Lehrender und Lernender auf Augenhöhe gewissermaßen.

Das war in der erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Theorie und Praxis der Ansatzpunkt, der in der so genannten Reformpädagogik ( vgl. dazu: Jürgen Oelkers: Reformpädagogik, Kallmeyer Verlag, Seelze/Velber 2009, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10292.php) die traditionellen Lernformen und –methoden in Frage stellte und für das schulische Lernen den Perspektivenwechsel hin zum prozesshaften, sich veränderndem Lernen und damit auch der Lernmethoden und curricularen Inhalte vollzog. Im Blickpunkt der „Lernrichtung“ steht dabei das „Lernen vom Kind aus“ und das „eigenverantwortliche Lernen“, das bestimmte Formen der Lernvermittlung, etwa die frontale Form, obsolet werden ließ. Die Projektmethode war entdeckt!

Projektlernen als Heilsbotschaft?

Die Erziehung und Bildung des Menschen zu einem selbständigen und selbstbestimmten, gesellschaftsfähigen und empathischen Individuum ist ja das Ziel jeder Menschwerdung. Mit der aristotelischen Auffassung, dass der Bürger befähigt werden soll, gut zu sein und ein gutes Leben zu führen, und zwar durch die natürliche Anlage (physis), die Gewohnheit (ethos) und die Vernunft (logos), ist es durchaus angebracht, den pädagogischen Diskurs auf die Art und Weise zu lenken, wie die Befähigung zum Gutsein gelenkt werden könne. Aristoteles empfiehlt, „die paideia im allgemeinen und zunächst auf diejenigen Dinge zu richten, die man durch Gewöhnung lernen kann, und dann erst auf diejenigen Dinge, die sich nur durch Vernunftgebrauch erlernen lassen“ (vgl. dazu: R. Geiger, paideia, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 421). Zweifellos hat dieser Gedanke beeinflusst, wenn wir von theoretischem und praktischem Lernen und von der Projektmethode sprechen. Die Befürwortung und Kritik an diesem „pädagogischen Perspektivenwechsel“ bewegt den wissenschaftlichen und praktischen Diskurs immer wieder. Während die einen darin tatsächlich die Lösung des schier unmöglichen Problems sehen, den Menschen in seiner Ganzheit zu bilden, befürchten die anderen nicht nur den Untergang des Abendlandes, sondern auch der hehren Prinzipien der Kultur und Geistigkeit.

Autor und Entstehungshintergrund

Der ehemalige Leiter der Schloss-Schule Kirchberg/Jagst, Michael Knoll, hat im Auftrag der Kath. Universität Eichstätt nach seiner Pensionierung in den USA die Entstehung und Entwicklung der auch in die deutsche Pädagogik Eingang gefundene Projektmethode erforscht. Während der Projektunterricht, die Projektarbeit oder das Projektlernen zum einen „als ein hervorragendes Mittel (gilt), um intrinsische Motivation zu fördern, selbständiges Denken zu erzeugen und soziale Verantwortung einzuüben“, ist es im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs umstritten, ob „das Lernen am Projekt ein `methodisches Verfahren` ist, das neben anderen existiert, oder ein `didaktisches Prinzip`, das den gesamten Unterricht durchwaltet, ob es eine `Technologie` darstellt, um den Lernprozess effizienter zu gestalten, oder eine `Strategie`, um die Schule zu demokratisieren und die Gesellschaft zu transformieren“. Als vor allem die Begründer und Mitgestalter der Schulreformbewegung in den 1920 und 1930er Jahren, allen voran Peter Petersen mit seinem Rückgriff auf die amerikanischen Pädagogen John Dewey und William Heard Kilpatrick (1935), die Projektmethode der amerikanischen Schulreformer auf die deutsche pädagogische Entwicklung übertrugen, da übersahen sie, so der Duktus, dass die nordamerikanischen Überlegungen zur Veränderung der überkommenen Lernprinzipien und –methoden in der demographischen und gesellschaftlichen Entwicklung des Melting Pott gründen und sich zudem in den Ausführungen und Begründungen der Schulreformer unterschiedlich und teilweise auch konträr darstellen.

Aufbau und Inhalt

Michael Knoll unternimmt mit dem begriffsgeschichtlichen Ansatz den Versuch, die Entstehung der Projektmethode in den USA ideengeschichtlich herzuleiten. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die An- und Übernahmen der pädagogischen Ideen durch die deutschen Reformpädagogen in der Vergangenheit und Gegenwart einer Überprüfung nicht standhalten; etwa, „dass das Projekt nicht als methodische Großform zur Reform des allgemeinbildenden Schulunterrichts in Amerika, sondern als methodische Kleinform zur Reform des berufsbildenden Hochschulstudiums in Europa entstand, dass Dewey nicht für die Projektmethode, sondern die Problemmethode fundierte“, dass Kilpatrick sein Projektkonzept nicht in Übereinstimmung mit, sondern in Konkurrenz zu Dewey entwickelte, und schließlich, dass Collings nicht eine reale, sondern eine fiktionale Darstellung lieferte, als er das Typhusprojekt als ein Unternehmen ohne Lehrer, Lehrplan und Belehrung beschrieb“. Ziel der Studien ist es, einen Beitrag zur Klärung des Projektbegriffs zu leisten und eine Antwort darauf zu geben, welche Aufgaben das Projekt in Schule und Unterricht heute wahrnehmen kann. Knolls Anliegen, zu einer Versachlichung der kontrovers und nicht selten auch missverständlich und ideologisch geführten Diskussion über die Freiheit des Schülers, des Lehrens und die Rolle der Lehrkräfte im Bildungs- und Erziehungsprozess beizutragen, ist löblich.

Der Autor gliedert sein Buch, neben der Einleitung und dem Anhang, in fünf Kapitel. Im ersten zeigt er vergessene Zusammenhänge zur „Projektmethode in den Vereinten Staaten“ auf. Mit der Darstellung der geschichtlichen Entwicklung, die er in das Europa des 16. Jahrhunderts datiert, mit den Bestrebungen, die Architektur als Kunstwissenschaft zu begründen und in Akademien zu lehren, der Auswanderung der Ideen nach Amerika und dort der vielfältigen Ausdifferenzierungen der Lernformen des „Manual Training“, das es „logisch“ zu vermitteln gelte, bis hin zum konstruktivistischen praktischen Problemlösen und der Rückwanderung der Initiativen über das schwedische „Slöjd“, mit der Berücksichtigung der „Psychologie des Kindes“, hin zur Lernmethode bereits im Kindergarten und in der Elementarschule auch in Deutschland. Dabei begegnen uns eine Reihe von Personen und Initiatoren, die in der hiesigen Projektdiskussion weitgehend unbekannt bzw. unbeachtet geblieben sind.

Im zweiten Kapitel greift Knoll die gängige Auffassung auf, dass es William H. Kilpatrick ist, der sich für die Erziehungshistoriker als „der Projektklassiker par excellence“ darstellt. Es liest sich spannend, wie Knoll Kilpatrick in seiner Suche nach Anerkennung und Wortführerschaft beschreibt und die vielfältigen Versuche und Wege der Ausdifferenzierung vom Problem zum Projekt erläutert. Es ist das „absichtsvolle Tun“, das sich darstellt in den bis heute gültigen Zielen zum Projektunterricht: Der Schüler bestimmt selbst sein Lernziel – er wählt auch selbst die Mittel und Wege für seinen Lernprozess aus – er führt selbständig seinen Plan aus – und er beurteilt das Ergebnis selbst. Knolls Bewertung der Bedeutung Kilpatricks, er sei nicht der Klassiker der Projektmethode, sondern vielmehr der klassische Außenseiter, dessen Arbeiten in der Rezeption überwiegend falsch ausgelegt wurden: „Wohl selten sind Erziehungshistoriker so unkritisch der Agitation und Propaganda erlegen wie die Historiker der Projektmethode“.

Im dritten Kapitel setzt sich Knoll mit John Dewey auseinander. Dabei wirft er den deutschen Autoren, die überwiegend die Projektmethode auf Dewey zurück führen, nicht mehr und nicht weniger vor, als dass sie Deweys Positionen überwiegend nicht im Original wahrgenommen, sondern über Sekundärquellen aufgenommen hätten. Mit seinen reformpädagogischen Prämissen – die Schule müsse das Leben vereinfachen, reinigen und ausgleichen – faszinierte er zwar die deutschen Schulreformer; doch Deweys Auffassungen waren, wie etwa auch die Arbeit in seiner Laborschule zeigt, konservativ: „Er hielt sich an die Tradition und verlangte lediglich, dass das Projekt, wie jede andere Unterrichtsmethode, das kognitive, emotionale und soziale Wachstum der Kinder förderte“.

Weil Ellsworth Collings „Typhusprojekt“ in der deutschen Schulreform-Rezeption insbesondere von Peter Petersen 1935 aufgenommen wurde, diskutiert Knoll im vierten Kapitel die organisatorische und curriculare Einbindung der „community school“ und die Veränderungen, wie sie von Collings vollzogen, aber von den Rezipienten nicht aufgenommen wurden – weg von der Konzeption einer „Erziehung zur Demokratie“ und hin zur „Demokratie der Kindheit“; mit Methoden und Arbeitskonzepten, die sein Doktorvater Kilpatrick (nicht uneigennützig!) tolerierte und förderte. Den Knollschen Vorwurf, den sich Collings dabei einhandelt, klingt beinahe wie eine Replik auf die Irrungen und Wirrungen, wie sie aktuell im bekannten Plagiats-Fall aus den Quellen gefischt werden: Collings war ein unredlicher Wissenschaftler.

Im fünften Kapitel schließlich nimmt Knoll die Projektdiskussion in der Bundesrepublik Deutschland auf, die sich auf die traditionelle Schulreformphase während der Weimarer Republik bezieht und diskutiert die Konzepte und Programme der Protagonisten Bernhard Suin de Boutemard (1930 – 2007), Karl Frey (1942 – 2005) und Dagmar Hänsel (*1943), die, zusammen mit anderen insbesondere den schulischen, didaktischen und methodischen Paradigmenwechsel mit befördert haben. Suin de Boutemards Kritik am traditionellen Schulsystem geht davon aus, dass Schule Übungsraum und Handlungsfeld für Emanzipation des Individuums und Veränderung der Gesellschaft sein kann; Karl Frey greift mit seiner Vorstellung von der „Projektmethode“ in den Diskurs insbesondere der anfangs ablehnenden Haltung der Lehrerinnen und Lehrer, den hohen Anforderungen des Projektunterrichts nicht gewachsen zu sein und will ihnen die Ängste vor Kompetenz- und Lehrverlust nehmen; und Dagmar Hänsel sieht in der „Höherentwicklung des Menschen“ das eigentliche Ziel des Lehrens und Lernens, das sie mit dem Projektunterricht zu erreichen hofft, als Unterricht und Experiment.

Diskussion

Die ideengeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Entstehen, Werden und der praktischen Entwicklung des Projektgedankens als Lern- und Veränderungsanlass im menschlichen Dasein, die Michael Knoll vornimmt, gräbt ohne Zweifel zahlreiche Quellenmaterialien aus und filtert die vielfältigen theoretischen und praktischen Wege, die zur Projektmethode geführt haben. Die in sechs Thesen formulierte, wenn auch nur angerissene Bestandsaufnahme der aktuellen Situation des Projektunterrichts, macht deutlich, dass es Forschungsarbeiten wie diese bedarf; sie verdeutlicht aber auch, dass die Ideologiekritik an der Projektmethode und der Vorwurf, dass die Adepten aus dem Steinbruch des Projektgedankens meist nur diejenigen Brocken zusammensuchen, die in ihr eigenes Denkgerüst passen und dem Bau des eigenen pädagogischen Gebäudes dienen, zwar grundsätzlich notwendig und nützlich ist, dass jedoch die Geste des Fingerzeigs immer auch bedeutet, dass außer dem einen Zeigefinger, der auf die kritisierte Entwicklung weist, drei weitere Finger auf den Kritiker zurück führen. Denn betrachten wir die (einseitigen!) Vorwürfe, die Michael Knoll gegen die seiner Ansicht nach falschen Entwicklungen des Projektlernens anführt – wie, das Projekt sei in den Augen der Befürworter die einzige akzeptable und höchste Unterrichtsform; Projektunterricht sei eine Methode zur demokratischen Schul- und Gesellschaftsveränderung; der Projektunterricht erreiche nur in den seltensten Fällen seine Idealvorstellungen; die Infragestellung der Deweyschen Erziehungsphilosophie als Begründungsursache des Projektlernens; die Minderschätzung von Formen der „linearen“ Wissens- und Kompetenzaneignung; und schließlich die Fehleinschätzung der historischen Entwicklung der Projektmethode – so wird klar, dass das zögerliche Ja des Autors zum Projektlernen durch das widerhallende und vielfältige Aber abgedeckelt wird; eine Auffassung, die nach Meinung des Rezensenten weder gerechtfertigt ist, noch legitimiert werden kann.

Fazit

Was bringen die Studien Michael Knolls also Neues? Sicherlich eine in dieser Form bisher so nicht intensiv recherchierte Geschichte der Projektmethode, wie sie im späten Mittelalter begann, in den USA durch Dewey, Kilpatrick und andere entwickelt und in Europa mit den verschiedenen Phasen der schulreformerischen Bewegungen „passend“ gemacht in der aktuellen Situation einer sich immer interdependenter, entgrenzender und sich hoffentlich auch human öffnender (Einen?) Welt aktueller denn je ist. Bildung, Erziehung und Lernen stellen bei diesen lokalen und globalen Veränderungsprozessen Herausforderungen dar, die mit den traditionellen Vermittlungsformen, schon gar mit dem „Nürnberger Trichter“, nicht (mehr) bewältigt werden können. Der Diskurs um Projektlernen muss weiter gehen. Die kritischen Studien von Michael Knoll zur Projektpädagogik sind ein Baustein dafür, der aber eine Erwiderung der Reformpädagogen erforderlich macht!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.05.2011 zu: Michael Knoll: Dewey, Kilpatrick und "progressive" Erziehung. Kritische Studien zur Projektpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1789-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11412.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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