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Beatrice Kustor-Hüttl: Weibliche Strategien der Resilienz

Cover Beatrice Kustor-Hüttl: Weibliche Strategien der Resilienz. Bildungserfolg in der Migration. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. 304 Seiten. ISBN 978-3-86099-698-0. 29,90 EUR.

Reihe: Wissen & Praxis - 161.
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Thema

Das Thema „Resilienz“ hat seit kurzem in der deutschen Fachwelt ohne Zweifel Konjunktur. Allerdings sind empirische Studien zu diesem Phänomen hierzulande noch eine Rarität. Mit dieser Publikation - die auf einer erziehungswissenschaftlichen Dissertation basiert - legt die Autorin die Ergebnisse einer qualitativen Studie vor, die sich mit einer spezifischen Zielgruppe - weibliche Migrantinnen - und einem besonderen Aspekt von Resilienz -

Bildungsresilienz - befasst. Kennzeichnend für die Herangehensweise der Autorin ist ihr differenzierter Blick auf die Zielgruppe: Migration wird hier nicht nur als mögliches Risiko für die schulische und berufliche Laufbahn gesehen. Vielmehr wird die Entwicklung von Bildungsresilienz (bei den interviewten Probandinnen) auch als Folge des spezifischen kulturellen Kapitals und des familiären Hintergrundes interpretiert. Damit akzentuiert diese Publikation eine Sichtweise auf Migration, die auch daraus entstehende Stärken und weniger die üblicherweise betonten Defizite und Benachteiligungen im Blick hat. In der Resilienzliteratur trifft sie sich hier etwa mit den Positionen von Haci-Halil Uslucan, der die Vorteile aufgezeigt hat, die es mit sich bringen kann, wenn man sich zwischen zwei Kulturen zu bewegen gelernt hat.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil werden theoretische Vorüberlegungen unterbreitet: Einleitend wird der Begriff der Resilienz näher betrachtet und dabei vor einer „populistischen Verwässerung“ dieses Konzepts gewarnt. Die Verfasserin vergleicht dabei die in unterschiedlichen nationalen Kontexten (im US-amerikanischen, französischen und deutschen) gebräuchlichsten Bilder für das Phänomen der Resilienz miteinander und stellt kurz zwei Studien zu Entwicklung von Resilienz vor. Sie würdigt die Studie von Emmy Werner und Ruth Smith in ihrer Relevanz für die eigene Forschung, warnt aber gleichzeitig auch vor der Mythenbildung, die von dieser Studie ausgehe, da die dort zugrunde liegende Vorstellung von Resilienz nicht unproblematisch, da einseitig sei. An dieser Stelle wird auch „Migration“ als Thema der Resilienzforschung eingeführt und insofern zunächst als Risikofaktor betrachtet, als sie in der Regel mit einer Vielzahl von Traumatisierungen verbunden sein kann. Die Verfasserin merkt zu recht an, dass es bisher in der Resilienzforschung kaum Ansätze gibt, „die die Art und Weise des kreativen Verarbeitungsmodus traumatischer Lebenserfahrungen untersuchen“ (S. 36). Genau darin liegt der Schwerpunkt der von Beatrice Kustor-Hüttl durchgeführten Studie, nämlich kreative weibliche Strategien zur Bewältigung der mit Migration verbundenen Risiken durch ihren erlangten Bildungserfolg vorzustellen. Obwohl mögliche Risiken - so Trauer und Verlust, Einsamkeit und mangelndes Zugehörigkeitsgefühl, eine mögliche „Infantilisierung“ der Eltern und „Parentifizierung“ der Kinder, aber auch neue Zugehörigkeit als Bedrohung von Identität - in der Betrachtung nicht außen vor gelassen werden, liegt das Hauptaugenmerk eindeutig auf den kreativen Verarbeitungsweisen durch „reife Abwehmechanismen“ wie Sublimierung, Humor und „sozialen Anpassungsmechanismen“.

Zwei weitere Unterkapitel dieses ersten Teils befassen sich mit Frauen in der Migrations- und Resilienzforschung und Bildungserfolg von Migrantinnen als einer spezifischen Form von Resilienz. Beide Forschungsrichtungen, sowohl die Resilienz- wie die Migrationsforschung, erkennen gemeinsam die Relevanz „geschlechtsspezifische(r) Unterschiede für die jeweiligen Risiken und protektiven Faktoren“ (S. 67). Frau Kustor-Hüttl fokussiert dabei den Blick auf „weibliche Kreativität“ und die „Ressourcen in der Migration“ (S. 73), wobei auch eine Differenzierung zwischen den verschiedenen Generationen von Migrantinnen erfolgt. Mit Bourdieus Habitus-Formen und seinem Konzept des kulturellen Kapitals wird ein theoretischer Bezugsrahmen für die Interpretation des Bildungserfolgs von Migrantinnen (der zweiten und dritten Generation) geliefert. Zur Erklärung des Bildungserfolgs von Migrantinnen (schulischer Erfolg, akademische Laufbahn und berufliche Karriere) greift die Autorin mangels spezifischer Vorstudien auf vergleichbare Ergebnisse zum Bildungserfolg von Arbeitertöchtern zurück und setzt in Anlehnung an Jessica Benjamin besonders auf tiefenpsychologische Erklärungsmuster (S. 80). Dass die berufliche Karriere bei den bildungserfolgreichen Migrantinnen häufiger in der Selbständigkeit mündet, basiere einerseits auf ihrem Autonomiebestreben, andererseits aber auch auf den spezifischen Barrieren des bundesrepublikanischen Arbeitsmarktes. Positiv hervorzuheben ist, dass Beatrice Kustor-Hüttl auch die Schattenseiten nicht außer Acht lässt, den Preis, den diese bildungserfolgreichen Frauen häufig in der Privatsphäre - in Liebe und Partnerschaft - zu zahlen haben.

Den gesamten theoretischen Teil zeichnet aus, dass in allen Abschnitten explizit eine Verbindung zu den eigenen Forschungsfragen hergestellt wird, die dann im empirischen Teil der Publikation zur Beantwortung anstehen. Alle Facetten der theoretischen Erörterung werden in Form von bilanzierenden Fragen auf die eigene Studie rückbezogen.

Im zweiten Teil wird das methodische Vorgehen vorgestellt, ein für wissenschaftliche Arbeiten unerlässlicher Bestandteil: eine Präzisierung des eigenen Verständnissen von Erfolg, die Vorgehensweise bei der Auswahl von Probandinnen, die Wahl der Erhebungsmethode (mehrfache biografisch-narrative Interviews) sowie die Interpretationsweise (tiefenhermeneutische Textinterpretation, szenisches Verstehen und Elemente der Narrations-Analyse). Wer aus praktischer Sicht stärker an den Ergebnissen der Arbeit interessiert ist, mag diesen Teil überblättern, ohne Einbußen bei der weiteren Lektüre zu haben.

Die Ergebnisse der eigenen qualitativen Studie präsentiert Beatrice Kustor-Hüttl im dritten Teil des Buches. Hier werden die Gespräche mit sechs jungen Migrantinnen vorgestellt: mit Samara G., 30 Jahre, Ärztin in der Facharztausbildung; Kamile K., 40 Jahre, verheiratet und Mutter zweier Kinder, Leiterin einer Kindertagesstätte; Minou R., 38 Jahre, allein erziehende Mutter und Pharmazeutin, die selbständig eine Apotheke leitet; Aylin K., 25 Jahre, allein stehend und Studentin der Sozialpädagogik im fortgeschrittenen Semester; Hala S., 36 Jahre, Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik mit interkultureller Ambulanz, lebt in einer Wohngemeinschaft mit zwei Frauen; Jalina C., 25 Jahre, Studium der Germanistik in Polen, Stipendiatin für ein Aufbaustudium in Deutschland. Hier arbeitet die Autorin gezielt biografische Besonderheiten, spezifische Risiken und Schutzfaktoren im jeweiligen Bildungsverlauf an Hand der Gespräche mit den Migrantinnen heraus.

Im vierten Teil werden die Bildungsverläufe der sechs interviewten Frauen vergleichend - mit Rückbezug zu den theoretischen Vorüberlegungen - betrachtet: Thematisiert wird dabei die Rolle der Familien, der Bildungsinstitutionen sowie des Arbeitsmarktes (berufliche Möglichkeiten); der Schwerpunkt der Betrachtung liegt jedoch auf den je spezifischen weiblichen Bewältigungsstrategien, die vor dem jeweiligen Hintergrund von Migrationserfahrung zum Bildungserfolg der Gesprächspartnerinnen geführt haben.

Am Ende dieses Teils steht dann - gewissermaßen als Ausblick auf die Möglichkeit von Bildungs- und Sozialresilienz - eine zusammenfassende Bilanzierung der Ergebnisse: Sie mündet in eine verallgemeinerbare Übersicht über Schutz- und Risikofaktoren, wie sie für eine erfolgreiche Bildungsbiografie (hier: von Migrantinnen der zweiten Generation) ausschlaggebend sein können.

Fazit

Eine sehr positive Würdigung und Einstimmung in die Lektüre bietet eingangs übrigens das Vorwort von Prof. Elisabeth Rohr, die die Dissertation an der Universität Marburg in der Fakultät für Erziehungswissenschaften betreut hat. Dem darin gezollten Lob ist beizupflichten: Beatrice Kustor-Hüttl hat mit der Vorlage ihrer Forschungsergebnisse in mehrfacher Weise Pionierarbeit geleistet: es ist die erste Studie, die den Bildungserfolg von Migrantinnen mit Bezug auf das Resilienzkonzept untersucht hat. Die Publikation enthält nicht nur eine sorgfältige Darstellung der eigenen Studie, sondern nimmt auch Bezug auf Vorarbeiten und Forschungsergebnisse aus der anglo-amerikanischen und bundesrepublikanischen Fachwelt. Auch wenn der theoretische Teil nicht voraussetzungslos zu lesen ist, entschädigt die Interpretation der erhobenen Daten (Gespräche mit den sechs Probandinnen) und das abschließend gezogene Fazit zu den weiblichen Strategien von Resilienz auch stärker praxisorientierte Leserinnen und Leser. Einer solchen Leserschaft kommt insbesondere entgegen, dass der gesamte Text in einem klaren geistigen Duktus verfasst ist, sich durch große sprachliche Präzision auszeichnet und selbst dort, wo man diskutieren könnte, niemals die gewählte Systematik verlässt.

Insgesamt handelt es sich daher um ein überaus lesenswertes Buch, für den Fachdiskurs in der Migrations- und Resilienzforschung ebenso wie für all jene, die sich aus beruflicher Sicht in Schule und im Bildungssystem oder auf bildungspolitischer Ebene mit Migrantinnen und Migranten befassen und dabei auch an einer genderdifferenzierenden Herangehensweise interessiert sind.


Rezension von
Prof. Dr. Margherita Zander
Lehrt an der FH Münster, Fachbereich Sozialwesen, Sozialpolitik. Schwerpunkte in der Lehre: Sozialstaat, Kinderarmut, Migration, Genderfragen. Schwerpunkte in der Forschung: Kinderarmut und Resilienz.
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und
Martin Roemer
freier Schriftsteller, Hamburg. Mitherausgeber des „Handbuch Resilienzförderung“


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Zitiervorschlag
Margherita Zander/Martin Roemer. Rezension vom 07.10.2011 zu: Beatrice Kustor-Hüttl: Weibliche Strategien der Resilienz. Bildungserfolg in der Migration. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-86099-698-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11420.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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