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Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit

Cover Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 354 Seiten. ISBN 978-3-608-94655-0. 19,95 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Autor

Gerhard Roth, Jahrgang 1942, hat sowohl in Philosophie wie in Zoologie promoviert. Seit 1976 ist er Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen und seit 2003 Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Er hat neben einer Vielzahl von Artikeln 10 Bücher veröffentlicht.

Thema und Entstehungshintergrund

Dem Autor geht es um den Transfer „neurobiologisch-psychologischen Wissens in Schule und Bildung“. Neben seiner regulären wissenschaftlichen Tätigkeit hat er für das vorliegende Buch intensiv mit SchulleiterInnen und Lehrkräften kommuniziert und auch eine Weile beim Mathematikunterricht einer Gesamtschule in Bremen mitgearbeitet.

Aufbau

Das Buch ist in 12 Kapitel aufgeteilt und enthält darüber hinaus zwei Anhänge. Die Anhänge behandeln zwei elementare Fragen, nämlich wie unser Gehirn funktioniert und wie man sein Gedächtnis verbessern kann, wobei der Autor bei der zweiten Frage durchaus Skepsis walten lässt.

Inhalt

In der Einleitung formuliert der Autor sein Ziel: „eine fruchtbare Dreiecksbeziehung zwischen (1) Psycho-Neurowissenschaftlern… (2) den Pädagogen-Didaktikern und (3) den Schul- und Erwachsenen- und Weiterbildungspraktikern“ (S. 25) zu schaffen. Die Kenntnis der psychologischen und neurobiologischen Grundlagen des Lernens ist demnach erforderlich für positive Lehr- bzw. Lernerfahrungen bei Lehrenden und Lernenden. Im ersten Kapitel werden kurz Ziele der Persönlichkeitsentwicklung aufgezeigt, an der die Schule beteiligt ist. Laut Roth hat die Schule einen umfassenden Bildungsauftrag, der sich nicht nur auf kognitive Entwicklung beschränkt.

Im zweiten Kapitel formuliert er dazu seine Hauptthese, nämlich „dass Lehren und Lernen stets im Rahmen der Persönlichkeit des Lehrenden und des Lernenden stattfinden“ (S. 35). Persönlichkeit beinhaltet ein bestimmtes Ausmaß an „Neugier und Interesse, Selbstvertrauen und Vertrauen in die eigenen Kräfte, Fähigkeit zur Regulation unserer Gefühle und Impulskontrolle, Geduld, Aufmerksamkeit, Fähigkeit zum Vertrauen in Andere, Kooperativität, Realitätssinn gegenüber eigenem Handeln und natürlich von Intelligenz und Motivation“ (S. 72).

Diese unterschiedlichen Aspekte der Persönlichkeit werden in den folgenden Kapiteln sowohl aus neurobiologischer wie aus psychologischer und pädagogischer Sicht dargestellt, wobei der Autor immer wieder auf die Bedeutung frühkindlicher Bindung und Bildung hinweist. Wie sich Emotionen und Motivation (Kap. 3), Lernen und Gedächtnisbildung (Kap. 4), Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Arbeitsgedächtnis (Kap.5), Lernen, Emotionen und Vertrauensbildung (Kap. 7) entwickeln, wird jeweils anhand detaillierter Kenntnisse von biologischen bzw. physiologischen Fakten und psychologischen Theorien ausgeführt.
Im Hinblick auf die Frage, ob Intelligenz angeboren oder erworben wird (Kap. 6), dem Thema, bei dem in Pädagogik und Psychologie (und Politik!) wahre Schlachten geschlagen werden, wirft der Autor einen kritischen Blick auf Intelligenztests und kommt zu dem Ergebnis, dass Intelligenz, zumindest in Form der allgemeinen Intelligenz (das ist die Schnelligkeit, mit der jemand denken und ein Problem identifizieren kann) „stark, wenngleich nicht ausschließlich, von den Genen und vorgeburtlich wirkenden Faktoren wie körperlichem oder psychischem Stress, Misshandlung, Unterernährung, Infektionen während der Schwangerschaft bestimmt wird“ (S. 155), und zwar zu vermutlich 50 %. Für die anderen 50 % und für die bereichsspezifische Intelligenz ist die Lernumwelt von elementarer Bedeutung, also auch die Schule.
Im Hinblick auf die Geschlechtsspezifik zitiert Roth zustimmend Lise Eliot (vgl. die Rezension). Es ist demnach nicht ganz klar, welche scheinbar mädchen- oder jungenspezifischen Begabungen tatsächlich genetisch oder nicht doch durch die Umwelt bedingt sind. Frühförderung von Intelligenz in den ersten drei Lebensjahren ist für beide Geschlechter laut Roth schädlich, denn für deren Entwicklung sind „positive Bindungserfahrung, ein sensorisch-kognitiv stimulierendes Umfeld und die Ermutigung durch die Eltern“ entscheidend (169).

In den folgenden Kapiteln wird die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden behandelt. Kapitel 8 geht auf die subjektive Wahrnehmung von Lehrenden ein, die sich immens auf die Leistungsfähigkeit bzw. deren Benotung auswirkt. Bei den familiären Faktoren ist es nicht Armut als solche, die Leistungsfähigkeit behindert, sondern –und dies erklärt Erfolge von Kindern der Unterschicht mit oder ohne Migrationshintergrund – die Bindungserfahrung der Kinder und die Vorbildfunktion von Eltern und Geschwistern.

Im Kapitel 9 über Sprache ist das Resultat, wie nicht anders zu erwarten, die unbedingte Notwendigkeit der Sprachförderung, weil die Kinder ansonsten dem Unterricht gar nicht folgen können.

In Kapitel 10 weist der Autor auf die Differenz zwischen Informationsvermittlung und Verstehen hin. Wenn man Informationen aufnimmt, so heißt dies noch lange nicht, dass man sie auch verstanden hat. Daher die Sinnlosigkeit des Auswendiglernens ohne Verständnis des Inhalts.

Im 11. Kapitel gibt Roth einen Abriss didaktischer Konzepte, der zugleich ein Ver-riss ist, denn die deutschen Didaktik-Strategen haben die Erkenntnisse der Neurobiologie schlichtweg ignoriert.

In Kapitel 12 schließlich fasst der Autor die Ergebnisse seiner Untersuchung zusammen: Demnach sind die Entwicklung der Persönlichkeit der SchülerInnen die Bearbeitung von Konflikten in der Schule, die Bildung der Lehrerpersönlichkeit und an den Bedürfnissen der Kinder ansetzende Unterrichtsformen erforderlich, um Schule zu einem Erfolgsprojekt für Lehrende und Lernende zu gestalten. Dazu gehört auch, dass der Lehrer (vielleicht auch die Lehrerin, Herr Roth?) sich als Autorität versteht und nicht als Kumpel.

Diskussion

Das Buch bietet eine Synthese von Neurophysiologie bzw. Hirnforschung und Entwicklungspsychologie bzw. humanistischer Psychologie. Es bietet aber noch mehr, nämlich anhand konkreter Aspekte die Berücksichtigung der familiären und schulischen Bedingungen für die Persönlichkeitsentwicklung für Erziehung und Unterricht. Die Persönlichkeit der Lernenden muss demnach von den Lehrenden in den Blick genommen werden, weil Lernerfolge sonst nur bei denjenigen zu verzeichnen sind, die aus guten familiären und sozialen Verhältnissen kommen, die es allerdings auch in armen Familien gibt. Mager sind die Aussagen zum Umgang mit SchülerInnen unterschiedlicher Ausgangssituation und Schnelligkeit beim Lernen, also letztlich zur Schulstruktur. Vorwerfen kann man dem Autor überdies, dass er das institutionelle Lernen mit der Schule beginnen lässt. Kindergarten, geschweige denn Krippe, sind keine Themen für ihn, wohl aber die Grundlagen des Lernens in der sehr frühen Kindheit.

Was die Berufe angeht, die Bildungsprozesse initiieren oder zumindest unterstützen, so ist der Autor eng auf die Lehrkräfte und psychologischen Fachkräfte zentriert. Sozialpädagogische Fachkräfte und ErzieherInnen, die gerade in Gesamt- und Ganztagsschulen eine bedeutende Rolle innehaben, werden von ihm nicht wahrgenommen. Das ist schade, denn die Arbeitsteilung zwischen den Berufsgruppen, die bildungsmäßig „unterwegs“ sind, ist ein wichtiges Thema, nicht nur für die Schule.

Fazit

Der Autor wird seinem eigenen Anspruch, eine Dreiecksbeziehung zwischen Psycho-NeurowissenschaftlerInnen, PädagogInnen/DidaktikerInnen und PraktikerInnen zu konstruieren, gerecht. Das Buch stellt die für Erziehungswissenschaft, praktische Pädagogik, Didaktik und Psychologie relevanten Theorien auf den Prüfstand mit der Fragestellung, ob sie allen Schülerinnen und Schülern Chancen eröffnen und ob die Lehrenden mit ihrem Engagement Erfolge haben können. Da kann man es verkraften, dass einige praktische Fragen nicht erörtert werden, wozu insbesondere der Umgang mit Heterogenität unter Kindern und Berufen gehört. Für EntscheiderInnen, Lehrkräfte, für SchulsozialarbeiterInnen und auch für ErzieherInnen im Kindergarten ist das Buch eine spannende und theoretisch dichte Reflexion zur Frage, wie Lernen gelingen kann. Aufgrund seiner verständlichen Schreibweise ist es auch für Studierende und FachschülerInnen einschlägiger Fachrichtungen zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 28.04.2011 zu: Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94655-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11423.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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