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Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein

Cover Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein. Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2010. 543 Seiten. ISBN 978-3-442-31218-4. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Thema

Precht nennt in Zusammenhang mit diesem Buch die folgende Leitfrage: “ Und wie kommt es eigentlich, dass sich fast alle Menschen mehr oder weniger für die »Guten« halten und es trotzdem so viel Unheil in der Welt gibt?“

Autor

Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Autor, er schrieb sowohl Romane als auch Sachbücher.

Aufbau

Das Buch umfasst drei Teile

  1. „Gut und Böse“,
  2. „Wollen und Tun“ und
  3. „Moral und Gesellschaft“.

Der erste Teil des Buches widmet sich dem Wesen und den Grundlegen des moralischen Verhaltens.

Im zweiten Teil geht es um den Unterschied zwischen der Psychologie unseres Selbstanspruchs und jener unseres alltäglichen Verhaltens, dem Widerspruch zw. Programm und Ausführung der Moral.

Der dritte Teil stellt die Frage, was daraus zu lernen ist für Zusammenleben, und wie sich Engagement für andere fördern lässt.

1. „Gut und Böse“

Wie ist der Mensch eigentlich? Lassen sich Menschen von Egoismus, Gier etc. leiten oder sind sie von Natur aus eher „gut“? Fazit: Menschen ein recht hohes Bedürfnis danach haben, mit sich selbst im Reinen zu sein und sich für „gut“ zu halten. Ausgehend von Platons Idee des Guten umreißt Precht die Haltungen unterschiedlicher Philosophen wie auch Ergebnisse der Hirnforschung. Er charakterisiert Moral als Folge von Gruppenkommunikation und argumentiert, dass Menschen die Fähigkeit zu Moral und Mitgefühl, meist den Wunsch fair zu sein und ein tiefliegendes Verständnis von Gerechtigkeit haben. Eigentlich wollen wir also alle gut sein. Von Natur aus hat der Mensch eine angeborene Fähigkeit zur Moral und ist daran interessiert, Gutes zu tun und sich damit gut zu fühlen. Weiters zeigen Ergebnisse der Hirnforschung deutlich, dass Menschen ein hohes Interesse an sozialer Anerkennung und positiver Zuwendung haben und dass weiters Altruismus auch glücklich macht. Die Normierung von Moral allerdings wird gesellschaftlich vollzogen – die Inhalte der Moral unterliegen also starken kulturellen Einflüssen.

2. Wollen und Tun

Hier geht es um die Frage, was uns davon abhält, gut zu sein, mit welchen Mechanismen wir uns in die Tasche lügen, es werden Strategien benannt, mit denen Menschen sich moralisch selbst überlisten durch Verdrängen, Verschieben, Vergleichen oder durch ein Sich-nicht-zuständig-Fühlen.

So sind Menschen bei komplexeren Zusammenhängen sinnlich überfordert, was zu irrationalen Verhaltensweisen, wie etwa Schwarmverhalten – das unreflektierte Kopieren anderer, führt. Soziale Instinkte, wie die unterschiedliche Behandlung nahestehender und fremder Personen, die Befolgung von Gruppendruck, mangelnde Selbstreflexion oder auch shifting baselines können zu Verhalten führen, das inneren Überzeugungen entgegen steht.

3. Moral und Gesellschaft

Die Frage in diesem Kapitel lautet: Wie können wir unsere Gesellschaft so umbauen, dass wir das Gute am Menschen fördern und die Spielräume für das Schlechte kleiner machen.

Precht argumentiert, dass Menschen ihre grundsätzliche Neigung, sich fair zu verhalten, dann ausleben, wenn Rahmenbedingungen diese meist gegebenen Altruistischen Neigungen bestärken.

Er kritisiert den Verzicht der Politik auf Ordnungspolitik in der Wirtschaft, plädiert für ein neues unternehmerisches Ethos, mehr bürgerschaftliches Engagement und für eine Transformation der Demokratie durch neue Formen der Bürgerbeteiligung, direkter Demokratie und Mitbestimmung. Er argumentiert, dass sich unsere Gesellschaft aus vielerlei Gründen materielles Wachstum nicht mehr erlauben kann und sich daher in wesentlichen Punkten umorganisieren muss, wodurch Formen des Engagements wie Selbsthilfe und freiwillige Kooperation einen neuen Stellenwert bekommen. Die Argumentation, dass dies u.a. notwendig ist, weil der Staat sich die soziale Absicherung aufgrund der demographischen Entwicklung nicht mehr leisten könne, ist allerdings aus zweierlei Gründen nicht haltbar: Erstens und v.a. ist sie ökonomisch falsch, soziale Absicherung ist eine Frage der Verteilung, der Verhältnisse am Arbeitsmarkt und der Produktivitätsentwicklung (Tichy, 2007)[1], zweitens belegen Untersuchungen zur Freiwilligenarbeit, dass diese mit sozialer Sicherheit positiv korrespondiert, also kein Ersatz für sozialstaatliche Politik sein kann.[2]

Fazit

Precht ist ja mittlerweile fast ein Popstar der Philosophie, und das in gewisser Weise zu Recht, weil er aktuelle und wichtige Themen aufgreift und leicht begreifbar und klug darstellt. Allerdings ist das Buch sehr assoziativ und langatmig, immer wieder auch sehr polemisch und wenig differenziert argumentiert. Für Leser, die sich sich einfach durch das Buch treiben lassen wollen, ist dies sicher angenehm, für jene, die seine Hauptaussagen relativ stringent und rasch nachvollziehen wollen, ist es etwas mühsam: Pop-ulärwissenschaft im wirklich guten wie auch im negativen Sinn.

Die Grundfrage des Buches ist äußerst gut gewählt, ebenso der inhaltliche Aufbau mit den drei Hauptkapiteln, viele Beispiele sind interessant zu und den inhaltlichen Aussagen ist grundsätzlich zuzustimmen.


[1] Tichy, G.: Demographische Entwicklung in Österreich: Der hochgespielte Generationenkonflikt. In: Biehl, K. und Templ, N. (Hg.): Europa altert – na und? AK Wien, „007

[2] BMASK : Freiwilliges Engagement in Österreich.1. Freiwilligenbericht. Wien 2009


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 25.05.2011 zu: Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein. Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2010. ISBN 978-3-442-31218-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11424.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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