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Wolfgang Kersting: Macht und Moral

Cover Wolfgang Kersting: Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit. mentis Verlag (Paderborn) 2010. 324 Seiten. ISBN 978-3-89785-717-9. 39,80 EUR, CH: 64,00 sFr.
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„Die Anforderungen an die Verantwortlichkeit wachsen proportional zu den Taten der Macht“,

diese Anmahnung von Hans Jonas (Warum die moderne Technik ein Gegenstand für die Ethik ist, in: Hans Jonas, Technik, Medizin und Ethik, Frankfurt/M. 1987, S. 45-48), ist heute aktueller denn je – angesichts der sich in den Zeiten der vielfältigen Umwelt-, Klima-, Finanz-, Wirtschafts-, Technik- und humanen Katastrophen deutlicher artikulierenden Frage: Darf der Mensch alles, was er kann? Seit einigen Jahrzehnten fordern die Weltprognosen des Club of Rome, des New Yorker Worldwatch Institute ( vgl. dazu die jährlich erscheinenden Berichte zur Lage der Welt, in www.socialnet.de/rezensionen) und die weiteren, zahlreichen Analysen und Trendaussagen: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). Diesen menschheitsexistentiellen Perspektivenwechsel müssen wir politisch und empathisch zustande bringen, weil der Mensch ein zôon politikon, ein mit Vernunft begabtes Lebewesen (Aristoteles) und in der Lage ist, sich aufklärerisch aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Immanuel Kant). Zur Veränderung brauchen wir nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine politische Alphabetisierung ( Dirk Lange, Sebastian Fischer, Hrsg., Politik und Wirtschaft im Bürgerbewusstsein, Schwalbach/Ts., 2011, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/11226.php). „Wer mit dem Zustand der Welt und mit sich selbst nicht zufrieden ist, muss philosophieren“, diese Aufforderung klingt vielleicht eher resignativ; denn eigentlich müsste man ja fordern: Der muss dreinschlagen! Aber Revolutionen, das merken wir aktuell in den vielfältigen, gesellschaftlichen und politischen weltweiten Veränderungsprozessen, beginnen heute nicht mehr in erster Linie mit dem Schwert, sondern mit dem weltweiten Wort und der Rückfrage nach den Werten, die menschliches, globales Leben bestimmen sollen: „Die Werte haben es mit dem richtigen und guten Handeln zu tun, mit der Ethik und Moral“ ( Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, Stuttgart 2010, in: Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, Stuttgart 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10807.php).

Macht ist überall

Diese nicht allzu überraschende Feststellung ist erst einmal eine Tatsache und dem Menschen zugehörig, also „normal“. Gleichzeitig aber ist Macht auch Herrschaftsausübung und unterliegt damit der Gefahr, zu Unrecht zu werden. Wenn aber Macht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht – so lautet eine ethische und politische Aufforderung an den Menschen, resistent zu werden gegen die Zumutungen, Verführungen und Wirkungen von Herrschaftsausübung, vor allem wenn es sich um abweichendes, ethisch, moralisch, gesellschaftlich und politisch verwerfliches Verhalten handelt. Der französische Philosoph, Michel Foucault (1926 – 1984) hat sich mit seiner Diskursanalyse auch mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit Macht auch Widerstand hervorruft, gewissermaßen Formen der Resistenz erzeugt, die sich in vielfältiger Weise ausdrücken und zu Tage treten - „mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände“. Foucaults vielfältiges Bemühen, politisches Denken und Handeln der Menschen in der Geschichte und Gegenwart aufzuspüren und zu analysieren, lässt sich im „plebejischen Moment“ erkennen, als „Wunsch, das Spezifische, das Gefährliche des gegenwärtigen Augenblicks in den herrschenden Machtbeziehungen, in der Normalität aufzufinden“ ( vgl. dazu: Daniel Hechler, Alex Philipps, Hg., Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht, Bielefeld 2008, www.socialnet.de/rezensionen/8131.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Damit sind wir bei der Frage, was Philosophie für die praktische, gesellschaftliche und politische Wirklichkeit auszurichten vermag. Der von Søren Kierkegaard stammende, irgendwie als Fleh-Satz abgemilderte, aber mit zwei Ausrufezeichen versehene Befehl: „O, schaffet Schweigen!!“ kann als das Dilemma betrachtet werden, dem Philosophen ausgesetzt sind: Einerseits wird von ihnen erwartet, dass sie mit ihrem Nachdenken über die Menschen und die Welt Hilfestellungen geben, dass sich die menschlichen Kreaturen selbst erkennen und in der Welt zurecht finden; andererseits haben Philosophen zu allen Zeiten die Tendenz entwickelt, ihre Reflexionen als Befehlssätze aufzuschreiben und auf den Markt zu tragen. Letzteres ist schon wieder als ein Menetekel anzusehen: Weil Philosophie meist als Wahrheitssuche verstanden wird, sind Philosophen darauf angewiesen, sie auch zu Gehör zu bringen; sich gewissermaßen damit auf den „Wahrheitsmarkt“ zu begeben und die Aufmerksamkeit der „Wahrheitskonsumenten“ zu finden. Diese Herausforderung kann sowohl als „Anti-Philosophie“ ( vgl. dazu: Boris Groys, Einführung in die Anti-Philosophie, München 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8487.php), wie auch als „Praktische Philosophie“ verstanden werden. Zu letzterer bekennt sich Wolfgang Kersting, der an der Kieler Christian-Albrechts-Universität lehrt und insbesondere Fragen der politischen Philosophie thematisiert, wie z. B.: „Recht, Gerechtigkeit und demokratische Tugend“ (1997), „Politik und Recht“ (2000), „Kritik der Gleichheit“ (2002), „Gerechtigkeit und Lebenskunst“ (2005). Mit dem aktuellen Band legt er eine weitere Sammlung von Aufsätzen, Vortragstexten und Skripten vor, die sich mit den Fragen von „Macht und Moral“ auseinandersetzen.

Aufbau und Inhalt

In insgesamt 10 Kapiteln thematisiert Kersting die kontroversen Auffassungen und Konzeptionen, wie sie im philosophischen (historischen) Diskurs über die „Unversöhnlichkeit von Macht und Moral“ verhandelt werden.

Er reflektiert die Auseinandersetzungen, die Kant und Hegel mit den staatstheoretischen Lehren des englischen Staatstheoretikers Thomas Hobbes (1588 – 1679) vollzogen und insbesondere mit dem „Leviathan“ (1651) den Gesellschaftsvertrag als Grundlage des von ihm definierten „gesellschaftlichen Naturzustands“ der Menschen in einem Gesellschaftsvertrag die Übertragung der Macht des Individuums auf einen Souverän postulierte. Die Kantischen, Hegelschen und Leo Straussschen Positionen verdeutlichen dabei die problematische, bis heute ungeklärte Zuordnung von „Naturzustand und staatliche(m) Zustand“.

Carl Schmitts Politikverständnis, das sich in seiner Konzeption des „politischen Existentialismus“ und „mythischen Etatismus“ verdeutlicht, rekurriert auf der Hobbeschen Definition des homo-homini-lupus. Dieses „Rationalisierungsdilemma des Naturzustandes“ wird jedoch abgemildert durch den Vertrag, den der Bourgeois mit dem Staat eingeht.

Wie kann es möglich sein, dass, wie Kant dies in seiner Gemeinschaftsphilosophie vom commercium formuliert, „das Böse … zum Guten zwingt“?. Es ist die ethische Rechtsgemeinschaft, die im Kantischen „Denkweg mit der Betrachtung des Systems der Himmelskörper beginnt und mit einer Selbstbetrachtung der Vernunft endet“.

Die eher unbestimmten Gleich – Ungleichheitsauffassungen thematisiert der Autor mit der Geschlechtertheorie, mit der Kant die Anerkennung der Ungleichheit festlegt und dabei die „aristotelische Klammer“ des Eherechts wahrt.

Moralphilosophie dürfe sich nicht anmaßen, die Menschen moralisch zu belehren; vielmehr müsse sie sich damit begnügen, das bereits vorhandene Moralwissen des common sense begrifflich aufzuklären. Es war der Philosoph und Schriftsteller Carl Leonhard Reinhold (1757 bis 1823), der in der deutschen Aufklärung über die „moralische Möglichkeit des Erlaubten“ nachdachte und in der „praktischen Vernunft“ die „Sprache der Gefühle“ hört. Seine moralphilosophischen Überlegungen und Auseinandersetzungen zum Sittengesetz erhalten (wieder) eine neue Aufmerksamkeit.

In diesem kritischen Diskurs darf natürlich „Hegels Kritik der Moralphilosophie“ nicht fehlen: „Immer schon muss Vernunft wirklich sein, damit sie Wirksamkeit erlangen kann; immer schon muss Kultur als Vernunftwirklichkeit begriffen werden, damit in ihr eine Kultur der moralischen Vernunft entstehen und den zivilisatorischen Fortschritt anführen kann“; diese Tautologie wird anhand der Hegelschen Kritik auf die Moderne heruntergebrochen.

Daraus ergeben sich interessante und bedenkenswerte Denkanstöße für die Vervollständigung unseres „Modus des Provisorischen“. In den verschiedenen Texten erinnert Kersting an Theoretiker und philosophische Denkrichtungen, die es gilt, aus der Erinnerung hervorzuholen und in den aktuellen philosophischen Diskurs zu verorten; so auch an den österreichischen Staatstheoretiker und Neukantianer Hans Kelsen (1881 – 1973) in dem Beitrag „Kelsen und Aristoteles“. Indem er sich mit den ideologiekritischen Studien Kelsens zu Platon, Aristoteles und dem Naturrecht auseinandersetzt und differenziert die Positionen des Rechtspositivisten Kelsen und des Hermeneutikers Aristoteles mit Blick auf einen zeitgemäßen Diskurs.

Im achten Kapitel nimmt Kersting ein Thema auf, das in der rechtsphilosophischen Diskussion mit vielen Ecken und Kanten versehen ist, historisch mit zahlreiche Einbahnstraßen, Irrwege und Sackgassen gepflastert ist und auch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung äußerst kontrovers verhandelt wird: „Zur philosophischen Begründung der Strafe“, von der historisch-mythologisch begründeten Strafbemessungsgerechtigkeit bis zu den rechtsstaatlichen Auffassungen von Schuldprinzip und Verhältnismäßigkeit, von der Präventionstheorie und der Verteidigung einer bei Kant und Hegel hergeleiteten retributivistischen Strafbegründung der Neuzeit.

Im neunten Kapitel greift der Autor die ganz aktuelle Frage nach der Moralität von (Berufs-)Politikern auf, indem er über das „ethische Dilemma der Politik“ nachdenkt. Es ist der formierte, innengeleitete Diskurs, der den Politiker vom Bürger entfernt: „Die Demokratie des formierten Diskurses muss ersetzt werden durch eine Demokratie des kongitivistisch unverkürzten Diskurses, der für alle Äußerungsformen der kollektiven politischen Subjektivität offen ist“.

Im letzten Kapitel schließlich wendet sich Kersting der Problematik zu, dass in der aktuellen Situation des überbordenden Individualismus „die Solidaritätsvorräte aufgebraucht sind“ und nach Lösungen Ausschau gehalten wird, wie wir zu einer „Lebenskunst der erweiterten Alltäglichkeit“ finden können. Mit Nietzsche und Foucault greift er die gängigen und wohlfeil gehandelten Konzeptionen und Verlockungen auf, die sich durch eine „Selbstökonomisierung“ des Individuums im gesellschaftlichen, kapitalistischen Prozess ergeben und „nicht dem Glück (dienen), sondern … um des subsistenzsichernden Berufserfolgs willen auf sich genommen werden“.

Fazit

Die Textsammlung zur übergreifenden Thematik von „Macht und Moral“ rekurriert auf einen philosophischen Denkprozess, der die uralten, immerwährenden und allzeitigen, humanen kantischen Fragen nach dem „Was kann ich wissen?, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“, „Was ist der Mensch?“ formuliert. Es ist das Verdienst von Wolfgang Kersting, dass er in dem Sammelband sein praktisch philosophisches Nachdenken in den gesellschaftlichen Diskurs bringt. Für den Leser, der nicht gerade auf den Feldern der professionellen Philosophen ackert, wäre sicherlich eine einführende oder abschließende Kompensierung hilfreich.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.05.2011 zu: Wolfgang Kersting: Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit. mentis Verlag (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-89785-717-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11429.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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