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Franz-Xaver Kaufmann: Varianten des Wohlfahrtsstaats

Rezensiert von Prof. Dr. Jost W. Kramer, 22.06.2004

Cover Franz-Xaver Kaufmann: Varianten des Wohlfahrtsstaats ISBN 978-3-518-12301-0

Franz-Xaver Kaufmann: Varianten des Wohlfahrtsstaats. Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2003. 328 Seiten. ISBN 978-3-518-12301-0. 12,00 EUR.
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Einführung in das Thema

Der Sozialstaat steht nicht nur in Deutschland, sondern in zahlreichen Ländern zur Diskussion. Teils geht es um seine Ausmaße, teils um seine Finanzierbarkeit oder die durch ihn gesetzten Leistungsanreize. Dabei werden im Vergleich immer wieder die Vereinigten Staaten von Amerika als Alternative angesprochen, aber auch Großbritannien oder Franreich werden als mögliche Vorbilder für eine Umgestaltung genannt.

Kaufmann macht in diesem Zusammenhang auf einen regelmäßig außer Acht gelassenen Aspekt aufmerksam: Der Sozialstaat wird nicht nur in den angesprochenen Ländern unterschiedlich gestaltet, sondern basiert zugleich auch auf sehr verschiedenen Traditionen und hat sich entlang divergenter Pfade entwickelt. Für ein besseres Verständnis der aktuellen Ausprägungen wie der historischen Entwicklung ist ein Vergleich notwendig, der sich nicht nur - wie zuweilen die Diskussion im Tagesgeschehen - auf einzelne Facetten beschränkt, sondern ein breiteres Bild zeichnet. Dies gleichermaßen knapp und doch detailliert zu tun ist Anspruch des vorliegenden Bandes.

Aufbau und Inhalte des Buches

Das Buch ist in sechs Teile untergliedert, denen ein Vorwort vorangestellt wird. In diesem Vorwort benennt Kaufmann als sein Ziel, mit dem Buch zu einem besseren Verständnis der Begriffe Sozial- und Wohlfahrtsstaat beitragen zu wollen, die von Land zu Land - und teilweise von Theorie zu Theorie - unterschiedlich verstanden, definiert und interpretiert werden. Dazu sind, wie er im ersten Kapitel unter dem Titel "Methodische Vorbemerkungen" ausführt, grundsätzlich verschiedene Methoden geeignet. Am weitesten verbreitet ist das quantitative, auf Statistiken basierende Verfahren, dass allerdings unter der eingeschränkten Vergleichbarkeit eben dieser Zahlen leidet. Alternativ ist eine historisch vergleichende Wohlfahrtsstaatforschung möglich, die allerdings gerade bei einem breiter angelegten Vergleich zu einer gewissen Willkür der verglichenen Entwicklungen führen kann. Vor diesem Hintergrund hat Kaufmann einen Mittelweg eingeschlagen, bei dem bestimmte Teilbereiche des Wohlfahrtsstaates - oder besser gesagt der Sozialpolitik - einem länderübergreifenden Vergleich unterzogen werden.

Danach wendet sich Kaufmann den theoretischen Grundlagen zu, wobei er die bisher vorliegenden theoretischen Erklärungsansätze ebenso skizziert wie die normativen und theoretischen Orientierungen. Aus gegebenem Anlass differenziert er hier beispielsweise zwischen Sozialpolitik und Sozialstaat, da keineswegs in allen Ländern die entsprechenden politischen Entscheidungen und organisatorischen Umsetzungen durch den Staat getragen werden. Alternativ sind auch privatwirtschaftliche Lösungen denkbar oder privat organisiertes Handeln im staatlichen Auftrag, so dass der Begriff des "Staates" ein verzerrtes Bild ergeben kann. Zugleich macht der Autor auf die Bedeutung der Pfadabhängigkeit von Entwicklungen aufmerksam: Eine einmal eingeschlagene Entwicklungslinie lässt sich zwar durchaus verändern und variieren, ist aber über lange Zeiträume von ihren Traditionen und ihrer historischen Prägung beeinflusst. Die Ausführungen von Kaufmann in diesem Kapitel sind zwar wichtig für die theoretische Einordnung und zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Materie ebenso wie von dem großen Wissen, das der Autor hat einfließen lassen. Zugleich stellt dieses Kapitel allerdings eine Herausforderung für den Durchhaltewillen des Lesers dar. Dies liegt weniger an den behandelten Inhalten als an dem Stil, in dem die Abhandlung verfasst ist: Derartige Ballungen von Substantiven in langen, verschachtelten Sätzen sind von Walter Krämer mal als "Stopfstil" bezeichnet worden und erwecken den Eindruck, dass der Schreiber dem Leser den Erkenntnisgewinn so schwer wie möglich machen will.

Erfreulicherweise ist dieser Stil aber auf das zweite Kapitel beschränkt, und die im dritten Kapitel stattfindende Analyse der Wohlfahrtsstaatlichkeit in der Sowjetunion bzw. in den Vereinigten Staaten von Amerika ist wieder in einer deutlich leichter erfassbaren Sprache geschrieben. Auf den ersten Blick mag die Auswahl dieser beiden Länder verwundern, gelten doch beide nicht gerade als typische Wohlfahrtsstaaten: In der inzwischen untergegangenen Sowjetunion war jede Art von Wohlfahrt Teil der staatlichen Planwirtschaft, während in den USA eine ausgesprochen individualistische Herangehensweise an nahezu alle Wohlfahrtsthemen dominiert. Diese Gegenüberstellung von Extremen liegt aber durchaus in Kaufmanns Absicht, wird so der Leser doch gewissermaßen mit den beiden "Gegenpolen" von Wohlfahrtsstaatlichkeit vertraut gemacht und erhält auf diese Weise einen Rahmen, in den sich die verschiedenen europäischen Varianten von Wohlfahrtsstaatlichkeit einordnen lassen. In der Tat erleichtert diese Vorgehensweise es dem Leser, sowohl die drei im vierten Teil behandelten Systeme von Großbritannien, Schweden und Frankreich einzuordnen als auch das im fünften Kapitel behandelte, und den meisten Lesern wohl am besten bekannte deutsche Modell. Hilfreich ist zudem, dass Kaufmann unter die Wohlfahrtsstaatlichkeit nicht nur die "klassischen" Problembereiche Arbeit, Alter, Krankheit subsumiert, sondern auch immer auf das Bildungswesen Bezug nimmt. Auf diese Weise erhält der Leser einen ausgesprochen breiten Überblick über verschiedene Teilbereiche der Sozialpolitik und der Wohlfahrtsstaatlichkeit, die es ihm erlaubt, unterschiedliche Gestaltungen gut nachzuvollziehen.

Im sechsten Kapitel rundet Kaufmann seine Darstellung noch ab, indem er unter Nutzung statistischer Daten Deutschland mit den anderen EU- und OECD-Staaten vergleicht. Zudem skizziert er abschließend einige gemeinsame Perspektiven für die Wohlfahrtsstaatlichkeit auf europäischer Ebene.

Fazit und Anmerkungen

Kaufmann hat ein ebenso fundiertes wie informatives Buch vorgelegt, das für alle sozialpolitisch interessierten Leser eine wertvolle Hilfe darstellt. Der Vergleich der sechs unterschiedlichen Systeme in den USA, der Sowjetunion, in Großbritannien, Schweden, Frankreich und Deutschland zeigt nicht nur die große Bandbreite auf, innerhalb derer sich reale Umsetzungen bewegen, sondern verdeutlichen auch gerade Gemeinsamkeiten auf europäischer Ebene, die bei einem Einzelvergleich von lediglich zwei Ländern normalerweise nicht deutlich werden. Für eine ggf. anstehende zweite Auflage wäre wünschenswert, den internationalen Vergleich weiter auszudehnen und beispielsweise Österreich, Italien und Spanien mit einzubeziehen. Dabei könnten dann auch die sprachlich-stilistischen Verständnishürden im zweiten Kapitel abgebaut werden, um so die aufschlussreichen Ausführungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Rezension von
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)

Es gibt 49 Rezensionen von Jost W. Kramer.

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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 22.06.2004 zu: Franz-Xaver Kaufmann: Varianten des Wohlfahrtsstaats. Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2003. ISBN 978-3-518-12301-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1143.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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