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Marc Thielen: Pädagogik am Übergang

Cover Marc Thielen: Pädagogik am Übergang. Arbeitsweltvorbereitung in der allgemeinbildenden Schule. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 284 Seiten. ISBN 978-3-7815-1784-4. 17,90 EUR.
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Thema

Internationale und nationale Schulleistungstest (wie zuletzt PISA 2009; OECD, 2010) und Angaben über den Mangel an zumindest Hauptschulabschlüssen befriedigender Qualität (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2010) demonstrieren: In Deutschland gibt es am Ende der Pflichtschulzeit eine „Risikogruppe“ in der Größenordnung von mindestens 15 Prozent eines Jahrgangs; es sind erwartungsgemäß fast ausschließlich Schüler mit ungünstigem familiären Hintergrund (Heekerens, 2010) und – ebenfalls nicht verwunderlich - männliche und solche mit Migrationshintergrund überrepräsentiert. Das alles ist nichts Neues, und seit Mitte der 1990er hat die Politik in Reaktionen auf diese Situation auch Folgendes getan: In den unteren Bildungsgängen der allgemeinbildenden Schulen wurde der Berufsorientierung zunehmend Bedeutung zugemessen und seit jener Zeit hat die überwiegende Mehrheit der Bundesländer spezifische berufsorientierende Modelle für abschlussgefährdete Schüler der unteren Bildungsgänge installiert.

Entstehungshintergrund

Eines ist das 2004 eingeführte hessische „Lernen und Arbeiten in Schule und Betrieb“ (SchuB-Modell), das sich durch eine eine dezidierte Abschluss- und Ausbildungsorientierung auszeichnet. Die SchuB-Klassen, gedacht insbesondere für abschlussgefährdete Schüler, sind in den Jahrgangsstufen 8 und 9 zweijährig konzipiert, an Förder-, Haupt, Real- und Gesamtschulen lokalisiert, haben eine reduzierte Klassenstärke von 12 – 15 Schülern, sehen zwei Praxistage pro Woche und während der Unterrichtszeit die Verknüpfung von schulischem und betrieblichem Lernen vor, wenden die sonderpädagogische Methode der individuellen Förderplanarbeit an und haben pro Klasse mindestens ein halbe sozialpädagogische Planstelle (speziell hierzu vgl. Thielen, 2010). Die wissenschaftliche Begleitforschung, die vom hessischen Kultusministerium der Universität Frankfurt übertragen wurde, fand in den Jahren 2005 – 2007 statt. Diesem Auftragsforschungsprojekt schloss sich eine auf über drei Jahre angelegte Verbleibsunterschung an.

Herausgeber und Autoren

Die oben genannte Begleitforschung wurde durch den Herausgeber, derzeit Vertretungsprofessor für Lernbehindertenpädagogik/Lernhilfe an der Universität Frankfurt am Main koordiniert. Die an der Forschung beteiligte (Nachwuchs-)Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt am Main, Gießen und Kassel, allesamt Pädagogen, darunter aber kein Sozialpädagoge, sind die sonstigen zwölf Autoren des Sammelwerkes.

Aufbau

Das Sammelwerk enthält zwischen dem Inhaltsverzeichnis und dem Autorenverzeichnis 23 mit je einem eigenen Literaturverzeichnis versehene Artikel, von denen die 22 nach einem einleitenden Artikel des Herausgebers sechs Abschnitten (so die Sprachregelung des Herausgebers) zugeordnet sind:

  1. Historische und konzeptionell-vergleichende Analysen (2 Artikel),
  2. Aktuelle Konzepte am Übergang Schule-Arbeitswelt (4 Artikel)
  3. Forschungsmethodische und -methodologische Zugänge (8 Artikel)
  4. Empirische Befunde – Jugendliche im Übergang
  5. Empirische Befunde – Pädagogische Akteure am Übergang
  6. Empirische Befunde – Betriebe als Lernorte

Die Länge der Artikel bewegt sich zwischen 7 und 18 Seiten.

Inhalt

In Abschnitt 1 erfolgt zunächst eine Annäherung an den gemeinsamen Forschungsgegenstand in historischer und konzeptionell-vergleichender Perspektive. Dabei werden zunächst in einer historischen Analyse Vorläufer der betrieblichen Öffnung des allgemeinbildenden Schulwesens, wie sie für Schuss kennzeichnend ist, rekonstruiert. Der sich anschließende Beitrag verortet das hessische SchuB-Modell in seinen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu den vergleichbaren Konzepten in anderen Bundesländern.

In Abschnitt 2 werden gegenwärtig relevante pädagogische Fragestellungen aufgegriffen, die sich am Übergang von Schule zu Arbeit stellen und sich stellvertretend an den hessischen SchuB-Klassen diskutieren lassen. Einleitend werden Spannungsverhältnisse, die sich aus der im SchuB-Konzept intendierten Integration unterschiedlicher pädagogischer (Sub-)Disziplinen (Schul-, Sonder-, Sozial- und Berufspädagogik) stellen, heraus gearbeitet. Von der Disziplin wechselt die Diskussion im nächsten Beitrag zur Profession, indem Fragen interprofessioneller Kooperation aufgegriffen werden, die sich in SchuB insbesondere für die Teamarbeit von Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften stellen. Die konzeptionell vorgesehenen unterschiedlichen Lernorte Schule und Betrieb werden danach in den Blick genommen, bevor abschließend Fragen der Schulsystementwicklung beleuchtet werden.

Überleitend zu den empirischen Studien zu den SchuB-Klassen diskutieren die Beiträge in Abschnitt 3 forschungsmethodische und –methodologische Perspektiven. Nachdem zunächst das Konzept der wissenschaftlichen Begleitung der SchuB-Klassen in Hessen dargestellt wurde und man Möglichkeiten und Grenzen von wissenschaftlicher Begleitforschung im Feld Schule aufgezeigt har, erfolgt die Diskussion unterschiedlicher Forschungszugänge, mit denen gegenwärtig die SchuB-Klassen in verschiedenen Forschungsprojekten untersucht werden: Schul- und Unterrichtsforschung, Biografieforschung, Professions- und Professionalisierungsforschung, Perspektiventriangulation, Jugendforschung und Ungleichheitsforschung.

In den Abschnitten 4 – 6 werden sowohl abgeschlossene als auch gegenwärtig noch laufende Forschungsarbeiten zu den SchuB-Klassen vorgestellt.

Dabei werden zunächst die durch SchuB geförderten Jugendlichen in den Blick genommen (Abschnitt 4). Als erstes wird eine Schülertypologie präsentiert, anhand derer die Autoren den Zusammenhang vom Besuch einer SchuB-Klasse und dem Umgang mit schulischen Anforderungen diskutieren. Danach stellt der Herausgeber Ergebnisse der externen Evaluation von neun Pilotklassen im Hinblick auf die Auswahl und die schulisch-berufliche Entwicklung im Maßnahmenverlauf vor. Daran anknüpfend wird in zwei Beiträgen die Frage der Nachhaltigkeit von SchuB mittels einer biografischen Betrachtungsperspektive fokussiert.

Abschnitt 5 widmet sich den pädagogischen Akteuren der SchuB-Maßnahme. Nach Überlegungen zur Kooperation von Schul- und Sozialpädagogik folgt eine ethnografische Untersuchung der Bedeutung von Vertrauen(bildung).

Abschnitt 6 fokussiert die Kooperationsbetriebe als Lemorte, in denen die Jugendlichen die Langzeitpraktika im Zuge der SchuBMaßnahme absolvieren, in zwei Beiträgen: Zunächst wird der Forschungstand zur Nutzung von Betrieben als Lernorten in den Blick nehmen, danach die im Zuge einer Betriebsbefragung generierten Formen und Konzepte der Praktikumsorganisation rekonstruiert.

Diskussion

Der Sammelband beschäftigt sich mit der (auch) für die Soziale Arbeit wichtigen Frage, wie sozial benachteiligten Schülern beim Übergang von der Schule ins Berufsleben geholfen werden kann. Ferner demonstriert er an einem Beispiel, das quantitativ und qualitativ orientierte sozialpädagogische Forschung in diesem Bereich zu leisten im Stande ist. Und schließlich führt er eindrucksvoll vor Augen, welche Schwierigkeiten und Möglichkeiten Sozialpädagogik in der Schule mit sich bringt. Das macht das Buch auch für Sozialpädagogen interessant. Die Lektüre bereitet aber aus folgenden Gründen Verdruss: Die einzelnen Beiträge stellen Forschungsbefunde unabhängig von einander dar, was einerseits zu sehr viel Redundanz führt und andererseits dazu, dass man sich ein Gesamtbild nur mühsam zusammen setzen kann. Zudem sind viele Beiträge, vor allem im 3. Kapitel, schlichtweg entbehrlich; sie sind im vorliegenden Kontext nicht zwingend notwendig, bringen nichts Neues, und man hat über den jeweiligen Gegenstand anderswo schon Besseres gelesen.

Fazit

Trotz der vorgestellten Mängel gehört ein Exemplar des Buches in jede Bibliothek einer (fach-)hochschulischen Ausbildungsstätte von Sozialpädagogen.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010). Bildung in Deutschland 2010 (www.bildungsbericht.de; letzter Aufruf am 16.4.2011).
  • Heekerens, H.-P. (2010). Familiärer Hintergrund und schulischer Erfolg. Neue Praxis, 2010, 40, 422-439
  • OECD 2010). PISA 2009 results: What students know and can do. Student Performance in Reading, Mathematics and science. Volume I. Paris: OECD Publishing.
  • Thielen, M. (2010). Soziale Arbeit im Kontext Schule. Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation von Schul- und Sozialpädagogik in praxisbezogenen Abgangsklassen unterer Bildungsgänge. Zeitschrift für Sozialpädagogik, 8: 7-26

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 26.04.2011 zu: Marc Thielen: Pädagogik am Übergang. Arbeitsweltvorbereitung in der allgemeinbildenden Schule. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1784-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11439.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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