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Andreas Eis, Torsten Oppelland u.a.: Politik kulturell verstehen

Cover Andreas Eis, Torsten Oppelland, Christian K. Tischner: Politik kulturell verstehen. Politische Kulturforschung in der Politikdidaktik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-89974-625-9. 22,80 EUR.
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Der Mensch als zôon politikon

Weil der Mensch, nach Aristoteles, als zôon politikon, , nicht nur ein sprach- und vernunftbegabtes, sondern aufgrund seiner Fähigkeit, nach einem guten Leben strebendes und in Gemeinschaften lebendes politisches Lebewesen ist, hat die Politische Bildung des Menschen einen hohen Stellenwert; um so mehr, als in der sich immer interdependenter, entgrenzender und sich für (inter-)kulturelle Ideen öffnenden Welt die Werte in Gefahr und Vergessenheit zu geraten scheinen, die in der antiken Interpretation das Menschsein ausmachen (vgl. dazu auch: Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, Stuttgart 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10807.php; sowie: Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie, Paderborn 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11429.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Politik verstehen als Humanum und als Lebensbewältigung in einer freiheitlichen, gerechten, friedlichen und demokratischen Gesellschaft ist das Ziel, das dem Bildungs- und Erziehungsauftrag in der Familie, Schule und im Alltag zugrunde liegt. Die Politische Wissenschaft liefert dafür die theoretischen Begründungszusammenhänge, und die Politische Didaktik formuliert und stellt die Formen und Möglichkeiten der Umsetzung in politisches Handeln bereit. Es sind oftmals die Didaktiker, die die unterschiedlichen und vielfältigen Dimensionen politischen Denkens und Tuns verdeutlichen und darauf insistieren, dass nur wer Politik versteht in der Lage und befähigt ist zur „aktiven Wahrnehmung der Bürgerrolle durch die Entwicklung einer demokratischen politischen Identität“. Diese Charakterisierung stammt von einem Politikdidaktiker, dem die Herausgeber und die Autorin und Autoren einen Band zu seinem 65. Geburtstag widmen: Carl Deichmann, der als rheinland-pfälzischer Lehrer, Fachleiter für Sozialkunde, Lehrbeauftragter und Politikwissenschaftler an verschiedenen Universitäten, zuletzt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, wissenschaftliche Denkpfeiler gesetzt hat.

Die Herausgeber, der Politikwissenschaftler und Vertretungsprofessor für Didaktik der Sozialwissenschaften und der Politischen Bildung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/M., Andreas Eis, der Jenenser Politikwissenschaftler Torsten Oppelland und der wissenschaftliche Mitarbeiter und Lehrer Christian K. Tischner aus Jena, betonen, dass die von Carl Deichmann begründete „Jenaer Politikdidaktik“ auf drei Säulen beruht: Seinen Arbeiten im Bereich der philosophischen Anthropologie, der Wissenssoziologie und der politischen Kulturforschung, mit denen er eine „Theorie der politischen Bildung“ formuliert; der empirischen Forschung in der hermeneutischen Politikdidaktik und der qualitativen Unterrichtsforschung; und die „Projektarbeit“, die er in der Lehreraus- und –fortbildung sowie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung voran gebracht hat. Die Laudatoren, Fachkollegen und seine Schüler, wollen mit der Festschrift freilich keinen „Abgesang“ vorlegen, sondern eine Bestandsaufnahme im Netzwerk für nachhaltige Politische Bildung vornehmen, das Carl Deichmann mit geknüpft hat.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber haben mehrere Autoren und eine Autorin versammelt, die zu den drei Kapiteln – „Politikwissenschaft & Politische Kultur“, „Ansätze der Politikdidaktik“ und „Perspektiven der politischen Bildungspraxis“ – Beiträge verfassen, die sich gewissermaßen an Deichmanns Arbeiten orientieren und so die „Jenenser Schule“ präsentieren. Vorangestellt werden den Texten Grußworte und Laudatae, die für das „Netzwerk für nachhaltige politische Bildung“ und für das Thüringer Institut für Lehrerbildung, Lehrplanentwicklung und Medien sprechen.

Der Politikwissenschaftler und derzeitige Rektor der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, Klaus Dicke, reflektiert in seinem Beitrag „Politikwissenschaft und politische Bildung“ die Rolle der Westdeutschen Rektorenkonferenz im Gründungsprozess der Politikwissenschaft in Deutschland. Er geht dabei zum einen auf den Entwicklungsprozess ein, der sich für die Aus- und Fortbildung von Politiklehrkräften in den so genannten neuen Bundesländern nach der Wende vollzieht, zum anderen auf die grundsätzliche Bedeutung und Mechanismen, die von der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) in der Nachkriegszeit ausgehen.

Der Jenenser Politikwissenschaftler und Staatsrechtler (em.), Karl Schmitt, informiert über die Konzepte, Methoden und Ergebnisse der Thüringer Initiative, seit 2000 regelmäßig die Einstellungen der Bevölkerung im Land zur demokratischen Entwicklung zu erkunden: Das „Thüringen-Monitor“. Dabei arbeitet er sowohl die positiven Merkmale heraus und verweist auf Defizite, die es zu bewältigen gilt. Während vier von fünf Thüringer die Demokratie als Wertordnung und Verfassungskonzept bejahen, wird deutlich, dass die Diskrepanz zwischen einer grundsätzlichen Zustimmung zur Demokratie und der Zufriedenheit damit in der Praxis auseinander driften. Die Ursachen findet der Autor, der dem Team angehört, das für das „Thüringen-Monitor“ verantwortlich zeichnet, zum einen in der Schwierigkeit, politisches Engagement zu motivieren, zum anderen aber stellt er auch die Tendenz fest, dass sich lokales und an konkreten Projekten orientiertes Engagement, vor allem bei jungen Menschen, zeigt.

Der Augsburger Politikwissenschaftler Theo Stammen widmet seinem Beitrag „Politische Bildung im Alten Rom“ dem Jubilar, indem er auf ein 2010 erschienenes Buch verweist, das der römische Schulautor Lucius Ampelius im 2. Jahrhundert n. Chr. verfasste und in dem er verdeutlichte, was ein junger Römer seiner Zeit über Politik und Gesellschaft wissen müsse. Indem sich Stammen mit dem Aufbau und Inhalt von „Liber memorialis“ auseinandersetzt, zeigt er die Unterschiede zu den damaligen Auffassungen bei der Vermittlung von „Sachwissen“ auf, verdeutlicht aber andererseits auch, dass „ein differenziertes Wissen über Geschichte und Politik als unverzichtbares Element der Bürgerkultur galt“.

Der Didaktiker für Sozialwissenschaften Karl-Heinz Breier von der Universität Vechta diskutiert ein interessantes Thema, das ohne Zweifel auch für den politik-didaktischen Diskurs von Bedeutung ist: „Politische Freundschaft als Grundlage gelebter Bürgerexistenz“. Die Überzeugung, dass eine freiheitliche, gerechte und demokratische Verfasstheit der Gesellschaft als erstrebenswertes Ziel eines friedlichen Zusammenlebens der Menschen darstellt und empathisch erworben werden muss, lässt sich von der antiken Ethik bis zur globalen Verantwortungsethik herleiten; denn „Bürgerbildung …richtet sich … an die gesamte Existenz“.

Der in Jena Politische Theorie und Ideengeschichte lehrende Michael Dreyer fragt in seinem Beitrag „Politische Erziehung durch politischen Prozess“ danach, welche Bedeutung im politischen Bildungsprozess die Kenntnis von und Auseinandersetzung mit den Funktionsweisen parlamentarischer Regierungen haben. Am Beispiel des von Walter Bagehot 1867 publizierten Buches „The English Constitution“ erinnert er an die fünf dort ausgewiesenen Funktionen und fragt, welche Bedeutung sie heute, in der im Vergleich zu England und den USA in der damaligen Zeit für uns haben.

Der ebenfalls an der Friedrich-Schiller-Universität Internationale Organisationen und Globalisierung lehrende Manuel Fröhlich, reflektiert in seinem Text die Bedeutung des personenbezogenen Ansatzes in der internationalen Politik. Am Beispiel des Amtes des UNO-Generalsekretärs, und hier exemplarisch verdeutlicht an der Person, seines Werdegangs, sowie der Arbeits- und Wirkungsweise des siebten Generalsekretärs Kofi Annan, zeigt Fröhlich auf, welche Formen der Auseinandersetzung mit politischem Handeln im Bildungsprozess sich auftun, wird Politik als Aktion von Akteur(en) und Struktur(en) thematisiert.

Torsten Oppelland verweist in seinem Beitrag auf den Zusammenhang von Geschichte und Politik und plädiert für die Zusammenführung der Fachgebiete in „Geschichtspolitik“; zumindest aber zeigt er die unabdingbaren Gleichklänge und Verbindungen von geschichtlichem und politischem Denken und Handeln auf. An mehreren Beispielen diskutiert der Autor die Bemühungen des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, das Geschichtsbild der Deutschen zur Reichsgründung 1871 und zur Weimarer Republik „auf die freiheitlichen und demokratischen Traditionen des Volkes zu orientieren“.

Das zweite Kapitel „Ansätze der Politikdidaktik“ beginnt Peter Massing vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität in Berlin mit Überlegungen „Zum Verhältnis von politischer Bildung und politischer Kultur“. In der politischen Kulturforschung und –didaktik geht es vor allem darum, deutlich und aufmerksam zu machen, dass „die fortdauernde Stabilität eines demokratischen politischen Systems erheblich von seiner Akzeptanz in der Bevölkerung abhängt“; angesichts der besorgniserregenden Zunahme von Politikverdrossenheit und von politischer Abstinenz in der Gesellschaft eine Herausforderung für die schulische und außerschulische politische Bildung.

Der Politikdidaktiker an der Leibnitz-Universität Hannover und Bundesvorsitzende der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung, Dirk Lange, zeigt mit seinem Text „Legitimieren lernen“ auf, dass der Erwerb eines Politikbewusstseins Mittler zwischen Politischer Kultur und Politikdidaktik sein kann. Wie kann es gelingen, die mentalen Vorstellungen über die politische Wirklichkeit für politisches Denken und Handeln wirksam werden zu lassen? „Die Erkenntnis, dass durch politisches Lernen nicht nur Stoffe und Konzepte vermittelt werden, sondern auch eine politische Denkweise erschlossen wird, ist … für die Fachdidaktik grundlegend“.

Andreas Eis greift den Governance-Ansatz auf, indem er in den sich entgrenzenden Demokratien Forschungsperspektiven für die politische Bildung rekurriert und am Beispiel des politikdidaktischen Forschungsvorhabens an der Goethe-Universität Frankfurt/M. - „Transformationen des Politischen als gesellschaftliche Lerngelegenheit“ – verdeutlicht. Es sind (neue) Fragestellungen, die sich an den Herausforderungen, Risiken und Chancen von deliberativer Interessensvermittlung, der zunehmenden Ökonomisierung des politischen Raumes und von alternativen Beteiligungsformen in der globalisierten Welt orientieren.

Die beiden Jenenser Lehrbeauftragten, Mark Partetzke und Dennis Hauk, setzen sich mit der Verwendung von (Auto-)Biografien und Krisenbeschreibungen als politikdidaktische Ansätze auseinander: „Person und Krise“, als Mittel, die strukturbedingte Distanz zwischen der Alltagswelt der Lernenden und der Politik zu überwinden. Sie diskutieren die Möglichkeiten, biographisch-personenbezogene und krisenbezogene Themen als didaktische Mittel einzusetzen, um die politische Analysefähigkeit der Lernenden zu fördern.

Der ebenfalls als Lehrbeauftragter an der Universität in Jena und als Lehrer am Gymnasium Kusel tätige Christian Schmidt leitet seinen Beitrag „Wissenschaftliche Politikdidaktik als Voraussetzung der politischen Bildung und zur Weiterentwicklung der demokratischen politischen Kultur“ mit dem Satz von Theodor Eschenburg ein: „Demokraten fallen nicht vom Himmel“; wie wahr! Es ist die nach wie vor, in der Lehrerausbildung wie in der Lehrtätigkeit, vernachlässigte Verklammerung von Theorie und Praxis, die Politikfähigkeit so schwierig macht.

Im dritten Kapitel werden Perspektiven der politischen Bildungspraxis aufgezeigt; gewissermaßen also „politikdidaktische Lehrstücke“, wie dies der Potsdamer Politikwissenschaftler und Vorsitzende der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE), Ingo Juchler, am Beispiel von Bertolt Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ tut und damit historische und aktuelle Bezüge herstellt.

Der Politikdidaktiker an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Gotthard Breit, empfiehlt, im Politikunterricht (erst einmal) auf das Alltagsverständnis der Schülerinnen und Schüler zu setzen und konkrete Fallbeispiele für Politikauseinandersetzung und –analyse zu verwenden. Im vorgestellten Fall verdeutlicht sich dabei der Spagat, den sich Politiklehrer vergegenwärtigen müssen: Aktualität – Emotionalität – kritische Aufmerksamkeit.

Christian K. Tischner fragt in seinem Beitrag: „Stimmt die Richtung?“, indem er politische Bildung im Sinne des Konzepts des Lebenslangen Lernens reflektiert. Weil Politik überall ist, zu jeder Zeit, in jedem Lebensalter und Lebenssituation, ist auch die Frage obsolet, ob politische Bildung (nur) ein schulischer Lernauftrag ist. Es ist deshalb notwendig, „die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen in der Politikdidaktik und die methodischen Arrangements der politischen Bildung um zeitliche, räumliche und inhaltliche Perspektiven im Sinne des Lebenslangen Lernens zu erweitern".

Gewissermaßen „in eigener Sache“ stellen im Schlussbeitrag die Lehrerin am Staatlichen Berufsbildenden Schulzentrum Jena-Göschwitz, Doreen Knothe (im übrigen die einzige Autorin unter den Autoren!) und der Jenenser Lehrer an der IGS Grete Unrein, Toralf Schenk, die Möglichkeiten vor, wie „Lehrer als Lehrbeauftragte“ an der Universität tätig sein können und welche Chancen sich dabei für Universität und Schule ergeben können. Das Beispiel des „Jenaer Modells der Lehrerausbildung“ wird dabei herangezogen.

Fazit

Die Festschrift für Carl Deichmann stellt sich, durch die qualifizierten Beiträge zu den drei ausgewählten Bereichen der Politikdidaktik, als Rückschau und gleichzeitig Vorausblick dar; mit Bezug auf Deichmanns politikwissenschaftliche und –didaktische Arbeiten als Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung in universitären und schulpraktischen Tätigkeitsfeldern. Beispielhaft zeigen sich dabei die jahrelangen Aktivitäten zur Kooperation und Vernetzung von Theorie und Praxis, von disziplinären und interdisziplinären Zusammenhängen; ein ausgezeichnetes Exempel für wissenschaftliches Arbeiten im Bereich des Politischen, das überall ist!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.05.2011 zu: Andreas Eis, Torsten Oppelland, Christian K. Tischner: Politik kulturell verstehen. Politische Kulturforschung in der Politikdidaktik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-89974-625-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11440.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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