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Gerhard Fieseler, Reinhard Herborth: Recht der Familie und Jugendhilfe

Rezensiert von Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix, 12.04.2011

Cover Gerhard Fieseler, Reinhard Herborth: Recht der Familie und Jugendhilfe ISBN 978-3-472-07121-1

Gerhard Fieseler, Reinhard Herborth: Recht der Familie und Jugendhilfe. Arbeitsplatz Jugendamt. Luchterhand Verlag (München) 2010. 7., überarbeitete Auflage. 528 Seiten. ISBN 978-3-472-07121-1. 34,00 EUR.
Reihe: Fachbücherei praktische Sozialarbeit.

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Thema

Die Autoren haben den Anspruch Familien- und Jugendhilferecht zugleich anderen, nämlich Sozialarbeitern und Rechtswissenschaftlern zu vermitteln, ohne dabei soziale Realitäten auszugrenzen. Das gelingt wenigen, aber Fieseler/Herborth haben mit der 7. Auflage eines der besten und umfassendsten Lehrbücher auf diesem Gebiet vorgelegt: im Zentrum steht das Recht der Kinder und Jugendlichen (vgl. auch die Rezension zur 6. Auflage).

AutorIn oder HerausgeberIn

Der Emeritus Gerhard Fieseler hat jahrelang auf einsamem Posten an der Reformhochschule Kassel gelehrt, er ist einer der Pioniere, denen es gelang Sozialarbeits- und Rechtswissenschaft miteinander zu verbinden, sein Mitstreiter Reinhard Herborth lehrt mittlerweile an der FH Nordhausen, am Fuße des Harz.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist das Werk in der 1. Auflage(1985) noch bevor es überhaupt ein modernes Kinder- und Jugendhilfegesetz gab, damals auch war die Sozialarbeitswissenschaft noch weniger interessiert an der Rechtsmaterie. Mit dem Lehrbuch entstand auch eine Denkalternative zu dem alles beherrschenden Denken von Johannes Münder und seinen Gedanken zur Jugendwohlfahrt. Besser noch Fieseler/Herborth setzen den herrschenden Konstrukten von Leib und Seele eine andere ganzheitliche Betrachtung entgegen.

Aufbau

Der Ausbau des Buches ist ungewöhnlich. Es beginnt mit einem Aktenfall, einer historischen Aufarbeitung des Falles Kevin, eines Kindes, das mit zwei Jahren tot im Kühlschrank der Eltern in Bremen aufgefunden wurde. So hart ist das Leben der Deklassierten und ihrer Kinder, die niemand zu schützen scheint. Die Autoren wollen nicht individueller Schuld nachgehen, sondern Systemfehler aufdecken, zugleich „wollen(sie) nicht, dass der Tod Kevins vergessen wird.“ Insoweit geht es auch um eine Ethik in der Wissenschaft und um den Kinderschutz. Die Autoren betrachten durchaus die Überlastungen der Sozialarbeit, aber stellen auch klar, dass Garantenstellung weder bei Lehrern noch Sozialarbeitern heißt, man stünde mit einem Bein im Gefängnis (S.90 f.).

Inhalt

Der weitere Aufbau des Lehrbuches ist klassisch. Wir lernen die normativen Grundlagen kennen (2. Kapitel) und beschäftigen uns mit dem Erziehungsanspruch junger Menschen, den Rechten von Kindern und Jugendlichen (S.107f.), wir stoßen vor zu den zentralen Kategorien wie dem Kindeswohl, einem moralischen-ethischen, politisch, normativen Begriff, der wie selten ein anderer über die Zukunft und das Schicksal von jungen Menschen entscheidet. Spätestens hier wird deutlich, dass man nicht auskommen kann, ohne in die große Literatur der Psychoanalyse und der Entwicklungspsychologie einzusteigen, denn auch die Auslegung von § 1627 BGB ist Ausdruck eines sich gewandelten Menschenbildes und was der Staat bzw. seine Dritte Gewalt durch § 1697 a BGB daraus macht. Immer wieder besticht das Buch auch durch seine gut und übersichtlich gestalteten Graphiken und Übersichten (Grundbedürfnisse und Risikofaktoren, S.114).

Fieseler/Herborth widmen sich in einem ihrer Hauptkapitel über die Jugendhilfe (S.147-217) der Reformgeschichte, ebenso der Einbindung der Jugendhilfe in den internationalen Kontext, sowohl auf Seiten der Betroffenen (Ausländische Minderjährige und Jugendhilfe, S.187), als auch auf Seiten der gesetzgebenden Institutionen (Europäisches Fürsorgeabkommen, S.188).

In weiteren Kapiteln lernen wir die Organisation der sozialen Dienste kennen (5.), bekommen eine gründliche Einführung in die Institute wie Beistandschaft, Amtspflegschaft et al.(6.Kapitel) und finden uns alsbald im gerichtlichen Verfahren (7.Kapitel) wieder. Vor allem hier machen die Autoren deutlich, wie groß die Einflussmöglichkeiten der Sozialarbeit in der Familien- und Jugendgerichtshilfe sind, wie wichtig es ist sein Handwerkszeug zu beherrschen, ohne bessere Juristen zu sein, aber eben gutes Sozialrecht zum Leben erwecken zu können (274 ff.)

Der Rest, will sagen die restlichen 200 Seiten, behandelt die Hilfen innerhalb(8.Kapitel) und außerhalb (9.Kapitel) der Familien; , in der Frage der Rechtmäßigkeit des Einschlusses deckt sich auch die Auffassung der Autoren, mit der des Rezensenten. Sie ist in der Regel rechtswidrig, wenn es sich um geschlossene Abteilungen handelt (Möller/Nix § 34 Rn.2 ff.)

Einer weiteren, aber lehrreichen Entdramatisierung dient das 13. Kapitel, es beschäftigt sich mit Fragen der Aufsichtspflicht und Haftung (S.465 bis 477), es macht deutlich wo Sorgfalt zu walten hat, und wo Freiheit weiterhin in der Erziehung sein wird und sein darf. Es ist ein Lehrbuch über Freiheit und Risiko, ein Buch über das Leben.

Diskussion

Die beiden Autoren haben eine gute Schreibe, lebhaft und nicht zu langweilig, sie beugen sich nicht der herrschenden Meinung, aber sie sind auch keine Revolutionäre (mehr) im Kinder- und Jugendhilferecht. In einer Grundsatzfrage hebt sich Fieseler von anderen Apologeten des Jugendhilferechts deutlich ab, er sieht in § 1 Abs.1 1 SGB VIII ein subjektiv-öffentliches Recht der jungen Menschen auf Erziehung. er sieht es begründet, ohne abzuheben, aber sich distanzieren von den anderen, die nur Programmsätze erblicken, unverbindlich und träumerisch zugleich. Vielleicht macht es jungen Lesern Angst, dass es zu umfangreich sein könnte, vielleicht beruhigt es zu wissen, dass die beiden Autoren gleich zwei große Rechtsgebiete abgehandelt haben, das Familien und Jugendrecht, soweit es die jungen Menschen betrifft.

Fazit

Zu den wenigen Lehrbüchern in der Sozialarbeits- und Rechtswissenschaft, die sich mit Familien und Jugendrecht beschäftigen, gehört der Fieseler/Herborth, getragen von einem reformerischen Eifer suchen die Autoren nach normativen Lösungen und wissen, dass dies auch in Zukunft nur geht, wenn Studentinnen der Rechte und des Sozialen gut und leidenschaftlich ausgebildet sind. Fieseler streitet für ein Recht auf Erziehung, einsam und klug zugleich. Die Sozialarbeit muss das entdecken, die Juristen bekommen Furcht.

Rezension von
Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix
Intendant Theater Konstanz
Professor an der Universität Bremen
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Es gibt 8 Rezensionen von Christoph Nix.

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Zitiervorschlag
Christoph Nix. Rezension vom 12.04.2011 zu: Gerhard Fieseler, Reinhard Herborth: Recht der Familie und Jugendhilfe. Arbeitsplatz Jugendamt. Luchterhand Verlag (München) 2010. 7., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-472-07121-1. Reihe: Fachbücherei praktische Sozialarbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11443.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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