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Raoul Schrott, Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht

Cover Raoul Schrott, Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren. Hanser Verlag (München) 2011. 528 Seiten. ISBN 978-3-446-23656-1. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Die Struktur ver-dichteter Wirklichkeiten. Gehirn, Gedicht und Narration

Bei Wilhelm von Humboldt findet sich in seiner Schrift über Denken und Sprechen folgender Satz: „Die Sprache beginnt daher unmittelbar und sogleich mit dem ersten Akt der Reflexion, und so wie der Mensch aus der Dumpfheit der Begierde, in welcher das Subjekt das Objekt verschlingt, zum Selbstbewußtsein erwacht, so ist auch das Wort da - gleichsam der erste Anstoß, den sich der Mensch selbst gibt, plötzlich stillzustehen, sich umzusehen, und zu orientieren.“ (Humboldt 2008, 11) Denken und Sprechen heben den Menschen aus seiner Unmittelbarkeit heraus, und verschaffen ihm Raum, Raum für Welt- und damit auch Selbstvergewisserung. Diese Selbstvergewisserung ist Teil eines Prozesses, der als Selbst-Werdung beschrieben werden kann. Eine gelungene Selbst-Werdung beinhaltet für das Individuum die Gestaltung eines Reservoirs an Erzählungen - Erzählungen auf die es zurückgreift, um über sich, und sein Verhältnis zur Welt Klarheit zu bekommen. Der Philosoph Dieter Thomä hat dieser Idee folgende sprachliche Form gegeben: „Auf die Erzählung des eigenen Lebens richten sich demnach zwei einander widerstreitende Ansprüche: zu erfahren, wie ich bin, und zu entwerfen, worauf es mir dabei ankommt.“ (Thomä 2007, 15)

Literatur und Poesie stellen verdichtete Fiktionen dar - Lesen ist eine Form der Raumteilung, um in der Metapher von Humboldt zu bleiben, durch die der Leser nicht nur seinen Raum neu organisieren kann. Das Lesen beinhaltet immer eine gewisse Ausgrenzung - man liest sich über die eigenen Grenzen hinweg. Was für das Lesen gilt, gilt natürlich auch für das Erzählen. Die Erzählleistung ist unzweifelhaft eine sprachliche Angelegenheit, die erst im Tod des Individuums ihr Ende findet - „Lesen und Schreiben haben nie ein Ende. Die beiden Wörter ... bezeichnen eine Tätigkeit, die den Menschen fort und fort durchs Leben trägt. Indem sie das Selbst befähigt, die Geschichten zu schaffen, die es im fortgesetzten stummen inneren Selbst-Gespräch erzählt. Lesen und Schreiben lädt die Sprache mit der Lebendigkeit auf, die erforderlich ist, sie wandelbar zu halten. Es sorgt dafür, daß der einzelne sich nicht in einer einzigen Geschichte verfängt und in ihr eingesperrt bleibt.“ (Sanders 1995, S. 264-265) Sprache ist dabei zuallererst ein Instrument, kein Selbstzweck - ein Mittel um Verständlichkeit zu schaffen: „Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist sein Denken [des Menschen, HGK] immer nur ein Versuch seines Geistes, vor sich selbst verständlich, sein Handeln ein Versuch seines Willens, in sich frei und unabhängig zu werden, seine ganze äußere Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müßig zu bleiben. Bloß weil beides, sein Denken und sein Handeln nicht anders, als nur vermöge eines dritten, nur vermöge des Vorstellens und des Bearbeitens von etwas möglich ist, dessen eigentlich unterscheidendes Merkmal es ist, Nichtmensch, d.i. Welt zu sein, sucht er, soviel Welt, als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden.“ (Humboldt 2008, 849-850)

Das Denken ist aber keine rein sprachliche Tätigkeit - es ist eine symbolische Tätigkeit, eine Arbeit an und mit Symbolen. Der deutsche Philosoph Ernst Cassirer hat den Menschen im Gegensatz zu Aristoteles als animal symbolicum definiert - „Der Begriff der Vernunft ist höchst ungeeignet, die Formen der Kultur in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit zu erfassen. Alle diese Formen sind symbolische Formen. Deshalb sollten wir den Menschen nicht als animal rationale, sondern als animal symbolicum definieren. Auf diese Weise können wir seine spezifische Differenz bezeichnen und lernen wir begreifen, welcher neue Weg sich ihm eröffnet - der Weg der Zivilisation.“ (Cassirer 2007, 51) Was in diesem Zitat als „Vernunft“ bezeichnet wird, muss natürlich als „Sprache“ gelesen werden - wichtig dabei ist zu erkennen, dass das Konzept der „Symbole“ einen weitaus größeren Spielraum eröffnet, als das Beharren auf Sprache als differentia specifica des Menschen - was sich später vor allem in der Diskussion des Lamentos vom Niedergang der Sprache zu sehen sein wird.

„Sprechen heisst glauben“ (Certeau 1988, 338) - will heißen: Jeder Sprecher glaubt daran, dass er sich verständlich machen kann. Verständlichkeit alleine ist aber noch keine ästhetische Kategorie - sonst würden sich gute Betriebsanleitungen besser verkaufen als Bücher von Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek. Wie schrieb einst Neil Postman? - „Can we go into the future believing that gibberish is as good as any other form of language?“ (Postman 1999, 81)

Sprache konstruiert - selbst ein mentales Konstrukt - daher unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Verhalten - Warum- Weil Sprache immer nur Statthalter für Ideen und Werte ist und sein kann, die unseren Urteilen darüber, was wir sein und tun wollen, und wie wir und die Welt beschaffen sind, zugrunde liegen. „Es ist die Sprache, die dem Denken die Chancen öffnet, und ihm die Grenzen zieht.“ (Schneider 2008, 98)

Raoul Schrott und Arthur Jacobs legen mit ihrem Buch einen Versuch vor, Sprache und Poesie neu fassen zu können. Ein geglückter Versuch, wie sich herausstellen wird.

Autoren

Raoul Schrott hat in den vergangenen Jahren einige sehr bemerkenswerte Bücher vorgelegt. Vor allem seine Neuübertragung der Ilias konnte der Dramatik des Trojanischen Krieges eine überzeugende Sprache verleihen. Mit dem Buch zu den realen Hintergründen dieser Geschichte gelang ihm eine gelungene Symbiose fiktionaler und realistischer Erzählung. Diese Symbiose gefiel besonders dem Lesepublikum, blieb aber in der Fachwelt nicht unwidersprochen. Es geht dabei vor allem um die Verortung von Troja, für die Raoul Schrott keine überzeugenden Belege vorbringen könne. Das Buch der Ilias stieß dafür bei Literatur- und Sprachwissenschaftlern auf wenig Gegenliebe - eigentlich sei es keine Übersetzung, sondern vielmehr eine Übertragung. Raoul Schrott habe an vielen Stellen vieles falsch übersetzt und sei in der Gestaltung der Sprache viel zu frei gewesen, lauten die Vorwürfe. Das Publikum freute sich über einen greifbaren klassischen Text und legt weniger Wert auf dessen wissenschaftliche Bedeutung. Raoul Schrott gelang es mit seinen beiden Büchern zur griechischen Mythologie, was Jahren zuvor Michael Köhlmeier gelang - klassische Stoffe in eine neue Form zu bringen, die eher den literarischen als philologischen Ansprüchen genügt.

Arthur Jacobs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Psychologie des Menschen. Als Professor für Allgemeine Psychologie und Neurokognitive Psychologie ist er auf der Freien Universität Berlin tätig (www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen). Seine umfangreiche Publikationsliste dokumentiert sein vielfältiges Interesse an der Funktionsweise des menschlichen Gehirns.

Inhalt

Auf den ersten Blick schon springt einem die Struktur des Buches ins Auge. Die einzelnen Abschnitte setzen sich jeweils mit Stilmitteln der Poesie (der Rhetorik) und deren Wirkung auseinander, analysieren sie und setzen sie mit kognitiven Prozessen im menschlichen Gehirn in Verbindung. Der Umfang des Buches steht für eine ausführliche Darstellung verschiedenster Sprachelemente und deren Wirkungsweise. Sprache als Zugang zur Welt und Sprache als Instrument der Verständigung werden dabei auf das menschliche Raumgefühl zurück geführt - „Letzten Endes gründet die Art, wie wir die Welt erfassen, stets auf unseren Bewegungen im Raum:“ (Schrott/Jacobs 2011, 413) „Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren“ ist das umfassend dargelegte und versprachlichte Bemühen zweier Autoren den Konstruktionen der Wirklichkeit, wie sie uns in Form von Fiktionalität begegnen, auf die Spur zu kommen. „[B]ei diesem Buch [handelt] es sich um einen Ausgriff ?, einen Essay im wörtlichen Sinn. Es stellt den Versuch dar, mit dem für uns so selbstverständlichen - weil allzu gewohnten und dadurch letztlich unsichtbaren - Taststab der Sinne den Radius unserer Wahrnehmung zu sondieren. Dem Enigma der Poesie wird dadurch nichts genommen.“ (Schrott/Jacobs 2011, 8-9). Doch wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Poesie nicht losgelöst von den Funktionsweisen des Gehirns agieren kann - “? wir lesen uns also selbst“ (Schrott/Jacobs 2011, 66): Verallgemeinert lässt sich sagen: Wir sind in der Gestaltung der Sprache und der Sprachbilder nicht völlig frei. Wenn es uns gelingt, diesen kognitiven Leistungen auf die Spur zu kommen, sie in Zusammenhang mit den poetischen Stilmitteln zu bringen, dann kommen wir dadurch zu einem fundierten Verständnis der Wirksamkeit von Sprache. Doch dafür müssen wir unsere Aufmerksamkeit etwas verschieben - „Denn gerade die bemerkenswertesten Leistungen des Gehirns entziehen sich unserer Aufmerksamkeit. All unser Erleben findet im Medium von Bedeutungen statt, und wir können gar nicht anders als in Form bedeutungshafter Einheiten denken, wahrnehmen, fühlen und handeln. Daher bemerken wir nicht, wie erstaunlich und somit wie erklärungsbedürftig diese Leistung eigentlich ist. Es ist diese fundamentale Leistung, die allen anderen Leistungen zugrunde liegt, über die wir zu staunen bereit sind - seien es Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache oder Denken.“ (Mausfeld 2005, 47) Die Generierung von Bedeutung durch Sprache ist das große Thema des Buches und soll uns eine plausible Antwort auf die Frage geben: „Weshalb vermag uns das Lesen gedruckter Schriftzeichen so sehr zu vereinnahmen, dass wir alles um uns vergessen.“ (Schrott/Jacobs 2011, 7)

Fazit

„The world we live in contains an abundance of things, events, processes. There are trees, dogs, sunrises; there are clouds, thunderstorm, divorces; there is justice, beauty, love; there are the lives of peoples, gods, cities, of the entire universe. ... Not everybody lives in the same world. ... There are different events, not just different appearances of the same events. ... Speech is poetry... (Feyerabend 1999, 104-105) Der konstruktivistische Gedanke von den Grenzen der Welt als Grenzen der eigenen Sprache macht einen Teil der Faszination von Sprache und der Beschäftigung damit aus. In „Gehirn und Gedicht“ geht es tatsächlich um das menschliche Gehirn (aus Sicht der Neuropsychologie bzw. der Kognitiven Psychologie) und die (literaturwissenschaftliche) Analyse von Gedichten. Die Autoren versuchen zu zeigen, dass die Grundlagen der Wirkung von Gedichten, und einzelne ihrer Stilmittel, Entsprechungen in den Prinzipen unseres Denkens haben (und somit - so die Annahme - auch Entsprechungen in der Funktionsweise unseres Gehirns haben). Diesem Konstruktivismus werden damit selbst einige Grenzen gezogen.

Der klare Aufbau des Buches setzt sich im Text fort - die Gestaltung des Textes, die Wahl der Beispiele, die Verwendung von Boxen, in denen sehr detailliert der empirische Forschungsstand erläutert werden. Im Gegensatz zu den aktuellen Büchern von Maryanne Wolf und Stanislas Dehaene, die sich zwar auch mit kognitionspsychologischen und evolutionären Fragen rund ums Lesen beschäftigen, bietet das Buch von Raoul Schrott und Arthur Jacobs eine ungleich größere Fertigkeit in der Erläuterung der Zusammenhänge von Sprache und der Poesie. Gerade das Modell des literarischen Lesens als Neurokognitive Poetik (Schrott et al. 2011, 492 ff.) bietet einen sehr interessanten (wenn auch spekulativen) Versuch, Analyse- und Gestaltungselemente der Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft mit psychologischen und neurokognitiven Befunden zusammen zu führen.

Damit wird das Buch nicht nur als Lektüre, sondern auch als Analyseinstrument der Faszination gerecht, die Leser an Texte bindet: „Warum ich gerne lese, habe ich mich oft gefragt und bin immer auf die gleiche Antwort gestoßen: Ich will Menschen kennenlernen, ihre Erfahrungen, ihre Schicksale, ihre Gedanken, ihr Tun, und nirgendwo ist das leichter zu haben als in Büchern.“ (Frühwald 2010, 169) Lässt man sich auf dieses Buch ein, bekommt man ein gutes Gefühl dafür, dass Sprache ein Phänomen der Zeit ist. Mit diesem Phänomen sollten sich alle beschäftigen, denen Sprache beruflich wichtig ist, oder die Vergnügen darin finden, Literatur zu lesen.

Literatur

  • Cassirer, E. (2007 [1944]). Versuch über den Menschen - Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg (GER), Felix Meiner Verlag
  • Certeau, M. d. (1988 [1980]). Kunst des Handelns. Berlin (GER), Merve Verlag
  • Humboldt, W. v. (2008). Schriften zur Sprache. Frankfurt/Main (GER), Zweitausendeins
  • Feyerabend, P. K. (1999 [1987]). Farewell to Reason. London (UK) & New York, NY (USA), Verso
  • Frühwald, W. (2010). Wie viel Sprache brauchen wir? Berlin (GER), Berlin University Press
  • Kratochvila, H. G. (2010). „Der Mensch als Autodidakt? Über Sprache und das Schreiben darüber.“ (www.socialnet.de/rezensionen/9401.php)
  • Mausfeld, R. (2005). Vom Sinn in den Sinnen - Wie kann das biologische System Bedeutung generieren? „… sind eben alles Menschen“ - Verhalten zwischen Zwang, Freiheit und Verantwortung. N. Elsner und G. Lüer. Göttingen (GER), Wallstein Verlag: 47-79
  • Postman, N. (1999). Building a Bridge to the Eighteenth Century. How the Past Can Improve Our Future. New York, NY (USA), Alfred A. Knopf
  • Sanders, B. (1995[1994]). Der Verlust der Sprachkultur. Frankfurt/Main (GER), Sigmund Fischer Verlag
  • Schneider, W. (2008). Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist. Reinbeck/Hamburg (GER), Rowohlt Verlag
  • Dehaene, S. (2010[2009]).Lesen: Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert. München (GER), Albrecht Knaus Verlag
  • Thomä, D. (2007 [1998]). Erzähle dich selbst - Lebensgeschichte als philosophisches Problem. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag
  • Wolf, M. (2009 [2007]). Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam - und was es in unseren Köpfen bewirkt. Heidelberg (GER), Spektrum Akademischer Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at


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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 25.07.2011 zu: Raoul Schrott, Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren. Hanser Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-446-23656-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11447.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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