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Richard Günder: Praxis und Methoden der Heimerziehung

Cover Richard Günder: Praxis und Methoden der Heimerziehung. Entwicklungen, Veränderungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. 4., vollst. neu überarbeitete und erweiterte Auflage. 422 Seiten. ISBN 978-3-7841-1995-3. 23,90 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thematischer Rahmen

Kommt das Gespräch auf „Heimerziehung“, dann liegen immer noch Bilder von Heimerziehung als Zwangsinstrument nahe; dazu hat auch der (notwendige) Diskurs zur Heimerziehung in den 1950 bis 1970er Jahren beigetragen (vgl. z. B. Kappeler, M.: Zur zeitgeschichtlichen Einordnung der Heimerziehung; in: Soziale Arbeit 4-5/2010, S. 132 - 144: oder: Runder Tisch: Abschlussbericht „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“, Berlin 2010: www.rundertisch-heimerziehung.de).

Im „Konzert“ der Leistungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe spielen die erzieherischen Hilfen insgesamt – nach der Kindertagesstättenerziehung – die bedeutendste Rolle; und hier sind es insbesondere die stationären („familienfernen“) Hilfen, die in den zurückliegenden Jahren erneu Aufmerksamkeit erlangten: anders jedoch, als in den 1960er und 1970er Jahren, als Anlass zur Skandalisierung der erzieherischen Praxis in den meist als „geschlossen“ geltenden Einrichtungen bestand, ist es nun vor allem ein Kostenfokus, der Jugendamtsleitungen und Jugendhilfeplaner/innen im Wissen um Tagessätze von mehr als 100 bis zu 300, 400 Euro und Kinder/Jugendlichem mit Sorgen auf dieses weite Feld erzieherischen Leistungen blicken lässt. Dabei kommen die eigentlichen pädagogischen Fragestellungen einer auf Förderung des Subjekts angelegten Sozialen Arbeit zu kurz. In diesem Spannungsfeld zwischen Erfüllung des der Kinder- und Jugendhilfe eigenen Auftrages, zur gelingenden gesellschaftlichen Integration und zur Erziehung zu gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit auch in der Heimerziehung beitragen zu sollen, und den Engführungen und Zumutungen der fiskalischen Argumentation findet der vorliegende Band seinen Platz: und zwar mit einer Positionierung zu Gunsten der dem Fall selbst geltenden Perspektiven; denn die Erziehung in Heimen und anderen betreuten Wohnformen (gem. § 34 KJHG/SGB VIII) verlangt aktuell mehr denn je eine ausgeprägte professionelle Kompetenz der dort tätige Sozialarbeiter/innen, Sozialpädagog/inn/en und Erzieher/innen.

Autor

Dr. Richard Günder war zunächst Leiter der Abteilung Sozialpädagogische Heime im Jugendamt der Landeshauptstadt Stuttgart; jetzt lehrt er als Professor an der Fachhochschule Dortmund Erziehungswissenschaft. Am dortigen Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften ist er zugleich Dekan. Die erzieherischen Hilfen bilden den Kern seiner bisherigen Publikationstätigkeit; so sind unter anderem „Erziehungshilfen. Wissenswertes für Eltern“ (Freiburg/Brsg. 2000), „Hilfen zur Erziehung. Eine Orientierung über die Erziehungshilfen im SGB VIII“ (Freiburg/Brsg. 1999) und „Ambulante Erziehungshilfen. Eine Orientierung für Ausbildung und soziale Berufe“ (Freiburg/Brsg. 1997) vom ihm erschienen.

Aufbau und Inhalt

Die Einrichtungen der stationären Erziehungshilfe haben sich seit den 1970er Jahren von Aufbewahrungs- und Disziplinierungseinrichtungen zu pädagogischen Institutionen entwickelt, die mit einem differenzierten erzieherischen und therapeutischen Leistungsspektrum und hoch qualifizierten Fachkräften aufwarten. Die vorliegende Veröffentlichung will vor diesem Hintergrund „zu wesentlichen Entwicklungen, Aspekten und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe Stellung nehmen“ (S. 15).

Richard Günder formuliert ein Grundverständnis von Heimerziehung (sog. „Pädagogische Grundvoraussetzungen“), die als Credo seines Werkes anzusehen sind: In der Regel seien Kinder und Jugendliche „von Heimerziehung betroffen, die zuvor nicht oder falsch erzogen wurden, unter schwierigen Lebensbedingungen aufwuchsen und sich daher weniger gut entwickeln konnten. Solche jungen Menschen haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach einer planvollen Erziehung, nach individueller Förderung und Entwicklung“. Im Anschluss an Paul Moor (z. B. Kinderfehler, Erzieherfehler, Bern u. a. 1974, Heilpädagogik. Ein pädagogisches Lehrbuch, Bern u. a. 1965) geht er davon aus, dass der „innere Halt“ auch junger Menschen „erst vollkommen durch den äußeren Halt an der Umgebung“ werde. Auf den Heimbereich übertragen bedeute dies, „dass die allgemeinen Rahmenbedingungen der Institution und die in ihr stattfindenden erzieherischen Prozesse einen solchen äußeren Halt bilden müssten, der die Entwicklung des inneren Haltes begünstigt“ (S. 175). In der Heimerziehung fehle zwar das „Moment der Eltern-Kind-Bindung“, aber auch dort seinen zwischen Erzieher/inne/n und Kindern bzw. Jugendlichen „positive emotionale Gefühle“ selbstverständlich; Günder weiter: „Aber selbst innerhalb der engen emotionalen Vertrautheit einer kleinen Wohngruppe kann dieser Bezug nicht mit der Eltern-Kind-Beziehung gleichgesetzt werden. (…) Die negativen Verhaltensweisen von den jungen Menschen innerhalb der Heimerziehung brauchen nicht nur, vielmehr dürfen sie nicht so persönlich genommen werden wie in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern“. Er orientiert sich dabei an den heilpädagogischen Regeln Andreas Mehringers (z. B. Heimkinder. Gesammelte Aufsätze zur Geschichte und zur Gegenwart der Heimerziehung, München und Basel 1976) und dem von ihm favorisierten Prinzip des „Ausverwahrlosenlassens“ (auf die als problematisch zu qualifizierende Positionierung Mehringers im Kontext der NS-Jugend-„fürsorge“ sei an dieser Stelle hingewiesen). Vor allem so genante „schwierige Kinder“ brauchten eine solche Option: „Wenn sie nicht sofort genötigt werden, sich zu ändern, wenn sie trotz ihrer auffallenden und lästigen Symptomatik als Person vollkommen angenommen und ernst genommen werden, dann erst können allmählich auch günstige Voraussetzungen, die nachhaltige Verbesserungen zu bewirken imstande sind, Raum greifen. Auch in dieser Anforderung unterscheidet sich die Erziehung im Heim merklich von dem ansonsten üblichen Erziehungsgeschehen. Üblicherweise reagiert man auf schwierige Verhaltensweisen entsprechend und verlangt Änderungen oder verhängt Sanktionen. Dies geschieht wohl vor allem auch deshalb, weil zu wenig nachgedacht und weil man sich persönlich betroffen füllt“ (S. 178). Günder vertritt die Auffassung, dass Kinder und Jugendliche „ein Anrecht auf die adäquate Einflussnahme bezüglich ihrer Schwierigkeiten (haben), denn die meisten von ihnen wären nicht im Heim, wenn sie nicht so wären, wie sie nun einmal sind. Solche pädagogischen Grundhaltungen können für die Heimerziehung aus vielen pädagogischen Modellen abgeleitet werden. Sie sind unerlässlich …; ohne sie könnten effektive differenzierte Interventionen kaum vorstellbar sein“ (S. 179). Hierbei schließt er – nicht unkritisch - an August Aichhorn und Bruno Bettelheim an: hier meint er, es könnten aber allgemeine Ideen und Grundpositionen beider Autoren „für die Arbeit mit schwierigen Kindern übernommen werden“. Beide beanspruchten „die integrierte Erzieher(innen)persönlichkeit, deren Vorbildfunktion und ein pädagogisches Handeln, welches auf verinnerlichten Werten beruht“ (Anklänge an Johann Heinrich Pestalozzi wie Janusz Korzcak sind an dieser Stelle kaum zu übersehen). Dies sei auch innerhalb der Heimerziehung zu betonen, denn „erst solche Haltungen können die darauf beruhende systematische und methodische Erziehung effektiv werden lassen“ (S. 185).

Damit ist das Programm des Bandes skizziert, dem dessen Struktur weitgehend konsequent folgt:

  • Zunächst (Kapitel 1) werden die Entwicklungslinien der Heimerziehung von der Bewährung über die Disziplinierung bis hin zu einer faktisch zwar familienfernen, aber konzeptionell im Regelfall familienorientierten modernen Form erzieherischer Hilfen dargestellt. Anschließend (Kapitel 2) stellt der Autor die (aktualisierte) rechtliche Rahmung der Heimerziehung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz dar, wobei er vertieft auf die Teilhaberechte der Kinder und Jugendlichen und auch der Personensorgeberechtigten eingeht.
  • Heimerziehung als Leistung im Blickwinkel von Kindern und Jugendlichen, pädagogischen Mitarbeiter/inne/n und Eltern (und zwar in dieser Reihenfolge) wird in den Kapitel 3 bis 5 und 9 skizziert; im abschließenden (elften) Kapitel geht der Autor noch ausführlich auf die Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung (nach § 35 KJHG/SGB VIII) ein, eine Hilfeform, die sonst eher wenig Berücksichtigung findet.
  • Die Kapitel 6, 8 und 10 heben auf pädagogische und methodische Aspekte ab, wobei Richard Günder dem Thema der Sexualität in der Heimerziehung besondere Aufmerksamkeit widmet, weil „in Heimen und Wohngruppen häufig Kinder und Jugendliche leben, die in ihren Herkunftsfamilien sexuelle Gewalterfahrungen erleiden mussten“; daher war dieser Aufgabenbereich für die Heimerziehung „besonders ausführlich zu behandeln“ (S. 15; vgl. dazu auch schon Günder, R.: Sexualität in der Heimerziehung, Frankfurt/M. 1992).
  • Im siebten Kapitel schließlich wird die pädagogische Grundhaltung der in der Heimerziehung tätigen Fachkräfte in den Blick genommen, womit Günder nahtlos an sein pädagogisches Grundkonzept ganz im Sinne der Referenzen Moors und anderen der Heimerziehung anschließen kann
  • Der abschließend präsentierte breite Literaturstand (S. 391 – 412), aktuell bis 2009 (vereinzelt finden sich auch Publikationen aus dem Jahr 2010), ermöglicht einen guten Zugang zu den über Heimerziehung geführten Diskussionen und aktuellen Fragestellungen.

Zielgruppen

In erster Linie wendet sich der Band an angehende Erzieher/innen an Fachschulen für Sozialpädagogik und erst in zweiter Linie an Studierende der Sozialen Arbeit; das verdeutlicht auch das Angebot, Übungsfragen zur Sicherung des Lernertrags „für Lernfelder der Fachschule für Sozialpädagogik“ online aufzurufen. Gleichwohl verspricht „Praxis und Methoden der Heimerziehung“ auch für Studierende reichlich Nutzen, was auch der ansprechenden Schreibung des Bandes geschuldet ist. Auch will Günder solche Leser/innen ansprechen, „die mehr ein wissenschaftliches Interesse an der Methodik und Struktur eines sozialpädagogischen Handlungsfeldes zum Lesen motiviert“ (S. 15). Auch dürfte sich die Veröffentlichung bereits in der Heimerziehung tätigen Fachkräften anbieten, die ihre eigene Praxis reflektieren und sich Anregungen zur Aktualisierung geben lassen möchten.

Diskussion und Fazit

Der vorliegenden Veröffentlichung ist dem Autor entwickelte pädagogische Credo eigen, das in dieser Form zwar nicht neu ist, aber ein gewisses „Alleinstellungsmerkmal“ für sich beanspruchen kann. Durchaus können andere Zugänge zur Heimerziehung diskutiert werden (vgl. z. B. Mueller, K.: Wenn Heimerziehung scheitert oder schwierige Jugendliche nicht mehr können, Freiburg 2010; Schwabe, M.: Zwang in der Heimerziehung? Chancen und Risiken, München 2008; oder [im Blick auf Österreich]: Tatzer, E., Krisch, K., und Fliedl, R.: Kinder und Jugendliche in psychosozialer Not. Ein Praxisbuch zur Situation der stationären Betreuung, Wien 2008). Selbst wenn aber der Grundposition Günders nicht oder nicht vollständig gefolgt werden kann, dann bleibt der Band lesenswert: Die Argumentation ist stets kenntnis- und facettenreich, wohl abgewogen und aktuell. Immer wieder streut der Autor empirische Befunde auch aus jüngerer und eigener Forschung (zum Beispiel zum Thema Strafen, S. 135 – 149) ein; auch argumentiert er im Rückgriff auf eine große Zahl praktischer Beispiele. Das macht den vorliegenden Band illustrativ und für die Praxis anschlussfähig. Erfreulich sind auch die Zwischen-Resümees (wenngleich auch nicht an jeder Stelle des Bandes), die die Orientierung erleichtern. Der Verlag nennt den Band von Günder „das Standardwerk für die stationäre Erziehungshilfe“: dem ist wenig hinzu zu fügen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 31.08.2011 zu: Richard Günder: Praxis und Methoden der Heimerziehung. Entwicklungen, Veränderungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. 4., vollst. neu überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7841-1995-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11453.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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