socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Hammerschmidt, Juliane Sagebiel (Hrsg.): Die Soziale Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Cover Peter Hammerschmidt, Juliane Sagebiel (Hrsg.): Die Soziale Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2011. 172 Seiten. ISBN 978-3-940865-23-6. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 32,00 sFr.

Schriftenreihe Soziale Arbeit der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München - 2.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Mit dem Begriff der Sozialen Frage umschreiben wir in der Regel den historischen Prozess, der mit dem ländlichen Pauperismus im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund von Agrarkrisen und Hungersnöten beginnt und mit der elenden Lage des Industrieproletariats am Ende dieses Jahrhunderts als Arbeiterfrage zu einem vorläufigen Abschluss kam.

Die mit der Sozialen Frage gekennzeichneten sozialen Probleme und sozialpolitischen Problemlagen haben sich seit dieser Zeit verändert, ohne dass die Soziale Frage gelöst worden wäre. Auch die damals sich entwickelnde Sozialpolitik, die sich durchaus auch als Antwort auf die Soziale Frage verstand, hat sicher auch zu einer Milderung der sozialen Lagen beigetragen und zur Integration einer von Desintegration bedrohten Klasse in die industriekapitalistische Logik der Verwertung von Arbeit. Sie hat aber auch dazu beigetragen, dass die Problemlagen in dem Maße auf Dauer gestellt wurden, wie die Sozialpolitik Problemlösungsstrategien institutionalisiert hat.

Die mit der Sozialen Frage verbundenen Probleme von Armut, Ausgeschlossensein, Verelendung und prekären Lebensverhältnissen am Rande zur Desintegration haben neue Gesichter bekommen im 21. Jahrhundert, bedürfen allerdings auch neuer Analysen und neuer Strategien ihrer Bearbeitung bzw. Lösung.

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

  • Dr. Peter Hammerschmidt ist Professor für Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Hochschule München, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften.
  • Dr. Juliane Sagebiel ist Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule München, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften.

Die Autorinnen und Autoren sind überwiegend Hochschullehrerinnen und -lehrer aus den Bereichen Sozial- und Politikwissenschaften, Soziale Arbeit und Wirtschaftswissenschaften.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist das Resultat eines Colloquiums Soziale Arbeit, das seit 2009 jährlich an der Hochschule München durchgeführt wird und zu dem Autorinnen und Autoren anderer Hochschulen eingeladen werden.

Aufbau

Das Buch umfasst neben einer Einführung durch die Herausgeberin und den Herausgeber acht weitere Beiträge zu unterschiedlichen Facetten der Sozialen Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Allen Beiträgen vorangestellt ist eine als Abstract gekennzeichnete kurze Zusammenfassung des jeweiligen Beitrags.

Inhalt

Peter Hammerschmidt und Juliane Sagebiel zeichnen in ihrer Einleitung zunächst die Geschichte der Sozialen Frage im Umbruch der traditionalen Gesellschaft zur Industriegesellschaft nach. Ihr Fokus ist dabei die Entwicklung der Armenfürsorge, weil ja auch die Soziale Frage zunächst auch eine Armenfrage war und sie beschreiben die Veränderungen im Zuge der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert und die damit verbundenen "Errungenschaften" von Freiheit und Freizügigkeit, die zugleich auch in neue Abhängigkeiten führten.

Die Conclusio ihrer Überlegungen ist einmal, dass es Gemeinsamkeiten zwischen der klassischen und der neuen Sozialen Frage gibt:

  • Die Mitglieder der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften werden als Marksubjekte situiert, die dem Arbeitsmarkt und der Lohnabhängigkeit ausgeliefert sind.
  • Die Lage stellt sich allerdings für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen auch sehr unterschiedlich dar - je nach Qualifikationsniveau, Herkunft, Nationalität etc.

Die Unterschiede sehen Hammerschmidt und Sagebiel

  • in der Tatsache, dass Schichten und Gruppen von dem Prozess der Verletzbarkeit und Unsicherheit erfasst werden, die im Zuge der Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Regimes bisher als abgesichert galten und
  • darin, dass die Sozialpolitik einen Paradigmenwechsel vollzieht, in dem eine auf Versicherungsleistungen und auf dem Äquivalenzprinzip aufbauende Absicherung von Risiken zunehmend durch Fürsorgeleistungen abgelöst wird.

Wie stellt sich die Soziale Frage heute dar? fragen die Autorin und der Autor. Darf man von einer neuen Sozialen Frage sprechen oder reicht nicht der Armutsbegriff aus, um die Phänomene und Prozesse angemessen zu erfassen?

Die Antworten auf diese Fragen überlassen sie dann den weiteren Beiträgen, die dann in Kürze vorgestellt werden.

In einem grundsätzlichen Beitrag "Lebenslagen im Sozialstaat - Dilemmata bei Rekurs auf die komplexe Bezugsgröße" diskutiert Wolfgang Voges das Lebenslagenkonzept, das als prominentes Konzept in die Armutsdiskussion und die Armutsberichterstattung inzwischen eingeführt ist. Lebenslage als Bezugsgröße im gesellschaftlichen Werte- und Zielsystem ist dann mehr als nur der Maßstab für die Unterversorgung in bestimmten gesellschaftlichen Handlungsfeldern. Sie ist gleichzeitig auch der Bezugspunkt für das, was Individuen auf Grund ihrer Fähigkeiten und Ressourcen unter gegebenen gesellschaftlichen Umständen für sich selbst als relevant ansehen, um als gesellschaftlich integriert zu gelten. Die Schwierigkeit der empirischen Erfassung liegt auf der Hand. Dabei wird die Lebenslage in ihren verschiedenen Dimensionen beleuchtet:

  • als zu erklärender Sachverhalt,
  • nach Arbeitslosigkeit bei Zuwanderern,
  • als erklärender Sachverhalt und
  • als Folge und Ursache einer spezifischen Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand.

Voges diskutiert auch die subjektive Dimension von Lebenslage und macht dies an der Bewertung von Wohnbedingungen und Möglichkeiten der Anpassung fest.

Sein Fazit: "Ein handlungstheoretisches Verständnis von Lebenslage verändert die Verantwortlichkeit für sozialstaatliche Interventionen." (36)

Armut war gestern? fragt Berthold Dietz in seinem Beitrag. B. Dietz geht es um die Erfassung von Armut und um das Verständnis, das wir mit Armut verbinden. Erst durch dieses Verständnis wird - ganz im Sinne von Simmel, der auch zitiert wird - der Arme zum Armen. Nicht die Armut ist gesellschaftlich relevant, sondern der Status, den die Gesellschaft dem Armen durch die Art und Weise zuweist, wie sie im hilft. Dies wird an Hand klassischer Studien und Armutskonzepte nachgewiesen. Nach dem Dietz Armut als empirisches Konzept diskutiert, setzt er sich theoretisch und methodologisch mit der Aussagekraft der unterschiedlichen Armutskonzepte (Lebenslagen-, Ressourcen-, Lebensstandard- und Fürsorgekonzept) auseinander und fragt nach der konzeptionellen Reichweite im Verhältnis zur empirischen Präzision. Abschließend geht es B. Dietz um Armut als politisches Konzept in einer komplexen Gesellschaft, in der es um keine eindimensionalen Konzepte gehen kann.

Michael Vester nennt seinen Beitrag "Sozialstaat und Sozialstruktur im Umbruch. Der Umbau des Sozialstaats als Herausforderung an die Milieus der Gesellschaft". Nach einer Diskussion des Milieukonzepts in der Soziologie stellt Vester ein auf eigenen Untersuchungen beruhendes Milieukonzept vor, das eine starke Abhängigkeit sozialer Milieus von den Berufsfeldern ihrer Angehörigen aufzeigt. Die Berufe prägen also immer noch die Lebensstilführung, was auch bei der Darstellung des Zusammenhangs von sozialen Milieus und Handlungsstrategien deutlich wird. Die Dynamik der sozialen Milieus wird weitgehend geprägt von Kompetenz und Partizipation. Diese Prozesse werden einmal durch den Strukturwandel der Arbeit durch steigende Lebensstandards geprägt und zum anderen durch den Strukturwandel der Alltagskultur durch Herausbildung differenzierter Lebensstile. Unsicherheit und Entmündigung, die mit dem Sozialstaat überwunden waren, erfahren durch neoliberale Tendenzen eine Restauration und es entwickelte sich eine neue soziale Schere von Privilegierung und Unterprivilegierung. Dies macht Vester an der Einkommensverteilung und an der Verteilung von Bildungschancen fest.

Wo bleibt die Politik im Kampf um soziale Gerechtigkeit? fragt Vester zu Schluss, zumal die politische Präsentation der Milieus nicht mehr eindeutig zuordnenbar ist. Vor allem durch die neoliberale Politik werden Konflikte verschärft, was sicher die Sozialpolitik herausfordert und die Gerechtigkeitsfrage neue gestellt werden muss.

"Menschliches Leiden an der sozialen Welt" nennt Kristina Schulz ihre "Gesellschaftsdiagnose Deutschlands um die Wende zum 21. Jahrhunderts". Woran leiden Menschen in einer Gesellschaft und ist dieses Leiden zurückzuführen auf eine "Soziopathologie" der Gesellschaft? Die Autorin verbindet mit dem Begriff der Gesellschaftsanalyse eine an Pierre Bourdieu angelehnte qualitative Gesellschaftsanalyse, die - ähnlich wie die Psychoanalyse - nach dem Verdrängten und Unbewussten gesellschaftlicher Strukturen fragt. Diese Methode wird ausführlich dargestellt, auch methodologisch und theoretisch verortet, um dann auf lage- und statusspezifische Leiden zu kommen. Lagespezifische Leiden nennt K. Schulz Leiden, die die ganz unten betreffen, die immer schon dort verankert waren oder Abstiegserfahrungen hinter sich haben. Statusspezifische Leiden sind hingegen jene, die wir in der arbeitnehmerischen Mitte antreffen, deren Angehörige durch gesellschaftliche Veränderungen immer mehr unter Druck geraten. Nach Fallanalysen macht Schulz auf fünf Schwerpunkte des Leidens aufmerksam: Brüchige Arbeitswelten, die deutsche Ost-West-Problematik, Veränderungen in Familie und Bildung, Die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, Produktion und Reproduktion des Lebens und die Gruppe derer, die durch die "hyperindividualisierte Flexibilisierungswelt" (Vester) fallen. Dies wird an zwei Fallbeispielen verdeutlicht.

Klaus Dörre beschreibt die "Soziale Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts" unter dem Titel "Diskriminierende Prekarität". Zunächst geht es um ein theoretisches Kapitalismusverständnis, das Bourdieu bereits in seiner Studie zur algerischen Übergangsgesellschaft skizziert hatte; es geht um Landnahme und Prekarität, um die Landnahme, durch die eine bäuerliche Gesellschaft immer mehr in Abhängigkeit zu denen geriet, die ihnen das Land nahmen. Der "doppelt freie Lohnarbeiter" (Marx) konnte erst entstehen durch die Enteignung des Landvolkes und der damit verbundenen sozialen Freisetzung von der Scholle. K. Dörre diskutiert die Marx„sche These im Rückgriff auf R. Luxemburg und H. Arendt kritisch und kommt zu dem Ergebnis, dass Prekarität Arbeits- und Lebensformen sind, "die zwischen vollständiger Integration und totalem Ausschluss aus dem kapitalistischen Verwertungssphäre angesiedelt sind" (101). In ihrer Verwundbarkeit (Castel) sind sie insofern noch entfernt von denen, die Marx mit dem Lumpenproletariat umfasste und die Bourdieu das algerische Subproletariat nannte.

Was ist zum Schluss neu an der diskriminierenden Prekarität?

  • Es bilden sich Strukturformen der Prekarität durch überschüssigen Reichtum heraus;
  • die "Zone der Vulnerabilität" (Castel) mit der Erfahrung dauerhaft Verletzbarkeit dehnt sich aus;
  • Formen der Prekarität vermischen sich mit Formen zunehmender Unsicherheiten der bisher gesichert geglaubten Mittelschichten;
  • Arbeits- und Lebensverhältnisse disziplinieren für eine Produktionsweise, die den flexiblen Arbeiter erfordert;
  • Ansprüche an Arbeit und an die Lebensstilführung werden reduziert auf "Hauptsache dabei bleiben", durch Arbeit sozialkommunikativ eingebunden zu sein - auch bei niedrigsten Löhnen;
  • zunehmend finden wir im Reproduktionssektor die Pflegekraft, die polnische Krankenschwester des mittelschichtigen Doppelverdienerhaushalts;
  • die Gruppe der Prekarisierten finden weder Organisations- noch Kommunikationsformen, um Statusverbesserungen zu erkämpfen (was ist mit den Gewerkschaften?);
  • damit ist auch verbunden, dass gegen die Unterschichten eine gesellschaftliche Debatte geführt wird, die wiederum jede Möglichkeiten der Durchsetzung von Interessen verhindert.

Brigitte Aulenbacher nennt ihren Beitrag "Frauen, Männer, Prekarität. Vom fordistischen Versprechen auf Wohlstand zur postfordistischen Reproduktionskrise".

Hatte das fordistische Versprechen, technologischen Fortschritt, Massenproduktion und allgemeinen Wohlstand zu verbinden, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg einen Siegeszug begonnen, stehen wir heute vor ganz anderen Herausforderungen aufgrund auch der veränderten Ausgangsprämissen. Dies wird zunächst einleitend beschrieben und begründet. Nach einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Begriff der Prekarität kommt dann B. Aulenbacher zum Fokus ihrer Überlegungen: Wenn man nämlich Erwerbsarbeit und Normalarbeitsverhältnisse zum Zentrum der Überlegungen gemacht werden, geraten bestimmte Aspekt der Betrachtung nicht ins Blickfeld. Der fordistisch verfasste Arbeitsmarkt war androzentrisch; es geht nicht nur um Erwerbsarbeit und Normalarbeitsverhältnisse und diese haben sich insofern verändert, als das Frauen zunehmend in den Bildungssektor und auf den Arbeitsmarkt drängen. Die historische Trennung von Hausarbeit und Erwerbsarbeit hat ebenfalls zu einer spezifischen Betrachtung geführt und das Verhältnis von Produktion und Reproduktion des Lebens wird aus den Augen verloren. Dies nennt Aulenbacher auch die Reproduktionskrise; sie sieht aber auch Bewegungen im Geschlechterverhältnis. Die Entsicherung der in der Trias von Erwerbsarbeit, Familie und wohlfahrtsstaatlich verfasster Daseinsvorsorge, die für den Fordismus prägend war, findet unter den Bedingungen der Prekarität eine neue Form, die sich im Verhältnis von Staat, Markt, Drittem Sektor und Privathaushalt herausbildet.

Gerd Mutz beschreibt in seinem Beitrag "Neue Prozesse der Prekarisierung - Eine Herausforderung für die Soziale Arbeit", wie Soziale Arbeit ausgestaltet werden muss angesichts der Prekarisierungstendenzen. Immerhin hat die Soziale Arbeit im Zusammenhang mit den Armutsdiskursen auf die Entwicklung einer dynamischen Armut reagieren können. Auch wenn die Inklusions- und Exklusionsdebatte in der Sozialen Arbeit noch nicht vollständig angekommen ist - sie findet aber doch inzwischen Eingang in die Diskussion um die Frage der gesellschaftlichen Verortung am Rande zur Desintegration und des sozialen Ausschlusses. Auch eine aktivierende Sozialpolitik - wie kritisch man auch ihr gegenüber stehen mag - auch in den Diskursen der Sozialen Arbeit - ist durchaus inzwischen ein Thema.

Der Beitrag ist eine gute Rezeption dessen, was bereits Gegenstand der Diskussion in der Theorieentwicklung und der Praxis der Sozialen Arbeit ist.

"Die deutsche Unterschichtdebatte und die Soziale Arbeit" heißt der Beitrag von Karl August Chassé. Chassé beschreibt zunächst diese Unterschichtdebatte, die ja auch mit dem Begriff der Unterschicht zusammenhängt, den wir seit ungefähr zehn Jahren wieder haben. Der Beginn der Debatte über die Herausbildung einer neuen Unterschicht und ihre Verfestigung lässt sich ziemlich genau mit der Schrift von Paul Nolte (2004) terminieren. Der weitere Diskurs wird von Chassé detailliert nachgezeichnet. Dabei stellt er auch fest, dass die weitere Diskussion durchaus auch kritisch-analytische Züge trägt, wenn etwa Bude zitiert wird, der dem Sozialstaat vorwirft, das Problem selbst erzeugt zu haben durch die Art der Bearbeitung der Armen. Wird der Arme erst dann zum Armen, wenn er in die Fänge der Fürsorge gerät, wie G. Simmel bereits 1906 feststellte? Dieser Satz fällt einem ein, wenn man die Rezeption der Unterschichtdebatte liest, wie sie K. A. Chassé beschreibt. Denn wenn alle sozialstaatskritischen Autoren das Problem der Unterschicht als ein Problem der Kultur und Moral ansehen, ohne auf empirische Daten zurückzugreifen, wird der Arme erst zum Armen, wenn man ihn so benennt. Liegt als die Gestaltung des Sozialen in der "Politik der Lebensführung"? kann man in Anlehnung an den vom Autor zitierten Stefan Lessenich fragen. Wenn soziale Probleme individualisiert werden, entfällt die Debatte über Gerechtigkeit und Benachteiligungen - Errungenschaften der Aufklärung!

Wenn man den Autor richtig versteht, geht es ihm um die Sorge, dass die Wissenschaften als Instrument der Aufklärung in diesem Kontext auch in dieser Debatte nicht mehr aufklären können. Denn die gesellschaftlichen Ursachen sozialer Probleme brauchen dann nicht mehr Gegenstand der sozialwissenschaftlicher Aufklärung zu sein, wenn das Individuum als "seines Glückes Schmidt" selbst Hand anlegen muss. Die hier "nur holzschnittartig" (Chassé) vorgetragenen Argumente haben durchaus ihre Brisanz und bieten sicher auch die Grundlage für einen sozialwissenschaftlichen Diskurs über die Bedeutung der Sozialen Frage nicht nur in Blick auf die Prekarität, sondern und vor allem in Blick auf die darum herum geführte (ideologische?) Debatte und deren Relevanz für die Soziale Arbeit.

Diskussion

Noch einmal: Dürfen wir wieder von einer Sozialen Frage sprechen, deren Ausgangspunkt damals die Verelendung erst einer massenhaft verarmenden Landbevölkerung und dann des Industrieproletariats war?

Die Beiträge machen bei aller Unterschiedlichkeit deutlich, dass sich in der Prekarität des beginnenden 21. Jahrhunderts vieles wiederholt, was damals bereits Thema war: nicht nur die ökonomische Armut, sondern die Verwundbarkeit bestimmter gesellschaftlicher Gruppen durch die Zuweisung eines diskreditierenden gesellschaftlichen Status führt ins Abseits und koppelt ab von der Kerndynamik ökonomischer, kultureller und sozialer Prozesse. Dies in der Kompaktheit vorgestellt zu bekommen, macht sicher den Wert dieses Buches aus. Die damit zusammenhängende "Sozialstaatsdebatte" über den Rückzug des Staates aus dem sozialpolitischen Leistungsgefüge verschärft die Soziale Frage zusehends - das ist vielleicht ein Unterschied zur klassischen Sozialen Frage, wo der Staat in der Tat nach Antworten gesucht hat. Auch das wird durch die Lektüre deutlich.

Fazit

Wer nach Antworten auf die Soziale Frage und ihre Entwicklung sucht, ist mit diesem Buch in umfassender Weise gut beraten.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
E-Mail Mailformular


Alle 169 Rezensionen von Detlef Baum anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 06.05.2011 zu: Peter Hammerschmidt, Juliane Sagebiel (Hrsg.): Die Soziale Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2011. ISBN 978-3-940865-23-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11456.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung