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Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit

Cover Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-021214-5. 29,90 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-028656-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Das Buch versteht sich als Beitrag innerhalb des Professionalisierungsdiskurses der Sozialen Arbeit und will sowohl den Theorie-Praxis-Transfer für Studierende wie eine generalisierbare Systematik in der Prozessgestaltung mit Klienten befördern.

Autorin und Autor

Autor und Autorin weisen sich durch ihre Expertise in ihrem Arbeitsschwerpunkt Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit in der Nordwestschweiz und darüber hinaus aus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch untergliedert sich in zwei wesentliche Teile.

Im ersten Teil werden die professionstheoretischen Grundlagen Sozialer Arbeit in einem aktuellen Gesamtüberblick dargestellt. Dieser bildet die theoretische Basis für die Erarbeitung des umfangreicheren zweiten Teils, der Kooperativen Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Bedeutsam erscheint, dass nicht nur die Handlungs- und Praxisfelder Sozialer Arbeit im Vordergrund stehen, sondern eine theoretische Fundierung der divergenten Argumentationslinien angeboten wird, die dem Leser einen breiten Überblick über das ernsthafte, zugleich aber noch wenig kohärente Bemühen gibt, Soziale Arbeit als Profession zu profilieren. Dazu werden Analogien zu den bislang anerkannten Professionen hergestellt und in Bezug gesetzt. Gleichermaßen bemühen sich die Autoren um die Darstellung spezifischer Wesensmerkmale der Sozialen Arbeit - wozu Strukturmerkmale wie die Allzuständigkeit für soziale Probleme (S. 45), das doppelte Mandat (S. 48) und die Nichtstandardisierbarkeit des Handelns (S. 51) als Belege herangezogen werden. Dabei lässt sich erspüren, dass die Sichtweise der Notwendigkeit eines individuellen Zugangs zu sozialen Problemlagen die Darstellung durchwebt. Besonders positiv hervorzuheben ist der Umstand, dass der Person des in der Sozialen Arbeit Tätigen relativ viel Raum in der Betrachtung geschenkt wird, eben weil diese in allen Prozessabschnitten sozialer Hilfe und Unterstützung im Umgang mit Ratsuchenden vor allem nur über sich selber als Instrumentarium verfügt. Um diesem hohen praktischen Anspruch gerecht zu werden, bemühen sich die AutorInnen nicht nur darum, die ethischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen als Ordnungslinien aufzuzeigen. Vielmehr regen sie einen selbstreflexiven Prozess an, der zu Positionierungen in Fragen des Umgangs mit der Alterität des Klienten, des Anerkennens subjektiver Begrenztheit und des Glaubens an die Machbarkeit allumfassender Problemlösungen führen soll. Insoweit sind die Hinweise auf die professionsmoralischen Grundhaltungen mit der Entfaltung einer Care-Ethik (S. 70) substantiell für eine berufsethische Auseinandersetzung, was durch die spezifizierte Betrachtung der Qualität von Arbeitsbeziehungen im Kapitel 5.1 (S. 84 ff) gefestigt wird. Die diversen Beziehungskonzepte für die Gestaltung von Arbeitsbeziehungen werden näher beleuchtet, wobei bei den beschriebenen Rahmenbedingungen (S.85 f) leider etwas die Chance vertan wird, die Varianz von Dauer und Intensität sozialarbeiterischer Settings auch als längerfristige Begleitung und Unterstützung in schwierigen Lebenskontexten zu formatieren. Interessant ist die eigenständige Betrachtung der Beziehungsgestaltung auf Fachebene (S.105 ff),die als Strukturelement Sozialer Arbeit zwar evident ist, in der Praxis jedoch weniger stringent als strukturierte Kooperation anzutreffen ist. Da es die Methode in der Sozialen Arbeit nicht gibt, sondern ganz divergente Ansätze in einer hohen Pluralität nebeneinander bestehen, die einen jeweils spezifischen Begründungskontext für sich beanspruchen, legen die AutorInnen besonderen Wert auf die Hervorhebung der notwendigen Kompetenzen (Selbst-, Fach- und Methoden-, Sozialkompetenzen) und der Grundhaltung von Professionellen. Dies erscheint folgerichtig, da diese maßgeblich die Ambiguitätstoleranz und Offenheit für biographische Lernerfahrungen beeinflussen, zugleich aber auch die Passung zwischen individuellen Notlagen, strukturellen Handlungsnotwendigkeiten und möglichen Hilfsangeboten auf der Grundlage einer fundierten theoretischen und überprüfbaren Basis gestalten. Diese Ausführungen bilden die Grundlage für den zweiten Teil des Buches, der Kooperativen Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit (S.129ff).

Ausgehend von aktuellen wissenschaftstheoretischen Betrachtungen wie Erfahrungen aus der Praxis wird ein Modell vorgestellt, das die Notwendigkeit strukturierten Vorgehens in der Sozialen Arbeit apostrophiert, dem inhaltlich nur zugestimmt werden kann. In der Definition meint Kooperative Prozessgestaltung „Prozesse, die sowohl intra- und interprofessionell als auch gemeinsam mit einer Klientin oder einer Klientengruppe im Hinblick auf definierte Ziele geplant, umgesetzt und ausgewertet werden“ (S. 133 ). Dieses Modell umfasst in seiner Darstellung sowohl eine analytische (Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Evaluation) wie eine Handlungsphase (Ziele, Interventionsplanung und -durchführung) und ist von seiner Ausrichtung zirkulär ausgestaltet. Es will arbeitsfeldübergreifend als Arbeitsinstrument einsetzbar sein, wobei es mit einer bifokalen Akzentuierung sowohl die Ebene der klientenbezogenen wie die der kooperierenden Professionellen umfasst und sich eine Prämisse setzt, nämlich die Planung, Umsetzung und Auswertung sozialarbeiterischen Handelns auf den Fall zu beziehen. Im Kurztext bedeutet dies, dass Methoden im Hinblick auf die Erfordernisse des Falles auszuwählen sind, da es keine Lösungen von der Stange, sondern es immer um eine individualistische Betrachtung und Entsprechung der Not- und Bedarfslagen des Klienten bzw. der Klientengruppe gehen muss. Die differenzierte Vorstellung des Modells und der Abgleich mit den zuvor vorgestellten Erfordernissen und Anforderungen erfolgt unter Nutzung hilfreicher Tabellen und Grafiken in einzelnen Schritten:

  • Situationserfassung
  • Analyse
  • Diagnose
  • Ziele
  • Interventionsplanung
  • Interventionsdurchführung
  • Evaluation.

Hilfreich sind die expliziten Hinweise auf die soziale Dimension des Falles, die Notwendigkeit der Ressourcenorientierung, die Entwicklung des Vorgehens einer fallspezifischen Beobachtung (S. 164ff), den Vorgang der notwendigen Komplexivitätserhöhung und ihrer -reduzierung wie der Einnahme einer multiperspektivischen Sichtweise. Die Darstellung evaluierter Techniken für die Eingangsphase eröffnet auch dem Praktiker die Nutzbarkeit weiterer, vielleicht im Arbeitsalltag noch nicht so etablierter Methoden. Der Akzent auf die Notwendigkeit einer dialogischen Verständigung mit dem Klienten innerhalb des gesamten Prozesses wird betont, weil nur so die unterschiedlichen Wirklichkeitsdeutungen von Klienten und Professionellen konstruktiv aufgegriffen werden können, was einen lösungsbezogenen Austausch und eine prozess- und ergebnisbezogene gemeinsame Evaluation ermöglichen. Die absteigende Hierarchisierung sozialarbeiterischer Interventionen von Eingriff, Angebot und gemeinsamen Handelns wie ihre Differenzierung in situations- und personenbezogene Interventionen zeigen eine feinstoffliche Kontextualisierung des Prozesses Sozialer Arbeit auf. Dies trägt dem Anspruch an eine abnehmende Aktivität des Professionellen im Hilfeprozess Rechnung. Verschiedene Elemente der Dokumentation und Evaluation in verschiedenen Prozessphasen wie zum Abschluss einer Begleitung runden das Werk ab.

Diskussion

Die vorgestellten theoretischen Grundlagen stellen eine gute Gesamtsicht des aktuellen Professionsdiskurses in der Sozialen Arbeit dar; gerade weil es häufig schwer ist, nicht nur Außenstehenden zu vermitteln, was ihr Gegenstandsbereich ist. Dem Anspruch an eine generalisierte Strukturierung professionellen Handelns der AutorInnen ist nur zuzustimmen. Dieser Anspruch wird in dem vorgestellten Prozessmodell eingelöst. Insbesondere die regelmäßige explizite Reflexion vorgestellter Methoden an den fünf aufgestellten Kriterien Kooperation, übergreifende Zielsetzung der Sozialen Arbeit, Professionsethik, Anwendung in verschiedenen Praxisfeldern und Aufwand für Reflexion und Beurteilung von Methoden der Sozialen Arbeit (S.170 / 206) ist als äußerst hilfreiches Instrumentarium in der Ausgestaltung der Arbeit hervorzuheben. Hinsichtlich des Aufbaus der jeweiligen Kapitel mit einer im Grunde standardisierten Vorgehensweise hinsichtlich linguistischer Definitionen des zu behandelnden Themenfeldes und einer teilweise weit zurückreichenden historischen Betrachtung zu Beginn, verliert das Buch etwas an Dynamik beim Lesen. Auch der Anspruch, in den Kapiteln möglichst viele Protagonisten mit ihren Ergebnissen zu beschreiben, führt mitunter zu einer hohen Komplexität, die es insbesondere bei der Darstellung des methodenintegrativen Ansatzes der kooperierenden Prozessgestaltung schwer macht, die spezifische Sichtweise der AutorInnen zu erkennen und anzuerkennen. Als Vertreter einer klinisch-sozialarbeiterischen Richtung wird ein Exkurs zum Standard einer strukturierten Vorgehensweise und des Fallverständnisses in diesem spezifischen Feld vermisst, die sehr anschaulich u.a. in Pauls, H. (2004/2010) Klinische Sozialarbeit zum Ausdruck gebracht wird.

Fazit

Das vom Ansatz eher kühne Unterfangen, sowohl ein Studien- und Handbuch für Studierende wie Praktiker sein zu wollen und zusätzlich einen eigenständigen Ansatz, das Modell Kooperative Prozessgestaltung mit ausgewählten Methoden in der Sozialen Arbeit implementieren zu wollen verheißt Spannung, ob die dazu notwendige Differenzierung zur erstrebten Zielerreichung aufrecht erhalten werden kann. Es kann jedoch festgehalten werden, dass das Buch als Ergebnis einer bodenständigen und zugleich innovativen Professionsforschung in der Sozialen Arbeit eine gelungene Synthese zwischen dem Anspruch eines nachvollziehbaren Theorie-Praxis-Transfers und der Hinführung zu einsetzbaren Methoden darstellt. Dies bildet einen positiven Gegenpol zu einer in der Praxis wie bei Studierenden häufig anzutreffenden Technikfixierung möglicher Methoden. Stattdessen wird theoriegeleitetes und überprüfbares Handeln in den Vordergrund und mit der Persönlichkeit des ausführenden Professionellen verwoben. Dies stellt einen wesentlichen Beitrag für eine weitere Professionalisierung der Wissenschaft wie der Praxis Sozialer Arbeit dar. Aber auch Suchende nach hilfreichen Verfahren und Instrumenten in der Prozessgestaltung ihrer Arbeit mit Klienten kommen auf ihre Kosten, da sie zahlreiche Hinweise auf entsprechende Quellen im Text vorfinden.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Vogt
Homepage www.hs-coburg.de
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Zitiervorschlag
Michael Vogt. Rezension vom 15.09.2011 zu: Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021214-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11458.php, Datum des Zugriffs 26.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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