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Lars Gertenbach, Henning Laux u.a.: Theorien der Gemeinschaft. Zur Einführung

Rezensiert von Simon Herzhoff, 01.06.2011

Cover Lars Gertenbach, Henning Laux u.a.: Theorien der Gemeinschaft. Zur Einführung ISBN 978-3-88506-667-5

Lars Gertenbach, Henning Laux, Hartmut Rosa, David Strecker: Theorien der Gemeinschaft. Zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2010. 208 Seiten. ISBN 978-3-88506-667-5. 13,90 EUR.
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Autoren

Hartmut Rosa ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, an dem Lars Gertenbach, Henning Laux und David Strecker als Wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt sind.

Thema

Der Begriff der Gemeinschaft wurde nach 1945 in Deutschland aufgrund seines Missbrauchs durch die Nationalsozialisten (‚Volksgemeinschaft‘) bis in die 1980/90er Jahre, als ihm die Debatte zwischen Kommunitaristen und Liberalen zu einer vorübergehenden Konjunktur verhalf, von der Wissenschaft wenig beachtet. Aus der Alltagssprache ist ‚Gemeinschaft‘ allerdings ebenso wenig verschwunden wie aus dem politischen Vokabular. Ganz im Sinne Ferdinand Tönnies‘, der die Gemeinschaft als „reales und organisches Leben“ der Gesellschaft als „ideelle[r] und mechanische[r] Bildung“ (Tönnies 1935, S. 3) entgegenstellt hatte, ist der Begriff der Gemeinschaft meist positiv besetzt und gilt als ein in der modernen Gesellschaft verlorengegangener Sehnsuchtsort. ‚Gemeinschaft‘ steht für Zusammenhalt, Sicherheit, Wärme – kurz: „Gemeinschaft ist, so glauben wir, immer gut.“ (Bauman 2009, S. 7; vgl. Woznicki 2009, S. 15) Auch die politische Rhetorik zeigt sich von den mit der Gemeinschaft verbundenen Gefahren wie Ausgrenzung, Gewalt, Nationalismus oder Rassismus weitgehend unbeeindruckt, und man scheut sich nicht, vor immer weiteren Belastungen der Solidargemeinschaft zu warnen oder die Weltgemeinschaft aufzurufen, ‚klare Signale‘ an arabische und nordafrikanische Potentaten zu senden.

Die Gemeinschaft, so die Autoren des vorliegenden Bandes, spiele mithin eine ambivalente Rolle, gerade dies aber mache ihre Faszination und anhaltende Bedeutung aus. (S. 9) Obwohl sich die Geschichte des Gemeinschaftsbegriffs bis zu Aristoteles zurückverfolgen lässt (vgl. Riedel 1975), stelle man einen Mangel an systematischen Theorien zur Gemeinschaft fest. Die Autoren erklären dies damit, dass eine Einigung über das gemeinsame Moment verschiedener Gemeinschaftstypen nur äußerst schwer zu erzielen sei. Zudem sei ‚Gemeinschaft‘ ein normativ aufgeladener und politisch umkämpfter Begriff, was eine abstrakt-theoretische Annäherung schwierig mache. (S. 11f.)

Aufbau

Nicht zuletzt aufgrund dieser Probleme handeln die Autoren nicht einzelne Theorien zur Gemeinschaft nacheinander ab, sondern ordnen die verschiedenen Beiträge zum Gemeinschaftsdiskurs systematisch nach inhaltlichen Übereinstimmungen und Differenzen. Sie gelangen dabei zu einer idealtypischen Unterscheidung von sechs Dimensionen, die jeweils ein Kapitel des Buches bilden. Im Einzelnen geht es

  1. um die Begriffsgeschichte,
  2. um den Wandel gemeinschaftlicher Beziehungen,
  3. um Vergemeinschaftungsmechanismen,
  4. um die Funktion von Gemeinschaften,
  5. um Debatten zur politisch-ethischen Dimension der Gemeinschaft, sowie
  6. um das dekonstruktivistische Denken der Gemeinschaft. (S. 13ff.)

Inhalt

In ihrem schwerpunktmäßig auf den deutschen Sprachraum begrenzten begriffsgeschichtlichen Überblick (S. 17-53) differenzieren die Autoren zwischen einer ontologischen und einer politisch-ethischen Ebene, auf denen sich die Diskussionen um die Gemeinschaft abspielen. Versteht man den Begriff ontologisch, so meint ‚Gemeinschaft‘ „eine ursprüngliche, ahistorische Form und Basisstruktur des menschlichen Zusammenlebens“ (S. 21), während bei der Betrachtung der Gemeinschaft unter politisch-ethischen Aspekten „die normative Beschreibung, die Begründung und die Beurteilung der Legitimität von konkreten Ausprägungen der Gemeinschaftlichkeit innerhalb des sozialen Lebens“ (S. 27) im Vordergrund steht.

Dabei unterschied man bis weit in das 19. Jahrhundert hinein noch nicht zwischen ‚Gemeinschaft‘ und ‚Gesellschaft‘, sondern gebrauchte beide Begriffe synonym. (S. 30) Das änderte sich erst im Verlauf des als krisenhaft empfundenen Modernisierungsprozesses: ‚Gesellschaft‘ wurde zum „begrifflichen Platzhalter“ (S. 34) für die mit dem Gefühl von Autonomie- und Sinnverlust einhergehenden Veränderungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich, während ‚Gemeinschaft‘ als etwas galt, „das verloren zu gehen droht und wiederherzustellen ist, oder als ein utopischer Entwurf menschlichen Zusammenlebens über die abstrakte Bande der bürgerlichen Gesellschaft hinaus“. (S. 35f.)

Ferdinand Tönnies war es, der diese auch das Denken der Romantiker (S. 36f.) durchziehende Dichotomie in seiner Studie „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) zu der ersten systematischen Gemeinschaftstheorie ausbaute (S. 39ff.), womit er nicht allein die Arbeiten soziologischer ‚Klassiker‘ wie Émile Durkheim, Max Weber oder Georg Simmel beeinflusste (S. 47ff.), sondern bis heute das Begriffsverständnis bestimmt. Nahezu der einzige, der die Gefahren eines (rechten wie linken) Gemeinschaftsdenkens voraussah, war Helmuth Plessner, der in seiner 1924 erschienenen Schrift über die „Grenzen der Gemeinschaft“ den verklärenden Gebrauch des Begriffs ‚Gemeinschaft‘ kritisierte und stattdessen ‚Gesellschaft‘ positiv zu bestimmen suchte. (S. 44f.)

Das zweite Kapitel (S. 54-65) widmet sich dem Wandel gemeinschaftlicher Beziehungen in der modernen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Wie schon im 19. Jahrhundert begegnet man auch hier – in den Arbeiten der Kommunitaristen etwa – dem Thema des Gemeinschaftsverlustes (S. 55ff.), während es zugleich zu einer doppelten Wiederkehr der Gemeinschaft kommt: einerseits in Form religiöser und politischer Fundamentalismen (S. 58ff.), andererseits als ‚posttraditionale Gemeinschaften‘, zu deren Erkundung vor allem Ronald Hitzler, Anne Honer und Michaela Pfadenhauer beigetragen haben. Gemeint sind damit meist thematisch fokussierte und temporär zusammentretende Gemeinschaften innerhalb der Gesellschaft. (S. 61ff.)

Im dritten Kapitel (S. 66-90) geraten die Mechanismen der Vergemeinschaftung in den Fokus, wobei schnell deutlich wird, „dass sich eine Homogenisierung, Angleichung oder Harmonisierung nach innen von einer Absetzung, Distinktion oder Differenzsetzung nach außen unterscheiden lässt“. (S. 67)

Im Hinblick auf das Innere des Vergemeinschaftungsprozesses weist etwa Émile Durkheim in seiner einflussreichen Studie über „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ (1912) sowohl auf das quasi-religiöse, ekstatische Moment des Gemeinschaftserlebens wie auch auf die bedeutsame Rolle eines fetischisierten Kultobjektes für die Schaffung und Aufrechterhaltung eines Gemeinschaftsgefühls hin. Er zeigt damit zum einen, dass Kollektivereignisse nichts Vormodernes, durch die moderne Gesellschaft Verdrängtes sind, und macht zum anderen deutlich, dass Gemeinschaften keineswegs etwas Natürliches, gleichsam organisch Gewachsenes sind, sondern durch außeralltägliche Zeremonien erst hergestellt und durch die ständige rituelle Rückversicherung über kollektive Gemeinsamkeiten am Leben erhalten werden müssen. (S. 68ff.)

Dass die Schaffung eines gemeinschaftlichen Innen zumeist verbunden ist mit der Abgrenzung gegenüber einem Außen der Gemeinschaft, zeigt René Girard anhand der Figur des Sündenbocks: „Er ist zugleich derjenige, der aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, der aber zugleich durch diesen Ausschluss die Gemeinschaft zusammenhält und stiftet“. (S. 76) Die für Gemeinschaften typische Grenzziehung zwischen einem Wir und einem Sie beschäftigt auch Bernhard Waldenfels, der davon ausgeht, dass das Eigene dem Fremden insofern logisch nachfolgt, als „das Eigene überhaupt erst in Abgrenzung zum Fremden konstruiert werden kann“. (S. 79)

Indes genügen diese beiden Mechanismen der Vergemeinschaftung nach Ansicht der Autoren noch nicht, um die Entstehung einer Gemeinschaft zu erklären. Gemeinschaften bedürfen stets auch eines Entwurfes ihrer selbst; sie sind, wie Benedict Anderson in „Die Erfindung der Nation“ (2005) gezeigt hat, imaginär verfasst. (S. 84f.) Folgt man den massenpsychologischen Studien Sigmund Freuds, entstehen Gemeinschaften durch einen kollektiven Rausch, bei dem der Einzelne sein Ich-Ideal zugunsten der Identifikation mit einem gemeinsamen Objekt, Symbol oder ‚Führer‘ aufgibt. (S. 86f.) Diesen psychoanalytischen Ansatz entwickelt Slavoj Žižek weiter. Mit einem von Jacques Lacan entlehnten Begriff weist er darauf hin, dass Gemeinschaften stets auch ein Moment des ‚Genießens‘ (frz. jouissance) besitzen, ohne welches der gemeinschaftliche Zusammenhalt und der bis zur Selbstaufgabe reichende leidenschaftliche Einsatz für die Gemeinschaft kaum zu erklären sind. Das Genießen wiederum wird gesichert durch ein spezifisches ‚Ding‘ (z.B. die nationale Identität), das als ständig (von außen) bedroht wahrgenommen und mit Gewalt verteidigt wird. Entscheidend dabei ist, dass diese Bedrohung in der Regel nicht real ist, sondern als Projektion im Inneren der Gemeinschaft selbst entsteht. (S. 87ff.)

Um die Funktion der Gemeinschaft für die Ausbildung einer persönlichen Identität zum einen und die Produktion eines gesellschaftlich notwendigen ‚Sozialkapitals‘ zum anderen geht es im vierten Kapitel (S. 91-115).

Insbesondere dem Kommunitarismus zugerechnete Autoren wie Charles Taylor, Alasdair MacIntyre oder Robert N. Bellah betonen die wichtige Rolle der Gemeinschaft für die Entwicklung der Persönlichkeit. „Wie wir uns selbst verstehen, welche Aufgaben und Ziele wir uns setzen, für welche Wertideen wir eintreten und welche Wünsche wir haben: All dies lässt sich erst verstehen und beantworten, wenn wir die Strukturen und Praktiken der sozialen Gemeinschaft kennen, in die wir hineingeboren werden.“ (S. 94) Offen ist dabei die Frage, ob und inwieweit es zur Entwicklung der persönlichen Identität einer vorgängigen Kollektividentität bedarf, die stets auch eine normierende Funktion hat und zum Ausschluss derjenigen führen kann, die sich der gemeinschaftlichen Identitätszuschreibung widersetzen. (S. 100f.)

Der Begriff des Sozialkapitals weist über die identitätsbildende Funktion von Gemeinschaft hinaus darauf hin, „dass die Organisation gesellschaftlicher (Produktions-, Tausch- und Steuerungs-)Prozesse selbst der Fundierung in übergreifenden Gemeinschaftsbeziehungen bedarf“. (S. 102) ‚Gemeinschaft‘, so zeigen die Studien von Robert D. Putnam, Robert Leonardi und Rafaella Nanetti, bildet in diesem Sinne eine vertrauensfördernde gesellschaftliche Ressource, die zu ökonomischem Wachstum und zur Demokratisierung der Politik beiträgt. (S. 103ff.)

Unabhängig von diesen beiden Funktionen der Gemeinschaft bleibt zu klären, „ob und gegebenenfalls wie moderne Flächen- und Massengesellschaften als Ganzes den Charakter einer Gemeinschaft annehmen können“. (S. 110) Auf liberaler Seite geht man hinsichtlich dieser Frage davon aus, dass das Gemeinwohl sich gleichsam unbewusst bereits dann ergibt, wenn die Gesellschaftsmitglieder ihre individuellen Interessen verfolgen. (S. 111) Aus der (eher republikanischen) Perspektive eines John Dewey ist die Gemeinschaft hingegen „nicht die durch Natur oder Kultur immer schon vorgegebene Grundlage des politischen Handelns, sondern dessen Ergebnis. Gemeinschaft entsteht durch gemeinsames politisches Handeln.“ (S. 114) Bedeutsam wird dieser Gedanke aktuell in der Frage nach einer europäischen Identität, die sich nach Meinung der Autoren nicht aus gemeinsamen Werten und Traditionen, möglicherweise aber durch gemeinsames politisches Handeln herstellen lässt. (S. 115)

Das fünfte Kapitel (S. 116-152) beschäftigt sich mit der Gemeinschaft unter politischen und ethischen Aspekten. Die Autoren gehen hierbei kurz auch auf die Alteritätsethik Emmanuel Levinas‘ und die von ihm beeinflussten Arbeiten Jacques Derridas zur (Gast-)Freundschaft ein (S. 130f.), zeichnen aber insbesondere die kommunitaristischen Einwände gegen John Rawls „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) nach. Rawls hatte danach gefragt, wie grundlegende, für jeden notwendige Güter (z.B. Rechte, Freiheiten, Ämter, Positionen, Einkommen, Vermögen) in einer gerechten Gesellschaft verteilt wären. Dies zu beantworten, hatte er ein Gedankenexperiment entworfen, bei dem die Gesellschaftsmitglieder von ihren natürlichen und sozialen Ungleichheiten absehen – der ‚Schleier des Nichtwissens‘ – und in dieser urzuständlichen Situation nun zu zwei wesentlichen Grundsätzen einer gerechten politischen Ordnung kommen, nämlich: „dass jede Person Anspruch auf umfassende gleiche Freiheitsrechte hat und dass materielle Ungleichheiten nur dann gerechtfertigt sind, wenn sich dadurch auch die Lage derer verbessert, die in einer Gesellschaft am schlechtesten gestellt sind“. (S. 118f.)

Mehr noch als die vor allem von Michael Sandel angefochtene Personenkonzeption Rawls (S. 121ff.) war seine (liberale) Begründung der Gerechtigkeitsprinzipien Gegenstand der (kommunitaristischen) Kritik. Wenn angesichts der Pluralität moderner Gesellschaften, so die liberale Position, Gerechtigkeit nicht mehr durch eine einzige Idee von einem guten Leben legitimiert werden kann und daher dem Anspruch auf Neutralität genügen muss, so unterläuft sich nach kommunitaristischer Lesart diese Neutralitätsmaxime selbst, da sie selbst keineswegs neutral ist, sondern vielmehr das aufklärerisch-individualistische Ideal, wonach Moral rational begründbar ist, abbildet. Demgegenüber betonen Autoren wie Charles Taylor oder Alasdair MacIntyre, dass sich moralische Urteile nur auf der Grundlage eines traditionell gewachsenen und allgemein geteilten Verständnisses der höchsten Werte bilden können. (S. 126ff.) Als zu abstrakt kritisiert Michael Walzer in „Sphären der Gerechtigkeit“ (1983) Rawls Gerechtigkeitskonzeption. Seiner Überzeugung nach gibt es kollektiv geteilte Überzeugungen über die (nach je spezifischen Kriterien vorgenommene) Verteilung von Gütern. Diese bilden sich in einem Diskurs, bei dem die Gesellschaftsmitglieder auf als solche unumstrittene, im Einzelnen aber interpretierbare Werte wie Wahrheit oder Freiheit Bezug nehmen. (S. 133f.)

Im Unterschied zu den bisherigen Ansätzen geht es bei der im sechsten Kapitel (S. 153-173) vorgestellten Dekonstruktion der Gemeinschaft allererst darum, „die Grundstrukturen des Gemeinschaftsdenkens selbst“ (S. 154) in Frage zu stellen. Entscheidenden Einfluss auf das dekonstruktivistische Denken der Gemeinschaft etwa eines Jean-Luc Nancy oder Maurice Blanchot haben die Arbeiten Georges Batailles, die ab den 1930er Jahren im Zusammenhang mit den Forschungen an dem von Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois gegründeten Collège de Sociologie entstanden. Im Mittelpunkt stand dabei das Bemühen, zum einen Durkheims am Beispiel der australischen Ureinwohner gewonnenen Einsichten in die sakralen und religiösen Momente des Vergemeinschaftungsprozesses auf die moderne europäische Gesellschaft zu übertragen; zum anderen wollte man vor dem Hintergrund eines durch Individualisierung und Rationalisierung verursachten Bedeutungsschwundes des Gemeinschaftlichen selbst neue Gemeinschaften gründen. Deutlich grenzte Bataille sich dabei ab von den zeitgleich in Deutschland stattfindenden Versuchen, Gemeinschaft auf Tradition oder Blut und Boden zu gründen; stattdessen betonte er, dass die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft nur auf freier, rational getroffener Wahl beruhen darf. (S. 155f.) Von Bedeutung ist für Bataille zudem das ekstatische Moment der Gemeinschaft, womit er deutlich machen will, „dass Gemeinschaften sich selbst und damit auch ihre Geschlossenheit überschreiten […], also in sich nicht identitär und einheitlich, sondern different konzipiert werden müssen“. (S. 157)

Jean-Luc Nancy, dessen 1983 veröffentlichter Aufsatz „La communauté désoeuvrée“ am Anfang eines erneuten (französischen) Nachdenkens über den Begriff der Gemeinschaft steht, verfolgt ein doppeltes Anliegen: Ihm geht es einerseits „um eine philosophisch-ontologische Debatte um die menschliche Existenz als Mit-Sein (die als Kritik am Liberalismus verstanden werden kann), und andererseits geht es um die Dekonstruktion der politisch problematischen Implikationen der Gemeinschaftsidee (die als Kritik am Kommunitarismus begriffen werden kann)“. (S. 160) Mit dem von Martin Heidegger beeinflussten Begriff ‚Mit-Sein‘ will Nancy zum Ausdruck bringen, dass das Sein entgegen dem üblichen Verständnis dem ‚Mit‘ nicht vorausgeht, sondern vielmehr beide gleichursprünglich sind. (S. 161f.) Formelhaft ausgedrückt heißt dies: „Zur-Welt-Kommen = Sein in der Gemeinschaft.“ (Nancy 1994, S. 170) Wenn Nancy die Gemeinschaft auf ein ontologisches Fundament stellt, so bedeutet dies nicht, dass sich dadurch auf einer gleichsam ontischen Ebene konkrete Gemeinschaften legitimieren lassen, was einschließt, dass man ‚Gemeinschaft‘ weder herstellen noch verlieren kann. (S. 162ff.) Nancy versucht vor allem zwei Prämissen bisheriger Gemeinschaftskonzeptionen, die auf politischer Ebene oft totalitäre Folgen zeitigen, offenzulegen. Zum einen bemüht er sich um die „Dekonstruktion der Ursprungsidee“, wonach Gemeinschaften „als etwas dem sozialen Geschehen und den politischen Prozessen Vorgängiges oder Präexistentes unterstellt [werden]“. (S. 165) Demgegenüber ruft Nancy dazu auf, die Gemeinschaft als „radikal jenseits von jeder Ontologie der Substanz, der Ordnung und des Ursprungs“ (Nancy 1994, S. 171) zu denken. Zum anderen will er die meist mit Vorstellungen einer im Inneren der Gemeinschaft vorherrschenden Harmonie und Homogenität verknüpfte „Fiktion der verschmelzenden Einswerdung oder Vereinigung“ (S. 165) dekonstruieren. Nancy, ähnlich wie bereits Bataille, betont daher das für die Gemeinschaft konstitutive Moment der Differenz; Gemeinschaft erscheint als das ‚Zwischen‘: „du und ich (das Zwischen-uns)“. (Nancy 1988, S. 65)

Die Dekonstruktion der Gemeinschaft läuft nicht auf einen Abschied von der Gemeinschaft hinaus, sondern ist als das Bemühen aufzufassen, zugleich mit einem anderen Begriff der Gemeinschaft auch eine andere „Politik der Gemeinschaft“ (S. 169) zu entwerfen. Vor dem Hintergrund der in letzter Zeit wieder populär gewordenen Unterscheidung zwischen ‚der Politik‘ und ‚dem Politischen‘ (vgl. etwa Marchart 2010), welche die Autoren anhand der Überlegungen Jacques Rancières skizzieren (S. 169f.), geht es Nancy darum, „solche Fragen, welche die gemeinschaftliche Existenz betreffen, überhaupt erst wieder als politische Fragen erkennbar werden zu lassen. […] Die Wiederaufnahme der Debatten um Gemeinschaft sollte dazu beitragen, elementare soziale Fragen als politische zu begreifen und diejenigen Fragen, die unsere gemeinschaftliche Existenz betreffen einem bloß administrativen und damit entpolitisierten Zugriff zu entreißen.“ (S. 172)

Diskussion und Fazit

Aufs Ganze besehen gelingt es den Autoren, dem Leser die verschiedenen Theorien der Gemeinschaft auf gut verständliche Art und Weise zu vermitteln. Dazu trägt wohl nicht zuletzt die Entscheidung bei, die einzelnen Positionen zur Gemeinschaft nach systematischen Gesichtspunkten zu gliedern, wodurch sich die wichtigsten Diskussionslinien gut nachvollziehen lassen. Erfreulich ist vor allem, dass die Verfasser auch auf das von den Arbeiten Nancys maßgeblich beeinflusste dekonstruktivistisch orientierte Denken der Gemeinschaft eingehen, das hierzulande erst in jüngster Zeit wahrgenommen wird. (vgl. etwa Wetzel 2003, S. 245ff.; Morin 2006; Woznicki 2009, sowie die Beiträge zu Nancy in Böckelmann/Morgenroth 2008 und Bippus/Huber/Richter 2010). Kritisch ließe sich in diesem Zusammenhang allerdings anmerken, dass der von den Autoren zu Recht betonte Versuch Nancys, „das Gemeinschaftsdenken mit der Forderung nach einer grundlegenden Neufassung des Politischen“ (S. 171) zu verknüpfen, nicht hinreichend problematisiert wird. So fördert Nancy durch die ontologische Begründung der Gemeinschaft möglicherweise eine Haltung, die das Denken als Selbstzweck betreibt und es entpolitisiert, da das Politische nicht mehr als eine von Streit und Antagonismus durchfurchte Sphäre gedacht und die Notwendigkeit bestimmter Gründungen durch (ontische) Politik verkannt wird. (vgl. Marchart 2010, S. 110ff.)

Den positiven Gesamteindruck mindern eine Reihe kleinerer Fehler. Hierzu zählen etwa zwei nahezu identische Formulierungen auf Seite 30 sowie die falsche Schreibweise von Personennamen (Alasdair MacInytre statt MacIntyre, S. 97), aber auch der ärgerliche Umstand, dass manche Zitatbelege ins Leere laufen, so dass man nur mutmaßen kann, ob es sich bei ‚Bauman 2009‘ (S. 9) oder ‚Bataille 1995‘ (S. 156) um eines der im Literaturverzeichnis aufgeführten Werke dieser Autoren handelt oder um andere, die man vergessen hat aufzunehmen. Überdies vermisst man das im Inhaltsverzeichnis angegebene Personenregister, das eine sinnvolle Ergänzung des vorhandenen Sachregisters darstellte.

Literatur

  • Bauman, Zygmunt: Gemeinschaften. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009
  • Bippus, Elke/Huber, Jörg/Richter, Dorothee (Hg.): ‚Mit-Sein‘. Gemeinschaft – ontologische und politische Perspektivierungen. Wien, New York: Springer 2010
  • Böckelmann, Janine/Morgenroth, Claas (Hg.): Politik der Gemeinschaft. Zur Konstitution des Politischen in der Gegenwart. Bielefeld: transcript 2008
  • Marchart, Oliver: Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2010
  • Morin, Marie-Eve: Jenseits der brüderlichen Gemeinschaft. Das Gespräch zwischen Jacques Derrida und Jean-Luc Nancy. Würzburg: Ergon 2006
  • Nancy, Jean-Luc: Das gemeinsame Erscheinen. Von der Existenz des ‚Kommunismus‘ zur Gemeinschaftlichkeit der ‚Existenz‘. In: Vogl, Joseph (Hg.): Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 167-204
  • Nancy, Jean-Luc: Die undarstellbare Gemeinschaft. Stuttgart: Edition Schwarz 1988
  • Riedel, Manfred: Art. ‚Gesellschaft, Gemeinschaft‘. In: Brunner, Otto/Conze, Werner/Koselleck, Reinhart (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 2. E-G. Stuttgart: Klett-Cotta 1975, S. 801-862
  • Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. 8., verb. Aufl. Leipzig 1935 (ND Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1963)
  • Wetzel, Dietmar J.: Diskurse des Politischen. Zwischen Re- und Dekonstruktion. München: Fink 2003
  • Woznicki, Krystian: Wer hat Angst vor Gemeinschaft? Ein Dialog mit Jean-Luc Nancy. Berlin: Diamondpaper 2009

Rezension von
Simon Herzhoff
M.A.
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Es gibt 9 Rezensionen von Simon Herzhoff.

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Zitiervorschlag
Simon Herzhoff. Rezension vom 01.06.2011 zu: Lars Gertenbach, Henning Laux, Hartmut Rosa, David Strecker: Theorien der Gemeinschaft. Zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-88506-667-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11460.php, Datum des Zugriffs 27.06.2022.


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