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Kurt Witterstätter: Soziale Sicherung. Eine Einführung für [..]

Cover Kurt Witterstätter: Soziale Sicherung. Eine Einführung für Sozialarbeiter/Sozialpädagogen mit Fallbeispielen. Luchterhand Verlag (München) 2003. 6. Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-472-05571-6.
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Die Ausgangslage

Jahrzehntelang fristete die klassische Sozialpolitik in der Ausbildung von Sozialarbeit und -pädagogik ein eher kümmerliches Dasein. Beharrlich verweigerte sich die Sozialarbeitswissenschaft einer Disziplin, die noch bis Ende der sechziger Jahre neben der Wirtschaftspolitik (!) zu den Standarddisziplinen an den Höheren Fachschulen für Sozialarbeit gezählt hatte.

Diese Aversion hatte mehrere Ursachen. Historisch betrachtet war zumindest der Kernbereich der Sozialpolitik, die Sozialversicherung, schon immer so etwas wie der "natürliche Feind" der überkommenen Fürsorge gewesen. Schließlich waren gewichtige Teile der letztgenannten von Bismarcks Jahrhundertwerk abgelöst und überflüssig gemacht worden. Auch das Elend ist eine Arbeitsgrundlage und derjenige, der sie entzieht, kann keineswegs nur mit Wohlwollen rechnen.

Ende der sechziger Jahre glaubte man überdies, die materiellen Probleme der Gesellschaft - für die man die klassische Sozialpolitik vorrangig zuständig wähnte- seien weitgehend gelöst (tatsächlich belief sich zum Beispiel die Arbeitslosenquote im Jahre 1970 auf gerade mal 0,7 Prozent). Deshalb, so die damals gängige Meinung, habe sich Sozialpolitik in erster Linie um die seelisch-mental-psychischen, allenfalls psychisch-sozialen Defizite ihrer "Klientel" zu kümmern.

In dem Maße indes, wie das Gebäude fortwährender ökonomischer Stabilität Risse bekam, wuchs der (objektive und subjektive) Bedarf nach Informationen über die traditionellen sozialen Sicherungssysteme. "Materielle Hilfen gilt es angesichts sich häufender Notfälle in der Sozialen Arbeit wieder verstärkt zu vermitteln", heißt es folgerichtig auf dem Umschlagtext des im September vorigen Jahres in 6. Auflage erschienen hier besprochenen Buches von Kurt Witterstätter.

Der Autor

Der Autor ist Professor an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen und vertritt dort die Lehrgebiete Sozialpolitik, Soziologie und Gerontologie. Er ist Diplom-Sozialwirt und hat an der Universität Göttingen ein Studium absolviert, das versucht, die sozialwissenschaftlichen Fachdisziplinen wenigstens ansatzweise miteinander zu verzahnen.

Inhalte

Dieser Studien-Orientierung ist der Autor auch in seinem Werk treu geblieben. Es richtet sich nicht in erster Linie an der Reihenfolge und Begrifflichkeit des Sozialgesetzbuchs aus, sondern an den Bedürfnissen der sozialarbeiterischen / sozialpädagogischen Praxis. "So sinnvoll es auch sein mag, in der Darstellung Gesetz nach Gesetz abzuhandeln, so orientieren sich die ... für die sozialberuflich Tätigen zu lösenden Fälle nicht nach der Typisierung eines Einzelgesetzes. Die Praxis kennt vielmehr Fälle von Krankheit, Behinderung, Pflegebedürftigkeit, Arbeitslosigkeit, sie kennt familiale Probleme, Wohn- und Lebensbedarf sowie Probleme, die mit Altern und Migration zusammenhängen" (S. 59).

Folgerichtig unterscheidet der Autor, durchaus eigenwillig, neun unterschiedliche "Sicherungsbereiche":

1. Lebensbedarf

2. Behinderung und Rehabilitation

3. Familie und Frau

4. Alter

5. Erziehung und Qualifikation

6. Arbeit

7. Wohnen

8. Migration

9. Gesundheit und Pflege

Ihrer Vorstellung vorgeschaltet sind Erörterungen des Autors über die "Aufgaben der Sozialen Sicherung", das "Wachsen des Systems der Sozialen Sicherung und seine Wandlungen", die "Prinzipien der Sozialen Sicherung" und den "Ökonomischen Rahmen der Sozialpolitik". Doch auch bei diesen "theoretischen" Ausführungen benutzt Witterstätter immer Beispiele aus der Praxis, die sehr zur Veranschaulichung beitragen (etwa bei der Darstellung des Subsidiaritätsprinzips).

Diese Orientierung an der Praxis ist überhaupt die Stärke des Werkes (und erklärt wohl auch die vielen Auflagen). Besonders deutlich wird dies bei der Bearbeitung der genannten Sicherungsbereiche, wo viele Fallbeispiele die trockene Materie aufweichen und veranschaulichen. Besonders gelungen erscheint das Kapitel über Gesundheit und Pflege, ausgewogen und informativ sind die Ausführungen zur Armuts- und Mindesteinkommensproblematik (S. 68 ff., 87 ff.).

Diskussion

Nur eingeschränkt zuzustimmen ist dem Autor indes, wenn er meint, das Äquivalenzprinzip in der Sozialversicherung sei mit der Anrechnung von Kindererziehungszeiten und ähnlichem durchbrochen (S. 39). Zwar geht hier der Rentenleistung in der Tat keine Beitragsleistung vorauf, aber durchaus eine gesellschaftlich notwendige und nützliche, anzuerkennende Leistung. Ein Bonus ist hier jedenfalls eher zu vertreten als bei einem Alimentierungsanspruch, der sich auf nichts anderes beruft als auf die bloße Existenz. Eine Spur zu optimistisch erscheinen die Erwartungen an die Leistungsfähigkeit kleiner sozialer Systeme gegenüber bürokratischen sozialen Großorganisationen. Was dabei immer vergessen wird ist, dass letztere zwar keine Intimität, aber eine oftmals durchaus gewollte Anonymität gewähren und gewährleisten.

An einigen Stellen hätte dem Werk eine Ausdrucks- und Stilprüfung gut getan ("Nicht nur das 'Wie' der Arbeitskräfte, sondern auch das 'Wo' ist von Wichtigkeit", S. 6, "freigetragene Krankenhilfe" S. 13, "langläufige Sozialbedienstete" S. 38).

Fazit

Insgesamt gesehen stellt das Werk jedoch fraglos eine gelungene Kombination von (verständlich dargebotener und damit verdaubarer) Theorie und Praxis dar. Der Autor macht vor allem deutlich, dass das Recht der Sozialen Sicherheit nicht wenige Praxisbereiche von Sozialarbeit / Sozialpädagogik unmittelbar berührt.

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zur 7. Auflage von 2006.


Rezensent
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 06.12.2006 zu: Kurt Witterstätter: Soziale Sicherung. Eine Einführung für Sozialarbeiter/Sozialpädagogen mit Fallbeispielen. Luchterhand Verlag (München) 2003. 6. Auflage. ISBN 978-3-472-05571-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1148.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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