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Ilona Agoston: Menschenwürde in der Pflege

Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 24.06.2011

Cover Ilona Agoston: Menschenwürde in der Pflege ISBN 978-3-8300-5181-7

Ilona Agoston: Menschenwürde in der Pflege. Pflegetheorie und Ethik. Theologische Grundlagen und diakonische Profilierung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. 348 Seiten. ISBN 978-3-8300-5181-7. 75,00 EUR.
Reihe: Ethik in Forschung und Praxis - 10.

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Thema

Die Krankenpflege wird von vielen Faktoren beeinflusst. Zu denken ist dabei zunächst einmal an eine Reihe äußerer Faktoren, wie beispielsweise die institutionellen Rahmenbedingungen in Form von Vorschriften und Gesetzen oder die Herausforderungen des Sozialmarktes. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die der Pflege zugrunde liegenden Menschenbilder, von denen sowohl die Patienten als auch das Pflegepersonal betroffen sind. Darüber hinaus hatte in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Professionalisierung und Akademisierung der helfenden Berufe starken Einfluss auf die Entwicklung der Pflege, wobei mitunter eine „Enttheologisierung“ beklagt wird. Ausgehend von dieser Situation unternimmt Ilona Agoston in ihrem Buch „Menschenwürde in der Pflege“ den Versuch einer umfassenden pflegetheoretischen und pflegeethischen Reflexion der Krankenpflege aus diakoniewissenschaftlicher Sicht.

Autorin

Nach einem Studium an der Pädagogischen Hochschule in Györ und an der Reformierten Theologischen Akademie in Pápa (Ungarn) in den Jahren 1990 bis 1993, wirkte Ilona Agoston bis 2001 als Grundschul- und Religionslehrerin in Rumänien. Von 2002 bis 2004 absolvierte sie als Stipendiatin des Diakonischen Werkes in Stuttgart das Diplom-Aufbaustudium am Diakoniewissenschaftlichen Institut (DWI) in Heidelberg und arbeitete daneben in der Altenpflege. Von 2005 bis 2010 oblag ihr die Koordination des berufsbegleitenden Masterstudiengangs „Unternehmensführung im Wohlfahrtsbereich und Diakoniewissenschaft – Führung in Diakonie und Kirche“ im Diakoniewissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg.

Neben der vorliegenden Veröffentlichung publizierte die Autorin in der Schriftenreihe „Veröffentlichungen des DWI, Neue Folge Bd. 151“ die Untersuchung „Stellung der Aushilfen in der stationären Altenhilfe. Eine exemplarisch-empirische Untersuchung“ (Heidelberg 2004) sowie im Jahre 2000 in einem (in ungarischer Sprache erschienenen) Sammelband den Beitrag „Die Geschichte der CVJM in Târgu-Mures von 1924 bis 1947“. Ferner übersetze sie das Buch von Michael Welker „Schöpfung und Wirklichkeit“ (Budapest 2007).

Gegenwärtig arbeitet Ilona Agoston in Münster als Geschäftsführerin am Zentrum für Nonprofit-Management (npm) gGmbH, das sich auf die aktive Gestaltung und Weiterentwicklung der deutschen und europäischen Zivilgesellschaft spezialisiert hat. Die Ansiedlung als private Einrichtung in unmittelbarer Nähe zur Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist Ausdruck des Bestrebens, Wissen effizient in Nutzen für die Praxis zu übersetzen und so zu einem funktionierenden und sich stetig verbessernden Dritten Sektor in Deutschland beizutragen.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die veröffentlichte Fassung der im Jahre 2010 der Universität Heidelberg eingereichten und von Prof. Dr. Heinz Schmidt (von 2001 bis 2009 Leiter des Diakoniewissenschaftlichen Instituts der Universität Heidelberg) und Prof. Dr. Arnd Götzelmann (vom Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Fachhochschule Ludwigshafen) begutachteten Dissertation von Ilona Agoston.

Aufbau

Nach einer Einführung (I.) ins Thema gliedert sich das Buch in sechs Abschnitte mit den folgenden Hauptkapiteln:

II. Pflegetheorien

  1. Pflege als gelebter Dialog
  2. Pflege als menschliche Zuwendung
  3. Das Modell der fördernden Prozesspflege
  4. Fazit und Ausblick

III. Pflegeethik

  1. Menschenwürde als Grundbegriff der Pflegeethik
  2. Personalistische Verantwortungsethik
  3. Care-Ethik
  4. Die Berufsethik der Pflege
  5. Zusammenfassung

IV. Theologische Grundlagen der Pflege

  1. Das biblische Menschenbild
  2. Menschenwürde
  3. Koinonia
  4. Die Goldene Regel
  5. Theologische Topoi der Pflege

V. Spiritualität in der Diakonie

  1. Spiritualität im biblischen und kirchlichen Kontext
  2. Spiritualität in der Diakonie
  3. Spiritualität in der Altenpflege
  4. Fazit

VI. Seelsorge in der Diakonie

  1. Die diakonisch ausgerichtete Seelsorge
  2. Seelsorge als individuelle Lebensführung
  3. Seelsorge in der Altenpflege
  4. Sterbebegleitung
  5. Fazit

VII. Zusammenfassung und Perspektiven

Darüber hinaus enthält die mit einem profunden Anmerkungsapparat ausgestattete Arbeit ein Literaturverzeichnis (S. 299-339) und ein Abkürzungsverzeichnis (S. 340-341).

Inhalt

In ihrer (I.) Einführung (S. 7-18) ins Thema gibt die Autorin zunächst einen Überblick über die thematische Orientierung, bevor sie dann die der Arbeit zugrunde liegenden Voraussetzungen und Vorgehensweise offen legt. Für Ilona Agoston steht außer Frage, dass es „Pflege“ schon immer in der Geschichte der Menschheit gab, die sowohl von Kultur- als auch Naturvölkern praktiziert wurde. Was sich im Laufe der Zeit geändert habe, seien aber die ihr zugrunde liegenden Menschenbilder, die Bedeutung der Pflege in der Gesellschaft, die Erwartungen an die Pflege, ihre Instrumente, die Umstände, in denen Pflege ausgeübt wurde, der Pflege ausübende Personenkreis und das Wissen der Pflegenden. Die Pflege und Versorgung alter und kranker Menschen habe dabei jahrhundertelang auf der Basis philosophischer beziehungsweise theologischer Vorstellungen beruht, bevor im vorletzten Jahrhundert die Medizin als Bezugswissenschaft die Richtlinien vorgab. Während in Amerika die Theoriebildung langsam eine Tradition entwickelte, habe dieser Prozess in Deutschland erst in den 1980er Jahren stattgefunden, wobei die junge Pflegewissenschaft „immer noch nach ihrer Position zwischen Medizin und Sozialwissenschaft“ suche und „häufig auf eine fundierte philosophische Basis“ verzichte. In diesem Zusammenhang beklagt die Autorin, dass die Professionalisierung und Akademisierung der helfenden Berufe „sehr stark zur Entwicklung der Pflege und gleichzeitig zur Enttheologisierung dieser beigetragen“ (S. 9) hat.

Ausgehend von der „Ganzheitlichkeit und Sinnfrage“ geht Ilona Agoston in ihrer Untersuchung einer Reihe von Fragen aus diakoniewissenschaftlicher Sicht nach: Besteht überhaupt eine Verbindung zwischen der konkreten pflegerischen Versorgung kranker, alter und bedürftiger Menschen und der Bibel? Ist es Aufgabe des Gemeindepfarrers, des Leiters diakonischer Einrichtungen oder des Seelsorgers, sich mit dem diakonischen Auftrag der Kirche auseinanderzusetzen, oder ist es Aufgabe der praktischen Theologie beziehungsweise Diakoniewissenschaft? Sind von dieser Thematik auch die Pflegerinnen und Pfleger diakonischer Einrichtungen, die ihre Arbeit direkt am Krankenbett verrichten, betroffen? Was spielt es für eine Rolle, welche Motivation und Lebenseinstellung die Mitarbeiter auf der operativen Ebene haben, solange die Arbeit den Vorschriften des Qualitätsmanagementhandbuchs entspricht und von staatlich examinierten Pflegekräften durchgeführt wird? Kann die Bibel im 21. Jahrhundert in einer multikulturellen und säkularen Gesellschaft eine adäquate Orientierung bieten? Warum sollen sowohl das Alte als auch das Neue Testament in dieser Auseinandersetzung herangezogen werden?

Ihrer Untersuchung hat die Autorin die folgenden Annahmen zugrunde gelegt (S. 13):

    • Pflege ist ein sich ständig wandelndes Konstrukt. Demzufolge ändern sich auch ihre Bezugswissenschaften. Um die Wirklichkeit der Pflege zu erfassen, ist Interdisziplinarität notwendig.
    • Diakonie ist Lebens- und Wesensäußerung der Kirche. Diakonisches Profil zu zeigen ist wichtig, weil es unverkennbare Zeichen setzt und auch den Menschen der heutigen Zeit Orientierung bietet.
    • Pflegebedürftige und Pflegende sind gleichwertige und gleichberechtigte Menschen. Beide haben die gleiche Würde. Daher sind Ansprüche und Bedürfnisse beider Parteien sowohl auf strategischen als auch auf operationalen Ebenen in gleicher Weise zu beachten und integrativ zu verwirklichen.
    • Der Mensch existiert nur in Beziehungen: zu sich selbst, zu den Mitmenschen und der Umwelt und zu Gott.

Untersucht werde, so Ilona Agoston, die Möglichkeiten und das Potential einer theologisch-ethischen Begründung der Pflege für den Pflegeberuf und im Umgang mit Menschen, besonders in der Altenpflege. Ziel der Arbeit sei dabei „die Sensibilisierung in Bezug auf theologische Aspekte und ihre ethischen Implikationen bei der Gestaltung des Pflegealltags in (nicht nur) diakonischen Einrichtungen“ (S. 13).

Der Einstieg ins Thema, Abschnitt II („Pflegetheorien“, S. 19-38), beginnt mit einem Überblick über pflegetheoretische Konzepte, wobei die Autorin auf eine komplette Auseinandersetzung mit allen hierzu gehörenden Pflegetheorien verzichtet. Ausgewählt, kurz dargestellt und auf ihre Anwendbarkeit in der Altenpflege überprüft, stellt die Autorin nur Theorien markanter Vertreterinnen dieser Schule vor: Josephine G. Paterson beziehungsweise Loretta T. Zderad, Jean Watson und Monika Krohwinkel. Für Ilona Agoston steht dabei außer Frage, dass ohne theoretische Begründung keine gute Pflege durchgeführt werden kann. Problem der Pflegepraxis sei aber, dass die Pflegetheorien derzeit noch keine verbindlichen Standards in der Ausbildung sind. Hierzu hält sie wörtlich fest: „Die Auseinandersetzung mit den Pflegetheorien und Pflegekonzepten findet fast ausschließlich im akademischen Bereich statt“. Demgegenüber konzentriere sich die Praxis auf die Grundpflege; die Pflegekräfte hätten dabei im Berufsalltag „zu wenig Raum ihr Wissen, ihre Fertigkeiten oder ihre Kreaktivität zu entfalten“ (S. 38). Da die humanistischen Pflegetheorien sich für die menschenwürdige Gestaltung der Pflege einsetzen, sollte ihr Zugang, so die Autorin, in die Praxis durch verstärkte Vermittlung in der Aus- und Fortbildung ermöglicht werden.

Der III. Abschnitt („Pflegeethik“, S. 39-76) setzt sich mit speziellen Fragestellungen einer Berufsethik auseinander. Thematisiert werden dabei unter anderem „drei Ethikkodizies, die als verfasste Wertesysteme das Handlungsfeld steuern.“ Ferner möchte das Kapitel dazu beitragen, bei den Mitarbeitern diakonischer Einrichtungen ein besseres Verständnis für die Lebenseinstellungen ihrer Klienten zu entwickeln. Nicht zuletzt soll es den Pflegenden ermöglichen, ihre eigene Motivation und ihr eigenes Verhalten in Auseinandersetzung mit christlichen Grundwerten und Normen ethisch zu reflektieren. Ilona Agoston weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die biblisch orientierte Anthropologie auch noch im 21. Jahrhundert gefordert sei, insbesondere dort, wo die gängigen Konzepte vom Menschsein an ihre Grenzen stoßen: im Umgang mit Krankheit, Behinderung, Gebrechlichkeit und Tod. Eine biblisch begründete Anthropologie rechtfertige „sich allein durch die große Anzahl von Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen beziehungsweise Pflegediensten der Diakonie und Caritas. Wörtlich hält sie hierzu weiter fest: „Gute Pflege ist nicht wertfrei, sie kann nicht auf technische Perfektion reduziert werden, sondern sie muss moralisch gegenüber dem Kranken als Person und gegenüber der Gesellschaft, von der die Pflege beauftragt wird, gerechtfertigt werden – muss also moralisch gut sein. Gute Pflege beinhaltet ein reflektiertes Gleichgewicht zwischen der Fürsorge für den Einzelnen und dem Respekt vor der Autonomie des Einzelnen, des weiteren beinhaltet sie Gerechtigkeit, verantwortliches und dialogisches Verhalten sowie die Achtung und Bewahrung der Würde aller Menschen“ (S. 76).

Der vom Umfang her mit Abstand größte Abschnitt IV. („Theologische Grundlagen der Pflege“, S. 77-254) beginnt mit einer Einführung in die biblische Anthropologie, wobei die Menschenwürde aus der christlichen Tradition hergeleitet wird. Zugleich werden hier der Mensch und seine Beziehungen zu anderen Menschen anhand der Theologie, der Ethik und der Pflege hinterfragt. Um auch zukünftig eine adäquate diakonische Arbeit zu gewährleisten, untersucht Ilona Agoston, inwieweit christliche Grundkategorien und Prinzipien wie „Koinonia“ oder die biblische Fassung der „Goldenen Regel“ in der Praxis als Merkmale des diakonischen Profils erkannt werden können. Besonders breiter Raum wird in diesem Zusammenhang der Darstellung „Theologischer Topoi der Pflege“ (Liebe, Leiden, Mitleid, Krankheit und Heilung, Gesundheit, Heil, Sterben und Tod) beziehungsweise den Grundkategorien der christlichen Pflege geschenkt. Unter Hinweis auf den ICN-Ethik-Kodex betont die Autorin hierbei, dass mit dem Pflegeberuf eine „lebensbejahende Grundeinstellung“ verbunden sei, die an die Achtung der Menschenwürde gebunden ist. So schließe die Annahme dieses Kodexes etwa prinzipiell und ausdrücklich eine Akzeptanz der aktiven Sterbehilfe aus, fordere aber gleichzeitig den Einsatz palliativer Versorgung zur Linderung schweren Leidens. „In der Sterbebegleitung soll, durch fachliche Versorgung und menschliche Zuwendung (S. 254).

In den weiteren Abschnitten V und VI geht es um „Spiritualität in der Diakonie“ (S. 255-271) und „Seelsorge in der Diakonie“ (S. 273- 290), die als Merkmale ganzheitlicher diakonischer Versorgung dargestellt werden. Ilona Agoston macht dabei deutlich, dass zu einer diakonischen Unternehmenskultur auch „eine eigene charakteristische Spiritualität“ gehört. Demnach sei es eine Aufgabe diakonischer Einrichtungen und Träger, religiöse Bildung und das spirituelle Leben ihrer Bewohner und ihrer Mitarbeiter zu fördern. Das neue Fachgebiet „Spiritual Care“ eröffne dabei neue Chancen der Kommunikation zwischen Medizin und Theologie durch die Disziplin Seelsorge. Zu den Aufgaben seelsorgerlicher Begleitung in der Altenpflege, so die Autorin, sollte auch die Unterstützung und Betreuung der Mitarbeiter in den Pflegeeinrichtungen zählen: „Der Seelsorger soll auch ihnen bei ethischen und anthropologischen Fragestellungen orientierungsbietend zur Seite stehen“ (S. 290).

Der VII. Abschnitt bietet schließlich eine „Zusammenfassung und Perspektiven“ (S. 291-297) der Untersuchung. Hierbei betont Ilona Agoston zunächst, dass die Diakonie – die als Unternehmen heute neben anderen Sozialdienstleistungen in einer multikulturellen und wertepluralistischen Gesellschaft agiere – ihre Spezifika durch „ein gut konturiertes, markantes Profil“ hervorheben müsse, wobei die Orientierung an der Bibel und die Bewahrung der Menschenwürde die fundamentalen Grundzüge dieses Profils seien. Zur ganzheitlichen Versorgung gehöre neben dem medizinisch-pflegerischen Fachwissen auch die Berücksichtigung spiritueller und sozialer Bedürfnisse. Die besondere Auszeichnung des Menschen sei seine Würde: „Diese erhielt er durch den Zuspruch von Gott, wodurch ihm Achtung, Liebe und Fürsorge zusteht. Die neutestamentlichen Begründungen und Inhalte bieten der diakonischen Pflege als Teil der Diakonie heutzutage weiterhin Orientierung“ (S. 292). Eine Prioritätensetzung in der medizinisch-pflegerischen Versorgung nach utilitaristischen oder wirtschaftlichen Aspekten entspreche nicht den universalen und egalitären Aspekten der Menschenwürde: „Menschenwürde steht bedingungslos jedem Menschen zu und kann in keiner Lebenslage abgesprochen oder geschmälert werden. Sie selbst ist eine Maßeinheit, die nur in ihrer Vollkommenheit existiert. Weder Sünde noch Leid, oder die Abwesenheit der Vernunft können die Würde eins Menschen in Frage stellen“ (S. 293).

Nach Ansicht der Autorin zeichnet sich Diakonie nicht nur durch Fachwissen und persönliche beziehungsweise soziale Kompetenzen aus, sondern auch durch spezifische Dispositionen wie „Compassion bzw. spirituelle Sensibilität“. Einrichtungen und Träger sollten sich, so Ilona Agoston, das Gemeinschaftsprinzip zu eigen machen und ihren Mitarbeitern die Teilnahme an spirituellen Angeboten ermöglichen und fördern. Unterstützung und Begleitung bei der Sinnfindung und den Identitätsbildungsprozessen bräuchten unterdessen nicht nur die Bewohner der Einrichtungen, sondern auch ihre Mitarbeiter. Supervision und Balintgruppenarbeit als dauerhafte Präventionsangebote seien wünschenswert.

Aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit theologischen Grundlagen und pflegetheoretischen Konzepten hat ganzheitliche Pflege nach Ansicht von Ilona Agoston drei Bedingungen zu erfüllen: „Fürsorge, Leibsorge und Seelsorge“ (S. 295). Die drei seien voneinander nicht zu trennen, auch wenn für diese unterschiedliche Berufsgruppen mit unterschiedlichen Hauptaufgaben zuständig sind. Die Pflegewissenschaft sei gefordert, in diesem Zusammenhang „neue Konzepte zu entwickeln, besonders in Hinblick auf die Altenpflege, um die ganzheitliche Versorgung unter heutigen gesetzlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen zu ermöglichen“ (S. 296).

Neben der persönlichen und institutioneller Ebene spricht die Autorin auch die gesellschaftliche Ebene an. Hierbei hält sie unter anderem unmissverständlich fest: „Das Ansehen pflegerischer Berufe ist zu verbessern. Die gesellschaftliche Anerkennung schlägt sich in der Regel in der Bezahlung nieder. Die Bezahlung der Pflegekräfte entspricht nicht den verlangten Fach- und Sozialkompetenzen und dem Schwierigkeitsgrad der Arbeit“ (S. 297).

Diskussion

Die Auseinandersetzung mit den hier diskutierten Themen ist der Kirche beziehungsweise Diakonie nicht neu. Bei ihrer Darstellung stützt sich Ilona Agoston im Wesentlichen auf Primärliteratur. Die theologischen Topoi behandelt sie mit Hilfe der gängigen Lexika wie RGG, TRE und EvThl, die durch aktuelle Publikationen ergänzt werden. Zugleich bezieht sie ausführlich Denkschriften und Schriftenreihen wie „Diakonie Dokumentation“ und „Diakonie Korrespondenz“ in ihre Untersuchung mit ein. Stellungnahmen der EKD präsentiert die Autorin im thematischen Zusammenhang des jeweiligen Kapitels und reflektiert sie diakonie-wissenschaftlich. Einen direkten Praxisbezug stellt sie schließlich durch den Einblick in Lehrbücher der Altenpflegeausbildung her.

In ihrem Überblick über pflegetheoretische Konzepte kritisiert Ilona Agoston sehr stark das von Monika Krohwinkel vorgelegte „Modell der fördernden Prozesspflege“. Ihres Erachtens hat die Autorin „ihr Konzept nie zu einem Ganzen ausgearbeitet“ (S. 35). Bei der Erläuterung im Umgang mit Aktivitäten und existenziellen Erfahrungen des Lebens (AEDL) handele Krohwinkel mit philosophischen Grundbegriffen wie Hoffnung, Sicherheit, Sinn finden und Sterben, ohne diese jedoch einer Philosophie zuzuordnen. Zudem sei ihr Konzept sehr stark auf Aktivitäten ausgerichtet, während der palliative, begleitende Aspekt der Pflege nicht zum Ausdruck komme. Ferner suggeriere Krohwinkels Konzept „eine starke emotionale Distanziertheit, eine fast mechanistische Arbeitsorganisation“, wobei „kein Raum für ein Dasein und Miteinander, um etwas gemeinsam zu erleben, oder auch für Zuwendung“ (S. 36) bleibe, ebenso wenig wie für Spontaneität und Kreativität, die die Kunst der Pflege ausmachten. Während man über eine solche Bewertung durchaus geteilter Meinung sein kann, weist Ilona Agoston unterdessen zu Recht darauf hin, dass die Pflegetheorien derzeit noch keine verbindlichen Standards in der Ausbildung sind. In diesem Zusammenhang kritisiert sie völlig zutreffend, dass die Auseinandersetzung mit den Pflegetheorien und Pflegekonzepten „fast ausschließlich im akademischen Bereich“ stattfindet. Es bleibt zu vermuten, dass es der Autorin mit ihrer Untersuchung nicht anders ergehen wird und eine intensive Auseinandersetzung und Diskussion ihrer Arbeit ausbleibt beziehungsweise bestenfalls im akademischen „Elfenbeinturm“ stattfindet. Dabei ist das Buch „Menschenwürde in der Pflege“ – auch wenn man der Darstellung und Analyse der Autorin nicht in jedem Punkt folgen mag – allemal lesenswert, indem zentrale biblisch-theologische Begriffe auf den Pflegebereich und das Pflegehandeln bezogen und damit der teilweise inflationär benutzte Begriff der Menschenwürde konturiert werden.

Fazit

Mit ihrem Buch „Menschenwürde in der Pflege“ hat Ilona Agoston einen wichtigen Beitrag zum Thema Pflegetheorie und Ethik aus diakoniewissenschaftlicher Sicht vorgelegt, die den Diskurs über die Pflege und die ihr zugrunde liegenden Menschenbilder, die Bedeutung der Pflege in der Gesellschaft und nicht zuletzt die Erwartungen an die Pflege bereichert.

Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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Es gibt 184 Rezensionen von Hubert Kolling.

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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 24.06.2011 zu: Ilona Agoston: Menschenwürde in der Pflege. Pflegetheorie und Ethik. Theologische Grundlagen und diakonische Profilierung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-8300-5181-7. Reihe: Ethik in Forschung und Praxis - 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11480.php, Datum des Zugriffs 05.12.2022.


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