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Annette Mennicke: Mütter und Väter im evolutionären Licht betrachtet

Cover Annette Mennicke: Mütter und Väter im evolutionären Licht betrachtet – Überraschende Antworten auf alte Fragen. Neue Perspektiven für die Elternbildung vor dem Hintergrund der Biowissenschaften. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2011. 182 Seiten. ISBN 978-3-8382-0175-7. 24,90 EUR.
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Thema

Annette Mennicke geht in ihrer wissenschaftlichen Studie der Frage nach, wie sich das unterschiedliche Verhalten von Frauen und Männern aus der evolutionären Psychologie und Soziologie erklären lässt. Dabei baut sie ihre Argumentation auf zwei empirischen Befunden auf: dem „Traditionalisierungseffekt“ und der „Weichenstellerfunktion der Mütter“ im Kontext der Geburt des ersten Kindes. Aus den Ergebnissen leitet die Autorin Überlegungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zu den Möglichkeiten der Elternbildung, insbesondere der Väterbildung ab.

Autorin

Nach langjähriger Berufstätigkeit als Softwareentwicklerin studierte Annette Mennicke Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie mit Abschluss als Diplom-Pädagogin. Sie forscht auf den Gebieten der evolutionären Sozialisationsforschung, der evolutionären Erziehungswissenschaft und der Organisationspsychologie.

Entstehungshintergrund

Die Autorin bezeichnet sich selbst als Expertin für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als Wissenschaftlerin und Mutter einer Tochter verbindet sie die Lust an der Forschung mit der gelebten Erfahrung als beruflich und familiär engagierte Mutter. Ihr Motto „Mutig Dinge verknüpfen, die auf den ersten Blick scheinbar nicht zusammengehören“ (www.annette-mennicke.de), ist in ihrer Studie eindrucksvoll umgesetzt.

Aufbau

Das Buch besteht aus 11 Kapiteln, die jeweils in mehrere Unterkapitel gegliedert sind. Im ersten Kapitel werden das Thema und der Aufbau der Studie erläutert. In den nachfolgenden Kapiteln werden Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Familienbildung, Familienpolitik, Biowissenschaften, Genetik und Soziobiologie mit Bezug auf die Geschlechterrollen und die Übernahme von Berufs- und Familienarbeit referiert. Das zehnte Kapitel enthält die Zusammenfassung der Ergebnisse und Ableitungen für weitere Forschungsfragen sowie Überlegungen für konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im letzten Kapitel findet der Leser das umfangreiche alphabetisch gegliederte Literaturverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung (Kap. 1) wird der Bogen von den Biowissenschaften zur Elternbildung geschlagen und die Hypothese formuliert, dass „durch eine Elternbildung, die geschlechtstypische Veranlagungen berücksichtigt, gesellschaftliche Strukturen veränderbar sind“ (S. 11). Dabei zielen die Überlegungen insbesondere darauf, Väter zu einer Teilnahme an Elternbildungsangeboten zu motivieren und diese Bemühungen auf ein theoretisches Konzept zu stellen.

Das 2. Kapitel enthält einen kurzen geschichtlichen Abriss der Eltern- und Familienbildung von der ersten Ratgeberliteratur im 17. Jahrhundert über die Mütterschulen zu Beginn des letzten Jahrhunderts bis zu den heutigen Familienbildungsangeboten. Der überwiegende Teil der Angebote ist theoretisch wenig fundiert und im Hinblick auf ihre Wirksamkeit nur selten evaluiert.

Im 3. Kapitel werden die politischen Bemühungen um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf vom Mutterschaftsurlaub (1979) bis zum Elterngeld (2007) nachgezeichnet. Der Anteil der Väter, die zeitweilig aus dem Beruf aussteigen, um sich der Kinderbetreuung zu widmen, ist bis 2009 zwar auf fast 21% gestiegen, aber 75% der Väter nehmen nur die zwei (zusätzlichen) Partnermonate in Anspruch. Ähnliche Ergebnisse liegen aus skandinavischen Ländern vor, d.h. auch hier ist der „Traditionalisierungseffekt“ zu beobachten: Väter überlassen die Familienarbeit weitgehend den Müttern.

Im folgenden Kapitel wird der Ansatz begründet, biowissenschaftliche Erklärungsansätze auf sozialwissenschaftliche Phänomene anzuwenden. Mit der Darstellung der Evolution der Evolutionstheorie (Kap. 5) zeigt die Autorin auf, welcher Dynamik das Forschungsfeld unterliegt, um im folgenden Kapitel die Evolutionstheorie im Übergang zum 21. Jahrhundert und insbesondere die Soziobiologie zu vertiefen, die in den folgenden Kapiteln zur Anwendung kommt. Die Soziobiologie geht von beobachteten Lebensphänomenen aus und entwickelt daraus Hypothesen, mit denen sich mögliche adaptive Funktionen eines Phänomens erklären lassen. Als Beispiel wird die Vorliebe der meisten Menschen für zuckerhaltige Nahrungsmittel angeführt, die sich aus der kohlenhydratarmen Ernährung unserer Vorfahren erklären lässt.

Im 7. Kapitel wird aus der Evolutionsgeschichte begründet, warum es zwei Geschlechter gibt. Die unterschiedliche Größe der männlichen und weiblichen Keimzellen kann damit erklärt werden, dass Keimzellen entweder in großer Zahl bei geringer Größe (Samenzellen) oder in geringerer Zahl mit großem Nährstoffpotential (Eizelle) produziert werden können. Weibliche Keimzellen sichern also ihren Fortpflanzungserfolg durch Nährstoffinvestition, männliche Keimzellen durch Befruchtungshäufigkeit.

Im 8. Kapitel wird der evolutionäre Anpassungswert des Verhaltensunterschieds zwischen den Geschlechtern untersucht. Dabei werden nicht nur Aspekte der intersexuellen Wahl (der Weibchen) und der intrasexuellen Konkurrenz (der Männchen) untersucht, sondern auch der Infantizid als Methode der reproduktiven Konkurrenz: ein Primatenmann tötet ein Junges, das er nicht selbst gezeugt hat. Aber auch Säugetierweibchen töten (ihre) Jungen in bestimmten Situationen.

Das Fazit lautet: Der Fortpflanzungserfolg der Weibchen bemisst sich in der Zahl der Nachkommen, die bis zur Geschlechtsreife überleben, während sich der Fortpflanzungserfolg der Männchen an der Zahl der gezeugten Nachkommen bemisst.

Im 9. Kapitel Lebensgeschichte eines Organismus aus evolutionärer Sicht wird die Frage behandelt, wie Paarungsaufwand (Investition in die Partnerschaft) und Elternaufwand gegen einander abgewogen werden müssen. Bemerkenswert ist, dass Männer sich nach der Geburt des ersten Kindes erheblich weniger an der Hausarbeit beteiligen als zuvor. Dies lässt sich mit dem nicht mehr erforderlichen Paarungsaufwand erklären. Ein anderes Phänomen ist die „Weichenstellerfunktion der Mütter": Väter, die in Elternaufwand investieren und sich um ihre Kinder kümmern wollen, werden von den Müttern daran gehindert, was mit der unbewussten Infantizidabwehr erklärt wird. Diesen Müttern fällt es auch schwer, ihre Kinder in fremde Betreuung (durch Allomütter) zu geben.

Im 10. Kapitel Persistenz der Geschlechterrollen leitet Annette Mennicke Überlegungen für die Elternbildung ab: „Wenn es gelänge, die jeweilige adaptive Funktion eines evolvierten psychologischen Mechanismus (EPM) zu ermitteln, ließen sich die durch die einzelnen EPMs begründeten Verhaltensdispositionen eventuell pädagogisch beeinflussen“ (S. 151). Konkret schlägt die Autorin vor, den Vätern Kenntnisse zur Kinderbetreuung zu vermitteln, auch damit die Mütter ihnen vertrauensvoll die Kinderbetreuung überlassen können. Eine andere Strategie könnte in der Aufwertung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegen. Wenn gerade jene Männer auf der Karriereleiter gefördert werden, die Elternzeit, Familiearbeit und Beruf erfolgreich verbinden, gewinnt Elternaufwand eine ganz neue Wertschätzung.

Diskussion

Annette Mennicke verknüpft in ihrer Studie bio- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, um der Frage nachzugehen, warum sich Väter nach wie vor nur in geringem Umfang an Familienarbeit und Elternzeit zu beteiligen, um daraus Perspektiven für die Elternbildung abzuleiten.

Die Erkenntnisse aus den Biowissenschaften machen den „Traditionalisierungseffekt“ und die „Weichenstellerfunktion der Mütter“ nachvollziehbar. Dabei wird das Forschungsfeld weit abgesteckt. Erkenntnisse aus Erziehungswissenschaft, Ethologie, Soziologie, Soziobiologie und Entwicklungspsychologie werden ergänzt durch Verweise auf Neurowissenschaften und feministische Forschungsansätze. Das Literaturverzeichnis mit Quellen aus dem deutschen und angloamerikanischen Sprachraum enthält Monografien, Übersichtsarbeiten und Fachzeitschriftenartikel. Alle Fach- und Fremdwörter sind mit einer deutschen Übersetzung und einer Herleitung aus anderen Quellen versehen. Wer lernen möchte, wie man korrekt zitiert, kann es bei Annette Mennicke lernen.

Die Erkenntnisse, die aus der Studie abgeleitet werden, sind trefflich unter der Überschrift „Ideenwerkstatt“ aufgeführt. Sie betreffen nicht nur die Elternbildung, sondern auch personalpolitische und familienpolitische Maßnahmen. Damit verspricht der Untertitel des Buches „Neue Perspektiven für die Elternbildung“ einerseits zu viel -die neuen Perspektiven sind erst noch zu entwickeln- und andererseits zu wenig: neue Perspektiven betreffen nicht nur die Elternbildung, sondern auch die Personal- und Familienpolitik.

Fazit

Eine wissenschaftliche Arbeit, die auch für den interessierten Nicht-Wissenschaftler gut verständlich und spannend zu lesen ist. Wer sich selbst mit den Themen Familienbildung, Mutter-/Vaterrolle, Mütter-/Väterbildung, Psychologie der Geschlechtsunterschiede, Evolution oder Soziobioloogie beschäftigen möchte, findet zahlreiche Quellen und Anregungen. Wer vor dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht, erhält Impulse, über das eigene Rollenverständnis als Mutter bzw. Vater nachzudenken. Wer innerhalb seines Betriebes um qualifizierte Mitarbeiter werben möchte, findet ein neues Verständnis für Familienfreundlichkeit.


Rezensentin
Friederike Otto
Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit. Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420
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Zitiervorschlag
Friederike Otto. Rezension vom 08.11.2011 zu: Annette Mennicke: Mütter und Väter im evolutionären Licht betrachtet – Überraschende Antworten auf alte Fragen. Neue Perspektiven für die Elternbildung vor dem Hintergrund der Biowissenschaften. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-8382-0175-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11491.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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