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Hans-Jürgen Hohm: Urbane soziale Brennpunkte

Cover Hans-Jürgen Hohm: Urbane soziale Brennpunkte. Soziale Hilfe und das Programm "Soziale Stadt". Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-1956-8. 18,00 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Soziale Berufe.
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Thema

Warum bilden sich in Großstädten und Metropolen Quartiere aus, die in ihrer städtebaulichen Gestaltung, ihrer Infrastruktur, ihre Anbindung an die Stadt zu Benachteiligungen und Einschränkungen des Lebens, des Aufwachsens und des mentalen und strukturellen Zugangs zur Urbanität als Lebensstil führen? Die stadtsoziologische und theoretische Antwort ist nicht befriedigend: Segregationsprozesse führen nun mal zu einer ungleichen Verteilung des Raums in einer Stadt und damit auch zu Quartieren, in denen eine Bevölkerung wohnt, die sich nur diese Wohnungen unter Marktbedingungen leisten kann oder erst gar keinen Zugang zum Wohnungsmarkt hat. Benachteiligte Wohngebiete wachsen also heran im Kontext und im Spannungsfeld zu bevorzugten Wohngebieten. Sie sind Teil eines in sich geschlossenen Sozialsystems Stadt und Veränderungen in anderen (privilegierten) Bereichen dieses Sozialsystems führen auch zu Veränderungen in benachteiligten Quartieren. Wir haben die benachteiligten Quartiere nicht trotz der privilegierten Wohngebiete, sondern wegen ihnen.

Autor

Dr. Hans-Jürgen Hohm ist Honorarprofessor für Soziologie und Politikwissenschaft am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Rhein-Main Wiesbaden und an den Fachbreichen Soziale Arbeit und Heilpädagogik der Katholischen Hochschule Freiburg. Außerdem hat er einen Lehrauftrag am Institut für Soziologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist eine Neuauflage des 2003 erschienen Buches „Urbane soziale Brennpunkte, Exklusion und soziale Hilfe“.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer Einleitung in vier große Kapitel

  1. Die Kommune als Sozialsystem
  2. Der Exklusionsbereich urbaner sozialer Brennpunkt
  3. Das Funktionssystem Soziale Hilfe und sozialpädagogische Familienhilfe
  4. Ausblick: „Soziale Stadt“ - eine positive Vision der Transformation sozialer Brennpunkte durch Kontextsteuerung oder Reformpoesie?

Dabei steht als Beispiel das Gallusviertel in Frankfurt/Main als ein „Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf“ Pate.

Und es geht um einen systemtheoretischen Zugang zu diesem Thema in Anlehnung an Niklas Luhmann, mit deren Hilfe nicht nur die Kommune als soziales System betrachtet wird, sondern auch die sozialpädagogische Familienhilfe bewertet wird und nach bestimmten Kriterien analysiert wird.

1. Die Kommune als Sozialsystem

In diesem Kapitel beschäftigt sich der Autor mit drei Fragen:

  1. Lassen sich die Kommunen überhaupt als autonome Sozialsysteme begreifen oder sind es Subsysteme des Gesellschaftssystems? Ja - denn sie sind auf die Funktion des umfassenden nahräumigen Zugangs der Einwohner zu den global und national selektiv ausdifferenzierten Funktionssystem zugeschnitten.
  2. An welchen Formen der gesamtgesellschaftlichen Differenzierung schließen die Kommunen als soziale Systeme an? Dies hieße, dass sich Modernisierungsprozesse linear durchsetzen müssten und als eine Kombination von segmentärer und funktionaler Differenzierung erscheinen müssten. Dies ist aber aus vielen Gründen nicht der Fall, die von Hohm hier aufgeführt werden.
  3. Inwieweit stellen Großstädte das Paradigma moderner Kommunen dar? An Themen wie: Urbane Funktionsbereiche; Urbane Sozialstruktur und Infrastruktur; Urbane Temporalstruktur; Urbane Konfliktthemen und Urbane Selbstbeschreibungen macht der Autor fest, dass die Großstädte durchaus paradigmatisch für moderne Kommunen stehen, auch wenn nicht alle Großstädte in gleicher Weise diese Funktionen ausfüllen.

2. Der Exklusionsbereich urbaner sozialer Brennpunkt

Bereits das erste Kapitel endet mit einer Übersicht der Merkmale des lokalen Inklusions- und Exklusionsbereichs sozialer Brennpunkt. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Begriff des Sozialen Brennpunkts und den damit verbundenen Konnotationen definiert Hohm soziale Brennpunkte als „Urbane Wohnquartiere, die defizitäre, diskreditierte und segregierte Sozialräume im Nahbereich symbolisieren und ihre konfliktreiche Systemgeschichte als emergentes Resultat von lokaler/supralokaler Evolution und Steuerungsversuchen kommunikativ reproduzieren.“ (46) Weiterhin diskutiert der Autor Zusammenhänge

  • von defizitärer Infrastruktur und räumlicher Exklusion,
  • von randständigen Milieus und sozialer Exklusion,
  • von Eigenzeit und Exklusionskarrieren,
  • von riskanten Problemlösungen exkludierter Personengruppen und
  • von moralischer Selbst- und Fremdbeobachtung exkludierter Personengruppen.

Er kommt zu dem Schluss, dass mit der räumlichen Segregation und der damit zusammenhängenden Verdichtung von Binnen- und Außenräumen Folgen verbunden sind, dass die Lebenslagen durch Mehrfachexklusion gekennzeichnet sind, dass Exklusionskarrieren unterschiedlich verlaufen, dass die Chancen und Risiken davon abhängen, inwieweit es den Personen gelingt, ihre Freiheiten wahrzunehmen und das Potential an Selbstachtung und Selbsthilfe zu entwickeln.

3. Das Funktionssystem Sozialer Hilfe und Sozialpädagogische Familienhilfe

Die aktuelle Debatte in der Sozialen Arbeit wird ja bestimmt von der Frage, inwieweit das System sozialer Hilfen ein (sekundäres) Funktionssystem ist. Daran knüpft Hohm in diesem Kapitel an. Im Kern geht es ihm um die Frage, welchen Beitrag ambulante Erziehungshilfen auf der lokalen Ebene des Systems sozialer Hilfe für die Stabilität urbaner sozialer Brennpunkte und ihre Bewohnerschaft haben. Die vom primären System erzeugten Exklusionsrisiken sollen dabei durch das Funktionssystem Sozialer Hilfen bearbeitet werden, was wiederum darauf verweist, dass das sekundäre System auf die Produktion dieser Risiken angewiesen ist. Dies wird vom Autor sehr breit diskutiert und begründet.

Die allgemeinen Überlegungen werden dann auf lokaler Ebene an Hand der Sozialpädagogischen Familienhilfe konkreter. Auf der Ebene der gesetzlichen Rahmenbedingungen und der strukturellen Vorgaben der Sozialgesetze versucht die Kommune, die Sozialpädagogische Familienhilfe als organisiertes Interaktionssystem zu implementieren. Hohm begründet dies sehr umfangreich, bis hin dass er systemtheoretische Kriterien der Erfolgskontrolle, aber auch die Möglichkeiten und Grenzen der Sozialpädagogischen Familienhilfe benennt.

4. Ausblick: „Soziale Stadt“ - eine positive Vision der Transformation sozialer Brennpunkte durch Kontextsteuerung oder Reformpoesie?

Dieses Kapitel wird von Hohm eingeleitet mit der Vorstellung des Bund-Länder-Programms „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt“. Die mit dem Programm und seiner Praxis vertrauten Leserinnen und Leser werden hier einiges noch einmal strukturiert wieder finden, was inzwischen auch vertraut ist.

Was aber danach kommt ist entscheidend: Der Bezug zu Luhmanns Reformtheorie und ihr Bezug zum Programm „Soziale Stadt“. Die mit der Implementation des Programms verbundene Aufbruchstimmung und die Wiederentdeckung sozialer Brennpunkte in den Städten durch die Städte wird von Hohm an Hand zeitgenössischer Zitate belegt; seine Überlegungen zu Luhmanns Reformtheorie werden am Beispiel des Gallusviertels in Frankfurt und dessen Entwicklung dargestellt. Sein Fazit: Das „hyperkomplex angelegte Programm 'Soziale Stadt' (geht) mit bei seiner Implementierung vor Ort - z. B. beim Reformvorhaben 'Soziale Stadt Gallus' - mit vielfältigen Deformationen einher"(213). Dies reicht von der Anpassung der Leitideen an die Realität über die Knappheit des Geldes, die Intransparenz der selbstbewirkten Effekte bis zu einer Reihe weiterer Probleme. Diese werden durch die Reformpoesie deproblematisiert. Die normativen Erwartungen an eine wirkliche Entwicklung der Stadtteile werden nicht mit dem reflexiv zusammengebracht, was in den Kommunen und ihren Stadtteilen geht oder nicht. (vgl. 213)

Diskussion

Das Buch ist eine wirkliche Bereicherung in der theoretischen Auseinandersetzung um die Entwicklung der Städte und ihrer Probleme.

Wer sich im Bereich der Systemtheorie auskennt, gewinnt diesem Buch ganz viele neue Aspekte ab, die im Kontext der Analyse sozial benachteiligter Quartiere auch stadtsoziologisch noch keine entscheidende Rolle gespielt haben: Die Stadt als soziales System. Das Buch erweitert auch die Perspektive der Betrachtungen desjenigen, der sich bisher in der Analyse Sozialer Brennpunkte im Kontext stadtsoziologischer Überlegungen und im Kontext kommunaler Sozialpolitik durchaus auskennt. Das Buch ist nicht gedacht für denjenigen, der sich sozialpolitische Hinweise erhofft und auch nicht für denjenigen, der nach weiteren empirischen Belegen sozialräumlicher Segregationsprozesse sucht. Aber diejenigen, die z. B. in der Exklusions-Inklusions-Debatte noch nicht zufrieden gestellt oder sicher sind, finden in diesem Buch einen höchst interessanten Begründungsrahmen.

Fazit

Ein Buch, das sich lohnt, wenn man mehr wissen will, als das, was wir bislang über soziale Brennpunkte eh“ schon wissen!


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 27.06.2011 zu: Hans-Jürgen Hohm: Urbane soziale Brennpunkte. Soziale Hilfe und das Programm "Soziale Stadt". Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-1956-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11496.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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