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Farida Akhter: Seeds of Movement - Samenkörner sozialer Bewegungen

Cover Farida Akhter: Seeds of Movement - Samenkörner sozialer Bewegungen. Über Frauenfragen in Bangladesh. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. 340 Seiten. ISBN 978-3-86226-032-4. 22,80 EUR.

Reihe: Frauen - Gesellschaft - Kritik - 53.
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Die menschliche Zukunft ist weiblich

Ist Entwicklung Menetekel oder Perspektive menschlichen Daseins? Dieser Zweifel wird zwar nicht erst gehegt, seit in der immer interdependenter, entgrenzender und materialistischer sich entwickelnden (Einen?) Welt das ökonomische Gefälle deutlicher sichtbar wird, dass die Reichen immer reicher und die Habenichtse, lokal und global immer ärmer werden; doch das Auseinanderdriften zwischen den Besitzenden und Machthabenden und den Besitz- und Machtlosen wird zur Bedrohung menschlicher Existenz. Das ist eine Tatsache, die nur noch von denen bestritten wird, die daran interessiert sind, aus Macht- und Habgier, dass sich am Weltzustand möglichst wenig ändert. Dabei pfeifen es nicht nur die Spatzen von den Dächern, sondern es verkünden und prognostizieren auch nationale und internationale Gremien, wie z. B. die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995 / 1997) in ihrem Bericht zur globalen menschlichen Entwicklung „Our Creative Diversity“ (Unsere kreative Vielfalt): „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Die entwicklungspolitische, regierungsamtliche Politik sieht (sah?) „Frauen als Trägerinnen von Entwicklung“ an und fördert(e!) gezielt Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit, bei denen Frauen tragende Rollen innehaben. Nationale und internationale Einrichtungen und Zusammenschlüsse, wie etwa die Weltfrauenkonferenzen der Vereinten Nationen und deren Nachfolgeorganisationen, die Weltsozialforen, Terre des Femmes, feministAttac, nationale Frauenräte, Gender-Organisationen und feministische Initiativen, treten dafür ein, dass das Menschenrecht der Gleichheit - „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ - sich endlich weltweit durchsetzt.

Entstehungshintergrund und Autorin

Bewusstseins- und Gesellschaftsveränderung, individuell und kollektiv, lokal und global, fällt nicht vom Himmel; sie ist auch nicht angeboren oder wird vererbt, sondern muss erworben werden. Durch Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung! Dabei sind es immer Individuen, die aus Überzeugung dafür eintreten, dass die lähmenden Einstellungen - „Das haben wir schon immer so gemacht! - Das haben noch nie so gemacht! - Da könnte ja jeder kommen!“ - überwunden werden. Eine davon ist die em. Kölner Soziologin Maria Mies (geb. 1931), die dafür eintritt, dass Lokalisieren vor Globalisieren erfolgen und dabei die Bedeutung der Frauen als Entwicklungsinitiatorinnen stärker in den Blick und in das gesellschaftliche Denken und Handeln genommen werden muss. Ihr geschlechtsspezifischer und interkultureller Blick über die Mauer von Traditionen, männlicher Macht, Arroganz und Ignoranz, ihre Aufenthalte in anderen Ländern, insbesondere in „Entwicklungsländern“, ihre Forschungsauseinandersetzungen und ihr konsequentes Denken und Handeln haben dazu geführt, dass ihr Ruf international anerkannt ist. Maria Mies gibt ein Buch heraus, das davon zeugt, dass Frauen in ihrer Gesellschaft und weltweit durch ihre engagierte, emanzipatorische und entwicklungspolitische Arbeit etwas verändern können; und zwar in allen Gesellschaften und Zivilisationen.

Die Bangladeshi Farida Akther ist eine seit Jahrzehnten in ihrem Land, in Südasien und weltweit bekannte und anerkannte Verfechterin von Menschenrechten. Als Geschäftsführerin der Organisation UBINIG (Forschungseinrichtung für Alternativen zur Entwicklungspolitik) in Bangladesh, setzt sie sich für Projekte zur Ernährungssicherung, der Kleinbauernförderung, der Erhaltung von Kulturtraditionen und der Emanzipation der Frau auf dem Lande ein. Ihr Motto ist dabei: Entwicklungen und Bewegungen säen! Sie nimmt das Samenkorn als Symbol für soziale und politische Veränderungen, um eine neue Bauernbewegung (Nayakrishi Andolon) in ihrem Land zu begründen; z. B., um „giftfreie Dörfer“ einzurichten und nachhaltige landwirtschaftliche Produktion ohne Abhängigkeiten von Großkonzernen und industriellem Anbau zu betreiben; eine Initiative, die sich in Südasien auch in anderen Ländern etabliert. Zusammen mit Aktivistinnen und Expertinnen aus anderen Ländern setzt sich Farida Akther dafür ein, dass die dominanten Strukturen der so genannten Industrieländer gegen die so genannten Entwicklungsländer aufgehoben werde und die ungleich verteilte Macht innerhalb der Vereinten Nationen, der Weltbank, FAO, u. a. korrigiert wird. Sie gehört zu den Mitgründerinnen eines globalen feministischen Netzwerks, das jährlich Konferenzen durchführt und sich damit zu Wort meldet: FINRRAGE (Feminist International Network of Resistance to Reproductive and Genetic Engineering).

Aufbau und Inhalt

Farida Akther legt in dem Sammelband Texte vor, die in der Zeit von 1990 bis 2006 im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten entstanden sind, bei nationalen und internationalen Konferenzen vorgetragen wurden und als Zeitungsartikel erschienen sind. Sie gliedert die Beiträge in fünf Kapitel.

„Die Erinnerung ist weiblich“, titelt sie den ersten Teil. Es sind Statements, Reflexionen, Positionsdarstellungen, kritische Einwürfe und Fragezeichen, die zum Nachdenken auffordern, zur Identifikation einladen und Stellungnahmen herausfordern; etwa die Bezugnahme auf „Khona“, eine Frauengestalt aus der Mythologie und Geschichte Bangladesh?, deren Wirken sie übersetzt als Symbol weiblichen Wissens und des Widerstands gegen Patriarchat und Unterdrückung.

Im zweiten Kapitel setzt sich die Autorin auseinander mit „Entwicklung und Entwicklungsgurus“ und der Aufforderung: „Es ist an der Zeit, umzudenken“. Dabei setzt sie sich auch kritisch mit der international so hochgelobten Initiative ihres Landsmannes Muhammad Yunus, durch Mikrokredite die wirtschaftliche Entwicklung voran zu bringen: „Der Mikrokredit kann aufgrund der Feminisierung von Verschuldung, zu der er führt, als die neueste Entwicklungskatastrophe betrachtet werden“.

Im dritten Kapitel stellt Farida Akther die von ihr gegründete Initiative UBINIG (Politische Forschung für Alternativen von Entwicklung) vor und zeigt an mehreren Beispielen auf, welche Möglichkeiten sich für die Landwirtschaft, Familie, Gesundheitswesen, Handwerk, Bildung und Ernährungssicherung ergeben: „Frauen sind zuständig für Pflanzen, Gesundheit und Biodiversität“.

Das vierte Kapitel behandelt das Skandalon des Menschen-, insbesondere des Frauen- und Kinderhandels, und die Widerstände, wie sie sich in Bangladesh, Nepal, Pakistan, Indien und Sri Lanka bilden; z. B. durch die Bildung eines südasiatischen Netzwerkes gegen Frauen- und Kinderhandel: SAARC (South Asia Association of Regional Co-operation).

Im letzten Kapitel macht die Autorin deutlich, dass „jede Form von Aggression und Krieg ( ) Gewalt gegen Frauen (ist)“. Die Organisation „Sammilita Nari Samaj“, die „Vereinigte Front der Frauen“, bringt im öffentlichen und politischen Leben diejenigen Themen zur Sprache, die von der männerdominierten Macht vermieden werden: „In der ganzen Welt sind Frauen mit der Bedrohung durch das kapitalistische Patriarchat konfrontiert, das überall Gewalt hervorbringt“. Dabei geht es auch um die Auseinandersetzung über die von Samuel Huntington in die Welt gebrachten Ängste vom „Kampf der Kulturen“ ( vgl. dazu auch: Shadia Husseini de Araújo, Jenseits vom „Kampf der Kulturen“. Imaginative Geographien des Eigenen und des Anderen in arabischen Printmedien, Bielefeld 2011, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/12016.php).

Es sind vor allem die schlichten Worte, die eher Erzählungen denn formale Berichte sind, die Leiden, Verzweiflung, aber auch Widerstandskraft ausdrücken, etwa zum Irakkrieg und den zynischen Handhabungen, politische Meinungsverschiedenheiten und Konflikte zuallererst kriegerisch und nicht friedlich zu lösen.

Fazit

Von den Webern aus Bangladesh werden „Nakshibhuti“ in die Stoffe eingearbeitet.

Sie sollen den Trägerinnen und Trägern Lebenskraft und Wohlbefinden. Es sind Vögel, Pflanzen und Blumen, die in der Umdeutung der Autorin, Samenkörner des Lebens symbolisieren. Das Symbol der Samenkörner dient Farida Akther dazu, ihre Vision von den sozialen Bewegungen in ihre Gesellschaft und in die Welt zu tragen.

Die im Sammelband abgedruckten Texte sind sowohl Rufe der Verzweiflung, als auch Schreie des Protestes gegen die vielfältigen Menschenrechtsverletzungen überall in der Welt, vor allem an Frauen und Kindern. Es sind aber auch Lieder der Hoffnung, dass die (wachsenden) emanzipatorischen, feministischen und solidarischen Bewegungen, an deren Wirken Farida Akther, Maria Mies und viele andere Frauen in der Welt beteiligt sind, Erfolg haben: „Ich glaube, dass die Schaffung der Zukunft aus der Gegenwart, eingebettet in die Vergangenheit, ein weibliches Vorhaben ist“. Vielleicht trägt zur Verwirklichung dieser konkreten Utopie auch der wissenschaftlich annotierte Entwurf eines interkulturellen Verstehenskonzeptes bei ( vgl.: Judith Schildt, Konkreter Perspektivismus. Selbstverhältnisse, Beziehungen zum Anderen und die Frage nach dem Verstehen im interkulturellen Kontext, Marburg 2010 ).

Denn, das kann als Ertrag der Aktherschen Texte gefiltert werden: Die Samenkörner der sozialen und politischen Bewegungen mit dem Ziel, dass alle Menschen auf der Erde Anteil am euzôia, am guten Leben (Aristoteles) haben, werden ohne „Khona“, dem weiblichen Wissen um das Leben und dem Bewusstsein für humane, nachhaltige und demokratische Entwicklung, nicht aufgehen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.10.2011 zu: Farida Akhter: Seeds of Movement - Samenkörner sozialer Bewegungen. Über Frauenfragen in Bangladesh. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-86226-032-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11498.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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