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Jörg M. Fegert, Christina Berger u.a.: Umgang mit sexuellem Mißbrauch

Cover Jörg M. Fegert, Christina Berger, Uta Klopfer, Ulrike Lehmkuhl, Gerd Lehmkuhl: Umgang mit sexuellem Mißbrauch. Institutionelle und individuelle Reaktionen. Forschungsbericht. Votum Verlag (Münster) 2001. 231 Seiten. ISBN 978-3-933158-70-3. 22,00 EUR.

Hrsg.: Volkswagen-Stiftung - Förderschwerpunkt Recht und Verhalten.
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Einführung in das Thema

Aus dem ursprünglichen Tabu-Thema "Sexueller Mißbrauch" ist mittlerweile längst ein Mode-Thema geworden, dem nicht nur in der Fachöffentlichkeit eine unübersehbare Bedeutung zukommt. Vor Jahren schon haben die Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, dieses Thema geradezu begierig aufgegriffen und vermarktet. Auch wenn die eigentliche Aktualität nicht mehr wirklich gegeben ist und das vielfach voyeuristische Interesse in letzter Zeit etwas nachgelassen hat, tauchen in den Programmen vieler Sender entsprechende Themen immer wieder auf. Die Literatur über den sexuellen Mißbrauch ist inzwischen schon selbst für Fachleute kaum noch überschaubar. Dass aber auch hier Quantität nicht unbedingt mit Qualität einher geht, ist für ernsthaft interessierte Leser/innen offensichtlich, und die Grenzen zwischen seriösen Fachbüchern und bestenfalls populärwissenschaftlichen oder ideologisch orientierten Themenbüchern sind vielfach fließend und nicht immer gleich erkennbar.

Selbst bei einer kritischen Analyse der thematisch relevanten Fachbücher von renommierten Verlagen zeigt sich, dass es bei den Inhalten häufig auch um individuelle Einschätzungen und Erfahrungen, um Botschaften und Bekenntnisse geht. Fundierte und gut reflektierte Erkenntnisse und überzeugende Arbeitsperspektiven im Interesse der betroffenen Opfer finden sich viel zu selten, und mehr als enttäuschend verläuft die Suche nach erfahrungswissenschaftlich fundierten Veröffentlichungen zum sexuellen Mißbrauch - zumindest in der deutschsprachigen Fachliteratur.

Dieses Empiriedefizit hat sicherlich auch finanzielle Gründe, und es ist offensichtlich, dass der hier vorgelegte Forschungsbericht in dieser wissenschaftlich beeindruckenden Form überhaupt nur möglich war, weil hierfür entsprechende Mittel durch die Volkswagen-Stiftung zur Verfügung gestellt wurden.

Erfahrene und angesehene Fachwissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie Jörg Fegert, Gerd und Ulrike Lehmkuhl u.a. haben mit diesem fachübergreifenden Forschungsbericht eine längst notwendige, empirisch bemerkenswert aufwendige und informative Untersuchung vorgelegt. Sie stellt allerdings eine gewiss nicht ganz einfache Lektüre dar.

Zentrale Fragestellungen

Zentrale Fragestellungen dieser Untersuchung waren: Wie geht man in den zuständigen Institutionen mit den mißbrauchten Kindern und Jugendlichen, aber auch mit den betroffenen Eltern um? Und: welche Folgen hat der Mißbrauch und der institutionelle Umgang mit den Mißbrauchsproblemen (!) für die Opfer?

Dass diese Thematik angemessen interdisziplinär untersucht wurde, macht die Veröffentlichung besonders interessant und aussagekräftig, auch wenn die Ergebnisse streng erfahrungswissenschaftlich betrachtet nicht repräsentativ sind. Dass dies ohnehin bei einem so sensiblen und differenzierten Forschungsprojekt nicht zu leisten ist, wird bereits im Vorwort der Veröffentlichung offen angesprochen. Eine kritische Lektüre des Buchs zeigt aber, daß diese forschungstechnische Einschränkung die grundsätzliche Bedeutung der Untersuchungsergebnisse nicht wirklich beeinträchtigt.

Übersicht über Aufbau und Inhalt

Dieser Forschungsbericht ist explizit mehr als nur eine interdisziplinäre wissenschaftliche Bestandsaufnahme, denn er bietet als Konsequenz aus den Forschungsbefunden auch wichtige Anregungen zur Bearbeitung von Mängeln und Problemen des Hilfssystems für die direkt und indirekt Betroffenen. Gerade das macht das Buch auch so interessant und wichtig.

Das Buch ist gut nachvollziehbar in fünf Hauptkapitel gegliedert: Einleitung, Aufbau der Untersuchung, Methoden, Ergebnisse, Diskussion. Für die wissenschaftlich nicht kompetenten bzw. wissenschaftlich nicht besonders interessierten Leser/innen sind dabei vor allem die Ergebniszusammenfassungen im vorletzten und die Diskussion der wichtigsten Ergebnisse im letzten Hauptkapitel informativ und bedeutsam.

1. Einleitung

Die ausführliche und differenzierte Einleitung informiert grundlegend über die Strukturen des verzweigten Hilfe- und Sanktionssystems bei sexuellem Mißbrauch in Deutschland. Hier wird bereits das weit verbreitete Nebeneinander, zuweilen sogar Gegeneinander im System der Hilfe und der Helfer/innen thematisiert. Verdeutlicht wird aber auch zu Recht der Antagonismus von Hilfe und Strafe, von psychosozialen Interventionserfordernissen einerseits und Strafverfolgungsintentionen bzw. Strafverfolgungserfordernissen andererseits - personifiziert vor allem durch so unterschiedliche Rollenträger wie Mitarbeiter/innen der Jugendhilfe und Repräsentanten der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft.

Zudem wird auch die Problematik innerhalb des Systems der Helfer/innen in den Blick genommen; denn hier geht es oft sehr konkurrierend, zuweilen sogar kontrovers zu. Eine hinreichende Vernetzung im Hilfe- und Helfersystem wird vor allem auch - aber eben nicht nur - durch Prestigedenken und Konkurrenzverhalten nachhaltig behindert: So jedenfalls eine zentrale These in der Einleitung, der in der folgenden empirischen Untersuchung nachgegangen wurde.

2. Kapitel: Aufbau der Untersuchung

In diesem Kapitel wird zunächst der Begriff "Sexueller Mißbrauch" über die Definition der WHO hinausgehend situations- bzw. handlungsbezogen konkretisiert. Dies war wegen der in der öffentlichen Diskussion verbreiteten Begriffsdiffusion zum Verständnis der Arbeit wichtig und richtig. Unverzichtbar für das Verständnis der Untersuchung ist aber auch die hier thematisierte ambivalente bis ablehnende Haltung gegenüber Forschungsvorhaben, die in der Praxis sehr häufig anzutreffen war. Vorgebracht wurden dabei vor allem Opferschutzargumente, Arbeitsüberlastung, Wissenschaftsskepsis und - eher verbrämt - Kontrollängste. Auch hier wird wieder deutlich: Wenn es um die Realisierung der gerade auch von der Praxis nachdrücklich geforderte Praxisorientierung und Praxisnähe des wissenschaftlichen Arbeitens geht, gilt allzu häufig die Devise: empirische Forschung ja, aber bei uns aus gewichtigen Gründen leider nicht. Das übergreifende Untersuchungsziel der Verfasser/innen, "...in einem interdisziplinären Ansatz die Wechselbeziehungen von rechtlichen Bestimmungen, tatsächlicher Rechtspraxis und Helferverhalten und den daraus resultierenden Folgen für die betroffenen Kinder und Familien zu untersuchen" (S. 34), ist angesichts der erwähnten Widerstände ein bemerkenswert anspruchsvolles Vorhaben mit beachtlicher Brisanz.

3. Kapitel: das methodische Vorgehen

Ausführlich schildern die Verfasser/innen ihr methodisches Vorgehen bei der Expertenbefragung sowie bei der sehr differenzierten und aufwendigen kinderpsychiatrischen und kinderpsychologtischen Untersuchung (Betreuungsexperten, betroffene Kinder und Eltern). Insbesondere die Beschreibung der Anlage und Durchführung der Untersuchung, unverzichtbar für einen Forschungsbericht und eine gute Basis zum Verständnis und zur Würdigung der Untersuchungsergebnisse in Kapitel 4, ist allerdings für Leser/innen ohne entsprechende methodische Kompetenz schwer nachvollziehbar.

4. Kapitel: Ergebnisse

Der Forschungsbericht bietet im vierten Kapitel zunächst eine beeindruckende Fülle an empirischen Befunden einer Expertenbefragung in Köln und Berlin bei Strafverfolgungsbehörden, Familien- und Vormundschaftsgerichten und psychosozialen Versorgungseinrichtungen. Sie sind aktuell, ohne allerdings repräsentativ zu sein, allem Anschein nach aber von exemplarischer Bedeutung (vgl. Einleitung).

Darüber hinaus wird im Rahmen einer sehr detaillierten Stichprobenuntersuchung von 57 mißbrauchten Kindern in diesen beiden Städten deutlich, in welch großem Ausmaß mißbrauchte Kinder aus einer sozial ungünstigen Familiensituation stammen und wie sehr sie selbst, aber meistens auch ihre Mütter, vor allem durch einen innerfamiliären Mißbrauch psychisch belastet worden sind, sehr viel stärker als bei einem extrafamiliären Mißbrauch. Die besondere psychische Belastung bei innerfamiliärem Mißbrauch bestätigt weitgehend den vorliegenden Kenntnisstand über Mißbrauchsfolgen. Überraschender ist dagegen die in der Untersuchung typische Konzentration der Opfer auf häufig unvollständigen Herkunftsfamilien in besonders sozialen problematischen Lebenslagen. Dieser Befund ist in der Fachliteratur häufig unangemessen relativiert worden. Es wurde so der irreführende Eindruck erweckt, alle Väter seien potentielle Täter und alle Familien seien sexuelle Risikofamilien.

5. Kapitel: Zusammenfassung und Diskussion der wichtigsten Ergebnisse

Im fünften Kapitel werden die wichtigsten Untersuchungergebnisse zusammengefaßt und zur Diskussion gestellt. Die Lektüre dieses Abschlußkapitels verdeutlicht nicht nur den Experten die Aktualität und auch die Brisanz der zentralen Befunde. Die im Forschungsbericht empirisch erfaßte Institutionenvielfalt des Hilfesystems bei sexuellem Mißbrauch ist sicherlich keine ganz neue Erkenntnis, und das gilt auch für die nachgewiesene häufig mangelhafte Kooperation und Vernetzung der beteiligten Institutionen. Gleichwohl beeindruckt die interessierten Leser/innen die Eindeutigkeit und Klarheit dieser kritischen, aber nicht parteilichen Forschungsergebnisse.

Zudem machen die anschaulichen Befunde über die fehlende Orientierung bei der Nutzung der Hilfsangebote durch die Mißbrauchsopfer und deren Familien betroffen. Die Forderung nach weniger Helfer/innen bzw. weniger Institutionen, dafür aber überschaubarere, intensivere und vor allem besonders zielgerichtete Hilfsangebote ist plausibel und konsequent. Ja, sie ist möglicherweise sogar kostengünstiger, zumindest aber kostenneutral im Vergleich mit der gegenwärtigen Situation.

Nutzen für unterschiedliche Zielgruppen

Festzuhalten bleibt: Auch für Leser/innen ohne hinreichende erfahrungswissenschaftliche Kompetenz bietet dieser Forschungsbericht vor allem durch sehr hilfreiche Zusammenfassungen der wichtigsten Untersuchungsergebnisse und eine Vielzahl sehr anschaulicher Schaubilder eine gelungene Informationsquelle. Dass man über diese Faktendarstellung hinaus auch im Umgang und in der Bewertung der Befunde vom Autorenteam nicht allein gelassen wird, zeigt insbesondere das letzte Kapitel des Buchs. Hier werden soweit als möglich die wichtigsten Ergebnisse im Lichte anderer Daten und Forschungsergebnisse reflektiert und in ihren möglichen Konsequenzen für die aktuelle Praxis diskutiert. Dabei erweist sich der interdisziplinäre Forschungsansatz wiederum als vorteilhaft im Hinblick auf die Anregungen zur Verbesserung der vielen Praxisprobleme beim Umgang mit Mißbrauch (unüberschaubare und teilweise rivalisierende Institutionenvielfalt, unzureichende Kooperation und Vernetzung u.a.). Unverzichtbar ist auch die Thematisierung der Grenzen des Strafrechts vor allem beim Umgang mit den Tätern sowie die notwendige Problematisierung des auch institutionell bedingten Mißtrauens zwischen Justiz und Jugendhilfe, das hier nicht, wie so oft, kasuistisch oder gar parteilich betrachtet, sondern kritisch reflektiert wird.

Die vorgenommene Würdigung der vielfältigen Ergebnisse für die Opfer macht deutlich, wie wichtig eine differenzierte und individualisierte Betrachtung der unterschiedlichen Lebenssituationen im Umgang mit den Betroffenen ist - ein Erfordernis, dem in der herkömmlichen Fachliteratur viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Das Forschungsteam fordert vor diesem Hintergrund zu Recht mehr zielgruppenorientierte Präventions- und Frühbehandlungsprogramme. Doch leider fehlt es hierzu in dem Bericht an konkreteren Vorschlägen.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass der Forschungsbericht auch von den institutionell und politisch Verantwortlichen zur Kenntnis genommen wird und die Weichen für notwendige Verbesserungen gestellt werden. Doch wer um die Widerstände gegenüber Reformen weiß, die in traditionell gewachsenen Institutionen herrschen, wird berechtigte Zweifel hegen. Dennoch: Unter dem Druck zunehmender Sparzwänge im Umgang mit öffentlichen Mitteln gerade auch für das untersuchte Arbeitsfeld sind Reformhoffnungen wohl doch nicht ganz unrealistisch.

Fazit

Wie im Untertitel des Buchs ausdrücklich formuliert, handelt es sich bei dieser Veröffentlichung um einen Forschungsbericht über institutionelle und individuelle Reaktionen beim Umgang mit sexuellem Mißbrauch. Und es ist explizit das Ziel dieser Arbeit, einen generellen, empirisch fundierten Überblick über den Umgang mit der Problematik aus der Sicht der Betroffenen und aus der Sicht der Experten zu bekommen. Dieser Anspruch ist mit dem vorgelegten Bericht überzeugend erfüllt worden. In den zusammenfassenden und reflektierenden Passagen des Buchs wird dies auch Fachleuten in der Praxis und interessierten Laien nachvollziehbar nahe gebracht.

Darüber hinaus bietet die Veröffentlichung ein für Deutschland bisher einmaliges Beispiel für eine interdisziplinäre Untersuchung in diesem Bereich, das auch gerade Außenstehenden den Umgang mit sexuellem Mißbrauch anschaulich und transparent macht. Der Bericht als Ganzes ist allerdings nur für forschungmethodisch kompetente Leser/Innen nachvollziehbar. Beeindruckend für die Fachwissenschaftler/innen ist besonders die sehr umfängliche und differenzierte Dokumentation und Reflexion der vielen Detailergebnisse im vierten Kapitel.


Rezensent
Prof. Dr. Axel Rathschlag
Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften


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Zitiervorschlag
Axel Rathschlag. Rezension vom 06.05.2002 zu: Jörg M. Fegert, Christina Berger, Uta Klopfer, Ulrike Lehmkuhl, Gerd Lehmkuhl: Umgang mit sexuellem Mißbrauch. Institutionelle und individuelle Reaktionen. Forschungsbericht. Votum Verlag (Münster) 2001. ISBN 978-3-933158-70-3. Hrsg.: Volkswagen-Stiftung - Förderschwerpunkt Recht und Verhalten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/115.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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