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Evangelische Stiftung Alsterdorf, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (Hrsg.): Enabling community

Rezensiert von Prof. Dr. Albrecht Rohrmann, 18.07.2011

Cover  Evangelische Stiftung Alsterdorf, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (Hrsg.): Enabling community ISBN 978-3-9810756-6-3

Evangelische Stiftung Alsterdorf, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (Hrsg.): Enabling community. Anstöße für Politik und soziale Praxis. Alsterdorf Verlag GmbH (Hamburg) 2010. 319 Seiten. ISBN 978-3-9810756-6-3. 19,90 EUR.
Konzeption und Redaktion: Stefan Kurzke-Maasmeier (verantw.).

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Thema

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat das Thema ‚Inklusion‘ auf die fachliche und politische Agenda gesetzt. Nach dem Ansatz der Inklusion sollen gesellschaftliche Strukturen, Institutionen und Organisationen durch gezielte Maßnahmen so gestaltet werden, dass der Ausschluss von sozialen Gruppen von vornherein vermieden wird. Die gegenwärtigen Debatten und Widerstände gegen die Umsetzung der Vorgaben der Konvention, beispielsweise im Bildungsbereich, zeigen, dass dazu die Ratifizierung einer Konvention noch wenig beiträgt. Es werden Konzepte benötigt, mit denen der normative Gehalt des Inklusionsansatzes in politische Strategien umgesetzt werden kann. Die Beiträge dieses Sammelbandes beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspektiven damit, wie die Befähigung dieser Strategien aussehen kann.

Entstehungshintergrund

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf und die Katholische Fachhochschule für Sozialwesen Berlin haben im Mai 2009 zum Thema ‚Enabling Community‘ einen Fachkongress veranstaltet, der an vorhergehende Kongresse zum Thema ‚Community Care‘ und ‚Community Living‘ anknüpft. Die Kongresse dokumentieren die Neupositionierung eines Trägers, der sein Versorgungsangebot in einer stationären Großeinrichtung zu einem gemeindeintegrierten flexiblen Dienstleistungsangebot umgebaut hat und einen gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch formuliert. In dem vorliegenden Sammelband wurden die überarbeiteten Haupt- und Impulsvorträge des Kongresses von 2009 aufgenommen. Im Anschluss an den Kongress wurde in einer Forschungswerkstatt an dem Thema weitergearbeitet und ein Positionspapier vorgelegt, das Empfehlungen an die Kommunalpolitik, die Verwaltung und die Soziale Arbeit enthält (www.enabling-community.de/).

Aufbau

Der Sammelband beginnt mit Grußworten aus Politik und Verbänden, einem Vorwort der Herausgeber, einer Einführung in das Thema und einer Übersicht über den Sammelband. Die weiteren Beiträge sind in drei Teile unterteilt. Im Teil A werden Grundlagentexte und Perspektiven einer inklusiven Gesellschaft thematisiert. Der erste Beitrag fällt dabei im positiven Sinne aus dem Rahmen. Es handelt sich um die Wiedergabe eines Gespräches mit Dorothea Buck. Die 1917 geborene Bildhauerin und Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener berichtet über ihre Erfahrungen in der Psychiatrie, zu der ihre Zwangsterilisation in einer kirchlichen Anstalt während des Nationalsozialismus gehört. In der Einführung wird hervorgeben, dass dieser Beitrag bewusst an den Anfang gestellt wurde, da die darin zum Ausdruck kommenden lebensweltlichen Erfahrungen „als moralische Erkenntnisquelle und Ausgangspunkt der normativen und wissenschaftlichen Reflexion der vorliegenden Thematik“ dient. Die Beiträge in Teil B gehen auf die Herausforderungen ein, die sich für die Stadtentwicklung, soziale Dienste und andere Akteure ergeben. Teil C präsentiert Ergebnisse aus der Forschung und stellt ein Projekt aus der Praxis vor. Hervorzuheben ist, dass alle Beiträge durch eine kurze Zusammenfassung in Leichter Sprache abgeschlossen werden. Das Buch ist dank einiger Fotos sehr ansprechend gestaltet. Der Sammelband umfasst insgesamt 29 Beiträge, die hier nicht alle vorgestellt werden sollen. Es soll vielmehr eine Konzentration auf drei Beiträge vorgenommen werden, die sich explizit mit dem Konzept ‚Enabling Community‘ befassen. Die Autoren gehören zum Kreis derjenigen, die für die Ausformulierung des Ansatzes bzw. seine Rezeption aus dem US-amerikanischen Kontext stehen.

Beiträge zur theoretischen Begründung der ‚Enabling Community‘

Dem Einleitungsbeitrag von Stefan Kurzke-Maasmeier, Florian Kiuppis, Theodorus Maas und Claudia Ganten zu Folge reagiert der Ansatz ‚Enabling Community‘ auf eine Veränderung des Verhältnisses von Staat, Bürger/innen und Gesellschaft, die mit dem Stichwort ‚aktivierender Staat‘ beschrieben werden kann. Die Aktivierungspolitik wird einerseits als Rückzug des Staates mit durchaus riskanten Auswirkungen auf sozialstaatliche Leistungen charakterisiert, andererseits aber auch als Chance zur Entfaltung der Zivilgesellschaft begriffen. So zwinge die Entwicklung auch etablierte Wohlfahrtsorganisationen zu einer Neuorientierung als Gegenüber des Staats und zur Entwicklung innovativer Ansätze der Sozialpolitik. Die UN-Behindertenrechtskonvention bietet nach Ansicht der Autor/innen eine geeignete Schablone zur Neujustierung des Verhältnisses zwischen individueller Selbstbestimmung, staatlichem Handeln und gesellschaftlicher Teilhabe.

Andreas Lob-Hüdepohl und Stefan Kurzke-Maasmeier gehen auf die sozialethischen Implikationen des Ansatzes ‚Enabling Community‘ ein. Ihrer Argumentation folgend ist sozialstaatliches Handeln immer auf eine Ergänzung durch individuelle Selbstsorge und zivilgesellschaftliche soziale Integration angewiesen. Allerdings ist das Gemeinwesen nicht quasi naturwüchsig auf Inklusion ausgerichtet, sondern muss dazu befähigt werden. Der Hinweis auf die potentielle Benachteiligung von Menschen mit Behinderung in der UN-Behindertenrechtskonvention dient in diesem Sinne der Inszenierung von Lernprozessen. Dabei wird allerdings betont, dass diese staatlich garantierte soziale Sicherheit nicht ersetzen, sondern darauf aufbauen. Überraschenderweise wird die Profession der Sozialen Arbeit in diesem Zusammenhang als „professional enabling agent“ bestimmt, die einerseits durch ihre Klienten als Träger von Bürger- und Menschenrechten und andererseits durch den zur Wahrung dieser Rechte verpflichteten Staat mandatiert wird.

‚Community Organizing – ein Weg zur Enabling Community‘ lautet der Titel des letzten Beitrages des Sammelbandes, verfasst von Leo J. Penta, Christiane Schrammer und Sonya Winterberg. Er versieht den theoretischen Ansatz mit einem Handlungskonzept. Die Enabling Community wird hier verstanden als eine Gemeinschaft, die es Menschen ermöglicht, an ihr teilzuhaben und die zugleich die Gemeinschaft dazu anregt, inklusive Strukturen zu entwickeln. Das Handlungskonzept des ‚Community Organizing‘ setzt dies in Prozessen der Selbstorganisation ‚von innen und von unten‘ um. Dies wird an der Praxis von Bürgerplattformen verdeutlicht, die durch einen Impuls von Leo Penta als Community Organizer entstanden sind.

Diskussion

Der Sammelband vereinigt in eindrucksvoller Weise Beiträge aus ganz unterschiedlichen theoretischen und praktischen Zusammenhängen. Er belegt, dass es der Evangelischen Stiftung Alsterdorf gelungen ist, in ihrem Prozess der Umstrukturierung das Feld ihrer Kernaufgaben der Unterstützung von Menschen mit Behinderung nicht aufzugeben, sondern in den Zusammenhang gesellschaftlicher Veränderungen zu stellen. Die Vielfalt der Perspektiven auf Fragen der Entwicklung des Gemeinwesens und zumeist kurze Beiträge machen die Lektüre äußerst anregend.

Es ist verständlich, dass im Rahmen eines Fachkongresses und einer darauf aufbauenden Publikation der Bezug zum Ansatz ‚Enabling Community‘ häufig eher formal bleibt und kein geschlossenes theoretisches Konzept bietet. Die drei in der Rezension vorgestellten Beiträge zeigen aber, dass mit dem Ansatz nicht einfach die vorhergehenden Kongresse der Stiftung Alsterdorf eine Fortsetzung erfahren. In den Konzepten ‚Community Care‘ und ‚Community Living‘ wird der englische Begriff der ‚Community‘ in seiner Mehrdeutigkeit von ‚politischer Gemeinde‘, Gemeinwesen‘ und ‚Gemeinschaft‘ aufgenommen. Es geht bei diesen Schlagworten um einen Umbau des Unterstützungssystems von Menschen mit Behinderungen weg von Strukturen der Fürsorge und Versorgung in Einrichtungen hin zu gemeindeintegrierten Dienstleistungen. Das Konzept ‚Enabling Community‘ bleibt in den vorgestellten Beiträgen noch vage, akzentuiert allerdings m. E. einseitig den Aspekt der Gemeinschaftlichkeit. Der wahrgenommene Rückzug des Sozialstaates wird zum Anlass genommen, den doch eigentlich durch individuelle Freiheit gekennzeichneten Raum der Gesellschaft durch normative Vorgaben zur Bildung von Gemeinschaftlichkeit zu füllen. Organisationen wie Kirchen oder Stiftungen eröffnet dieses Phänomen neue Handlungsspielräume. Einerseits können sie weiterhin die Vorteile der Nähe zu staatlichem Handeln nutzen, andererseits reklamieren sie für sich eine Führungsrolle bei der Stiftung von Solidarität oder der Umsetzung von Menschenrechten. Es bleibt dabei offen, wer die Community Organizer dazu eigentlich mandatiert. Allerdings ist unbestritten, dass die Menschenrechte eine eigentümliche Zwischenstellung zwischen Norm und Recht einnehmen. Für Menschenrechtskonventionen wie die, den Beiträgen des Sammelbandes zugrunde liegende UN-Behindertenrechtskonvention, gilt dies nicht. Es handelt sich um einen völkerrechtlichen verbindlichen Vertrag, der durch geeignete Maßnahmen auf nationaler Ebene umgesetzt werden muss. Die Konvention sichert grundlegende Freiheiten und Rechte und verzichtet auf normative Vorgaben einer zivilgesellschaftlichen Gemeinschaftsbildung. M. E. kommt es deshalb eher darauf an, die demokratisch legitimierten Verfahren und Entscheidungsprozesse zu überprüfen, durch die die Rechte und Chancen der Teilhabe gesichert werden können. In demokratischen und an Menschenrechten orientierten Gesellschaften haben weder Menschen mit speziellen Weltanschauungen noch im sozialen Bereich tätige Menschen und auch nicht konstruierte kollektive Entitäten wie das Gemeinwesen einen privilegierten Zugang zu einem Wissen über das, was das gute Leben sein kann.

Fazit

Das Buch ist allen, die an einer Weiterentwicklung sozialstaatlicher Hilfen und insbesondere an der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen interessiert sind, zur Lektüre zu empfehlen. Mit dem Ansatz ‚Enabling Community‘ positioniert sich die Evangelische Stiftung Alsterdorf und die Katholische Fachhochschule Berlin in einem sozialpolitischen Diskurs auf eine Art und Weise, die beeindruckt, auch wenn diese Positionierung zum Diskutieren einlädt. Den interessierten Leser/innen sei ausdrücklich auch das oben erwähnte Positionspapier empfohlen, in dem vor dem Hintergrund des Ansatzes sehr konkreten Empfehlungen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gegeben werden (www.enabling-community.de/).

Rezension von
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
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Es gibt 25 Rezensionen von Albrecht Rohrmann.

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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 18.07.2011 zu: Evangelische Stiftung Alsterdorf, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (Hrsg.): Enabling community. Anstöße für Politik und soziale Praxis. Alsterdorf Verlag GmbH (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-9810756-6-3. Konzeption und Redaktion: Stefan Kurzke-Maasmeier (verantw.). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11504.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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