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Christopher Bollas: Die unendliche Frage

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.06.2011

Cover Christopher Bollas: Die unendliche Frage ISBN 978-3-86099-693-5

Christopher Bollas: Die unendliche Frage. Zur Bedeutung des freien Assoziierens. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. 259 Seiten. ISBN 978-3-86099-693-5. 29,90 EUR.
Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Vorspohl
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Die Psychoanalyse steckt in ihren sehr frühen Stadien – beginnt sie neu?

Es ist das Unbewusste, das nicht nur Psychoanalytiker immer wieder staunen lässt, das sich in ihren überraschenden, vielfach dem Bewussten entziehenden Wendungen und Entwicklungen als wirklich und nicht selten gleichzeitig aufblitzenden Bildern von Erinnerungen, Erlebnissen und Erfahrungen darstellt, sich vermischt mit den aktuellen Realitäten, wieder versinkt, vergessen wird und möglicherweise im Traum wieder zutage tritt. Dieses Phänomen haben sich Psychoanalytiker vorgenommen. Aber auch Menschen wie du und ich erleben in ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen, etwa einem Erziehungsprozess oder sich eines individuellen Veränderungsprozesses bewusst werdend, dass „das ’Ich´, das auf diese Weise denkt, ( ) ein weit komplizierteres ’Ich´ als das bewusst denkende ’Ich´ (ist)“. Dem Laien bleibt dabei meist nur das Staunen und das anstrengende Bemühen, sich in seinem Bewussten wie Unbewussten erkennen zu können.

Entstehungshintergrund und Autor

Wir sind bei Sigmund Freud und seiner Kennzeichnung angelangt, dass das Unbewusste „ Assoziationsketten“ enthalte, die sich in den von ihm erarbeiteten Theorien des Unbewussten darstellen und sich als Traumdeutungen erklären lassen. In der Psychoanalyse hat sich dabei überwiegend die Auffassung durchgesetzt, dass es darum gehe, das „verdrängte Unbewusste“ bewusst zu machen, gewissermaßen also den Konflikt „der mit sich selbst im Widerstreit liegenden Psyche“ zu lösen.

Der britische Psychoanalytiker Christopher Bollas ist durch zahlreiche Publikationen, Vorträge und Praxisberichte bekannt geworden. Er nimmt Freud beim (anderen) Wort, indem er nicht in erster Linie seine Verdrängungstheorie betrachtet, sondern das Zusammenspiel von bewusstem und unbewusstem Denken beim Menschen mit Freuds „Theorie der Abfolge und der Aufeinanderfolge“ – die zudem, wie der Autor feststellt, von den Psychoanalytikern ignoriert werde – für seine (Begleit-)Forschungen heranzieht. Die „Logik der Aufeinanderfolge“ von Bewusstem und Unbewusstem zeigt sich darin, dass im Vor- und Nachdenken von bewusstem Handeln immer auch unbewusste Aktivitäten enthalten sind: „Diese Aspekte des unbewussten Denkens hinterlassen Spuren im Sand des Bewusstseins“. Wie kann es im psychoanalytischen Prozess gelingen, deutlich zu machen, dass „das Verdrängte, das Empfangene und das Vorbewusste lediglich unterschiedliche Formen des unbewussten Denkens darstellen“? Es ist das „freie Assoziieren“, das ein Bild ergibt; und zwar sowohl in der theoretischen Reflexion, als auch vor allem durch die psychoanalytische Praxis. Indem Bollas drei Fallbeispiele vorstellt und sie in einen reflexiven Zusammenhang bringt, will er deutlich machen, „dass die Logik des freien Assoziierens ein unbewusstes Denken an der Schwelle zur Bewusstwerdung ist“.

Aufbau und Inhalt

Christopher Bollas gliedert sein Buch in elf Kapitel, wobei er in den Kapiteln 7 bis 9 drei Fallbeispiele von Patientinnen vorstellt, durch Sitzungsprotokolle, Auswertungsberichte und Einordnungen in den theoretischen Kontext. In den Kapiteln 1 – 5 setzt sich der Autor mit den Mechanismen auseinander, die Freud in seiner „Traumdeutung“ formuliert. Dabei zeigt er sowohl Bezüge auf, die das freie Assoziieren als Theorie und Methode erklären, als auch Fehlinterpretationen, wie sie von Freud selbst und den Freudianern vorgenommen wurden. Denn „ein Traum… wird während des Tages organisiert“ und im Unbewussten abgelagert. Die Metaphern, die bei dieser Erkenntnis entstehen, hat Freud in das Bild des Webens, als einen „zickzackförmigen Gedankengang“, gebracht. Um im Bild zu bleiben, braucht der Psychoanalytiker, der das freie Assoziieren praktiziert, dabei Kreativität, die Fähigkeit zum Zuhören und „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ als Kompetenz. Mit dem „Freudschen Paar“, als Aufforderung an den Analysanden, „sich nicht um Gründlichkeit oder auch nur um Nachdenklichkeit zu bemühen, sondern einfach zu sagen, was ihm durch den Kopf geht“ und an den Psychoanalytiker, „darauf zu verzichten, sich etwas merken zu wollen oder Erwartungen herauszubilden, (sondern)… sich dem unbewussten Zuhören zu überlassen“, nimmt er Freuds Anweisungen auf. Es ist die nicht nur für die psychoanalytische Sitzung spannende, aufregende „Frage, warum wir Fragen stellen“, die das freie Assoziieren bedenkenswert macht.

Die aufgezeichneten Berichte und Kommentare der Fallbeispiele bringt der Autor in die „Logik der narrativen Sequenz“ ein; auch wenn sie die vielfältigen Signale, die der Patient aussendet, wie der Klang der Stimme, Haltung, Blickkontakt, usw., nicht wiedergeben können. Die Protokolle können und sollen eben keine Rezepte darstellen, auch keine Form von Klassifizierung oder gar eine Anweisung zur Dekodierung des Unbewussten; vielmehr können die Stundenprotokolle und die sich anschließende Diskussion die notwendige „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ des Analytikers befördern.

Weil eine Psychoanalyse eine Arbeitsbeziehung zwischen Patient und Arzt darstellt, wenn es eine therapeutische Sitzung ist, bedarf es der Bewusstwerdung, dass es sich hierbei um eine „unbewusste Arbeit“ handelt: „Der Analytiker hat die Aufgabe, das Unbewusste des Patienten mit seinem eigenen Unbewussten aufzufangen“. Das aber ist gleichzeitig, bescheiden und denkmächtig, die Frage nach dem Unbewussten, die sich nicht mystisch oder mythisch beantworten lässt, sondern als ein dialogischer Prozess des freien Assoziieren zu denken ist.

Fazit

Der Titel in der deutschen Übersetzung „Die unendliche Frage“, die in der englischen Originalfassung „The Infinite Question“ lautet, ist ohne Zweifel eine „grenzenlose“, also nicht von vorgegebenen Theorien und Klassifizierungen eingebundene Herausforderung. Der Fokus der Verteidigungs- und Empfehlungsschrift des Autors für freies Assoziieren liegt dabei zuvorderst in dem Anliegen, für die Theorie und die Methode durch praktische Erfahrungen und reflektierte Auslegungen zu werben, „weil sich so viele Analytiker seit vielen Jahrzehnten weigern, an die Existenz der freien Assoziation zu glauben“. Neueinsteigern in der psychoanalytischen Zunft, aber auch erfahrenen Analytikern ist das Buch zu empfehlen; es können aber auch Nichtfachleute davon profitieren, weil es wichtig ist, darauf aufmerksam zu werden, „dass wir Vorgänge aus unserem Umfeld unbewusst wahrnehmen, während wir unseren tagtäglichen Verrichtungen nachgehen“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.06.2011 zu: Christopher Bollas: Die unendliche Frage. Zur Bedeutung des freien Assoziierens. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-86099-693-5. Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Vorspohl. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11514.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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