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Claus Tully, Wolfgang Krug: Konsum im Jugendalter

Cover Claus Tully, Wolfgang Krug: Konsum im Jugendalter. Umweltfaktoren, Nachhaltigkeit, Kommerzialisierung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. 143 Seiten. ISBN 978-3-89974-678-5. 9,80 EUR.

Reihe: DJI Studien kompakt.
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Konsum – entkoppeltes Handeln?

Der Mensch als Homo Consumentus steht am Pranger – und keiner schaut hin? Die Appelle, wie sie von den in regelmäßigen Abständen produzierten Bestandsaufnahmen prognostiziert werden – etwa den Berichten an den Club of Rome mit den Warnungen, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien (1972), dass die Menschheit am Wendepunkt ihrer Geschichte stehe (1974), dass es gelte, wie dies im Bericht der Nord-Süd-Kommission 1980 zum Ausdruck kommt, das Überleben der Menschheit zu sichern, dass das „throughput growth“, das Durchflusswachstum, wie es der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Kultur und Entwicklung 1987 anmahnt, endlich gestoppt werden müsse, dass die Menschheit vor der Herausforderung stehe, umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen finden müsse, wie das die Weltkommission Kultur und Entwicklung 1995 ins Stammbuch der Menschen schreibt; und wie das New Yorker Worldwatch Institute im Bericht „Zur Lage der Welt 2009“ dramatisch begründet, dass der Planet Erde vor der Überhitzung stehe – wirken wie Schall und Rauch, betrachtet man die zaghaften, egozentierten lokalen und globalen Bemühungen der Menschen, tatsächlich einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Die Einschätzungen, ob in dieser Situation der Menschheit das Glas halb voll oder halb leer ist, werden nicht zuletzt davon bestimmt, ob ein offensives Immer-Weiter-So den erreichten Wohlstand hält oder mehrt und die Wirrnisse und Bedrohungen des Weniger an den eigenen Pfründen vorbei gehen; vor allem dann, wenn die Nutznießer des kommerzialisierten, kapitalisierten und konsumtiven Denkens zu denen gehören, die immer wohlhabender und nicht zu den Habenichtsen, die immer ärmer werden. Soweit die eigene Einschätzung!

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Im Diskurs um die Veränderungsprozesse, wie sie sich durch die immer interdependenter, entgrenzender (und viele sagen: kapitalistischer) entwickelnde, globalisierte Welt zeigen, geht es immer auch um die Einstellungen, wie sie von der „Jugend heute“ praktiziert werden. Zahlreiche Forschungsprojekte, wie BINK (Bildungsinstitutionen und nachhaltiger Konsum), das unter der Leitung des Lüneburger Umweltforschers Gerd Michelsen durchgeführt wurde, verdeutlichen, dass „Konsum ( ) Sache handelnder Menschen (ist) und die Produktion von ökologischen Risiken ( ) Bestandteil dieser Handlungen (ist)“. Für das Teilprojekt „Jugend, Konsum und Nachhaltigkeit“ zeichnet das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München verantwortlich.

Der dort tätige Sozialwissenschaftler Claus J. Tully und der wissenschaftliche Mitarbeiter Wolfgang Krug stellen Teilergebnisse des Forschungsprojektes besonders unter dem Gesichtspunkt vor, welche Aspekte der Nachhaltigkeit beim Konsum im Jugendalter Einfluss haben und wie sie für nachhaltigen Konsum bei Jugendlichen wirksam werden können.

Aufbau und Inhalt

Die Grundannahme beim Forschungsgegenstand – wie sicherlich bei zahlreichen menschlichen Verhaltensweisen und Alltagshandeln– besteht erst einmal in dem Zweifel, ob „sich über die Vermittlung von Nachhaltigkeitswissen unmittelbar nachhaltiger Konsum einstellt“. Die Erfahrungen, wie der „gesunde Menschenverstand“ sagen uns, dass dies im allgemeinen nicht der Fall ist, weil „mit „Inkonsistenzen und Brüchen zwischen Wissen und eigenem Konsum zu rechen“ ist. Es kommt also darauf an, nach den Einflussgrößen Ausschau zu halten, die auf das Konsumverhalten von Menschen, in unserem Fall von Kindern und Jugendlichen, wirken.

Die Autoren gliedern das Buch, neben der Einleitung, in fünf Kapitel: Sie stellen zuerst die in der Jugendforschung vorliegenden Paradigmen, Annahmen und Ergebnisse vor und zitieren die wichtigsten Datenquellen zur Jugendforschung. Danach reflektieren sie die Einstellungen, Positionen, Wertorientierungen und Probleme, wie „Heranwachsende ihre gesellschaftlichen Bezüge“ sehen und sich einordnen. Im weiteren Kapitel setzen sich die Autoren mit den Wechselbeziehungen zwischen Jugendkultur, -konsum und dem Konsumverhalten in einer ökonomisierten Gesellschaft auseinander. Der Zusammenhang von Umwelt – Konsum und Nachhaltigkeit wird im nächsten Kapitel thematisiert; um schließlich die Aufgaben zu diskutieren, wie für Nachhaltigkeitsdenken und –handeln sensibilisiert werden kann.

Fazit

Die vielfältigen Quellenverweise und Befunde aus dem Forschungsprojekt, wie z. B. der Hinweis, dass Konsum sozial und ökonomisch motiviert wird, welche Wirkungsweisen soziale Ungleichheit beim Konsum schaffen, wie Konsum produziert wird und wie die Zusammenhänge von Konsum, Ressourcenverbrauch und Abfall zu werten ist, machen – nicht nur für betriebs- und volkswirtschaftliche, Werbe- und Marketing- und psychologische, sondern auch für soziologische Forschungen – deutlich, dass es einer besonderen gesellschaftlichen Beachtung bedarf, wie die sich immer stringenter, scheinbar selbstverständlicher und zwanghaft vollziehende Kommerzialisierung des Jugendalters „im Dienste gesellschaftlicher Zukunft … und des globalen Ressourcenerhalts thematisiert werden“ kann, und zwar wissenschaftlich und alltagstauglich – weil die „entfaltete Kommerzialisierung des Jugendalltags ebenso wie die Nachhaltigkeitsdebatte ( ) eine gezielte Beschäftigung mit Konsum (erfordert)“. Vor allem gilt es das Bewusstsein zu verdeutlichen, dass „Konsum nicht allein Sache des Geldes ist, sondern dass er auch vom Lebensstil der Familie, den Freunden und den durch die Medien verbreiteten Leitbildern abhängt“.

Der Forschungsbericht will vor allem Lehrerinnen und Lehrern in den Schulen, Dozentinnen und Dozenten in den Hochschulen und der Erwachsenenbildung, Erzieherinnen, Erziehern, Eltern und in der Jugendsozialarbeit Tätigen Informationen und Anregungen geben, die Auseinandersetzungen um „Konsum im Jugendalter“ sachgerecht und kompetent zu führen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.07.2011 zu: Claus Tully, Wolfgang Krug: Konsum im Jugendalter. Umweltfaktoren, Nachhaltigkeit, Kommerzialisierung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-89974-678-5. Reihe: DJI Studien kompakt. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11517.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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