socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Horst Biermann, Bernhard Bonz (Hrsg.): Inklusive Berufsbildung

Cover Horst Biermann, Bernhard Bonz (Hrsg.): Inklusive Berufsbildung. Didaktik beruflicher Teilhabe trotz Behinderung und Benachteiligung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. 230 Seiten. ISBN 978-3-8340-0852-7. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.

Reihe: Berufsbildung konkret - Band 11.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Titel dieses Buches zeigt die große Aktualität des Themas: Inklusive Berufsbildung. Er lässt die sich beginnende Veränderung bei der Einbindung von behinderten und benachteiligten Menschen ahnen. Der Untertitel thematisiert, dass besondere Anforderungen an die Didaktik gestellt werden, die zur Lösung dieses Problems beitragen will und soll. Diese Themenaspekte werden aber nicht nur theoretisch bearbeitet, sondern – der Schriftenreihe entsprechend - auch auf der Ebene „Berufsbildung konkret“.

Herausgeber und Autorenteam

Herausgegeben wurde dieser Sammelband von Horst Biermann, Lehrstuhlinhaber Berufspädagogik und berufliche Rehabilitation der TU Dortmund, und Bernhard Bonz, vormals Lehrstuhlinhaber für Berufspädagogik an der Uni Hohenheim, jetzt Lehrbeauftragter an der Uni Stuttgart.

Sie und 22 weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen der Theorie und Praxis der Lehre und Ausbildung im Bereich der Rehabilitation in unterschiedlichen Institutionen bilden das Autorenteam der insgesamt 21 Beiträge in diesem Sammelband.

Entstehungshintergrund

2006 hat die UN die Behindertenrechtskonvention beschlossen. Danach haben alle Menschen ein Recht auf Bildung, also auch die mit Behinderungen und anderen Benachteiligungen. Diese Konvention ist seit dem 26.03.2009 für Deutschland verbindlich „und führt zu einem Wechsel von der Politik der Fürsorge zu einer Politik der Rechte“ (5). Leitend dabei ist die soziale Inklusion in einem inklusiven Bildungssystem lebenslang. Dies führt zu heterogenen Lerngruppen mit einer „Pädagogik der Vielfalt“ (223), wie die Herausgeber schlussfolgern. Dies stellt neue didaktisch-methodische Herausforderungen an die Lehrenden in Schulen (nicht nur den berufsbildenden Schulen – konstatiert der Rezensent), Betrieben und Weiterbildungsinstitutionen. Ihnen werden durch diese Beiträge theoretisch begründete und erprobte Handlungsmöglichkeiten vorgestellt.

Aufbau

Entsprechend den genannten thematischen Schwerpunkten ist das Werk in drei Hauptkapitel sowie einen kurzen zusammenfassenden Teil gegliedert: Sie sind überschrieben:

  1. Behinderung und Benachteiligung in der Berufsbildung
  2. Didaktische Ansätze und Innovationen
  3. Beispiele für die berufliche Bildung von Risikogruppen
  4. Teilhabe an Berufsbildung – Fazit und Ausblick

Nach einem Vorwort der Herausgeber ist – sehr hilfreich für die Lektüre – ein Abkürzungsverzeichnis vorangestellt. Am Schluss werden die Autorinnen und Autoren in einer Übersicht mit ihren beruflichen Arbeitsschwerpunkten vorgestellt. Ein Sachwortregister rundet das Werk ab.

In jedem Beitrag gibt die vorangestellte Gliederung einen Überblick über den Gedankengang.

Teil I

In einem einführenden Beitrag im Kontext der Inklusion als Aufgabe der Berufsausbildung spannen die Herausgeber den Bogen zu ihrem letzten Beitrag, in dem das Ergebnis der Einzelbeiträge dahingehend zusammengefasst wird, „dass aber eine inklusive Berufsbildung noch in weiter Ferne liegt“ (11).

Horst Biermann widmet sich der „Qualifizierung von Risikogruppen“ (12 ff.): theoretisch fundiert und aspektreich sowie kritisch reflektierend z. B. hinsichtlich des von der Bundesagentur für Arbeit eingeführten neuen Fachkonzepts (vor Ablauf und Evaluation des entsprechenden Modellversuchs!) anstelle aller bisherigen berufsvorbereitenden Maßnahmen. „Kern des neuen Fachkonzepts ist die modularisierte und erwerbsorientierte Qualifizierung in Bausteinen. Employability und nicht mehr ein Bildungsauftrag ist die Leitlinie dieser modularisierten Berufsvorbereitung“ (24). Ein Fazit (neben anderen) zum Themenaspekt „Benachteiligt durch Förderung“ wird so gezogen: „Eine ‚offene Angebotspädagogik‘ nach dem Vorbild der dänischen Produktionsschulen ist in Deutschland – nicht zuletzt wegen der Eigeninteressen der privaten Wohlfahrtsträger und den nach Verwaltungskriterien handelnden Kostenträgern – nicht möglich“ (31).

Bernhard Bonz beschreibt differenziert das Spektrum der „Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals“ (36 ff.) im Bereich der Berufsbildung von Lernbeeinträchtigten, für das es keine spezielle Ausbildung gibt, sondern das sich aus sechs verschiedenen Professionsgruppen rekrutiert. Eine Doppelqualifikation von Berufs- und Sonderpädagogik „spielt keine nennenswerte Rolle“ (37).

Christian Bühler erweitert in seinem Beitrag „Lernen und Arbeiten ohne Barrieren“ (44 ff.) die Sichtweise durch Einbeziehung moderner Informationstechnik und integrierter Systeme, wodurch „Lernen und Lehren in Arbeit und Berufsbildung radikal“ verändert werden – „sowohl bei Behinderung als auch bei Nicht-Behinderten“ (51).

Teil II

Manfred Eckart stellt „Lernprobleme und Strategien von lernbeeinträchtigten Auszubildenden“ (54 ff.) in den theoretischen Gesamtkontext der Handlungsorientierung mit der Vorstellung möglicher Lernmodelle, ohne den Leser seine persönliche Position klar erkennen zu lassen und theoretisch stringente praxisrelevante Lösungsstrategien zur Lernförderung zu entwickeln. Inklusion wird nicht thematisiert.

Im Kontext eines entwicklungsgeschichtlichen Abrisses der didaktischen Konzepte von Berufsbildungs- und Berufsförderungswerken wird das Thema „Handlungsorientierung und Kompetenzentwicklung in der beruflichen Rehabilitation von Wolfgang Seyd /Burkhardt Vollmers bearbeitet (72 ff.).

Richard Huisinga stellt seine umfassende Analyse unter das Thema: „Arbeitsorientierte Exemplarik – ein Beitrag zur Grundlegung strategischer Teilhabeplanung Benachteiligter“ (87 ff.). Aus dieser Perspektive schlussfolgert er: „Es geht darum, mit den curricularen Repräsentationen einen theoretischen Bezugsrahmen zu schaffen, der auf das Wechselverhältnis zwischen sozialen Strukturen und deren Veränderungen einerseits und der Reproduktion und Modifikation sozialer Verhältnisse durch die Handlungsstrategien der Subjekte im Kontext ihrer Biographien andererseits zielt“ (103 f.).

Arnulf Bojanowski gibt mehr als „Skizzen zu einer zentralen didaktischen Innovation in der Benachteiligtenförderung“ (so der Untertitel) in seinem Beitrag „Arbeiten, lernen und leben in Produktionsschulen“ (107 ff.). Ohne allerdings auf die Wurzeln der Produktionsschulen in der Reformpädagogik vor 100 Jahren einzugehen, konzentriert er sich auf „den pädagogischen Geheimtipp“ der sechs Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern als Vorreiter und Teil aktueller Umstrukturierungen im Übergangssystem von Schule und Arbeit. Im Rückgriff auf die dänischen Produktionsschule wird das „kluge didaktische Setting in den Werkstätten“ erläutert. In diesem Bundesland „kann die Produktionsschule das schulische Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) ersetzen“ (120).

Ein sehr gutes themenbezogenes Beispiel geben Britta Marfeld / Mathilde Niehaus – anschaulich eingebettet in den sozialgesetzlichen Rahmen - : „Betriebliche Prävention und Eingliederungsmanagement im Berufsleben“ (124 ff.) Hier sind die Unternehmen gefordert, die notwendigen Voraussetzungen durch professionelle Vorbereitung zu schaffen (133).

Dieter Schartmann stellt „Individuelle Unterstützungsformen behinderter Menschen im Arbeitsleben“ vor (135 ff.), ohne allerdings Inklusion zu thematisieren.

Teil III

In insgesamt zehn Beiträgen werden Beispiele für die berufliche Bildung von Risikogruppen vorgestellt:

  1. aus Baden-Württemberg (Weinheim) ein benachteiligtensensibles Übergangsmanagement (146 ff.);
  2. des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, das 2007 Eckpunkte für die Entwicklung der beruflichen Rehabilitation erwachsener behinderter Menschen im Sinne eines lernenden Systems erarbeiten ließ, weil die Wettbewerbssituation „für einige Berufsförderungswerke existenzbedrohend wurde“ (151 ff.);
  3. aus Berlin die Konzeption der Union Sozialer Einrichtungen in Werkstätten für behinderte Menschen als „besonderem Arbeitsmarkt“ (156 ff.) für 16 anerkannte Berufe in der Orientierung am dualen System ab 2005;
  4. über Modellversuche der Bundesarbeitsgemeinschaft für Berufsbildungswerke mit 13 Berufsbildungswerken und dem weltweit agierenden Handelskonzern METRO Groop ab 2004 (165 ff.);
  5. über die Ausbildung behinderter Jugendlicher mit Ausbildungsbausteinen (Modulen) – nach positiven Erfahrungen vor rund zehn Jahren in Neckargemünd und Olsberg – ab 2009 in einem Modellprojekt der Bundesarbeitsgemeinschaft für Berufsbildungswerke und verschiedenen Bildungsträgern, deren erste Ergebnisse im Laufe des Jahres 2011 zu erwarten sind (173 ff.);
  6. über ein länderübergreifendes Projekt zur Berufsvorbereitung körperbehinderter junger Menschen in IT- und Medienberufen ab 2003 in einigen Bundes- und mehreren europäischen Ländern (182 ff.);
  7. über ein Virtuelles Berufsbildungswerk (Neckargemünd) ab 2000 – auch auf der Grundlage eines Modellversuchs -, in dem ab 2009/10 auch drei neue Berufe aus dem kaufmännischen Bereich (neben Berufen aus dem gewerblichen Bereich) dazu genommen wurden (188 ff.);
  8. aus der Arbeit der Produktionsschulen in Hamburg, in denen seit den 1990er Jahren Arbeit und Lernen verbunden werden und im Übergangssystem wachsende Bedeutung gewinnen (195 ff.);
  9. aus Baden-Württemberg, wo im CJD Jugenddorf Hohenreisach (wie in über weiteren 150 Einrichtungen bundesweit) in Berufsvorbereitungsklassen unterrichtet und ein Beitrag zur beruflichen Rehabilitation benachteiligter Jugendlicher geleistet wird (201 ff.);
  10. über „Barrierefreies E-Learning und Universal Design“ (208 ff.). Mit diesem Beitrag wird das Zentralthema des Gesamtwerkes exemplarisch in den Blick genommen und vertieft: Denn mit dem Begriff „Universal Design“ geht es um das Ziel, das die UN erreichen will. „Es geht nicht darum, Speziallösungen für Menschen mit Behinderung zu finden, sondern um einen integrativen Ansatz, der die Bedarfe möglichst vieler Menschen berücksichtigt und nicht individuelle Lösungen fordert. UD bedeutet demnach immer auch Inklusion, soziale Integration und Mitdenken von Heterogenität“ (214).

Teil IV

Die Herausgeber überschreiben ihre Zusammenfassung realistisch als „Annäherung an eine inklusive Berufsbildung“ (220 ff.). Sie heben dabei u. a. hervor: „Die Förderung und Betreuung benachteiligter Menschen in diesen Beispielen erfolgt allerdings nicht systematisch und im Rahmen der dualen Berufsausbildung oder der Berufsausbildung an Berufsfachschulen, sondern in besonderen Institutionen …“ (222). Sie beenden ihr Resümee: „Die Probleme wurden aufgezeigt. Das Ziel inklusiver Bildung für Risikogruppen liegt noch in weiter Ferne und eine Annährung in der Bildungspraxis ist z. Zt. noch mit vielen Fragezeichen versehen“ (226).

Diskussion

Der aufmerksame und kritische Leser dieser Beiträge wird erkennen, dass in diesen wissenschaftlichen Analysen der theoretischen und realen Anforderungen bzw. Bedingungen des thematisierten Bildungsbereichs hinsichtlich der gegebenen und zukünftig notwendigen gesellschaftlichen Strukturen bildungs- und arbeitsmarktpolischer Zündstoff liegt. Zum Beispiel:

Welche Auswirkungen hat Inklusion auf die so genannten allgemein bildenden Schulen?

Wie werden staatliche (Steuer-)Mittel „geleitet“, wenn sich zunehmend öffentliche Schulen der inklusiven (Berufs-)Bildung öffnen?

Fazit

Das Buch weist in theoretischer Fundierung den Weg der lebenslangen beruflichen Bildung in der Zukunft einer von der UN angestoßenen inklusiven Gesellschaft, in der das Recht auf Bildung für alle Menschen gilt. Es zeigt den Stand der Entwicklung am Beginn dieses Prozesses auf den Ebenen der didaktischen Theorie und Praxis der Teilhabe von Behinderten und Benachteiligten mit seinen Chancen, aber auch Schwierigkeiten durch bildungs- und arbeitsmarktpolitische Hindernisse. Ein aufschlussreiches, lesenswertes Buch für alle mittelbar und vor allem unmittelbar betroffene Aktiven im Bereich beruflicher Bildung der Rehabilitation. In anderen Bildungsbereichen Tätige (auch der „allgemeinen“ Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie der Erziehungswissenschaft) können einen Einblick gewinnen in Anforderungen und Probleme eines zukünftigen inklusiven Bildungssystems. Sie können erkennen, dass und wie Lehrende an berufsbildenden Schulen bereits jahrelang Erfahrungen im Umgang mit den Herausforderungen der Heterogenität der Schülerschaft haben.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


Alle 51 Rezensionen von Klaus Halfpap anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 01.06.2011 zu: Horst Biermann, Bernhard Bonz (Hrsg.): Inklusive Berufsbildung. Didaktik beruflicher Teilhabe trotz Behinderung und Benachteiligung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. ISBN 978-3-8340-0852-7. Reihe: Berufsbildung konkret - Band 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11527.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung