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Mechthild Bereswill, Anke Neuber (Hrsg.): In der Krise? Männlichkeiten im 21. Jahrhundert

Cover Mechthild Bereswill, Anke Neuber (Hrsg.): In der Krise? Männlichkeiten im 21. Jahrhundert. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. 194 Seiten. ISBN 978-3-89691-231-2. 24,90 EUR.

Reihe: Forum Frauen- und Geschlechterforschung - 31.
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Herausgeberinnen

Mechthild Bereswill ist Professorin für Soziologie der sozialen Differenzierung und Soziokultur am Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel. Anke Neuber hat eine Qualifikationsstelle zur Habilitation am gleichen Fachbereich.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht neben der Einführung der Herausgeberinnen aus acht Kapiteln.

Zunächst reflektieren zwei Aufsätze die Diskurse über die Krise der Männlichkeit in vergangenen Zeiten. Jürgen Martschukat weist angesichts von Studien über die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre in den USA darauf hin, dass zwar Männer durch die Arbeitslosigkeit in eine Identitätskrise kamen, dass jedoch Frauen und ältere Kinder durch den Machtverlust des Familienvaters und die Zunahme eigener Einkünfte selbstbewusster wurden und sich für sie das Familienklima besserte. Der damalige gesellschaftliche Diskurs über die Krise der Männer sei jedoch daran vorbei gegangen, weil er sich an die herkömmliche Geschlechterordnung klammerte.

Annette Brauerhoch beleuchtet die Krise der Männlichkeit anhand eines Films von 1946, in dem einerseits die Gebrochenheit der besiegten Männer dargestellt, andererseits aber an frühere Idealisierungen von Männlichkeit angeknüpft wird. Für eine Beschreibung von Männlichkeit ist das empirische Material (ein Spielfilm) allerdings etwas dürftig

Michael Meuser und Sylka Scholz fragen in ihrem Beitrag danach, ob die hegemoniale Männlichkeit in der Krise oder aber in einem Strukturwandel begriffen sei. Sie konstatieren, dass eine krisenhafte Männlichkeit durchaus mit einem Festhalten an hegemonialer Männlichkeit einhergehen kann. Anhand des ökonomischen und dann des politischen Feldes beschreiben sie, wie hegemoniale Männlichkeit heute nicht mehr durch bürokratische Macht gekennzeichnet ist, sondern durch Marktbeherrschung. Die Möglichkeiten für politische Interventionen seien geringer geworden, und dies wiederum sei ein Grund, warum Frauen dort reüssieren können, ebenso wie homosexuelle Männer. Bei diesen Aussagen fragt man sich als Leserin allerdings, ob die Genderdifferenz die Strukturen und Machtmechanismen des globalisierten Finanz- und Waren-Kapitalismus überhaupt noch adäquat abbildet.

Birgit Sauer akzentuiert den Wandel von Männlichkeiten im Rahmen der Globalisierung noch stärker. Die „Restrukturierung von Männlichkeit“ „im Kontext von ökonomischer Globalisierung und politischer Internationalisierung“ erfolgt demnach im Rahmen veränderter politischer und wirtschaftlicher Strukturen. Diese führen zu einer korruptionsanfälligen Entgrenzung von Politik und Wirtschaft und einer neuen hegemonialen Männlichkeit, die in informellen Gremien an demokratisch gewählten Gremien wie Parlamenten vorbei agieren und Frauen weitgehend ausschließen. Diverse Beispiele belegen diese These ebenso wie die Beobachtung, dass weibliche Elemente heute von Männern in ihre Person integriert werden. Umgekehrt integrieren Frauen Elemente hegemonialer Männlichkeit, wenn sie in den obersten Etagen erfolgreich sein wollen. Laut Sauer erlaubt das herrschende Finanz- und Wirtschaftssystem nur Personen einen Zugang zur Macht, die folgende Charakteristika aufweisen: „Das Denken in Kompetitivität, der Gestus der Ausgrenzung und Benachteiligung von 'Anderen', das kalkulierende Handeln unter der Vorgabe von Effizienz und Effektivitäten sowie aktive Prozesse der Entsolidarisierung“ (S. 97). Auf diese Eigenschaften ist - so der Kommentar der Rezensentin - das männliche Geschlecht nicht abonniert, auch Frauen können sie entwickeln. Da ist dann - ähnlich wie bei Meuser und Scholz - die Frage, ob Geschlecht in der westlichen Welt überhaupt noch als maßgebliche Kategorie zur Beschreibung von Machtverhältnissen taugt.

In seinem Artikel „Männer - das benachteiligte Geschlecht?“ weist Rolf Pohl nach, welche Rolle „Weiblichkeitsabwehr und Antifeminismus im Diskurs über die Rolle der Männlichkeit“ einnehmen. Die Rede von der Krise der Männlichkeit geht demnach daran vorbei, dass Männlichkeit in männlich dominierten Kulturen immer ein „fragiles Konstrukt“ ist. Mit einer biologistischen Auffassung von Männlichkeit, einer Ausblendung der Verunsicherungen durch die Marktliberalisierung und die Verdrängung des Konflikts zwischen Autonomie und Abhängigkeit werden Frauen, werde der Feminismus als feindselig und unterdrückend definiert. Pohl deckt mit seinem Beitrag präzise und (als Mann!) schonungslos die psychologischen Gründe für die Klagen über Männer in der Krise auf.

Der Artikel „Medikamentierte Männlichkeiten. Zum krisenhaften Selbstverständnis von Jungen mit einer ADHS-Diagnose“ von Rolf Haubl und Katharina Liebsch basiert auf einer qualitativen Studie bei 64 Jungen, die Medikamente gegen ADHS einnehmen. Der häufigen Kritik an einer unreflektierten Gabe von Ritalin werden hier weitere Argumente hinzugefügt, nämlich, dass Jungen - sie sind die Hauptbetroffenen - Räume für die Entwicklung ihrer männlichen Identität brauchen, die durch die Medikalisierung häufig verschlossen werden. Nur schade, dass keine Kontrollgruppe einbezogen wurde, die die hier beschriebenen relativ traditionellen Männlichkeitsvorstellungen mit denen von Kindern ohne ADHS (bzw. ohne die entsprechende Diagnose) verglichen hätte. Außerdem wurden Schichtdifferenzen nicht berücksichtigt, die ja für die Konstruktion von Geschlechtsidentitäten durchaus eine Rolle spielen.

Joachim Kersten fragt „Was löst gewalttätiges Verhalten aus?“ und bringt „Neue Einsichten zum Thema Scham, Wut und Maskulinität“. Er formuliert zur Entstehung von Gewalttätigkeit bei männlichen Jugendlichen einen Aspekt, der bislang in der Psychologie und Kriminologie nicht ausreichend beachtet wurde. Kinder lernen, Scham zu empfinden durch Praktiken der Beschämung seitens der nächsten Bezugspersonen wie Eltern und ErzieherInnen in Krippe und Kindergarten. Diese müssen in eine respektvolle, liebevolle Interaktion eingebettet sein, sonst wird die Scham später abgewehrt. Jungen, die die Abhängigkeit von ihren ersten Bezugspersonen als demütigend erlebt haben, ziehen daher später häufig Schuld durch Gewalt dem Erleben von Scham vor. Ein Beitrag zur männlichen Identitätsentwicklung, der unbedingt von der Sozialisationsforschung zur Kenntnis genommen werden müsste.

Toni Tholen schließlich schreibt über „Subjektivität - Krise - Utopie. Imaginationen von Männlichkeit im zeitgenössischen Denken und Schreiben“. Anhand von philosophischen Texten und zeitgenössischen deutschsprachigen Romanen zeichnet er unterschiedliche Konstruktionen von Männlichkeit nach. Die hegemoniale Männlichkeit gibt es demnach in einer neuen Form: „Die derzeitige Repräsentationsfigur der hegemonialen Männlichkeit ist der nomadisierende, bindungslose und aggressiv-erfolgsorientierte global player, der Beziehungen, vor allem zu Frauen, einzig und allein zur Befriedigung seiner Projektionen und zur Steigerung seiner Lust pflegt.“ In anderen Romanen und Texten sieht Tholen aber auch neue Formen der Männlichkeit emergieren, die von Zärtlichkeit und Dialog mit der Partnerin und den gemeinsamen Kindern geprägt sind. Schlussendlich müsse „die Transformation der Geschlechterordnung als eine gemeinsame Aufgabe von Männern und Frauen“ begriffen werden (S. 190). Wenn es aber um die Auflösung von Machtverhältnissen geht, so müsste man wohl weiter denken, kann es nicht nur um die Macht zwischen Männern und Frauen gehen, sondern um die wirtschaftlichen Machtstrukturen, denen das Geschlechterverhältnis immer stärker untergeordnet ist.

Diskussion

Der Diskurs um die Krise der Männlichkeit erfährt durch dieses Buch eine Relativierung durch verschiedene Fachgebiete. So kommen Perspektiven der Soziologie, der Film- und Literaturwissenschaft, der Medizin, der Psychologie und Kriminologie zu Worte und es entsteht ein Kaleidoskop von Aspekten, die alle nur in einem Punkt übereinstimmen: Die Krise der Männlichkeit ist im Wesentlichen ein Reden von Institutionen und WissenschaftlerInnen, die unterschwellig am Konzept der hegemonialen Männlichkeit festhalten oder nicht wahrhaben wollen, dass Gesellschaft, Wirtschaft und Politik von ihr durchdrungen sind. Die modifizierten Formen von hegemonialer Männlichkeit, die sich entsprechend veränderter Machtstrukturen herausbilden, werden in den Beiträgen unterschiedlich interpretiert.

Wenn, so einige Artikel, Männer sich weibliche Elemente einverleiben, und Frauen bei entsprechend hegemonialem Gebaren Machtpositionen erlangen können, erhebt sich die Frage, ob nicht generell das Geschlechterverhältnis sich neu formiert, und zwar unterschiedlich je nach Machtposition und Vermögen. Und weiter ist zu fragen, ob das Geschlecht in den Machtetagen der westlichen Welt - u.a. durch politische Strategien des Gender Mainstreaming - nicht nebensächlicher wird und die politischen und wirtschaftlichen Strukturen die benötigten Eigenschaften in beiden Geschlechtern forcieren. Mit diesen Fragen setzen sich die AutorInnen, fixiert auf die Geschlechterforschung, zu wenig auseinander.

Fazit

Dass die Krise des männlichen Geschlechts unbedingt durch Hilfsmaßnahmen zu stoppen sei, ist eine Forderung, die von Ministerin Schröder und Wissenschaftlern wie Hurrelmann und - weit exzessiver - Amendt aufgestellt und in vielen Medien als Litanei vor- und rückwärts gebetet wird. Das Buch ist insofern ein Gewinn, als es die unterschiedlichen Diskurse im Hinblick auf die Fragilität der hegemonialen Männlichkeit unter die Lupe nimmt und sie mit Rückgriff auf sehr unterschiedliche Wissenschaften in Frage stellt. Wer sich also in diesen Diskursen bzw. gegen sie behaupten will, ist gut beraten, es zu lesen. Eine besondere Freude ist die Vielfalt der Aspekte, auch wenn man mit manchen Folgerungen nicht übereinstimmen mag.


Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 05.07.2011 zu: Mechthild Bereswill, Anke Neuber (Hrsg.): In der Krise? Männlichkeiten im 21. Jahrhundert. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. ISBN 978-3-89691-231-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11529.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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