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Avishai Margalit: Über Kompromisse - und faule Kompromisse

Cover Avishai Margalit: Über Kompromisse - und faule Kompromisse. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-518-58564-1. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Politik ist die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen ...

… das ist eine der zahlreichen Kennzeichnungen, wenn es um die Frage geht, was den zôon politikon, das politische Lebewesen Mensch (Aristoteles) ausmacht und zu dem werden ließ, was es zu sein vorgibt und im humanen Verständnis sein will. Dabei ist der Begriff „Kompromiss“ in vielfacher Weise vorbelastet, und die Bedeutung wird bestimmt von ethischen und moralischen, wie von Nützlichkeits-, Zweckmäßigkeitsüberlegungen und egoistischen Prämissen. Nicht zuletzt ist der Kompromiss für den einen „sin Uhl, för den anern sin Nachtigal“, was bedeutet, im Individuellen wie im Kollektiven, dass die Betrachtung über den Wert und gar über den Mehrwert eines Kompromisses unterschiedlich ausfällt. Betrachten wir also die Alltags-, wie die semantisch-regulative Bedeutung des Begriffs, so merken wir bald, dass wir uns auf ein glitschiges, undurchsichtiges Gebiet von Interpretierbarem und Deutendem bewegen; für kommunikative Bedeutsamkeiten ein äußerst gefährliches und missverständliches Terrain.

Bedeutungszusammenhang und Autor

Was haben Kompromisse im individuellen, regionalen, nationalen und internationalen Zusammenleben der Menschen nicht alles aus- und angerichtet? Welche Verständigungen, Missverständnisse und Tragödien haben sich ereignet zum Nutzen und Schaden der Menschen? Wie zeigen sich die Folgen von Kompromissen in der jeweils aktuellen Situation? Wie in der Vergangenheit? Welche sind für die Zukunft zu erwarten? Dieses Bündel von Fragen wirkt wie ein unentwirrbares Knäuel; oder wie ein Teufels-, oder doch auch ein Engelsgeflecht. Lassen wir die Spekulationen, Unkenrufe und Flötentöne, und wenden uns Konkretem zu: Der israelische Philosoph, Mitbegründer der Friedensbewegung Peace Now und Emeritus der Hebräischen Universität in Jerusalem und von Princeton, Avishai Margalit, stellt eine für unsere Selbsteinschätzung erst einmal irritierende These auf: „Wir sollten eher nach unseren Kompromissen beurteilt werden als nach unseren Idealen und Werten“. Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um die ethischen und moralischen Vorstellungen, die das Idealbild des Individuums als grundsätzlich gutes, nach Zusammenhalt und einem gerechten Leben strebenden Lebewesen bilden; vielmehr drückt er sein Erstaunen darüber aus, dass in der Moralphilosophie der Begriff „Kompromiss“ kaum in Erscheinung tritt; wenn doch, dann höchstens als negative Haltung oder als ein eher abzulehnender Pragmatismus und schnödem, egoistischem Nützlichkeitsdenken unterworfene Einstellung. Damit sind wir dann auch schon bei der Erkenntnis, dass es sich dabei um einen äußerst mehrdeutigen Begriff handelt, und der „Kompromiss“ vom „faulen Kompromiss“ unterschieden werden muss; und zwar in unserem Fall nicht in erster Linie bei der individuellen, sondern der politischen Betrachtung. Weil aber ein Kompromiss eine Brücke über die Schlucht zwischen Frieden und Gerechtigkeit darstellt, ist zu unterscheiden zwischen einem guten, einem schlechten und einem faulen Kompromiss. Während der erstere wünschenswert und hilfreich für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen ist, stellt der zweite möglicherweise eine in der jeweiligen Situation hinnehmbare Entscheidung dar, während der dritte als eine absolut unannehmbare und unakzeptable Haltung betrachtet werden muss. Kompromisse als Mittler zwischen dem unabdingbaren Nein und dem unbedingten Ja gilt es zu suchen, weil es notwendig ist, die Extreme zu erkennen und zu entlarven: Sektierertum auf der einen und Fundamentalismus auf der anderen Seite.

Aufbau und Inhalt

Avishai Margalit gliedert seine Betrachtung über den Kompromiss in sechs Kapitel: Im ersten Teil stellt er zwei Bilder des politischen Kompromisses vor, nämlich dem Verständnis von Politik als Ökonomie und Politik als Religion. Diese Unterscheidung trifft uns ins Mark unseres Kampfes ums Dasein und den Ah- und Bäh-Einstellungen zum guten Leben: Nützlichkeit, Idealismus und Tabu-(brüche). Es gilt also, das Gute und Humane des Kompromisses aufzudecken, ganz im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung als co-promissum, einem auf Vertrauen beruhendem gegenseitigem Versprechen, und den faulen Kompromiss mit einem Tabu zu belegen.

Im zweiten Kapitel benennt Margalit verschiedene Formen von Kompromissen: „Vollblutkompromisse“ und „blutleere Kompromisse“. Es sind wieder Bilder, die der Autor benutzt, um erstere herauszustellen; etwa „sich auf halbem Wege entgegen zu kommen, oder heute würden wir sagen, sich auf „Augenhöhe begegnen“ und sich „ohne Gesichtsverlust“ zu einigen; genau so, wie es die Frage zu diskutieren gilt, ob „faule Kompromisse“ eingegangen werden dürfen, um des Friedens willen, oder eines übergeordneten Wertes und einer Moral wegen.

Im dritten Kapitel geht es um die uralte und immer wieder neue Auffassung, ob und wenn ja, bis zu welchem Grad und welchem ideologischem, politischem oder historischem Maß Kompromisse um des Friedens willen geschlossen werden dürfen. Es wundert nicht, dass der israelische Pazifist und Friedensbefürworter Margalit dabei immer wieder konkrete Beispiele von Kompromissen und faulen Kompromissen im israelisch-palästinensischen (arabischen) Konflikt heranzieht, wenn er die Ausprägungen des historischen (und aktuellen) Irredentismus in verschiedenen Szenarien diskutiert. Interessant dabei das dem Irredentismus, vor allem in der Form der Politik des Heiligen (Religiösen), innewohnende besondere Verhältnis zwischen Frieden und Gerechtigkeit, wonach es gerechtfertigt erscheint, „um eines dauerhaften Friedens willen auch dauerhaft gewisse Ungerechtigkeiten hinzunehmen“ – ein Gedanke, der zweifellos den gängigen, philosophischen und staatsrechtlichen Theorien widerspricht. Mit der fiktiven Geschichte, in der der Raubtierstaat Overdog das Land Underdog überfällt und annektiert (unverkennbar eine Replik auf Israel und Palästina), spielt der Autor drei Szenarien durch, bei denen sich Sequenzen und Konsequenzen dieser Sichtweise verdeutlichen.

Im vierten Kapitel nimmt Avishai Margalit den unendlichen Gedanken von Kompromissen und politischen (pragmatischen und/oder verfassungsgemäßen, völkerrechtlichen) Notwendigkeiten aufs Korn und verdeutlicht die Gradwanderung von Kompromissen und faulen Kompromissen am Beispiel der Beschlüsse der Konferenz von Jalta vom Februar 1945. In den Wirkungen, wie sie sich in der historischen Reflexion darstellen – und in den Überlegungen und Notwendigkeiten, wie sie sich angesichts des totalen Krieges und den Unbedingtheiten einer totalen Kapitulation des nationalsozialistischen Regimes ergaben – erhält die Prämisse – „Du sollst um keinen Preis faule Kompromisse eingehen“ – eine schier unlösbare Bedeutung.

Wie moralisch sind faule Kompromisse, angesichts der Option, solche niemals einzugehen – oder doch? Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der scheinbar abstrusen Unterscheidung zwischen Moral und Ethik im Sinne von tribalistischen (persönlichen, nahen) und menschheitsbezogenen (fremden, globalen) zwischenmenschlichen Kontakten. Der Autor führt dazu, mit Blick auf die faulen Kompromisse, zwei unterschiedliche theoretische Betrachtungen ein: Die Theorie des Richtigen und die Theorie des Guten: Ersteres „sagt uns, dass faule Kompromisse unter keinen Umständen gerechtfertigt sind, gleich welche Folgen sie für die den Kompromiss schließenden Parteien besitzen“, während die zweite Theorie bedeutet, „dass faule Kompromisse zwar niemals zu rechtfertigen sind, dass es aber, je nach den Folgen dieser Kompromisse Raum für Vergebung oder zumindest für Verständnis gibt“. Denn es sind die „guten Gründe“, ob notwendige, staatsrechtliche oder souveräne, die Kompromisse erfordern und faule Kompromisse wohlfeil machen. Von den tragischen Einstellungen, wie sie sich im israelisch-palästinensisch-arabischen Konflikt als ideologisch-fundamentalistisch darstellen, bis hin zu den sektiererischen Kompromissen, die von der Sozialdemokratie in verschiedenen Ländern eingegangen wurden – es sind Wägungen, die an die Wurzeln politischer Moral reichen.

Es ist die Infragestellung und der Angriff auf das gemeinsame Menschsein, wie wir es in der von den Vereinten Nationen 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Menschenwürde postulieren, die das „radikal Böse“ kompromissunfähig macht.

Diskussion

Als ob die Lettern, die Margalit über Kompromisse und faule Kompromisse schreibt, leuchten wollten in den heutigen Tag und unsere Wirklichkeit hinein, erscheint der Bericht über das kürzliche Konzert Daniel Barenboims im Gaza-Streifen, bei denen der Maestro sich an das begeisterte Publikum wendet – „Wie ihr wisst, bin ich ein Palästenser“ (Beifall brandet auf). „Ich bin aber auch ein Israeli“ (und tatsächlich wird wieder geklatscht). „Ihr seht also, es ist möglich, beides zu sein“ (Peter Münch: Mozart als Blockadebrecher, in: SZ, Nr. 102 vom 4.5.2011, S. 1), als ein aktuelles Exempel für die Anwendung eines politischen Kompromisses zum Wohle von Völkern. Auch wenn Avishai Margalit in seiner Auseinandersetzung über Kompromisse und faule Kompromisse nichts von den Kontroversen und (An-)Fragen wissen konnte, die sich durch die Erschießung von Osama bin Laden durch ein US-Antiterror-Kommando aktuell ergeben – „die Tötung des Terroristen schafft nicht den Terror aus der Welt“ (Matthias Drobinski: „Das Teuflische im Guten“, SZ vom 4.5.2011, S.1), wie auch in der sich mittlerweile heftigen, kontroversen Internet-Kommunikation, etwa des US-amerikanischen Völkerrechtsanwalts Ed Jeremey – „Entweder wir fühlen uns den Prinzipien des Rechtsstaats verpflichtet, egal, welche Straftat ein Individuum verübt hat, oder wir nehmen, wie es Bin Laden und seine terroristischen Komplizen getan haben, die pragmatische Sichtweise ein, dass das Ziel die Mittel heiligt und jeder das Recht in seine eigene Hände nehmen kann“ – mit seinem englischen Kollegen Marko Milanovic, der in der Tötung Bin Ladens einen legitimen Akt sieht - so ermöglichen seine Ausführungen den ethisch, moralisch und politisch Interessierten doch, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und beim Betrachten des Mailänder Doms erkennen wir an der Fassadeninnenseite den Kopf des Papstes Pius X., der dem Diktatur und Faschisten Mussolini mit den Lateranverträgen von 1929 internationale Anerkennung und einen Prestigegewinn verschaffte. Weil wir gerade in Mailand sind: Der Sitz von Finivest, dem Medienzentrum von Silivio Berlusconi, stellt für die italienische Politik und die gesellschaftlichen Irritationen mehr als nur ökonomische Macht dar; mit der populistischen, auf den Egoismus der Wähler setzenden, spekulativen, zynischen (gekauften) und damit absolut undemokratischen Machtausübung hebelt Berlusconi die Grundpfeiler der Demokratie – gleichberechtigte Gewaltenteilung zwischen der Legislative, der Exekutive und der Judikative und damit eine Balance zwischen legitimierter Herrschaft und Opposition – aus und schafft somit nach und nach das demokratische Bewusstsein der Bevölkerung ab. Zeigt diese Entwicklung, die egoistisches, ökonomisches und scheinbar freiheitliches (pazifistisches) Denken und Handeln fördert und Gemeinschaftlichkeit und Almendebewusstsein verhindert (vgl. dazu: …), nicht in geradezu idealtypischer Weise auf, was „faule Kompromisse“ gezielt und schleichend bewirken können?

Fazit

In bewusster Absicht hat der Rezensent des Buches „Über Kompromisse und faule Kompromisse“ von Avishai Margalit, zusätzlich zu den vom Autor klug ausgewählten historischen und aktuellen Exempeln einige Beispiele angeführt, die (auch) gewissermaßen „auf der Straße liegen“. Sie sollen deutlich machen, dass das von Avishai Margalit zur Verfügung gestellte Werkzeug zur Unterscheidung von (legitimen und guten) Kompromissen und faulen (illegitimen und unzulässigen) Kompromissen hilfreich ist, das eigene politische Bewusstsein zu stärken und so, als zôon politikon, dazu beizutragen, ein demokratisches Gemeinwesen zu schaffen. Die klugen Reflexionen von Avishai Margalit sollten für die schulische und außerschulische politische Bildung zur Verfügung stehen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.07.2011 zu: Avishai Margalit: Über Kompromisse - und faule Kompromisse. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2011. ISBN 978-3-518-58564-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11536.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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