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Philipp Blom: Böse Philosophen

Cover Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Hanser Verlag (München) 2011. 400 Seiten. ISBN 978-3-446-23648-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Demonstriert einen überlegenen und unabhängigen Geist

Wahrhaftig sein und sich authentisch äußern, das sind von jeher Forderungen an den philosophischen Geist, ohne Rücksicht auf Mächte und Maßnahmen, auf Monopole und Mirakel. Wie oft freilich wurde im Laufe des menschlichen Denkens und Handelns dagegen verstoßen, aus Egoismen, aus Angst oder einfach aus Pragmatismus. Die Ja-Sager in der Geschichte der Philosophie überwiegen entschieden den kritischen, kompromisslosen Denkern und Nein-Sagern, und die Zauderer und Ängstlichen befürchten den Untergang des abendländischen Denkens, wenn radikale, atheistische Denker an den selbsterrichteten Podesten eines „So ist es“ rütteln. Se wurden in die Kerker geworfen, verbrannt oder verbannt- und geflissentlich vergessen. Denn der bekannte Christian Morgensternsche Spruch „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“ entspringt einer uralten Regelung der Meinungs- und Machtgerüste menschlichen Lebens.

Entstehungshintergrund und Autor

Da lohnt es schon, Ausschau zu halten nach Menschen, die in den Zeiten der Repressionen und Anpassung den kirchlichen, staatlichen oder gesellschaftlichen Lehrmeinungen widersprachen; Philosophen etwa, die in der Zeit vor der Französischen Revolution und der Aufklärung es wagten, ihren kritischen Geist auszudrücken und sicht- und hörbar zu machen. Denn „während des ancien régime… war es Selbstmord, offen solche Meinungen zu vertreten“. In Paris war es der Salon des Barons d`Holbach in der damaligen Rue Royale Saint-Roch , in dem sich regelmäßig Menschen trafen - Denis Diderot, Helvétius, David Hume, Laurence Sterne, Jean-Jacques Rousseau und andere - die darauf vertrauen konnten, dass ihr kritisches Denken diskutiert und nicht denunziert wurde: „Die radikalen Aufklärer wollten die Denkart ihrer Zeit verändern“, mit ihren Vorstellungen, dass allein das, was den Menschen gut tut und ihnen nicht schadet, als moralisches Prinzip für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben ausreiche. Es waren vor allem Holbach und Diderot, die die bei den Zusammenkünften diskutierten Flugblätter und Pamphlete, die teilweise auf abenteuerlichen Wegen aus dem Land gebrachten gedruckten Produkte wieder hineingeschmuggelt wurden, zu nutz- und verbreitbaren Produkten verarbeiteten; etwa in Diderots Encyclopédie, „ein riesiges, achtundzwanzig Bände umfassendes Trojanisches Pferd aus Druckerschwärze und Papier“.

Weshalb, so fragt der 1970 in Hamburg geborene Historiker und Schriftsteller Philipp Blom in seinem 2010 erstmals in englischer Sprache erschienenem Essay „A Wicket Company. The Forgotten Radicalism of the European Enlightenment“ und 2011 vom Hanser Verlag in Deutsch vorgelegtem Buch „Böse Philosophen“, wurden in der europäischen Geistesgeschichte Diderots und Holbachs Werke weitgehend vergessen, während die von Voltaire und Rousseau prägend und bestimmend für die abendländische Philosophie wurden? Dabei plädiert er gegen „Rousseaus Ekel und Schuld und der daraus erwachsenen Hoffnung auf ein besseres Jenseits“ – Denkens und Philosophierens und erinnert dagegen an die von den radikalen Aufklärern propagierten Versuche, „die eigenen Leidenschaften zu verfeinern und zu lenken, anstatt sie zu verleugnen, das eigene Glück in dieser Welt zu finden, der eigenen Umwelt so wenig wie möglich zu schaden, und so viel Gutes wie möglich zu schaffen“. Damit, so formuliert es der Autor in seinem Prolog, könnte es gelingen, eine humane, globale Gesellschaft zu schaffen.

Aufbau und Inhalt

In Erzählform bringt Philipp Blom das Leben und Wirken der radikalen Aufklärer ins Bewusstsein. Denis Diderot wurde am 6. Oktober 1713 in Langres, in der Champagne-Ardenne als Sohn einer wohlbestallten französischen Familie geboren; er starb am 31. Juli 1784 in Paris. Baron Paul Thiry d`Holbach wurde am 8.12. 1723 in Edesheim bei Landau in der Pfalz geboren. Er studierte im niederländischen Leiden Jura und Naturwissenschaften, übernahm Namen und Adelstitel seines französischen Onkels und lebte als Privatgelehrter in Paris. Er starb am 21. Januar 1789 ebenfalls in Paris. In seinem Salon, der nicht nur Diskutierclub, sondern auch Genusstempel für erlesene Speisen und Getränke war, versammelten sich über mehr als zwei Jahrzehnte viele Literaten, Schriftsteller, Philosophen und Bohemiens, überwiegend Männer und wenige Frauen, die von dem seinerzeit tatsächlich bestehenden Wagnis zu denken und zu wissen motiviert waren. Es sind Namen, die das europäische Geistesleben in vielfacher Hinsicht beeinflussten und prägten, im Laufe der Geschichte in unterschiedlicher Weise bekannt, berühmt, aber auch vergessen wurden, wie etwa der Zoologe Buffon, Friedrich Melchior Grimm, Abbé Guillaume Raynal, bis zu Voltaire, der eigentlich François Marie Arouet hieß, die mit Diderot und Holbach die Etappen ihres Denkens, ihrer Utopien und Strapazen gingen, stritten, sich befreundeten und verfeindeten, wie schließlich Jean-Jacques Rousseau, der philosophisch reüssierte, aber persönlich scheiterte. In den Kapiteln „Väter und Söhne“, „Der Lauf der Dinge“ und „Die Insel der Liebe“ werden die Erfolge und Tragödien, die Freundschaften und Zerwürfnisse zwischen den radikalen Philosophen vielfältig, interessant und erhellend dargelegt. Die in ihrer Zeit ungeheuerliche und bis heute irritierende und außerhalb der Norm liegende Auffassung – „Der erste Schritt zur Philosophie ist die Ungläubigkeit“ – oder sollte man vielleicht eher sagen, die Fähigkeit, die Bereitschaft und der Mut zur eigenen Selbstvergewisserung, sind nach wie vor An- und Herausforderungen an menschliches Denken, die „nicht auf der Straße liegen“.

Fazit

Die Erinnerung an die radikale Aufklärung, verdrängt, vermantscht und vielfach verdammt, so stellt Blom in seinem Epilog – sich beziehend auf Diderots Artikel zu „Unsterblichkeit“ in der Encyclopédie – fest, sei zwar niemals ganz gestorben, „war aber lange Zeit wenig mehr als ein Trugbild großer Seelen“. Der Versuch, die Wirkungen der gemäßigten Aufklärer – Voltaire, Rousseau, Kant… – mit denen der skeptischen und radikalen Denker aus der Rue Royale zu konfrontieren, verdeutlicht den Trend der Zeit: „Die gemäßigte Aufklärung wollte den Rationalismus, die wissenschaftliche Vernunft und den religiösen Glauben miteinander in Übereinstimmung bringen“; während die gesellschaftlichen Visionen der radikalen Aufklärer in eine andere Richtung wiesen: „Weil ihr eigenes Leben von der bedrohlichen und oft grausamen Macht der Kirche dominiert war… sind viele ihrer Schriften polemisch und aggressiv“. Sie wurden freilich immer wieder auch aufgenommen, etwa von Goethe, der Diderot übersetzte aber Holbach nicht anerkannte, von Heinrich Heine, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud… Die Ideen der radikalen Aufklärer seien nicht nur radikal, sondern auch heute so lebendig wie zu ihrer Zeit, so formuliert es Philipp Blom: „Noch immer haben sie Kraft, noch immer sind sie schön, und noch immer fordern sie uns heraus, uns zu hinterfragen und uns dem Risiko auszusetzen, dass dabei auch tradierte Grundannahmen unseres Lebens beschädigt oder zerstört werden, bevor wir lernen, neu über uns und andere nachzudenken“. Wenn unser philosophisches, alltägliches wie politisches und gesellschaftliches Denken und Handeln nicht von ideologischem, manipulativem und kalkuliertem Vorgekautem, sondern vom Prinzip der Selbstvergewisserung Geleitetem bestimmt werden soll, hilft uns die Erzählung Bloms über die radikalen Philosophen des 19. Jahrhunderts dabei! Die im Glossar skizzierten Biographien der Gäste und Diskutanten im Holbachschen Salon, wie die Literaturverweise sind sicherlich für die weitere, wissenschaftliche Auseinandersetzung hilfreich. Der etwas reißerisch daherkommende Titel des Verlags mag eher der Verkaufsstrategie denn der Bewertung der Wirkungen der genannten kritischen Aufklärer des 19. Jahrhunderts geschuldet sein.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.07.2011 zu: Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Hanser Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-446-23648-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11541.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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