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Karin von Bülow: Anschlussfähigkeit von Kindergarten und Grundschule

Cover Karin von Bülow: Anschlussfähigkeit von Kindergarten und Grundschule. Rekonstruktion von subjektiven Bildungstheorien von Erzieherinnen und Lehrerinnen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 260 Seiten. ISBN 978-3-7815-1806-3. 29,90 EUR.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Entstehungshintergrund

„Anschluss“ – den kann man „bekommen“ oder „verpassen“. Das Wort hat Karin von Bülow für den Titel ihrer Dissertation gewählt. Diese liegt nun als Buchpublikation vor.

Thema

Um was geht es? Die alten Begriffe, z.B. „Übergang vom Kindergarten in die Grundschule“, will man ersetzen. Oft ist die Rede von „Transition“ (nichts als anderes als „Übergang“ auf Latein; von „transire“ = hinübergehen); oder „Vernetzung“ von Kindergarten und Grundschule; oder „Kooperation“; oder, noch einfacher, „Zusammenarbeit“; schlicht, so meine Rede, Kinder sollen gut in die Schule kommen und in der Schule gut mitkommen. Dafür haben die Bildungsorganisation Kindergarten einerseits und Grundschule andererseits zu sorgen. Tun sie das? Jedes Jahr funktioniert der Übergang – der Anschluss – in etwa 100.000 Fällen in Deutschland nicht: Der „Anschluss“ geht daneben. Die betreffenden Pädagogen (Erzieherinnen und Grundschullehrkräfte) sagen: Ja, die Eltern – und die Begabung. 100.000 Dramen in Familien und Einzelfällen jährlich – besonders bei Jungen und Migrationskindern. Sind diese etwa von Natur aus weniger in der Lage, den Eintritt in die Schule zu schaffen? Müssen so viele Kinder jedes Jahr zu „Stolperkindern“ werden? Auch die Bildungsökonomen raten, das abzustellen. Dazu braucht man aber die „Schuldigen“. Karin von Bülow ist auf Suche gegangen und hat „im Kopf“ begonnen: Was denken und empfinden Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen über Bildung und Erziehung der ihnen anvertrauten Kinder? Was wollen und sollen Erzieherinnen den Kindern im Kindergarten „beibringen“? Was erwarten die Pädagoginnen der Grundschule an Bildung im Kindergarten? Wie „fertig“ sollen die Kinder in die Schule gebracht werden? Die Doktorandin ging „im Rahmen einer qualitativen Studie der Frage nach, wie die beteiligten Professionen – Erzieherinnen und Lehrerinnen – den Bildungsauftrag ihrer Institution definieren. Des Weiteren wird anhand der rekonstruierten subjektiven Theorien untersucht, inwiefern sich ein professionsspezifischer Bildungsauftrag und eine Anschlussfähigkeit zeigt.“ (K. v. Bülow, Rückentext)

Aufbau und Inhalt

Um etwas von den Ergebnissen der Studie vorweg zu nehmen, weise ich auf ein Ergebnis meiner eigenen Forschung von vor einigen Jahren hin: Nach Auffassung der meisten GrundschullehrerInnen sollen Kinder bei der Einschulung vor allem „still sitzen können“. Sie erwarten das schulbereite Kind. Dieses darf nicht zu viel wissen und können, aber: Die von Karin von Bülow in ihrer Studie untersuchten Lehrerinnen äußern sich „fast durchgängig identisch: Die zukünftigen Schulanfänger und Schulanfängerinnen sollen im Kindergarten lernen, Stift, Bleistift und Schere korrekt zu benutzen.“ (S. 198) Eine Lehrerin, Frau Rast genannt, sagt es so: „Also, das sag ich auch immer ganz deutlich im Kindergarten, wenn wir dort sind: Dass die, dass die ihnen beibringen, mit Schere, Kleber und Stift umzugehen. … Und ich denke halt, viele Kindergärten, die machen halt so wahnsinnig viele Projekte. Und so dieses und jenes, das finde ich, ist schon auch ok, aber das, die bräuchten halt einfach so die Grundfertigkeiten, wenn sie es trainieren würden, das fände ich besser, fände ich schon sehr sinnvoll.“ (S. 198)

Ein besonderes Kapitel zwischen Kindergarten und Grundschule betrifft seit Jahr und Tag die „Vorwegnahme des Stoffes der Grundschule“ durch den Kindergarten: Grundschullehrkräfte befürchten, dass der Kindergarten sie ersetzt: Ihr Argument nach außen lautet, die Kinder würden sich sonst langweilen. Mein Hinweis: Würden sie sich der gut anzuwendenden Methoden des Individualisierens und Differenzierens etc. bedienen, könnten sie so nicht denken und reden, sondern würden sich über alles freuen, was die Kinder an Wissen und Kompetenzen aus dem Kindergarten schon mitbringen. (Die Grundschule darf nicht verwechselt werden mit einem Französischkurs für Anfänger, in dem ein weit Fortgeschrittener erscheint, und wo sich die Französischlehrerin fragt: Warum kommt der noch?) Kindergarten und Grundschule müssen eine kontinuierliche Bildungslaufbahn sein und sich auch so verstehen. Von Bülow stellte das Gegenteil fest: Kulturtechniken (Lesen, Rechnen, Schreiben), das ist unsere Sache, so die Grundschule, da lasst mal die Finger davon: „Nahezu alle Lehrerinnen erwarten, dass im Kindergarten eine Begegnung und Auseinandersetzung mit Buchstaben und Zahlen stattfindet.“ Es wenden sich „alle Lehrerinnen explizit gegen eine systematische Vermittlung von Buchstaben und Zahlen … Im Hinblick auf die Buchstaben wird … ausschließlich erwartet, dass die zukünftigen Schulanfänger und Schulanfängerinnen ihre Namen schreiben können.“ (S. 200) Frau Seidel wird zitiert: „Es reicht, wenn die Kinder ihren Namen, also das, das wär noch das Schöne, wenn die Kinder ihren Namen schreiben könnten …“ (a. a. O.)

Und Erzieherinnen? Was denken sie über Bildung und Einschulung, „Schulfertigkeit“ und deren Generierung? Sie sind hin- und hergerissen: „Welchen Stellenwert hat die Vorbereitung auf die Schule in Ihrer Kindergartenarbeit?“ – Frau Deuter, Erzieherin, antwortet: „Schon einen recht hohen. Also, auf einer Skala von 1 bis 10, würde ich mal 8 bis 9 tippen.“ Auf dieselbe Frage Frau Stein: „Unser Hauptbildungsziel, das wir verfolgen, ist, dass wir die Kinder einfach so weit bringen, dass sie schulfähig sind. Das ist unser Hauptbildungsziel.“ (S. 131) Frau Stein weiter: „Also, die Vorbereitung auf die Schule hat einen hohen Stellenwert, weil die … ein ganz, ganz strenges Aufnahmeritual erfunden hat, in dem die Kinder 20 Minuten, nee, länger sogar, fast eine ganze Stunde ohne Eltern, ohne uns hier, eine Aufnahmeprüfung machen. Und das ist ein riesiger Stress für die Kinder. Ein riesiger Stress. Und wir die Kinder wirklich vorbereiten auf diesen Stress.“ (a. a. O.) Die Haltung der Grundschule im Hinblick auf das „perfekte und aufnahmebereite Kind“ wird noch einmal unterstrichen durch Frau Tegt, wenn sie äußert: „Die Grundschule will Kinder, die selbständig sind, die sprachlich weit entwickelt sind, die sich gut ausdrücken können, dass die Migrantenkinder gut perfekt Deutsch sprechen. Dass die Kinder ruhig sitzen bleiben können. Was erwartet die Grundschule noch von uns? Ja, dass wir ihnen die Kinder fertig abgeben.“ Es gibt aber auch Stimmen wie die von Frau Grillparzer: „Wir müssen nicht die Schule befriedigen. Wie die sich wünscht, wie Erstklässler zu sein haben … Wir sind keine Anpasser an die Schule.“ – Wie Frau Grillparzer sich die Lösung des Stolperkinderproblems (noch einmal: jährlich 100.000 in Deutschland) vorstellt, äußert sie nicht.

Die Auffassungen über Bildung, Schulfähigkeit etc. und deren Generierung im Kindergarten gehen weit auseinander. Die Wissenschaftlerin von Bülow geht damit recht zurückhaltend um, wenn sie sagt: „Eine brüchige Anschlussfähigkeit der Bildungsprozesse zeigte sich auch, wenn die Schulanfängerinnen bereits im Kindergarten das Lesen, Schreiben oder Rechnen erlernt haben. Es fällt den befragten Lehrerinnen schwer, eine adressatenspezifische Förderung der Kinder zu gestalten, die grundlegende schriftsprachliche Inhalte des Anfangsunterrichts bereits erworben haben. Anschlussfähige Bildungsprozesse werden dadurch erschwert, dass bereits stattgefundene Bildungsprozesse mit Eintritt in die Schule erst einmal gestoppt bzw. gebremst werden. … In der vorliegenden Studie konnte festgestellt werden, dass sowohl Erzieherinnen wie auch Lehrerinnen Schwierigkeiten hatten, Bildung differenziert zu definieren.“

Diskussion

Wie soll die Studie aus der Feder von Karin von Bülow mit dem Titel „Anschlussfähigkeit von Kindergarten und Grundschule. Rekonstruktion von subjektiven Bildungstheorien von Erzieherinnen und Lehrerinnen“ bewertet werden? Ist sie ein Zugewinn, wie man es von jeder „Doktorarbeit“ erwarten muss?

Zunächst sei angemerkt, dass Frau von Bülow in ihrer Dissertation ein wichtiges und bedeutsames Thema als Fragestellung aufgegriffen hat. Sie hat fleißig geforscht und geschrieben und kommt zu einem bemerkenswerten Fazit, wenn sie schreibt: „Es zeigt sich, dass die Professionen relativ wenig differenziertes Wissen über die Arbeit der jeweils anderen Profession haben und ihre Äußerungen darüber sehr vage und knapp gehalten sind.“ (S. 238) „Es muss … festgestellt werden, dass in den subjektiven Theorien der Lehrerinnen die Vorstellung von der ‚Stunde null‘ mit Eintritt in die Schule dominiert … Die Frage nach der Anschlussfähigkeit scheint für die Professionen nur ein bedingt relevantes Problem für ihr Berufsfeld zu sein.“ (S. 239) Wer über dieses Wissen nicht verfügte, für den ist es eine neu generierte Erkenntnis. Ansonsten ist es, wie so oft in der empirischen Erziehungswissenschaft, eine Bestätigung dessen, „was alle wissen“. Aber auch das kann sinnvoll sein.

Fazit

Karin von Bülow zieht in ihrer Arbeit wichtige Literatur heran. Es sei ihr nicht angekreidet, dass sie die Forschungsliteratur des Rezensenten, der als Erster eine empirische Studie über die „Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule“ (München 1983) durchführte, außerhalb ihres Blickfeldes gelassen hat. Das Gleiche gilt für das Praxisbüchlein N. Huppertz, „Zusammenarbeit von Kindergarten und Grundschule“ aus dem Herder-Verlag in Freiburg von 1980. Das Fazit, das Frau von Bülow zieht, hätte man sich vor dem Hintergrund der Relevanz der Fragestellung (jährlich 100.000 Schicksale des Scheiterns beim Eintritt in die Schule in Deutschland) deutlicher und markanter gewünscht, vor allem mit Blick auf die notwendigen Veränderungen in der Kindergarten- und Grundschulwirklichkeit sowie der politischen Voraussetzungen. Dennoch empfehle ich dringend und uneingeschränkt die Lektüre des Buches allen, die in irgendeiner Form mit der sogenannten „Anschlussfähigkeit“ befasst sind, ErzieherInnen, GrundschullehrerInnen, Aus-, Fort- und Weiterbildung – besonders aber jenen, die an den wichtigen Schaltstellen der Bildungsverwaltung der Bundesländer sitzen.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Huppertz
Homepage www.wibeor-baden.de/huppertz/
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 20.06.2012 zu: Karin von Bülow: Anschlussfähigkeit von Kindergarten und Grundschule. Rekonstruktion von subjektiven Bildungstheorien von Erzieherinnen und Lehrerinnen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1806-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11549.php, Datum des Zugriffs 16.01.2021.


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